Titel

© 2009 by A.W.G. Döring


Es hätte so ein schöner Tag werden können. Das Aprilwetter bot einen kleinen Vorgeschmack auf den kommenden Wonnemonat. Die Sonne tauchte das dorfähnliche Idyll inmitten der Großstadt in ein unwirkliches Licht. Noch am frühen Morgen hatte es heftig geregnet, sodaß sich die Sonnenstrahlen auf dem nassen Pflaster des kleinen Kreisverkehrs sowie auf den Dächern der alten Stadtteilkirche und der sie umgebenden Häuser spiegelten.

In ihrem Büro im Erdgeschoß des mächtigen gründerzeitlichen Ziegelbaus des ‚Preußisch-Westfälischen Instituts für Traumforschung’ gab die Leiterin jener Einrichtung, Prof. Dr. Weseler, ihrem neuesten, handschriftlich verfaßten Fachaufsatz den letzten Schliff. Ihr Kollege Erik Meier würde ihn für sie abtippen und seine eigenen Thesen einfügen. Beide waren trotz Altersunterschied ein eingespieltes Team.

Die ältere Frau seufzte tief, als sie an Meier dachte. Das Thema Altersunterschied bereitete ihr im Zusammenhang mit ihrem Kollegen seit einiger Zeit Sorgen. Sie hatte nichts gegen Eriks regelmäßige Jagdtouren in den angesagtesten Clubs und Diskotheken der Republik, denn sie wußte, er würde bei seinen amourösen Abenteuern keine Berufsgeheimnisse verraten. Sie hoffte zudem inständig, daß er eine Honigfalle der Kultisten rechtzeitig erkennen würde.

Doch vor beinahe einem Jahr hatte Meier in Köln zwei junge einheimische Damen angesprochen - und war erwartungsgemäß abgeblitzt. Einige Tage später hatte er jedoch Jacqueline und Chantal auf dem Marktplatz von Hlanith wiedergetroffen - in der Traumwelt! Spätere Untersuchungen hatten ergeben, daß es sich bei den zwei Freundinnen um wahre Naturtalente in Sachen Traumreisen handelte. Sie benötigten für ihre Transitionen weder magische Hilfsmittel noch bewußtseinserweiternde Substanzen. Weseler hatte die beiden flippigen Mädels sofort rekrutiert und unter ihre Fittiche genommen - letzteres zu Meiers großem Mißfallen. Die Professorin hatte ihrem Kollegen daraufhin unter vier Augen deutlich gemacht, daß sie keinen privaten Kontakt zwischen ihm und den Mädchen dulde.

 

Zur Zeit tollten die beiden aufgedrehten Frauen in heimatlichen Gewässern herum. Sie sollten die Kölner Szene beobachten und nach verdächtigen Aktivitäten Ausschau halten. Nicht, daß es einen konkreten Anlaß gäbe, doch die Anhänger der Großen Alten schienen an Macht zu gewinnen. Die Kultisten hatten in der letzten Zeit wichtige Erfolge feiern können: gefährliche Bücher waren gestohlen worden, die Berichte über Schwarze Messen und unnennbare Kulte häuften sich. Selbst in der Traumwelt hatten sie eine große Offensive vorbereitet. Unbekannte hatten in der Parallelwelt mit der Produktion sogenannter Orgon-Akkumulatoren begonnen, mit deren Energie primitive Panzerwagen und Schiffe angetrieben werden sollten. Die Invasion der Traumwelt war nur unter schmerzlichen Opfern gestoppt worden (siehe Operation Orgon).

 

Die Professorin wurde durch ein leises Klopfen an der Bürotür aus ihren düsteren Gedanken geholt. Friedhelm, die gute Seele des Instituts, glitt gleichsam geräuschlos auf den Schreibtisch zu. In seinen Händen hielt er mehrere DIN-A-4-Seiten. - „Ich erhielt soeben eine Email von den beiden jungen Fräuleins. Ich denke, es wird Sie interessieren, gnä´ Frau.“ - Weseler überflog die Blätter, dann drückte sie einen Knopf auf der Sprechanlage auf ihrem Tisch. „Alle Mitarbeiter bitte sofort in mein Büro!“


Alle verfügbaren Angestellten des Instituts hatten sich halbkreisförmig um den Schreibtisch ihrer Chefin versammelt. Wortlos reichte Weseler den vier neu Hinzugekommenen Kopien der Mail. Es war ihre Methode, die Untergebenen möglichst unbeeinflußt mit einem Sachverhalt zu konfrontieren, damit jeder spontan seine Gedanken äußern konnte.

Die Anwesenden lasen:

 

From: chanline@web.de

To:Friedhelm@prwestinftrafo.de

Subject: kuckt euch das mal an!!!

 

Hallo, Leute!

Wie gehts euch? Uns gehts hier super. Wir haben viel Spass. Aber wir haben auch was wichtiges entdeckt, glauben wir. Ein Freund hat uns von einem geheimen warmup für die nächste Mayday erzählt und uns eine Internetadresse gegeben. Da muss man dann ein Code Wort eingeben, dann kommt aber nur ein Plakat mit wenig Infos. Bei der Tel. Nr. ist aber nur ein Anrufbeantw. dran da soll man dann seinen Namen und Adresse und so sagen. Haben wir natürlich nicht gemacht. Wir haben auch von unserem Privat Handy angerufen und nicht von dem vom Institut. Bitte sagt uns, das wir was wichtiges entdeckt haben! Küsschen

 

Schantalle + Schackeline (LOL *g* *g* *g*!!!)

 

PS: Achso, die Adresse ist www.cthulhu-rave.de und das Code Wort ist R´lyeh


Alle Neuleser mußten grinsen. Doch bevor sich die Mitarbeiter über die gewöhnungsbedürftige Orthographie und Interpunktion auslassen konnten, reichte Friedhelm ein weiteres Papier herum. Es war der Ausdruck eines Screenshots der Site chtulhu-rave.de

Das Plakat stellte im unteren Viertel eine schattenhafte, wild tanzende Menge dar, über der sich ein riesiger, ebenfalls scherenschnittartiger Oberkörper erhob. Der Kopf schien auf den ersten Blick seltsam deformiert zu sein, doch mit etwas Phantasie konnte der Betrachter eine Art Turban oder antiken Helm mit Nackenschutz ausmachen. Der Hintergrund des Plakates war in grellen Farben gehalten. Noch greller jedoch stach der kurze, fettgedruckte Text hervor:

 

  TOP SECRET

Warm-Up for Mayday

starring

Nu-R-Hotep and friends

 

Infos: Call 0221 - ..........

 


Ihre Meinung?” fragte die Institutsleiterin knapp in die Runde. - „Könnte was dran sein“, murmelte Meier. - „Das würde zu dem immer dreisteren Auftreten dieser Kultisten passen“, mutmaßte Münch, der kleine runde Physiker. - „Ist es denn wahrscheinlich, daß Nyarlathotep persönlich auftritt?“ wunderte sich Jochen Pohlkötter, seines Zeichens Steinmetz und für den Nachschub an Sternsteinen zuständig. - „Nu-Err-Hotep“, las die Professorin vom Blatt ab. „Könnte tatsächlich nur ein dummer Zufall sein. Schließlich ist ‚Hotep’ ein normaler altägyptischer Namenszusatz.“ - „Sie müssen es englisch aussprechen“, korrigierte Meier. „Nyu-Arr-Hotep. Das klingt doch schon ganz anders, oder?“ - „A propos Englisch. Könnte mir das mal jemand übersetzen? Ich spreche zwar fließend die Sprache der Zooks, und mein Englisch ist wohl auch recht passabel, aber hier verstehe ich nur Bahnhof“, bekannte Weseler.


