Titel

© 2008 by A.W.G. Döring

Heinz ließ lustlos seinen Blick über den Flur der Seminarbibliothek schweifen. Es war nicht viel los zu dieser Tageszeit; einige wenige Studenten suchten die Ragale im Flur nach benötigten Büchern ab oder wühlten sich durch den riesigen altmodischen Zettelkasten. Hinter den fünf oder sechs Türen, die zu weiteren Räumen voller Regale und Tische führten, mochte sich wohl noch eine weitere Handvoll angehender Soziologen tummeln.

Mit einem schnellen Blick auf seine Uhr stelle Heinz erleichtert fest, daß seine Schicht als Aufsicht in einer Viertelstunde beendet sein würde. Gedanklich bereitete er sich auf das Treffen in einer Stunde vor. Das Treffen war wichtig für ihn, er brauchte dringend einen neuen Kunden. In der Haushaltskasse herrschte eine erschreckende Ebbe, und das Gehalt als studentische Hilfskraft reichte gerade zum Überleben. Dabei war Heinz gar kein Student, zumindest nicht mehr. Wenn er den neuen Job an Land ziehen könnte, dann wären auch wieder die kleinen heimlichen Annehmlichkeiten des täglichen Lebens möglich, die Heinz so genoß und die er vor dem größten Teil der Außenwelt geheimhielt - vor allem vor dem Finanzamt: eine teure Flasche Wein hier, ein neuer Fernseher da…

Heinz’ Überlegungen wurden von einem grünen Blitz unterbrochen. Er kam von einem der Kopierer auf dem Flur. Ein Studenten fertigte Kopien aus einem sehr dicken Buch an und hatte sich gar nicht erst die Mühe gemacht, den Deckel der Maschine zu schließen. Bei jedem Vervielfältigungsdurchgang wurde das Gesicht des jungen Mannes in ein unheimliches Grün getaucht. Heinz mußte grinsen, als er an den kleinen Zettel dachte, der seit Ewigkeiten über einem der Geräte klebte. Es handelte sich um die obere Hälfte eines Kalenderblattes mit dem Zitat eines wohl eher unbekannten Philosophen oder Schriftstellers: ‚Und als ich dieses Licht sah, konnte ich mein Glück kaum fassen, denn ich wußte, meine Seele hatte ihren Frieden gefunden.’ Ein weniger geistreicher, dafür aber umso mehr pädagogisch beseelter Zeitgenosse hatte irgendwann über die Lücke zwischen ‚Licht’ und ‚sah’ die Worte ‚vom Kopierer!’ gekritzelt und somit dieses Kunstwerk stiller Ironie zerstört.

In Gedanken ging Heinz zum hundertsten Male die Frage durch, ob das bevorstehende Treffen eine Falle sein mochte, doch fielen ihm keine Hinweise auf einen Hinterhalt ein. Der erste Kontakt war per Mail zustande gekommen. Der potentielle Kunde hatte in seinem unverfänglichen Text gekonnt einige Hinweise auf frühere Arbeiten Heinzens plaziert und damit unter Beweis gestellt, daß er sich in einschlägigen Kreisen informiert hatte. Zudem hatte Heinz herausgelesen, daß es sich bei seinem neuen Auftrag vornehmlich um Recherchearbeit handeln sollte. „Das ist zumindest nicht so hundertprozentig illegal wie die anderen Jobs. Wenn sie mich für diese Sache drankriegen, komme ich vielleicht mit einem blauen Auge davon“, grübelte Heinz düster. So bekam er auch einen gehörigen Schrecken, als er von Lea, seiner Ablösung, durch einen Stupser am Arm unsanft aus seinen Gedanken geweckt wurde.


In seiner kleinen Wohnung machte sich Heinz schnell frisch und warf beim Hinausgehen einen Blick in den Spiegel. Er war mit sich zufrieden: junger Mann, Ende 20, schlank, beinahe dürr, etwas zu auffälliger altmodischer Schnurrbart; dazu passend Cordhose, kariertes Oberhemd und Cordweste. So kannte man ihn an der ganzen Uni. Das fiel Heinz dann auch ein, und fluchend tauschte er die Weste gegen eine dünne Jacke.


Heinz hatte kaum einen prüfenden Blick über die Tische auf der Terrasse des Eiscafés schweifen lassen, da winkte ihm ein junger Mann an einem der Tische zu. Kurz darauf stellten sich die beiden noch einmal vor und begannen eine harmlose Plauderei. Dies gab ihnen genügend Zeit, sich gegenseitig einzuschätzen. Und was Heinz sah, machte ihn nicht wirklich glücklich.

