Musik der 20er Jahre

Eine Spielhilfe für Call of Cthulhu von Sven Brossette





Vorwort

Hier ist sie nun also: Die Cthulhu -Spielhilfe über die Musikindustrie der 20er Jahre. Natürlich erhebt sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit, kann sie auch gar nicht. Ein ganzes Jahrzehnt ist eine lange Zeitspanne, zu viele Künstler haben das musikalische Gesicht der goldenen Zwanziger mit einer schier unüberschaubaren Vielfalt an Musikstücken und Musikrichtungen geprägt. Aber ich denke ich habe zumindest mal das Wichtigste zusammengefasst. Diese Übersicht soll Euch helfen Fragen Eurer Spieler wie den Musikgeschmack ihrer Charaktere zu klären oder ein Konzert oder Musical in eure Abenteuer einzubauen. Und vielleicht überlegt sich der ein oder andere Spieler sogar, zur Abwechslung mal einen Musiker oder Produzenten zu spielen statt der abgedroschenen Forscher und Abenteurer wie sonst immer. Und wer weiß... Vielleicht bekommt er irgendwann sogar einen Plattenvertrag und kommt ganz groß raus... In diesem Sinne: Viel Spaß mit der vorliegenden Spielhilfe und bei Anregungen und Kritik scheut Euch nicht mir zu schreiben (Anm. der Redaktion: e-mail über das Cthuloide Cabinett werden weitergeleitet).

Einführung

Die Zwanziger Jahre, von Vielen auch das Zeitalter des Jazz genannt, war eine Zeit voller Umbrüche und neuer Moden. Die Kleider der Mädchen wurden kürzer und kecker, die persönliche Freiheit wuchs.
Symbol dieser neuen Ära war der "Flapper", die Bezeichnung für die heranwachsende weibliche Jugend. Die Mädchen begannen knappe Röcke zu tragen, benutzten Lippenstift und gingen Abends mit ihren Freundinnen in Tanzcafes. Ja, Manche rauchten sogar! Für die ältere, konservative Generation ein absoluter Skandal.
Doch das war für die Meisten noch nicht das Schlimmste. Langsam wurde der bis Dato extrem populäre Tango in der Beliebtheit der Jugend von neueren, wilderen Tänzen verdrängt: Dem Shimmy, dem Black Bottom, vor allem aber vom Charleston. Einem Tanz, so dachten zumindest die Älteren, bei dem man völlig Wahnsinnig, unter Drogen stehend oder sogar vom Teufel besessen sein musste. Wahrscheinlich aber alles zusammen. Am Anfang versuchten die Kirchen sowie andere einflussreiche Kreise den Tanz noch zu verbieten. Doch der Siegeszug des Charleston war nicht mehr aufzuhalten.
Die 20er Jahre brachten auch eine bis dahin noch nie gesehene Annäherung und Toleranz zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Zwar gab es noch immer einen erschreckend hohen Rassismus in der Bevölkerung und Gruppierungen wie der Klu Klux Klan erhielten großen Zulauf, aber zumindest die Jugend in den größeren Städten machte bald kaum noch Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß. Dies war vor allem den beiden Musikrichtungen Jazz und Blues zu verdanken, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuten. Plötzlich war "schwarze" Musik
Salonfähig geworden. Die schwarze und weiße Jugend traf sich
allabendlich in den verschiedenen Jazzclubs um zu tanzen. Jazz, vor allem in seinen Hochburgen Chicago und New Orleans, machte farbige Künstler über Nacht zu absoluten Superstars, die auch von der weißen Bevölkerung verehrt wurden. Bessie Smith und Louis Armstrong sind wohl die bekanntesten Beispiele hierfür.
Doch Jazz und Blues bestimmten nicht Alleine das musikalische Gesicht dieser Zeit. Der Broadway brachte mehrere Erfolgsmusicals hervor und damit genauso erfolgreiche Titelsongs. So war das Lied "Old Man River" aus dem Kassenschlager "Show Boat" die meistverkaufteste Schallplatte des Jahres 1927.
Auch die klassischen Kompositionen eines George Gershwin und verschiedenste Big Band Stücke bedienten eine riesige Fangemeinde. Oft waren die ersten erfolgreichen Platten aber nur der Anfang einer Karriere. Viele Musiker bekamen nach der ersten erfolgreichen Schallplatte zahlreiche Angebote für die verschiedensten Filme, so dass die meisten Musikstars der späten 20er auch in mehreren Filmen zu bewundern waren.