Jetzt war Meier - Psychologe, Kulturhistoriker und Berufsjugendlicher in Personalunion - in seinem Element. „Beim ‚Mayday’ handelt es sich um ein musikalisches Großereignis, welches immer am 30. April in Dortmund stattfindet. Gespielt wird moderne elektronische Musik, sogenannter Techno. Im Vorfeld finden im ganzen Land oft Konzerte oder andere Veranstaltungen statt. Hier scheinen wir eine besondere Veranstaltung für ein ausgewähltes Publikum gefunden zu haben. Da Techno-Parties für den Konsum von allen möglichen Drogen und Aufputschmitteln bekannt sind, könnte es Sinn machen, wenn die Großen Alten eine solche aufgeputschte Menge für ihre finsteren Machenschaften einspannen“, dozierte Meier, zufrieden, sein Fachwissen anbringen zu können.


„Gut. Nehmen wir uns also der Sache an“, entschied Weseler. „Ich werde die beiden Damen anweisen zurückzukehren, und sie sollen von ihrem Handy nochmal den Anrufbeantworter anrufen.“ Die Akademikerin nahm erneut den Email-Ausdruck zur Hand und schüttelte ihr graues Haupt. „Ich muß mit den beiden mal ein ernstes Wörtchen reden. Merken die denn nicht, daß ihre Spitznamen eine Herabsetzung ihrer Persönlichkeit sind?“ Die Professorin blickte ernst in die Runde. „Ich verbiete Ihnen, die beiden weiterhin so zu nennen. Überhaupt nimmt das mit den Spitznamen hier im Haus überhand. Erst wird unser verdienter Doktor Münch zum Wissenschaftler der ‚Muppets-Show’ degradiert, und jetzt werden unsere jüngsten Mitarbeiterinnen verunglimpft.“ Ein erneuter strafender Blick in die Runde. „Am Ende wird selbst mir ein dümmlicher Name angehängt.“ Die fünf restlichen Anwesenden blickten sich wissend an. „Was ist? Rücken Sie raus mit der Sprache“, verlangte die Institutsleiterin. Sie rückten. „Oma Wesi??!!“


In dem folgenden Prusten und Kichern war es Friedhelm, der um Schadensbegrenzung bemüht war. „Ich versichere Ihnen, Frau Professor, der Name ist ein Zeichen tiefster Zuneigung und Dankbarkeit. Sehen Sie, die beiden jungen Fräuleins stammen aus desolaten Verhältnissen; das Institut bildet sozusagen ihr neues Zuhause, und die Mitarbeiter sind ihre Familie, in der Sie, gnä’ Frau, eine besondere Stellung einnehmen.“ - „Als Oma“, grollte Weseler düster. „Ich bin doch erst 65!“ jammerte sie. - „Ein Alter, in dem andere an die Rente denken“, murmelte Münch leise, aber nicht leise genug. - „Ach so ist das! Sie wollen mich loswerden!“ keifte die Akademikerin. - „Nein!“ kreischte der ungeschickte Wissenschaftler panisch. - Meier kam ihm zur Hilfe. „Da die Reisen ins Traumland uns alle jung halten, können Sie sicherlich noch zwanzig Jahre arbeiten“, versicherte der Psychologe seiner Vorgesetzten und blickte zu Pohlkötter herüber. - „Bestimmt“, pflichtete er seinem Freund bei und stieß Veronika neben sich an, die sich bislang noch gar nicht geäußert hatte. „Sag’ doch auch mal was.“ - Die Ärztin räusperte sich und ließ ihre gefürchtete Reibeisenstimme erklingen. „Also, medizinisch gesehen …“ - „Ach, halten Sie die Klappe!“ fuhr Weseler die Medizinerin an und jagte schließlich alle aus ihrem Büro.


Nur fünf Stunden später saßen sie in der imposanten Bibliothek des Instituts beisammen. Chantal und Jacqueline berichteten ausführlich, was sie über jenes mysteriöse Warm-Up herausbekommen hatten. Die dunkelhaarige Chantal erzählte gerade stolz, wie sie von ihrem privaten Handy aus den Anrufbeantworter kontaktiert hatte.

Das Institut hatte sich nicht lumpen lassen und den beiden Party-Mäusen in Köln ein kleines, unauffälliges Appartement gemietet, das gut gegen etwaige Aktionen der Kultisten geschützt worden war. Ein Kontaktmann im Arbeitsamt sorgte dafür, daß den beiden jungen Frauen weiterhin bescheidene Sozialleistungen auf ihre Kölner Konten überwiesen wurden. Auch die SIM-Karten ihrer Handys waren auf die Kölner Adresse registriert. Sollten die Kultisten alle Anrufe, die bei der auf dem Plakat angegebenen Nummer eingingen, nachverfolgen, würden sie hoffentlich auf stimmige Informationen stoßen.

„Ävver dat Wichtigste is, dat Warm-Up is am nächsten Friedach“, informierte Chantal die Anwesenden. - Die beiden jungen Frauen waren von der Panikreaktion ihrer Kollegen völlig überrascht. „Mer han doch noch veer Dach Zigg“, suchte die blonde Jacqueline zu beruhigen. - „Vier Tage!“ rief Prof. Weseler entsetzt aus. „Mein liebes Kind, wenn wir tatsächlich einer Konfrontation mit Nyarlathotep entgegensehen, dann sind vier Tage überhaupt keine Zeit. Wer weiß denn, wieviele Jahre oder Jahrzehnte dieses Wesen an seinem Plan gefeilt hat?“ - „Das können wir nicht alleine stemmen“, gab Erik zu bedenken. „Wir sollten vielleicht Berlin kontaktieren.“ Meier zuckte zusammen, als sein linkes Ohr von einem enthusiastischen Kreischen malträtiert wurde.


Die beiden neuen Mitarbeiterinnen hatten im Rahmen ihrer Ausbildung vor einigen Monaten in der Berliner Abteilung einen Crash-Kurs in Observations-, Tarnungs- und sonstigen Spionagetechniken absolviert. Dort stand den Kultisten-Jägern nach einer gründlichen personellen Umstrukturierung und Entbürokratisierung wieder eine schlagkräftige Organisation zur Verfügung. Nach Abreise der Mädchen in der Hauptstadt stand kein Stein mehr auf dem anderen, und die beiden Mädels hatten widerstrebend zugeben müssen, daß auch außerhalb der Kölner Stadtgrenzen zivilisiertes Leben möglich ist.