Sebastian Langes Gesicht war bleich, die Lippen ungewöhnlich dünn; zusammen mit den unter einer randlosen, fast unsichtbaren Designerbrille zusammengekniffenen Augen machte der potentielle Kunde einen dauerhaft leidenden Eindruck. Zur Brille paßte die sündhaft teure Uhr am Handgelenk.

Lange schien Gedanken lesen zu können, denn er unterbrach plötzlich die Plauderei, lehnte sich zurück, schloß kurz die Augen und seufzte. „Hör’ zu, Heinz. Bevor du mich für ein reiches arrogantes Arschloch hälst, erkläre ich dir die Hintergründe für meinen Auftrag. Zunächst einmal: ja - meine Eltern sind reich und nein: ich bin nicht verwöhnt, im Gegenteil. Ich stehe voll unter Druck. Meine Mutter hat ihren Abschluß in Biologie mit SCL gemacht.“ - Heinz pfiff anerkennend. - „Und mein Vater“, setzte Sebastian fort, „hat in Chemie immerhin cum laude abgeschlossen. Die meisten in meiner Familie sind Naturwissenschaftler.“

Sebastian ließ Heinz einige Augenblicke, um die Informationen zu verdauen. Einen naturwissenschaftlichen Abschluß summa cum laude schaffte nicht jeder. Das mußte Heinz als Fachmann neidlos anerkennen. Schließlich besaß er neben seinem eigenen, offiziellen Abschluß in Soziologie noch drei Magister in zwei weiteren Fächern, ein Staatsexamen sowie - darauf war er besonders stolz - einen Doktortitel in Soziologie. Dummerweise konnte er niemandem davon erzählen, denn er hatte alle diese Arbeiten für andere Leute geschrieben. So kam es, daß ihn seine Eltern und ein Gutteil seiner Bekannten für einen Versager hielten. Solange Heinz jedoch gut bezahlt wurde, war ihm die Meinung anderer herzlich egal. Von seinem Lohn für die Promotion hatte er sich einen ausgiebigen Urlaub in diversen Mittelmeerländern gegönnt. Aber auch die immateriellen Vorteile waren nicht zu verachten. Seinen offiziellen Job zum Beispiel hatte er einem ehemaligen Kunden zu verdanken. Normalerweise waren die Arbeiten in den Seminarbibliotheken studentischen Hilfskräfen - kurz: Hiwis - vorbehalten. Heinz hatte jedoch einen dieser begehrten Posten trotz abgeschlossenem Studium ergattert.

„Blöderweise“, erklang Sebastians Stimme und riß den Ghostwriter aus seinen Träumereien, „haben meine Eltern die seltsame Vorstellung, ich müßte es ihnen an akademischem Ruhm gleichtun. Ich bin zwar gut - das sage ich ohne falsche Bescheidenheit -, aber an die Leistungen meiner Eltern komme ich nicht heran.“ Heinz hatte es nicht für möglich gehalten, doch die Miene seines Kunden nahm einen noch erbärmlicheren Ausdruck an.  „Und um allem noch die Krone aufzusetzen, sind meine Eltern auch noch erfolgreiche Geschäftsleute, die von mir wie selbstverständlich erwarten, daß ich Firma und Familie bei allen möglichen Anlässen würdig vertrete. Ich habe einfach keine Zeit, mich um meine Diplomarbeit zu kümmern und gleichzeitig mit den Geschäftspartnern meiner Eltern auf dem Golfplatz herumzuhängen.“ Lange rang seinen verkniffen Lippen ein Grinsen ab. „Und genau an diesem Punkt kommst du ins Spiel.“

Heinz räusperte sich und vergewisserte sich, daß er in den Mails den Auftrag richtig verstanden hatte. Sebastian bestätigte ihm, er sei nur für Recherchen und die Besorgung seltener Literatur zuständig. Dies beruhigte den Lohnschreiber, denn er hatte sein Talent bislang nicht in den Naturwissenschaften unter Beweis gestellt. „Aber wie erkenne ich, ob ein Buch für dich nützlich sein könnte oder nicht? Ich bin schließlich nicht vom Fach“, gestand er dann auch ein. Lange beruhigte den Ghostwriter und setzte seinem Mitarbeiter in spe geduldig auseinander, daß er seine Diplomarbeit zu einem Thema in der Wissenschaftsgeschichte schreiben wolle. Durch das Studium obskurer, alter Bücher wollte Sebastian Lange der Zusammensetzung gewisser Substanzen auf die Spur kommen, welche in verschiedenen Werken nur unter abenteuerlich klingenden Bezeichnungen auftauchten. Das I-Tüpfelchen sollte am Ende die Wiederholung eines oder mehrerer Experimente sein, wie sie in den alten Schwarten beschrieben wurden. - „Du willst ein Diplom in Alchimie machen?“ staunte Heinz. - Sebastian verzog gequält das Gesicht. „ Ich bevorzuge die Bezeichnung ’Wissenschaftsgeschichte’.“ Und um Heinz von der Ernsthaftigkeit seiner Forschungen zu überzeugen, holte Lange aus einer mitgebrachten Tasche mehrere Bücher, Kopien sowie andere Zettel hervor und legte alles vor Heinz auf den Tisch.