Stars der 20er Jahre



Louis "Satchmo" Armstrong (1901-1971)

Louis Armstrong 1922 erreichte den damals noch völlig unbekannten Louis Armstrong ein Telegramm von seinem Freund und Mentor Joe Oliver mit der Frage ob er nicht seiner Creole Jazz Band beitreten wolle, die damals im Lincoln Garden in Chicago spielte. Damit wurde ein Traum für ihn wahr. Schon bald machte er sich einen Namen als genialer Jazzmusiker. 1924 verließ er auf Anraten seiner Frau die King Oliver´s Creole Jazz Band, spielte die folgenden Monate in verschiedenen Orchestern und nahm einige Stücke mit namhaften Stars wie Bessie Smith und Clarence Williams auf. 1925 brachte er die erste Platte unter seinem eigenen Namen heraus. Nun war auch er ein Star.


Bessie Smith (1895-1937)

Bessie Smith Bessie Smith war einer der größten Blues-Stars der 20er Jahre. 1923 gab sie zusammen mit dem Pianisten Clarence Williams ihr Schallplattendebüt und nahm für Columbia Records die beiden Titel Down-Hearted Blues und Gulf Coast Blues auf. Die Platte verkaufte sich im ersten Jahr über 750,000 Mal und machte der bis dahin erfolgreichsten Platte Crazy Blues von Mamie Smith Konkurrenz. Ihr Duett mit Louis Armstrong in St. Louis Blues gilt unter Kritikern als eines der besten Jazz-Songs dieser Ära.


Mamie Smith (1883-1946)

Mamie Smith Mamie Smith war die Erste die bereits 1920 Blues-Platten aufnahm. Ihr Debüt Crazy Blues verkaufte sich über 1 Millionen mal in weniger als einem Jahr. Es war eine sehr wichtige Platte da sie den anderen schwarzen Blues-Künstlern die Türen zu den Plattenfirmen öffnete.
1921 und 1922 unternahm sie mehrere erfolgreiche Touren durch alle größeren Städte der USA und nahm noch bis 1923 verschiedene Platten für Okeh Records auf bis es still um sie wurde. Anfang der 30er Jahre feierte sie allerdings ein großartiges Comeback.


George Gershwin (1898-1937)

George Gershwin Genialer Musiker und Komponist klassischer Musik. Georg Gershwin, am 26. September 1898 als Sohn russischer Immigranten unter dem Namen Jacob Gershovitz geboren, hatte 1924 zwei Riesenhits mit Fascinatin´ Rhythm und Rhabsody in Blue . Zusätzlich schrieb er mehrere erfolgreiche Broadway-Musicals wie z.B. Lady be Good (1924), Oh, Kay! (1926) und Girl Crazy (1930). Von vielen wurde er als Amerikanischer Verdi verehrt.


Jerome Kern (1885-1945)

Jerome Kern Jerome Kern schrieb im Laufe seines Lebens über 700 Lieder für über 117 Filme und Shows. So schrieb er 1920 Look for the Silver Lining für das Musical Sally , einer der erfolgreichsten Songs dieses Jahres. 1927 gelang ihm mit dem fast schon legendären Broadway-Musical Show Boat der größte Erfolg. Show Boat brach mit über 500 ausverkauften Aufführungen im Jahr 1927 sämtliche Rekorde und führte dazu, dass der Broadway in diesem Jahr 268! Abende geöffnet hatten.

Plattenfirmen

Jede Großstadt in den USA verfügte im Normalfall zumindest über ein, teilweise auch über mehrere Aufnahmestudios. Diese waren meist unabhängig und so konnte Jeder der genug Geld oder einen Plattenvertrag besaß seine Songs in Ihnen aufnehmen. Die größten Plattenfirmen der 20er waren unbestreitbar Columbia Records aus England, die mehrere Musikstars in Amerika unter Vertrag hatte, sowie Okeh Records. Eine nennenswerte Ausnahme unter den weiteren, mehr oder weniger großen Firmen bildet Black Swan Records, die einzige Plattenfirma die sich im Besitz von farbigen Amerikanern befand. Zusätzlich vertrieben die meisten Filmfirmen wie z.B. Paramount den Soundtrack ihrer Musicals und Filme in Eigenregie. Teilweise boten sie zwar auch richtige Plattenverträge an, stellten im eigentlichen Sinne aber keine Plattenfirmen dar und sind aus diesem Grund nicht aufgeführt.