Aber die Freude der beiden jungen Frauen währte nur kurz. Die Institutsleiterin sah Meier strafend an. „Wir sollten nichts überstürzen“, gab sie zu bedenken. Ihre Mitarbeiter sahen sich grinsend an. Die meisten Angestellten wußten um die Haßliebe, die Frau Weseler mit der Hauptstadt verband. Einerseits war Weseler stolz auf die Geschichte der Institution, der sie vorstand, andererseits gab sie sich zuweilen als streitbare Lokalpatriotin; einerseits predigte sie Kooperation im Kampf gegen die Kultisten, andererseits bereitete es ihr diebische Freude, die Eigenständigkeit des Instituts zu demonstrieren, indem sie Kollegen von mächtigeren Organisationen vor vollendete Tatsachen stellte. Denn trotz der Reorganisation der Berliner Chefetage nach Beendigung der Großoperation in der Traumwelt blieben die Beziehungen zwischen Westfalen und Berlinern weiterhin eher gespannt. „Wir brauchen vor allem Leute, die sich vor Ort auskennen und die über die richtigen Kontakte verfügen“, reichte Weseler ein stichhaltiges Argument nach.

„Ich werde dann mal in Bonn anrufen“, schmunzelte Münch. In Bonn hatte sich für lange Zeit die deutsche Zentrale zur Koordinierung des Kampfes gegen die Großen Alten befunden. Als die Bundesregierung 1999 nach Berlin umzog, war es in der rheinischen Organisation zu häßlichen Grabenkämpfen zwischen ‚Deserteuren’ und ‚Sitzenbleibern’ gekommen, die sich am Ende zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen innerhalb des Bonner Instituts ausgeweitet hatten. Jetzt hielt ein Häuflein wackerer Rheinländer dort die Stellung und beobachtete grimmig die okkulte Lage in der Umgebung. „Vielleicht wissen die Leute um Rainer Eichler schon Bescheid und haben uns nur noch nichts gesagt“, hoffte der Physiker.


Doch bevor Weseler eine Antwort geben konnte, ertönte ein gedämpftes Klingeln. Chantal erstarrte. Dann sprang sie aus dem Sessel, ihre Hand schoß in eine der Hosentaschen, und Sekunden später hielt sie ihr Handy in der Hand, welches penetrant durch das Scheppern eines altmodischen Telephons nach Aufmerksamkeit plärrte. Chantal fand den Klingelton „voll kraß“, obwohl sie in ihrem Alter nur eine blasse Vorstellung von dem Gerät haben mochte, welches einmal solche Geräusche produziert hatte.

Nachdem ein weiteres Klingeln verklungen war, hatte sich das Mädchen gefaßt und nahm das Gespräch an. Unweigerlich wurde Chantal von ihren Kollegen umstellt, die natürlich möglichst viel mitbekommen wollten. Doch alles, was sie hörten, war eine unverständliche, tiefe Stimme, die aus dem winzigen Lautsprecher an Chantals Ohr drang. Hatte die Angerufene schon während des Klingelns an Gesichtsfarbe verloren, so glich ihr Teint nun immer mehr dem Inhalt eines Eimers ‚Alpina Polarweiß’. In unregelmäßigen Abständen brachte Chantal mühsam ein Ja oder Nein hervor; schließlich stammelte sie: „Klar weiß ich, wo das ist.“ Plötzlich kam Bewegung in sie. „Halt!“ schrie sie in ihr Handy und beugte sich erschrocken nach vorne. „Meine Freundin hat auch Ihre Nummer bekommen. Die kann ich doch mitbringen, oder?“ Pause. Dann eine undeutliche Antwort. „Und unsere beiden Freunde auch? Die sind echt genauso drauf wie wir.“ Es folgte eine längere Pause. Schließlich flüsterte Chantal: „Ich sag’s ihnen sofort.“ Das Gespräch war beendet. Langsam senkte sie den Arm mit dem Handy. „Ich glaube, wir sind drin.“


Prinzessin Schantalle räkelte sich zufrieden auf ihrem Thron, während der Hofstaat um ihr Wohlergehen bemüht war: die alte Zofe saß in ihrem Sessel und bedachte die junge Frau mit stolzen Blicken, Marschall Erik und Truchseß Jochen überboten sich mit Lobpreisungen während Mundschenk Friedhelm und Hofnarr Rolf dafür sorgten, daß das Glas in Schantalles Händen niemals von innen trocken wurde und ihre getreue Gespielin Schackeline jedes Wort über die Verhandlungen mit dem finsteren Büttel des Schwarzen Pharao begierig aufsog. Einzig Medicus Veronika störte durch ihr ständiges Temperaturfühlen und das Vorbringen immer neuer idiotischer medizinischer Ratschläge.

Die beinahe traumhafte Episode endete, als Prof. Weseler die anstehenden Aufgaben verteilte. - „Wir kümmern uns um euer Outfit“, verkündeten die beiden Mädels den überraschten Kollegen. - „Für Jochen habe ich schon ’ne fette Idee“, verkündete Jacqueline stolz. - „Aber du“, beschied Chantal dem entsetzten Erik, „bist ein Härtefall.“ Sie griff ihre Freundin am Arm, als ihr ein schrecklicher Gedanke kam. „Hoffentlich machen die am Eingang keine Gesichtskontrolle, dann können wir Erik verkleiden wie wir wollen. So alte Leute lassen die bestimmt nicht rein“, vermutete Chantal in unschuldigem Tonfall. - Meier fühlte, wie sich sein Magen in einen Eiszapfen verwandelte. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet; seltsamerweise hatten seine Kollegen allesamt antike Theatermasken aufgesetzt und grinsten ihn höhnisch an. „Wo ist der Notausgang? Ich muß heulen“, dachte Meier verzweifelt. Stattdessen preßte er ein „Dankeschön“ hervor. - Die beiden Mädels schienen gar nicht zu begreifen, was sie in ihrem Kollegen anrichteten, sondern verursachten munter plappernd weiteren Flächenschaden am Betriebsklima. „Bunsi“, wandte sich Jacqueline an den kleinen runden Physiker, „du bist zwar echt niedlich, aber, ey, dickes Sorry, du bist gar nicht ravemäßig drauf.“ - Bevor die Situation vollends aus dem Ruder laufen konnte, klopfte Weseler energisch mit einem leeren Glas auf das Beistell-Tischchen neben ihrem Sessel. Sie verbat den beiden Neuzugängen mit scharfen Worten jede weitere Beurteilung verdienter Mitarbeiter. Die Institutsleiterin ließ sich das Szepter nun nicht mehr aus der Hand nehmen und dirigierte gekonnt die anstehende Operation.