Mit Kennerblick widmete sich dieser zunächst den Büchern, die er ehrfürchtig als Originale oder zumindest als Nachdrucke von fast ebenso großem Alter erkannte. Keines der Werke hatte nach 1910 das Licht der Welt erblickt. Die Kopien stammten aus weiteren Büchern; auf dem Zettel schließlich hatte Sebastian eine Liste von Quellen aufgeschrieben, nach denen der Lohnschreiber suchen sollte. - „Es wäre prima, wenn du dich in einige Werke soweit einlesen könntest, daß du dortige Querverweise auf andere Bücher herausfinden kannst. Die Wissenschaftler bildeten damals eine verschworene Gemeinschaft und machten sich in ihren Werken gerne untereinander Komplimente oder zogen übereinander her.“ - Heinz überflog die überschaubare Liste. Dort waren einige wenige Fachaufsätze moderneren Datums aufgeführt; die meisten Titel waren jedoch auf Latein, einige auf Englisch oder Deutsch. Allerdings verriet die Orthographie, daß die Autoren schon vor langer Zeit verstorben waren. Bei einem der Titel stutzte Heinz. Die Schreibweise glich einem französischen Dialekt. „Okzitanisch?“ kam es ihm plötzlich in den Sinn, und für Sekunden gedachte er des unvergeßlichen Sommers an der französischen Mittelmeerküste.

Die beiden jungen Männer wurden sich schnell einig. Heinz würde schon in den nächsten Tagen mit seinen Recherchen beginnen. Zum Abschied übergab ihm Lange einen Umschlag. „Als Starthilfe“, erklärte er grinsend. - Verdutzt öffnete Heinz das Kuvert und erblickte eine Anzahl Geldscheine. „Woher willst du wissen, daß ich nicht die Kohle nehme und den Job dann doch ablehne?“ - Sebastian zuckte mit den Schultern. „Wie gesagt: meine Eltern sind reich. Außerdem“, jetzt stahl sich wieder die Andeutung eines Lächelns auf seine schmalen Lippen, „hast du einen guten Ruf zu verlieren.“


Beinahe wider Erwarten hatte Heinz Spaß an seiner neuen Aufgabe. Dies lag zum guten Teil an Sebastians Vorarbeiten, die schnell zu ersten Erfolgen führten. So konnte der Lohnschreiber eine Reihe von Titeln recht einfach in den verschiedenen Katalogen der Bibliotheken ausfindig machen und auf seiner Liste abhaken. Heinz schrieb die entsprechende Signatur und die dazugehörige Bibliothek auf, und nach ein paar Tagen machte er mit seinem Auftraggeber telephonisch ein Treffen aus.

Natürlich war Heinz nicht so verrückt, sein eigenes Telephon zu benutzen. Stattdessen ging er in eine altmodische Telephonzelle am Hauptbahnhof und rief Sebastian von dort aus an. Lange war von der Geschwindigkeit und Professionalität des Ghostwriters beeindruckt und versprach am Treffpunkt, die entsprechenden Bände noch am selben Tage auszuleihen. Denn es war eine weitere Regel des Lohnschreibers, daß sich die Kunden ihre Literatur möglichst selbst ausleihen sollten, damit keine Spur zu Heinz führte. Bereits am nächsten Tag fand ein erneutes Treffen statt, auf dem Sebastian seinem Zuarbeiter eine Tasche mit Büchern übergab.


An andere Titel war nicht so einfach heranzukommen. Einige befanden sich in diversen Bibliotheken im sogenannten Giftschrank, andere waren nur über Fernleihe aus anderen Städten oder gar dem Ausland zu bekommen. Doch dies störte Heinz nicht; er mußte die Diplomarbeit ja nicht schreiben. Unbekümmert schrieb er seinem Auftraggeber die verschiedenen Fundorte auf und wünschte ihm in Gedanken viel Spaß bei der Plackerei,