Autograph Records, Chicago
Plattenverträge: King Oliver´s Creole Jazz Band

Banner Records, Hamilton Square (New Jersey)
Plattenverträge: William "Buster" Bailey, Lucille Bogan, Lizzie Miles

Black Swan Records, New York
Plattenverträge: James Fletcher Henderson, Alberta Hunter, Trixie Smith

Brunswick Records, Belleville (New Jersey) und New York
Plattenverträge: Johnny Dodds, Jimmy "Schnozzola" Durante, Edna Hicks


Columbia Records, London
Plattenverträge: Bessie Smith, Louis Armstrong, James Price Johnson

Crescent Records, New Orleans
Plattenverträge: Kid Ory

Gennett Records, Richmond (Indiana)
Plattenverträge: W. E. "Buddy" Burton, Charles Davenport, Bob Fuller

Okeh Records, New York
Plattenverträge: Mamie Smith, Clarence Williams, Jesse Stone, Edward Ellington

Victor Records, Camden (New Jersey)
Plattenverträge: Ferdinand "Jelly Roll” Morton, Roy Bargy, Hoagland Carmichael

Hits der 20er

Auch in den 20ern war das covern von Musikstücken groß in Mode. Die wenigsten Musiker schrieben ihre Stücke selbst. Man nahm lieber einen schon mal erfolgreichen Song neu auf oder bediente sich bei traditionellen Weisen. Auch gab es recht viele bekannte und unbekannte Komponisten, die ihre fertigen Stücke einfach gegen Gebühr für eine Band oder einen Sänger freigaben. Dies ist der Grund warum viele der hier aufgeführten Lieder im Lauf der Jahre von ganz unterschiedlichen Künstlern eingespielt wurden. Die Links verweisen auf .mp3 files zum Anhören!

1920:
Crazy Blues Mamie Smith
I´ll Be With You in Apple Blossom Time Charles Harrison
Look for the Silver Lining Jerome Kern
When My Baby Smiles at Me Ted Lewis Jazz Band
The Charleston Ben Selvin

1921:
Ted Snyder
I'm Just Wild About Harry Vaughn De Leath
Song of India Paul Whiteman and Orchestra
Ain´t We Got Fun Van and Schenck

1922:
Chicago (That Toddlin´Town) Jazzbo´s Carolina Serenaders
Toot, Toot, Tootsie Goodbye Al Jolson
Way Down Yonder in New Orleans Blossom Seeley
I Wish I Could Shimmy Like Sister Kate Fats Waller
Carolina in the Morning Van and Schenck

1923:
Yes! We Have No Bananas! Louis Prima
Who´s Sorry Now? Ted Snyder
That Old Gang of Mine Ray Henderson
Down-Hearted Blues Bessie Smith
Gulf Coast Blues Bessie Smith
1924:
St. Louis Blues Louis Armstrong & Bessie Smith
Indian Love Call Paul Whiteman and Orchestra
Fascinatin´ Rhythm George Gershwin
It Had To Be You Harry Conick Jr.
Tea for Two Marion Harris
California Here I Come Benny Goodman

1925:
I´m Sittin´ On Top of the World Art Gillham
Alabamy Bound Goofus Five
If You Knew Susie Like I Knew Susie Eddie Cantor
Sweet Georgia Brown Ethel Waters
Yes Sir, That´s My Baby Goofus Five
Squeeze Me Fats Waller

1926:
Are You Lonesome Tonight Al Jolson
Bye, Bye Blackbird Duke Ellington
Tip Toe Through the Tulips Jean Goldkette
Someone to Watch Over Me Gertrude Lawrence

1927:
Old Man River Paul Robeson
The Digah´s Stomp Fats Waller
My Blue Heaven Gene Austin
Swonderful Henry James Allen Jr.
Me and My Shadow Johnny Marvin

1928:
I Can´t Give You Anything But Love Cliff Edwards
You´re the Cream in My Coffee Ben Selvin
Makin´ Whoopee Eddie Cantor
I Wanna Be Loved by You Helen Kane

1929:
Puttin´ On the Ritz Fred Astaire
Ain´t Misbehavin´ Fats Waller & Douglas Watt
Singin´ in the Rain Frank Sinatra
Star Dust Howard Carmichael

1930:
Boogie Woogie King Oliver´s Creole Jazz Band
I Got Rhythm Count Basie
Embraceable You Red Nichols
Sunny Side of the Street Ted Lewis


© Text: Sven Brossette - mit freundlicher Genehmigung des Autors
© Bilder: redhotjazz.com sowie Universität Buffallo

Hier klicken zur Startseite