Die beiden jungen Damen nahmen die vor ihnen zur Musterung angetretene Truppe ab. Wortlos blickten sich die zwei an. Chantal schüttelte kaum merklich den Kopf, Jacqueline verdrehte die Augen. Dabei hatten sie sich solche Mühe gegeben! Bewaffnet mit einer Platinkarte des Instituts hatten die beiden in den einschlägigen Geschäften der Kölner Innenstadt für Ausnahmezustand gesorgt, doch das Ergebnis ihrer Bemühungen ließ zu wünschen übrig. Die beiden Freundinnen drehten ihre Gesichter wieder den Studienobjekten zu und lächelten verkrampft. Meier gab ein beleidigtes Grunzen von sich. Das Lächeln der Mädels nahm natürlichere Züge an, als ihr Blick auf Pohlkötter fiel. Im Gegensatz zu seinem Nachbarn hatte er sich nicht wirklich verkleiden müssen. Er trug seine Arbeitshose aus grauem Cord und Arbeitsschuhe; den Hingucker bildeten das kettenhemdartige Muskelshirt und die übergestreifte orangene Weste. Letztere war aus einem wasser- und schmutzabeisenden Kunststoff, auf dem Rücken stand in Großbuchstaben ‚Steinmetz’ geschrieben. Jochen grinste die beiden flippigen Feldwebel an. Seine Selbstsicherheit verpuffte jedoch in der nächsten Sekunde. - „Wo ist der Helm?“ verlangte Chantal zu wissen. - „Ich gehe doch nicht mit einem Helm auf dem Kopf in die Disco!“ protestierte Jochen. - „Dat is keine Disco, dat is ein Rave, klar?“ dozierte Jacqueline streng. Jochen seufzte, griff in eine auf dem Boden liegende Tüte und holte einen sichtlich benutzten, roten Bauarbeiterhelm heraus. - Chantal musterte den Gegenstand fachmännisch und entdeckte sofort einen eklatanten Mangel. „Und die Lampe?“ - „Das ist kein Grubenhelm!“ - „Du hast mir selbst gesagt, daß man da noch eine Taschenlampe anmontieren kann“, widersprach Chantal. - Brummelnd holte Pohlkötter das Versäumnis nach und präsentierte sich unter dem Kichern seiner in den bequemen Sesseln der Bibliothek sitzenden Kollegen der kritischen Jury. „Fehlt bloß noch eine Gasmaske“, maulte der Handwerker. Er hatte das mal in einem Fernsehbericht über die Raver-Szene gesehen. - „Gasmaske!“ kreischten die beiden Mädels unisono. „Hat jemand für Erik vielleicht…“ - „Es reicht!“ polterte der gepeinigte Psychologe. „Ich bin bislang in jeden verdammten Club in diesem Land gekommen, da muß ich mich nicht von zwei albernen Gänsen vorführen lassen.“ Sprach’s und verließ den Raum. So bekam er auch nicht das Lachen mit das die Bibliothek erfüllte.


Selbst Frau Prof. Dr. Weseler gestattete sich ein herzhaftes Lachen. Mit ihrem Erscheinen bei der Vorführung hatte sie alle erstaunt, denn sie verbrachte die meiste Zeit im Keller des Gebäudes, wo ihr Geist mithilfe der dort aufgestellten geheimnisvollen uralten Maschine in die Traumwelt überwechselte. Was sie dort tat, verriet sie niemandem, und Dr. Veronika Szymiczek, die als medizinische Spezialistin an den EKGs, EEGs und anderen Apparaten zumindest erahnen konnte, was die jeweilige Person im  Krankenbett erlebte, antworte auf keine Fragen; nicht einmal ihr Freund Jochen konnte ihr eine Information entlocken.


Der Tag der Entscheidung war gekommen. Nach und nach trafen die Mitarbeiter des Instituts im Speiseraum ein, wo ein opulentes Frühstück auf sie wartete. Chantal und Jacqueline verhielten sich ungewöhnlich ruhig. Professor Weseler munterte sie mit einigen Worten auf. Sie selbst hatte offenkundig gute Laune. Das Gerücht hatte im Haus die Runde gemacht, daß die Chefin bei ihrer letzten Rückkehr aus der Traumwelt einen Gegenstand mitgebracht habe. Um was es sich dabei handelte, wußte keiner. Veronika und Jochen sahen müde aus. Der Steinmetz hatte in der Werkstatt Überstunden gemacht und noch zwei weitere Talismane hergestellt, die Ärztin hatte bis in die späten Abendstunden die Rückkehr Weselers überwacht. Und danach hatte das Pärchen in seiner Wohnung eine stürmische Nacht verbracht. Während des Essens machte die Institutsleiterin allen Anwesenden Mut, und sie gingen nochmals den weiteren Tagesablauf durch.


Zu Jochens großer Überraschung lud ihn Meier nach dem Frühstück zu einer Fahrt im Dienst-Mercedes ein. Sie fuhren quer durch die Stadt, bis sie in einem großen Hinterhof zum Stehen kamen. - „Wir haben hier eine Garage gemietet“, erklärte Meier. Ohne weitere Erklärungen stieg Erik aus, öffnete die Garage und verschwand in ihrem Inneren. Wegen der dunklen Lackierung des anderen Wagens konnte der Handwerker, der nun ebenfalls ausgestiegen war, nicht viel erkennen. Nach einiger Zeit vernahm er den Anlasser, und kurz darauf rollte das Auto mit klapperndem Auspuff aus seinem Unterstand; auch der Motor schien nicht einwandfrei zu funktionieren. Pohlkötter mußte grinsen. Es handelte sich um einen nicht mehr taufrischen dunkelgrünen Subaru Legacy Kombi. Zufrieden stieg Meier aus dem Fahrzeug. Er erriet sofort die Gedanken seines Begleiters und schloß sich dessen Grinsen an. „An diesem Sound hat unser seliger Heinrich lange getüftelt“, erklärte der Akademiker dem verdutzten Steinmetz.

Bei Heinrich handelte es sich um Jochens nach einem schweren Arbeitsunfall in der Traumwelt verstorbenen Vorgänger. Dieser hatte sich nicht nur um den Nachschub an Sternsteinen gekümmert, sondern auch beinahe sämtliche handwerkliche Arbeiten in dem großen Institutsgebäude erledigt.

„Soll das heißen, die Macken sind gefaked?“ staunte Pohlkötter. - „Ein bißchen hier schrauben, ein wenig dort nachstellen, und die Karre kommt durch jede Inspektion.“ - „Und warum das alles?“ - „Die Kultisten versammeln sich zuweilen an Orten, an denen ein klappriger Japaner weniger auffällt als eine S-Klasse. Außerdem willst du ja heute auch nach Köln kommen, oder willst du mit deinem wirklich klapprigen Pritschenwagen hinstottern?“


Als die beiden Männer mit ihren Autos am Institut ankamen, hatte sich die erste Gruppe bereits nach Köln aufgemacht. Die beiden Mädels würden mit dem Zug fahren und in ihrer Wohnung warten. Veronika und Jochen beluden den Kombi mit ihrem Gepäck; die Ärztin verstaute zudem eine umfangreiche medizinische Ausrüstung. Meier, Münch und Weseler bestiegen den Mercedes. Derart getrennt würden sie zu verschiedenen Zeiten an ihrem Ziel ankommen und sich dort treffen.


„Schnieke“, staunte Jochen vor dem Eingang des Kongreßhotels in der Kölner City. Er selbst und seine Begleiterin hatten sich in einer billigen Absteige eingemietet. Der Betreiberin waren fast die Augen ausgefallen, als ihre beiden neuen Gäste das Haus in teurer Garderobe verließen, denn mit ihrer gewöhnlichen Alltagskleidung wären die beiden nicht in das Tagungshotel gekommen, in dem die Mercedes-Besatzung sowie die Truppe aus Bonn standesgemäß residierten.

Zielstrebig ging Veronika zur Rezeption und erkundigte sich nach einem bestimmten Tagungsraum. Den hatten die Bonner hier zur Lagebesprechung angemietet. Natürlich hätte man die Operation auch einfacher und mit weniger Aufwand betreiben können, doch sowohl Frau Weseler als auch die Rheinländer wollten bei ihrer ersten großen Operation in der Wachwelt seit langer Zeit richtig großes Kino machen. Die beiden Neuankömmlinge wurden von den anderen herzlich begrüßt; vor allem Jochen wurde von den sechs Bonnern mit Lob für seine Sternsteine überschüttet und mit Fragen überhäuft. Bei den rheinischen Kollegen handelte es sich durchweg um Frauen und Männer im gesetzten Alter, denen man auf den ersten Blick nicht ansah, daß sie beruflich Jagd auf gefährliche Kultisten machten. So wirkte Chef, Rainer Eichler, eher wie ein in seinem Büro vertrockneter Beamter, doch wußten die meisten der angereisten Institutsmitarbeiter um die Verdienste jenes Mannes und seines Teams. Nachdem sich die Lage wieder normalisiert hatte, hielten die Versammelten eine letzte Besprechung ab. Die beiden Mädels hielten sich zu dieser Zeit in ihrer Wohnung auf und würden zu einem festgesetzten Zeitpunkt unterwegs zur Einsatzmannschaft stoßen.