Das leichte Geldverdienen war vorbei, als sich Heinz daranmachte, die schon ausgeliehenen Bücher durchzusehen. Bei den allermeisten handelte es sich um moderne Nachdrucke, es waren aber auch einige schöne Faksimiles dabei sowie Fachaufsätze aus diversen Journalen. Bei der Lektüre begann Heinz logischerweise mit den neuesten Erscheinungen, die er schnell überflog. Mit seinem Scanner kopierte er die Aufsätze, markierte einige Stellen und legte die Bücher dann auf einen speziellen Stapel, der zur baldigen Rückgabe vorgesehen war. Ungemütlich wurde es bei den wirklich alten Schmökern. Heinz mußte sich mit verschnörkelten Buchstaben und Floskeln herumschlagen, mit unleserlichen Seiten und toten Sprachen. Die zum Teil sehr niveauvollen Zeichnungen in einigen Büchern entschädigten den Leser nur unzureichend. Heinz’ Frust stieg als er bemerkte, daß die Referenzen auf andere Werke immer undeutlicher wurden, je früher die Bücher geschrieben worden waren, sodaß dem Mietschreiber letztlich nichts anderes übrig blieb, als sich fluchend noch einmal zwei Bücher vorzunehmen, die er eigentlich schon als unergibig beiseite gelegt hatte.

In einem dieser Bücher fand Heinz tatsächlich mehrere Querverweise auf ein Werk mit dem Namen ‚Nox Sexta’ - die sechste Nacht. Der Autor des Buches, welches der Ghostwriter in den Händen hielt, lobte die Erfindungsgabe und das Geschick seines Kollegen, wobei er dem Leser treuherzig versicherte, seine eigenen Erfolge würden alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen, wenn er nur jenes Buch zur Hand hätte.

Einige Tage später stieß Heinz in einem weiteren Werk erneut auf den Titel ‚Nox Sexta’, und erneut war der Ton des Schreibers überaus ehrfurchtsvoll. Jedoch nannte auch dieser Autor nicht den Namen seines anscheinend sehr begabten Kollegen. Dafür machte er seinen Lesern in umständlichen Wendungen klar, daß das begehrte Buch von der Kirche verboten worden sei. - „War ja klar“, brummte Heinz. Doch schon Sekunden später jubelte er innerlich auf. Der Autor hatte ihm damit einen Hinweis gegeben, der vielleicht zum Ziel führen konnte.

Der legendäre Index Librorum Prohibitorum, in umfassender Form erstmals im Jahre 1559 veröffentlicht, die letzte aktualisierte Ausgabe datiert von 1962. - „Immer am Puls der Zeit“, dachte Heinz sarkastisch. Er war so von seiner Idee fasziniert, daß er sich sogleich in die Zentralbibliothek aufmachte, um zu recherchieren. Natürlich besaß Heinz einen Computer, doch aus Angst davor, ausspioniert zu werden, war der Rechner nicht ans Internet angeschlossen. Für seine Recherchen auf der globalen Datenautobahn und E-Mail-Kontakte nutzte er Uni-Rechner.

Der Anfang war leicht. Bereits nach wenigen Klicks tauchte der Inhalt des Index von 1948 auf dem Bildschirm auf. Die Liste war lang, sehr lang. Die ersten Angaben las Heinz noch konzentriert durch, doch dann überflogen seine Augen die Buchstaben nur noch, und er scrollte immer schneller durch die Seite. Es war vermutlich pures Glück, daß ihm das Wort ‚Sexta’ auffiel, denn es stand nicht wie erwartet am Anfang des Titels, sondern am Ende.

„In nocturno hortulo ambulatiunculae, vel nox sexta“, radebrechte Heinz und notierte aufgeregt den Zungenbrecher auf einem Schmierzettel. ‚Nox Sexta’ war also nur ein Alias-Titel, sozusagen die umgangssprachliche Bezeichnung des unaussprechlichen offiziellen Namens. Doch in die Freude mischte sich ein seltenes, aber dennoch vertrautes Gefühl. In Heinz schlug ein Instinkt an, der ihn vor Gefahr warnte. Doch Gefahr wovor? Der Index war längst nicht mehr aktuell, noch nicht einmal verbindlich. Doch Heinz wußte aus Erfahrung, daß es Bücher gab, bei denen man sich zweimal überlegen sollte, ob man sie sich ausleiht. Während seines Studiums hatte sich Heinz aus Neugierde in der Uni-Bibliothek ‚Mein Kampf’ bestellt. Der Bibliothekar an der Ausgabe hatte ihn seltsam angesehen und ihm anschließend „viel Spaß beim Lesen“ gewünscht. Heute ärgerte sich Heinz über seinen jugendlichen Leichtsinn. „Bestimmt steht mein Name auf irgendeiner Schwarzen Liste“, sinnierte er düster. Zwar hatte er bislang keine negativen Auswirkungen jener Ausleihe bemerkt, doch kamen solche paranoiden Schübe in unregelmäßigen Abständen immer wieder. Was wäre, wenn die ‚Nox Sexta’ wirklich ein verbotenes Buch war und jede Anfrage irgendwo vermerkt wurde?