Das Warm-Up fand in einer alten Fabrikhalle inmitten einer längst aufgegebenen Industriefläche statt. Die Bonner hatten durch ihre Beziehungen umfangreiches Kartenmaterial besorgen können, darunter auch einen Grundriß der Produktionsruine.

Die Speerspitze bildete das Vierer-Team aus Meier, Pohlkötter und den zwei Mädchen. Sie alle hatten auf dem Anrufbeantworter Namen und Adresse hinterlassen und hatten daraufhin auf ihre Handys eine SMS mit einem individuellen Code erhalten, den sie an diesem Abend am Eingang vorzeigen sollten. Sowohl Erik als auch Jochen hatten falsche Namen und Adressen angegeben, die das Institut für solche Einsätze bereithielt. Die beiden Männer trugen sogar entsprechende Ausweispapiere mit sich. Alle Vier waren bereits mit einem Sternstein ausgerüstet worden. Die Vier sollten die Lage in der Halle sondieren und nach Kultisten Ausschau halten. Zudem war es ihre Aufgabe, einen der Nebenzugänge der Halle unter ihre Kontrolle zu bringen, damit unbemerkt Verstärkung anrücken konnte.

Veronika, Rolf sowie die meisten Bonner Kollegen würden eine Postenkette um das Gebäude bilden und die Halle mit Sternsteinen abriegeln. Zudem fungierten sie als Schnelle Einsatztruppe für Notfälle. Frau Weseler und Herr Eichler sollten ins Spiel kommen, wenn sich der Schwarze Pharao tatsächlich zeigen sollte.

So lautete der Schlachtplan. Doch wie jeder gute Stratege weiß, halten solche Pläne, bis der erste Schuß fällt. Danach taugen sie oft nur noch zum Feuer machen. Und so sollte es auch in diesem Fall sein.


Es war schon später Abend, endlich war die Dunkelheit hereingebrochen. Veronika drückte Jochen noch einen letzten Kuß auf den Mund, mußte dann aber kichern, da sie an sein Aussehen dachte. Er sah mit seinem beleuchteten Helm auf dem Kopf auch einfach zu dämlich aus. Der Heiterkeitsausbruch wirkte ansteckend, denn nun fingen auch Jacqueline und Chantal zu kichern an, was Erik Meier natürlich auf sich bezog. Die beiden Party-Mäuse hatten es mit viel Phantasie geschafft, den Akademiker in einen Raver zu verwandeln. Besonders stolz waren sie auf ihre Idee der Kriegsbemalung in Eriks Gesicht, die sein wahres Alter verdecken sollte. Überflüssig zu erwähnen, daß Meier seitdem tödlich beleidigt war. - „Mensch, beeil’ dich, Schackeline - lahme Trine“, trieb Chantal ihre Freundin an. - „Ey, Schantalle -alte Schnalle“, erwiderte jene mit gespielter Empörung. Sofort fingen beide wieder an zu kichern. - Eichler runzelte mißbilligend die Stirn und sah zu Frau Weseler hinüber, die jedoch nur mit den Schultern zuckte. „Constanze, bist du sicher, daß du mit diesen Leuten Nyarlathotep nochmals gegenübertreten willst?“ fragte der Bonner seine Kollegin hörbar für alle. Der Blick, den er sich von der Professorin einhandelte, hätte einen Shoggothen in die Flucht geschlagen. - „Dann ist es also wahr?“ staunte Rolf Münch ehrfürchtig. - Sowohl die beiden Girlies als auch Veronika und Jochen blickten sich ratlos an. Bevor jedoch jemand eine weitere unpassende Frage stellen konnte, nahm Meier die vier zur Seite. „Es geht die Legende, daß Frau Weseler in jungen Jahren, zu Beginn ihrer Karriere am Institut, Nyarlathotep gegenüberstand - und überlebt hat. Die Gerüchte besagen weiterhin, daß aber ihr Verlobter während des Einsatzes starb. Seitdem reicht die Erwähnung des Schwarzen Pharao aus, um ihr die Laune zu verderben.“

Endlich setzten sich die vier Raver in den Subaru und fuhren ihrem Endziel entgegen, während die restlichen acht Leute mit der Abriegelung des Fabrikgebäudes begannen.


Die beiden Pärchen stellten sich artig am Ende der kurzen Schlange an. Die zwei Türsteher blickten Jochen eher desinteressiert an, einer von ihnen streckte wortlos eine Hand aus, und der Steinmetz überreichte dem Mann sein Mobiltelephon. Dieser verglich den SMS-Code mit Informationen auf seinem Laptop, reichte dem Gast das Gerät zurück und wünschte einen schönen Abend. Die restlichen drei Mitglieder der Gruppe wurden erst gar keines Blickes gewürdigt; der Computer-Mann nahm die Handys ohne aufzuschauen entgegen und ließ seine Blicke zwischen den verschiedenen Displays schweifen. Offenbar setzten die Kultisten sehr großes Vertrauen in ihre elektronischen Spielzeuge, daß sie gar nicht auf die Idee kamen, es könnte sich ein Trojanisches Pferd, oder gar gleich vier, in die Versammlung einschleichen.


Sie hatten kaum eine zweite Eisentür durchschritten, welche die eigentliche Halle vom Eingangsbereich trennte, da brach das Inferno über die vier neuen Gäste herein. Die Veranstalter hatten bei der Gestaltung des Raumes einem eher minimalistischen Konzept den Vorrang gegeben: An den Deckenträgern waren zusätzliche Gerüste für Scheinwerfer, Laser und Lautsprecherboxen angebracht worden; die nackten Wände waren mit einigen großen bedruckten Tüchern geschmückt; im hinteren Drittel der Halle war großes Gerüst aufgestellt worden, auf welchem der DJ mit seiner Ausrüstung thronte, beiderseits des Gerüstes ragten riesige Boxen auf.

Während die beiden Männer von dem stampfenden Lärm und den Lichtkaskaden sekundenlang benommen waren, fingen ihre Begleiterinnen sofort an, sich im Takt zu bewegen. Nach einiger Zeit hatte sich der disco-gestählte Erik Meier soweit erholt, daß er wichtige Einzelheiten wahrnahm. Sein geschultes Gehör erkannte nun in den seltenen Textpassagen eindeutig Wörter in der R’lyeh-Sprache, und die Wandbehänge stellten Kreaturen und Landschaften aus dem Kosmos der Großen Alten dar. Der Akademiker wies Jochen brüllend auf seine Entdeckungen hin. Dieser konnte jedoch nur nicken, denn als er zu einer Antwort ansetzen wollte, donnerte ein dumpfes ‚Cthulhu fhtagn!’ aus allen Boxen. Der DJ hatte noch einmal kräftig am Lautstärkeregler gedreht, denn die Worte waren vermutlich dazu bestimmt, bis zum Grund des Pazifiks zu schallen. Meier wollte seinen Kollegen gerade zurück in den Zwischenbereich zerren, aus dem sie vor kurzem erst die Halle betreten hatten, da kamen die beiden Mädels mit einer dritten Person im Schlepptau angelaufen.