Um sich mehr Zeit zum Überlegen zu verschaffen beschloß Heinz, erstmal den lateinischen Titel zu übersetzen. Den Standort des Wörterbuches hätte er mit verbunden Augen finden können. Schließlich handelte es sich beim ‚Kleinen Stowasser’ um seinen Lebensretter während der Vorbereitung auf die lange zurückliegende Latinumsprüfung. „Kleine Spaziergänge im nächtlichen Gärtchen? Was soll der Mist?“ brummte der Ghostwriter verwirrt, nachdem er dem lateinischen Titel eine deutsche Übersetzung und Syntax verpaßt hatte. Sicher, früher hatten die Bücher oft ausschweifende und phantasievolle Titel; er brauchte dazu nur die Liste durchzugehen, die Sebastian ihm gegeben hatte. Doch dort hießen die Schriften dann ‚Die Smaragdtafeln der ewigen Weisheit’ oder ähnlich. Bestimmt hatte der immer noch unbekannte Verfasser der ‚Nox Sexta’ mit seiner Namensgebung die Zensoren und andere unerwünschte Leser irreführen wollen.

Heinz starrte durch die große Fensterscheibe an seinem Sitzplatz hinaus in den spätsommerlichen Nachmittag. Er könnte es sich einfach machen und die weitere Suche nach dem Buch seinem Kunden überlassen. Doch dann siegte in Heinz der Berufsstolz. Der Lohnschreiber stellte das Wörterbuch an seinen Platz zurück und begab sich in den Katalogsaal, in dem die Benutzer mittlerweile jedoch mehr über Computer recherchierten als mittels Zettelkästen. An der Decke des Raumes waren in unregelmäßigen Abständen Halbkugeln mit Löchern verteilt. In ihnen sollten sich Gerüchten zufolge Kameras befinden. Heinz wußte jedoch aus sicherer Quelle, daß beinahe die Hälfte der Behälter leer war - aus Kostengründen. Doch um welche es sich handelte war Heinz völlig unklar. Dies ließ seinen Verfolgungswahn Überstunden machen. Der Ghostwriter blickte an sich herab und stellte mit Verdruß fest, daß er für solch sensible Recherchen wieder einmal zu auffällig gekleidet war. Er knurrte einen Fluch und machte sich auf den Rückweg zu seiner Wohnung, wo er hoffte, seiner Erscheinung einen typisch studentischen Schlabber-Look verpassen zu können.


Derart verkleidet saß Heinz rund eine Stunde später erneut vor einem Rechner in der Uni-Bibliothek, wo er seit kurzer Zeit auf die Website des seminarübergreifenden Kataloges starrte. Schließlich gab sich der Suchende einen Ruck und tippte hastig den Titel des gesuchten Buches in der Suchmaske ein. Endlose Sekunden geschah auf dem Monitor fast gar nichts, sodaß sich Heinz bereits entspannt zurücklehnen wollte. Dann jedoch verkündete ein aufpoppendes Fenster stolz einen Treffer. Sofort wurde Heinzens hagerer Körper mit Adrenalin überflutet. Der Rechner behauptete, das gesuchte Werk befinde sich in der Bibliothek der katholischen Fakultät. Zugleich mahnte ein blinkender Buchstabe den Finder, daß das Buch nicht ausleihbar sei. Um sicherzugehen und um seine Suche zu verschleiern tippte Heinz sofort den Titel eines Werkes ein, von dem er ganz genau wußte, daß es sich ebenfalls in jener Bibliothek befand und daß es ebenfalls nicht ausleihbar war. Es handelte sich um das Faksimile eines wertvollen mittelalterlichen Buches, welches vor einigen Jahren zufällig bei einer Inventur der Seminarbibliothek gefunden worden und mit großem Presserummel gefeiert worden war. Tatsächlich lieferte der Computer auch in diesem Falle eine Erfolgsmeldung samt dem schon bekannten Hinweis. Heinz notierte sich die Signatur der ‚Nox Sexta’ und leitete den nächsten Schritt ein. Nur Augenblicke später befand er sich auf der Seite der katholischen Fakultät. Als Heinz gefunden hatte wonach er gesucht hatte, machte er sich auf den Weg zur nächstgelegenen Telephonzelle.


Sebastian nahm schon nach dem dritten Klingeln ab. In kurzen Worten erklärte der Ghostwriter seinem Kunden die Lage. Am Ende fragte er ihn, ob er an dem Buch dranbleiben solle, denn der Auftragsschreiber war so fair Sebastian zu warnen, daß die geplante Aktion, sollte sie schiefgehen, die gesamte Arbeit gefährden könnte. Nach endlosen Sekunden vernahm Heinz die Stimme seines Gesprächspartners. „Mach’ es. Und falls du für die Sache Geld brauchst“, setzte Lange hinzu, „du weißt ja…“ - „Du hast reiche Eltern“, vervollständigte Heinz den Satz. „Schön, wenn man sich keine materiellen Sorgen zu machen braucht“, dachte er noch neidisch und legte auf.