Sofort begannen sie wild gestikulierend mit ihrem Bericht, doch leider konnten weder Erik noch Jochen von den Lippen lesen. Schließlich zeigte Pohlkötter mit beiden Zeigefingern auf seine Ohren und schüttelte den Kopf. Alle drei Frauen verzogen genervt ihre Gesichter. - „Ich sollte mich mal näher mit der Zeichensprache beschäftigen. Vielleicht habe ich in den Discos dann endlich mal wieder Erfolg beim weiblichen Geschlecht“, überlegte Meier ernsthaft. Dann jedoch schnappte er sich Jacqueline und zog sie einfach in Richtung Zwischenraum; die restlichen drei Personen folgten. In der relativen Ruhe des Zwischenbereiches wurde den beiden Männern Susanne vorgestellt, eine gemeinsame Freundin der beiden flippigen Girls. - „Und stellt euch vor“, rief Chantal aufgeregt, „sie kennt den DJ und will uns sogar zu ihm auf die Bühne bringen!“.


Für ein geplantes Vorgehen blieb keine Zeit mehr. Unter Susannes Führung drängte sich die Gruppe immer näher an das Gerüst des DJs heran. In einem Umkreis von zwei Metern hatten die Veranstalter einen lockeren Perimeter aus Wachpersonal errichtet. Susanne ging direkt auf einen der Security-Leute zu und sprach den Mann an. Die junge Frau schien tatsächlich über gute Kontakte zu verfügen, denn nach kurzer Zeit winkte sie den anderen zu und führte sie über eine provisorische Treppe auf die Bühne. Susanne klopfte dem DJ, der in die Anzeigen seiner Anlagen vertieft war, auf die Schulter und begann damit, ihre Freunde vorzustellen. Dann ging alles Schlag auf Schlag.

Kaum war Chantals Name gefallen, da stürmte das Mädel vor und schüttelte dem DJ enthusiastisch die Hand. Die Reaktion war überwältigend. - „Aaaaaahhh! Scheiße, kurva, biste bekloppt??!!!“ Der junge Mann starrte entsetzt auf seine rauchende Handfläche. - Auch Chantal blickte betroffen auf die Innenseite ihrer Hand, wo sie den Sternstein verborgen hatte. Für Sekunden schien die gesamte Szenerie eingefroren zu sein. Susanne blickte vorsichtig zwischen ihrem Bekannten und ihrer Freundin hin und her, unfähig, das Geschehene zu begreifen; auch Jacqueline stand wie vom Donner gerührt, und die beiden Männer waren noch gar nicht richtig auf der Empore angekommen. Chantal erwachte als erste aus der Starre. „Ey, hätt der misch ‚kurva’ jenannt?“ Jacqueline deutete mechanisch ein Nicken an. - „Nein! Stop!“ ertönte Eriks Stimme aus dem Hintergrund. Doch es war zu spät. Chantal stürmte auf den immer noch fassungslosen DJ zu und klatschte ihre Handfläche gegen seine Stirn. Der Mann brach wie vom Blitz getroffen zusammen und rührte sich nicht mehr. Meier drängelte sich nun ohne Rücksicht auf Verluste nach vorne und besah sich die Bescherung. Hilflos breitete er seine Arme aus und ließ sie dann resigniert gegen seine Beine schlagen. „Super!“ Er drehte sich zu den Mädchen um. „Und wo sollen wir jetzt mit der Leiche hin?“


Pohlkötter blickte fasziniert abwechselnd auf den Toten und seinen Sternstein. „Wow, es funktioniert also tatsächlich.“ Meier, der seiner Kollegin gerade beibrachte, daß es besser war, Kultisten am Leben zu lassen, damit sie noch Informationen liefern konnten, drehte sich verwirrt um. „Hier“, Jochen streckte ihm den Talisman entgegen, „den habe ich gemacht. Ich, mit meinen eigenen Händen.“ - „Äh, ja“, murmelte Meier, „du bist ein großer Zauberer“, und wandte sich wieder seiner Strafpredigt zu. Dabei ging es ihm gar nicht mehr um die Standpauke - Chantal war von den Ereignissen zutiefst geschockt -, Meier wollte einfach nur Zeit gewinnen, da er keinen blassen Schimmer hatte, wie es weitergehen sollte. Glücklicherweise hockte Susanne seit dem Zwischenfall apathisch an einem kleinen Schrank mit CDs und brabbelte etwas von kleinen grünen Pillen, die sie besser nicht hätte schlucken sollen. Offenkundig hielt sie die letzten Ereignisse für einen böse entgleisten Trip.

„Ich glaube, wir haben gleich ein großes Problem“, meldete sich Jacqueline zu Wort und fachte damit Eriks Zorn weiter an. - Er wies auf den Toten. „Na, jetzt bin ich aber mal gespannt, was für dich ein großes Problem ist.“ - „Wenn ich die Anzeigen auf den Geräten richtig deute, dann kommen auf der CD noch drei Stücke, dann ist Schluß.“ Meier glotzte Jacqueline begriffsstutzig an. „Hast du ’ne Ahnung, was da unten auf der Tanzfläche los ist, wenn plötzlich die Mucke aufhört?“


Erik Meier hetzte durch einen verlassenen schmutzigen Gang. Seit einigen Minuten lief sein Gehirn auf Hochtouren. Er hatte hastige Telephongespräche geführt, und langsam war Stück für Stück so etwas wie ein Plan entstanden. In einiger Entfernung erkannte er den Nebenzugang zum Gebäude. Leider wurde er von zwei Kultisten bewacht. Meier kontrollierte nochmals, ob der Backstage-Ausweis, den er dem DJ abgenommen hatte, richtig um seinen Hals hing, dann stürzte er sich in die Schlacht.

„Gut, daß ich euch hier treffe“, überrumpelte er die Türsteher. „Es gab einen dummen Zwischenfall. Gleich kommen hier ein paar vertrauenswürdige Sanis an, macht schon mal die Tür auf.“ - Die beiden Diener Nyarlathoteps glotzten den Ankömmling an. „Hä? Wer bisdenn du?“ - „Blöde Frage! Ich bin Patrick vom Orga-Team“, herrschte Meier die zwei an und hielt ihnen die Rückseite des Ausweises unter die Nase. Bevor die Kultisten reagieren konnten, hatte er schon die Tür geöffnet. „Doktor Brinkmann! Schön, daß Sie so schnell kommen konnten“, begrüßte er Weseler und ihre Begleiter. Staunend beobachteten die Anhänger des Schwarzen Pharaos, wie eine ältere Frau und eine jüngere Frau mit einem großen medizinischen Koffer  sowie ein kleiner dicker Mann mit einer Trage das Gebäude betraten. - „Wenn die Bezahlung stimmt…“, brummte die Professorin und gab damit ein verabredetes Stichwort, damit die Szene glaubwürdiger erschien. - Zähneknirschend holte Meier drei Fünfziger aus seiner Jackentasche und drückte sie Weseler in die Hand. „Den Rest gibt’s wenn sie die Lei…äh…den Mann rausgeschafft haben.“ Die drei setzten sich in Bewegung, während Meier die beiden Türsteher bei Laune hielt.


Gekonnt untersuchte Dr. Veronika Szymiczek die am Boden liegende Person. Doch schon nach kurzer Zeit stand sie wieder auf und krächzte traurig: „Exitus.“ Chantal fing erneut zu weinen an und mußte von Jacqueline getröstet werden, der es auch nicht viel besser ging. - „Alles klar!“ erklang da eine aufgedrehte Stimme. „Ich glaube, ich hab’s hinbekommen“, verkündete Münch stolz und strahlte mit den Scheinwerfern um die Wette. Der Physiker hatte sich sofort auf das komplexe Equipment des DJs gestürzt und die verschiedenen Geräte studiert. Nun wartete er auf die Komplimente aus dem Publikum. - „Klasse!“ lobte Jochen brav und schob sogar eine interessierte Frage nach. - „Ich hab die Anlage einfach auf Endlosschleife gestellt“, erklärte Rolf und wies dann mit dem Finger abschätzig auf die Tanzfläche. „Das merken die sowieso nicht.“ - „Toll, ich wüßte gar nicht, wo ich bei den vielen Knöpfen drücken sollte“, bekannte der Handwerker. - „Ach, wenn man mal mit einem Teilchenbeschleuniger gearbeitet hat…“ - „Ich will euer Fachgespräch ja nicht unterbrechen“, unterbrach Veronikas Rabenstimme das Gespräch, „aber ich wäre dann soweit.“ Sie nötigte die beiden Männer, den Toten auf die Trage zu hieven. Doch bevor die beiden anhoben, öffnete die Medizinerin ihren großen Koffer und holte etwas heraus. Dann klatschte sie dem überraschten Pohlkötter einen Rotkreuz-Aufkleber auf die linke Brusttasche der Weste, packte ihn an den Schultern, drehte ihn um 180 Grad und klebte die ‚Steinmetz’-Aufschrift mit zwei weiteren Emblemen notdürftig zu. Schließlich nahm sie ihm den albernen Helm ab und klopfte ihm abschließend auf den Rücken. „Los geht’s!“


Erik Meier war in seinem Element. Durch gezielte Fragen entlockte der Psychologe den Kultisten immer neue wichtige Informationen. Gleichzeitig sorgte er mit sorgfältig plazierten Bemerkungen für einen konstanten Streßlevel bei den Männern, sodaß sie gar nicht dazu kamen, die Situation zu hinterfragen. So fiel ihnen am Ende auch nicht auf, daß zwei Krankenträger das Gebäude verließen, wo doch nur einer die Halle betreten hatte. Am Ende schafften es „Doktor Brinkmann“ und Meier sogar noch, die Türsteher nach draußen zu schicken, wo sie von Eichlers Leuten in Empfang genommen würden. Sofort verschlossen die beiden Akademiker die Tür. Jetzt waren sie auf sich gestellt.

„Rainer wird uns killen, weil wir ihn nicht mitnehmen“, vermutete Erik. - „Wollen Sie für ihn draußen bleiben? Ich bin froh, daß ich alle anderen aus der unmittelbaren Gefahrenzone bringen konnte. Es war töricht von mir, beinahe das gesamte Institutspersonal für den Einsatz abzuziehen. Wenn uns beiden jetzt etwas passiert, kann zumindest Eichler den Laden zuhause übernehmen“, erläuterte die Professorin ihre Gedankengänge. „Was haben Sie herausgefunden?“ Damit kam sie wieder auf die aktuelle Situation zu sprechen.

Meier berichtete von einer Art Aufzug, mit welchem „Nu-R-Hotep“ auf dem Höhepunkt der Veranstaltung auf der Tanzfläche erscheinen sollte. Es mußte somit ein Kellergeschoß geben, wo sich der Bote der Großen Alten zuvor aufhielt. Die beiden Psychologen studierten den Bauplan des Gebäudes und fanden recht schnell eine Treppe, die hinab führte.


Die nachtschwarze Gestalt saß in einem thronähnlichen Sessel, welcher auf einem Podest stand; die Erhöhung wiederum befand sich auf einer heruntergelassenen Hebenühne. Das Gesicht der Gestalt wurde durch eine schwarze Kapuze verhüllt, der Rest des Körpers steckte unter einer weiten schwarzen Kutte. Vor dem Podest knieten drei Kultisten, ein Mann und zwei Frauen. Sie waren von den Schultern bis zu den Füßen in schwarzes Leder gekleidet. Die ganze Szene wurde von mehreren Neonlampen erleuchtet. Dies verstärkte nur noch mehr die Tristesse des großen schmutzigen Kellers. - „Noch nicht mal Sinn für Atmosphäre“, ging es Professor Weseler durch den Kopf. „Keine Fackeln, keine Pentagramme… Enttäuschend.“ Diese Gedanken behielt die Frau aber für sich.

„Nyarlathotep“, flüsterte sie stattdessen aufgeregt ihrem Partner zu. Beide hatten sich hinter einer Ecke versteckt und beobachteten die Lage. Plötzlich erhob sich eine der Frauen und ging in ihre Richtung. An ihren Bewegungen konnten die beiden Eindringlige erkennen, daß die Frau nicht ihretwegen aufgestanden war. Die Psychologin überlegte noch, wie sie auf die neue Situation reagieren sollte, da handelte Meier bereits.

Dank seiner jahrelangen Ausflüge durch die Clubs und Discotheken der Republik war Erik Meier ungewollt zu einem Experten in nonverbaler Kommunikation geworden. Er paßte hinter der Ecke stehend geschickt den richtigen Zeitpunkt ab und ließ seinen rechten Arm nach hinten schnellen. Seine Faust und das Gesicht der Kultistin prallten wie vorgesehen zusammen. Schnell fing Erik den Sturz der Frau ab und schleifte sie hinter die Ecke. Für den Bruchteil einer Sekunde bedauerte Meier die Aktion, denn normalerweise handelte es sich bei seinen „Diskussionspartnern“ um aufgebrachte Liebhaber, Verlobte oder Ehemänner. Doch dann machte sich der Psychologe deutlich, daß die reglos daliegende Person eine gefährliche Anhängerin des Chaos-Predigers war. Als Meier sich zufrieden erhob, schnappte er erschrocken nach Luft.


Unbemerkt von ihm war Professor Weseler um die Ecke gegangen und schritt geradewegs auf die Gestalt in dem Sessel zu. Irgendwie bemerkten die beiden Kultisten vor dem Thron die Veränderung, denn sie blickten sich um. Als sie die fremde Frau erblickten, erhoben sie sich schnell, unternahmen jedoch nichts weiter. Vermutlich hatten sie entsprechende Anweisungen von ihrem Meister erhalten. Sie änderten ihr Verhalten auch nicht, als Erik die Szene betrat.

„Du!“ donnerte es durch den leeren Raum. Dann erscholl ein unheimliches Lachen. „Beim letzten Mal warst du nur schwach. Jetzt bist du auch noch alt. Wie willst du mich aufhalten?“ - Die Angesprochene ließ sich nicht irritieren. „Beim letzten Mal hatte ich noch nicht das hier.“ Mit diesen Worten holte Weseler einen Gegenstand aus ihrer Jackentasche.