Seine Beschäftigung als akademischer Lohnschreiber brachte es mit sich, daß Heinz über die gesamte Universität ein Netz aus Kontaktpersonen gesponnen hatte, das immer weiter wuchs. Zumeist handelte es sich um Menschen, die in Bibliotheken beschäftigt waren. Doch da Heinz schon länger im Geschäft war, konnte er auf einige ehemalige Kunden zurückgreifen, denen er aus verständlichen Gründen den einen oder anderen Gefallen abringen konnte.

Nun war Manfred an der Reihe. Dank einer erschwindelten Magisterarbeit hatte er sein Studium erfolgreich abgeschlossen und war der Fakultät treu geblieben, um höhere akademische Weihen zu empfangen. Ein schwerer Fehler, wie sich zeigen sollte. Mittlerweile hielt Manfred eigene Vorlesungen und Seminare ab. Heinz hatte grinsen müssen als er am vorherigen Tag das Vorlesungsverzeichnis der katholischen Fakultät durchgescrollt war. Die aktuelle Vorlesung Manfreds beschäftigte sich mit dem Thema der geschnorrten Abschlußarbeit. Das Grinsen war dann etwas gequälter geworden, als Heinz bemerkt hatte, daß sich sein Ex-Kunde offenbar hervorragend in den Lehrbetrieb eingewöhnt hatte und unter die Dimido-Dozenten gegangen war. Dies bedeutete, daß Manfreds Lehrveranstaltungen dienstags, mittwochs und donnerstags stattfanden, während der Montag und Freitag ganz der Forschung gehörten. - „Wer’s glaubt wird selig“, hatte Heinz noch gedacht und war nach Hause gegangen. Natürlich war gestern Montag.

Nun folgte der Lohnschreiber seinem Opfer in einigem Abstand. Schon nach wenigen Metern konnte Heinz das Ziel voraussagen, welches der Theologe ansteuern würde: die nächstgelegene Kantine. Durch einen schnellen Blick auf seine altmodische Uhr stellte Heinz erleichtert fest, daß der öffentliche Speiseraum gut genug besucht sein dürfte, um nicht aufzufallen, aber dennoch nicht so voll wäre daß er nicht an seine Kontaktperson herankäme. Auf dem kurzen Weg hatte der Auftragsschreiber Zeit, sein Opfer zu beobachten. Manfred hatte sich in den letzten Jahren verändert; er strahlte die Selbstzufriedenheit eines Menschen aus, der wußte, daß er auf dem Weg nach oben war. Zudem glaubte Heinz in den wenigen Momenten, in denen er Manfreds Gesicht gesehen hatte, einen Ausdruck erkannt zu haben, wie er ihn auf alten Heiligendarstellungen erblickt hatte. „Na, den Zahn werde ich dir ziehen, Freundchen“, dachte der Verfolger grimming. Obwohl Heinz genau wußte, daß er auf Manfreds Hilfe angewiesen war, beschloß er, den Mann vor sich leiden zu lassen. Kaum hatte der Ghostwriter den Saal überblickt, da gratulierte er sich zu seiner treffenden Einschätzung der Lage.