Meier, der sich vorsichtig den beiden Kultisten näherte, erkannte in den Händen seiner Vorgesetzten eine Art Triangel. Es handelte sich um ein aus einem einzigen Metallrohr gefertigtes gleichseitiges Dreieck, das sofort eine erstaunliche Reaktion zeigte. In seinem Zentrum erschien ein helles Licht. Die beiden Kultisten brachen lautlos zusammen. Meier konnte nicht erkennen, ob sie nur ohnmächtig oder gar tot waren.

„Unmöglich!“ kreischte der Schwarze Pharao. „Der Schlüssel zum Weißen Raum wurde zerstört!“ - „Es gibt viele Schlüssel, das weißt du selbst“, erwiderte Weseler mit fester Stimme. „Diesen hier habe ich in einem alten Tempel auf der Insel Selea gefunden.“ - „Traumwelt.“ Der Kuttenträger spuckte den Namen des Ortes förmlich aus. - „Du warst der Unbekannte, der in der Traumwelt elektrische Energie erzeugen wollte, stimmt’s?“ Der Schwarze Pharao schwieg. „Ich hätte es gleich wissen müssen. Es war genau deine Handschrift. Chaos stiften mittels neuer Erfindungen und Technologien. Aber wir haben dir einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Haben sich deine Verbündeten schon für den Fehlschlag bei dir bedankt?“ stichelte Weseler weiter.

Übergangslos sprang die Albtraumgestalt aus dem Sitzen auf den Boden. Sofort intensivierte sich das Leuchten in dem Dreieck. Meier stand nun in einem beinahe rechten Winkel zu Weseler und Nyarlathotep. Von seinem Standpunkt aus erschien auf einmal wenige Schritte von der Professorin entfernt eine vertikale, dünne, grellweiße Linie in der Luft, die nach und nach von der Decke bis zum Fußboden reichte. Diese Erscheinung schien einen starken Sog auszuüben, denn Papierfetzen, rostige Schrauben und anderer Müll vom Boden begannen sich auf die Linie zuzubewegen. Meier staunte, als das erste Objekt, eine vergilbte Zeitungsseite, die vertikale Linie berührte - und verschwand.

Sollte der oberste Diener der Alten Götter Angst verspüren, so zeigte er es nicht. Er machte sogar einige Schritte auf seine Kontrahentin zu. Offenbar hielt er es für unter der Würde eines Halbgottes im Pantheon der Großen Alten, den Rückzug anzutreten. Als jedoch seine schwarze Kutte ebenfalls von dem unheimlichen Sog erfaßt wurde, hielt er inne. Erik glaubte erkennen zu können, wie sich die Gestalt gegen die Macht des Schlüssels wehrte. Schließlich gab der Prophet des Chaos auf und ließ sich zu seiner Feindin ziehen. Dabei sprach er uralte lästerliche Formeln und hob seine Stimme immer mehr an. Weseler und Meier glaubten, die Namen Azathoth und Yog-Sothoth zu verstehen.

Überraschend bildete sich einen halben Meter vor der hell strahlenden Linie ein tiefschwarzer Vortex. Es begann ein Ringen kosmischer Kräfte. An den flatternden Bewegungen der Kutte erkannten die Beobachter, daß der Schlüssel versuchte, sein Opfer um den gegnerischen Wirbel herumzulenken. Doch Nyarlathotep war kein Anfänger. Im letzten Moment entledigte er sich seines hinderlichen Kleidungsstücks und stürzte sich in den rettenden Vortex, der zusammen mit seinem Erzeuger verschwand. Dort, wo die Kutte den Lichtstrahl berührte, löste sie sich auf. Doch mit dem Verschwinden Nyarlathoteps fiel auch die senkrechte Lichtbarriere in sich zusammen. Übrig blieb nur ein großes Stück der Kutte zu Weselers Füßen.

Skeptisch trat sie auf dem nutzlosen Stoff herum.

„Mistkerl.“


Erik hatte es sich auf dem Sofa in seinem Büro bequem gemacht und schlürfte versonnen den frischen Tee, welchen Friedhelm vor einigen Minuten hereingetragen hatte. Meier genoß die Ruhe, denn das letzte Abenteuer hatte ihn mehr mitgenommen als er sich eingestehen wollte.

Nach der Flucht Nyarlathoteps hatten Eichlers Leute eine Polizei-Razzia inszeniert und die Gäste der okkulten Techno-Party aus der alten Fabrik vertrieben. Die Kultisten wurden allerdings festgenommen und nach Bonn abtransportiert. Eine kleine Einsatzgruppe hatte das Gelände noch zwei Tage lang beobachtet, doch als niemand erschien, hatte man mit dem Abbau der wertvollen Einrichtung begonnen. Da die Bonner Organisation nicht mehr über die finanziellen Ressourcen wie vor dem Regierungsumzug verfügte, hatten Rainer Eichler und seine Leute das Angebot des Instituts dankbar angenommen und das gesamte Equipment verfrachtet. Mit ihren Kontakten würden die Rheinländer bestimmt zahlungskräftige Abnehmer finden.

Aus unerfindlichen Gründen war es den beiden Mädels gelungen, Professor Weseler von einem ausgedehnten Sonderurlaub in Köln zu überzeugen

Meier seufzte. Gerne hätte er die eine oder andere technische Spielerei behalten, doch hatten die Kollegen das Geld viel bitterer nötig als das Institut, welches durch mehrere Patente auf einen steten Geldstrom zugreifen konnte.

Die Ruhe wurde mit einem Male von lauten Stimmen durchbrochen. - „Unverschämtheit!“ erklang eine Reibeisenstimme in der Ferne. - „Ich fühle mich aber zehn Jahre jünger“, protestierte eine zweite Stimme, die zweifelsfrei Professor Weseler gehörte. Aus einer anderen Ecke des Hauses drang lautes Lachen an Eriks Ohren.

Der Wissenschaftler wollte sich gerade erheben, um die Ursache für den Aufruhr zu ergründen, da öffnete sich die Tür, und Friedhelm trat mit einem kleinen Tablett in der Hand ein. „Es ist Post eingetroffen.“ Ohne weitere Erklärungen hielt er dem Psychologen das Tablett unter die Nase, auf dem ein Briefumschlag plaziert war. Meier dankte und wartete, bis der Butler den Raum verlassen hatte. Die Adresse war mit einer typischen Mädchenschrift geschrieben. Neugierig öffnete Erik den Umschlag. Im ersten Augenblick mußte Meier schmunzeln, doch dann verzogen sich seine Lippen zu einem gequälten Grinsen.


Kurz vor dem Abbau hatten Jacqueline und Chantal noch ein Gruppenphoto in der Halle machen lassen. Es zeigte die Institutsangestellten vor dem DJ-Gerüst zwischen den riesigen Lautsprechern. Die beiden Mädchen hatten ihre Kollegen sogar dazu überreden können, sich wie in der Nacht des Einsatzes zu kleiden, wobei sie für die Rekonstruktion ihres eigenen Outfits besonders viel Mühe verwendet hatten. Die Aufregung im Haus resultierte jedoch aus der Bildbeschriftung unter dem Photo.

Erik las:

 

Jo Sternstein Kötti - The (Old) One and (L)on(e)ly Erik - Schantalle -

Oma Wesi - Schackeline - DJ Bunsenbrenner - Dr. Exitus