Minuten später setzte sich Heinz mit seinem Tablett - Stammessen II: Spaghetti Bolognese und Pudding - dreist gegenüber Manfred an den Tisch und legte sofort los. „Hallo, Manni! Klasse, daß ich dich hier treffe. Habe erst vor kurzem an dich gedacht.“ - Der Angesprochene starrte den Störenfried entgeistert an und versuchte offensichtlich krampfhaft, den etwas nachlässig gekleideten, nicht mehr ganz jungen Mann einzuordnen. - „Mensch, ich bin’s: Heinz. Wir haben zusammen an deiner Abschlußarbeit gebastelt.“ - Der Theologe wechselte in beeindruckender Weise die Gesichtsfarbe und krallte sich am Tisch fest. Dann senkte er demonstrativ den Kopf und zischte: „Wir hatten doch abgemacht, daß wir uns nie wieder treffen!“ - „Soooo stimmt das aber nicht“, widersprach Heinz gedehnt in normaler Lautstärke, was Manni nervös um sich blicken ließ. „Wir hatten abgemacht, daß ich mich mit einigen kleinen Gefallen an dich wenden kann“, behauptete der Schreiber. Tatsächlich hatte Heinz irgendwann begriffen, daß seine Kunden ihm im weiteren Leben nützlich sein konnten und hatte damit begonnen, neben Geld die Bereitschaft zu zukünftigen kleineren Gefälligkeiten zu verlangen. Leider erinnerte sich Heinz momentan nicht daran, ob Manni schon zu dieser Kundengruppe gehörte. „Ich sollte wirklich langsam eine Datei anlegen. Wenn ich doch nur nicht so paranoid wäre!“ schalt er sich in Gedanken selbst. Daher schob er schnell ein überzeugendes Argument hinterher. „Hör’ mal, ich habe schließlich die letzten Tage ohne Bezahlung für dich gearbeitet, weil du keine Kohle mehr hattest.“ Daran zumindest erinnerte sich Heinz genau - und Manfred scheinbar ebenfalls, denn er sank auf seinem Stuhl zusammen. - „Was wollen Sie denn?“ jammerte er ohne seinen Gegenüber anzusehen. Offenbar entdeckte der Theologe in seiner Bratenscheibe mit Rotkohl und Kartoffeln immer neue, faszinierende Einzelheiten, die eine genaue Untersuchung wert waren. - „Eine Kleinigkeit“, behauptete Heinz und nahm genüßlich sein Stammessen II in Angriff. Als er den Mund wieder frei hatte, präzisierte er seinen Wunsch. „Ich brauche für einen Job ein bestimmtes Buch, das bei euch im Seminar steht.“ - Nun endlich hob Manni seinen Kopf und blickte Heinz an. Sein Gesicht drückte Erstaunen und Resignation aus. „Sie arbeiten also immer noch als…als…Tutor?“ - Heinz hätte beinahe die Nudeln über den Tisch gespuckt. „Du scheinheiliger Arsch!“ schoß es dem Ghostwriter durch den Kopf. „Erst siezt du mich als wäre ich einer deiner Erstsemester, und dann flüchtest du dich in lächerliche Euphemismen. Na, dann will ich dich mal von deinem hohen Roß herunterholen.“ Doch dann beförderte Heinz seine Nahrung unfallfrei in den Magen und rang sich ein Lächeln ab. „Natürlich. Es macht mir halt Spaß, anderen Menschen zu helfen.“ Heinz erkannte, daß sein Gesprächspartner zu einer spitzen Bemerkung ansetzte und schob schnell hinterher, daß sicherlich auch das Geld und die kleinen Annehmlichkeiten ein Grund seien.

Soviel Ehrlichkeit schien Manfred zu beruhigen, und er erkundigte sich nach dem Titel des Buches. Als Antwort schob ihm Heinz einen Zettel mit dem Titel und der Signatur zu. Der Dozent brauchte nur einen kurzen Blick auf die Kombination aus Buchstaben und Zahlen zu werfen, um seinem ehemaligen Mitarbeiter mit einem zufriedenen Unterton versichern zu können: „Da komme ich nicht heran. Vergessen Sie’s.“ Sichtbar entspannt setzte sich Manni wieder bequem hin und führte nun endlich das kulinarische Meisterwerk seiner Bestimmung zu. - Auch Heinz widmete sich für eine weitere Gabelportion seinem Mittagessen. Dann stützte er seine Ellenbogen auf den Tisch, faltete die Hände und legte sein unrasiertes Kinn darauf, sodaß eine eigentümliche Pyramide entstand. Er wartete, bis Manfred ihn bemerkte, setzte dann ein Unschuldsgesicht auf und behauptete mit sanfter Stimme: „Doch.“ - Der Theologe blickte den Sprecher verwirrt an. „Äh…wie bitte?“ - „Ich sagte: Doch, du kommst an das Buch heran. Es befindet sich vermutlich in dem kleinen abgeschlossenen Raum hinter der grauen Stahltür im Kellergeschoß. Ich habe da  unten mal längere Zeit recherchieren müssen, weil ich jemandem aus der Patsche geholfen habe.“ Heinz konnte es nicht lassen, Manni übertrieben zuzuzwinkern. „Jedenfalls habe ich zwei, drei Male Dozenten diesen Raum betreten sehen. Da der Schlüsselanhänger immer dieselbe Farbe hatte, gehe ich davon aus, daß es sich auch immer um denselben Schlüssel handelte. Er wird vermutlich zentral deponiert. Ich habe zudem euren Dekan mehrmals bei verschiedenen Anlässen erleben dürfen und denke daher nicht, daß ausgerechnet er den Schlüssel verwahrt. Ich glaube eher, daß er irgendwo im Sekretariat liegt, und da kommst du ja wohl rein. Eure gute Frau Michelbrink“ - „Meierbrink“, unterbrach ihn Manfred düster. Wenn er über Heinz’ Detailkenntnisse erstaunt war, so verbarg er es meisterhaft. - „Auch gut. Die ist ja mehr mit Kaffeetrinken, Tratschen und dem Suchen nach vom Dekan vertrödelten Sachen beschäftigt.“ Zufrieden lehnte sich Heinz zurück; er sah aus wie eine Katze, die gerade eine besonders fette Maus gefressen hatte.

Manfred jammerte noch ein wenig herum, er könne als Theologe nicht gegen das siebte Gebot verstoßen. Während sich Manni noch wortreich beklagte, zählte Heinz heimlich an den Fingern ab. Er hatte erst kürzlich aus nackter finanzieller Not heraus eine simple Semesterarbeit über den Einfluß der protestantischen Ethik auf die Theorien eines englischen Ökonomen des 19. Jahrhunderts geschrieben. „Du sollst nicht ehebrechen?“ staunte der Ghostwriter am Ende. - Manni ließ klappernd das Besteck fallen und bedachte Heinz mit dem Blick eines gestreßten Vaters auf sein nervendes Kind. „Das ist die reformierte Zählung. Ich bin katholisch, du erinnerst dich?“ - Erfreut nahm der Gescholtene das Du zur Kenntnis, konnte es sich aber nicht verkneifen, nachzulegen. „Stimmt. Hat Nummer sieben bei euch nicht was mit Sodomie zu tun?“ - Wütend zog Manni sein Tablett zu sich heran und bereitete seinen Aufbruch vor. - „Okay, okay; entschuldige, Manni, aber ich stehe momentan voll unter Druck. Ich brauche deine Hilfe.“ - „Und dann läßt du mich in Ruhe?“ - Heinz setzte ein gespielt entrüstetes Gesicht auf. „Ich finde deine Einstellung wirklich bedauerlich. Wir haben so gut zusammengearbeitet.“ - Manfred seufzte schwer, dann rang er sich ein ’Ich brauche Zeit’ ab und stand demonstrativ auf. - Bevor er sich umdrehen und zwischen den anderen Studenten und Dozenten verschwinden konnte, erwiderte Heinz: „Die hast du. Von mir aus sogar bis Freitag.“ - Manni drehte sich verärgert herum, sagte jedoch nichts und eilte schließlich auf den Ausgang zu.

Mit gemischten Gefühlen blickte Heinz ihm hinterher. „Das ist das Traurige an meiner Arbeit“, sinnierte er. „Für ein paar kurze Wochen bist du jemandes bester Freund, und kaum hast du deinen Job erledigt, will dich keiner mehr kennen.“ Um sich aufzumuntern beschäftigte er sich mit dem glibberigen, quietschbunten Nachtisch, von den regelmäßigen Besuchern dieser Einrichtung auch liebevoll ’Hoechst-Unfall’ oder ’Nachgeburt’ genannt.


Die Woche verging ereignislos; alleine die täglichen Anrufe bei Manni bildeten einen wiederkehrenden Höhepunkt in dem grauen Einerlei des Alltags. Am Freitagnachmittag war es endlich soweit. Die Übergabe der brisanten Ware sollte in einem belebten Café stattfinden. Heinz hatte es sich an einem kleinen Ecktisch ohne Fensterplatz gemütlich gemacht und wartete auf seinen Kontaktmann. Der Dozent betrat dann auch einige Minuten später mit unsicheren Schritten in den Raum und sah sich um; als er Heinz entdeckt hatte, kam er mit schnellen Schritten auf den Tisch zu. Bevor er sich setzte, blickte er sich besorgt um. - „Ist dir jemand gefolgt?“ fragte Heinz mit ernstem Gesicht, wohl wissend, daß er damit die Nervosität seines Lieferanten ins Unendliche steigerte. - „Ich glaube nicht“, flüsterte Manni aufgeregt. Umständlich kramte der Theologe eine Jutetasche von seinen Knien, legte sie auf den Tisch und schob sie dem Ghostwriter zu. Dieser sah kurz hinein und beförderte dann den Inhalt hervor. „Bist du verrückt? Doch nicht vor allen Leuten!“ zischte Manni ängstlich. Der Gescholtene legte sich in aller Seelenruhe das Buch zurecht und überprüfte zunächst die Signatur. Sodann betrachtete er das Äußere des Werkes genauer.

Das Format erwies sich als praktisch, da es dem modernen Taschenbuch ähnelte. Zudem schien es nur wenige Seiten zu umfassen; der abgegriffene und an vielen Stellen beschädigte Einband war zusammengenommen fast genauso dick wie die bedruckten Seiten dazwischen. Von außen deutete nichts auf den Inhalt hin. Neugierig klappte Heinz den Deckel auf. - „Doch nicht ohne Handschuhe!“ protestierte Manfred erschrocken. - „Nur die Ruhe“, beschwichtigte Heinz seinen Bekannten, „ich möchte nur etwas überprüfen.“ - Dieser Satz hatte eine Welle von Klagen über das ungerechtfertigte Mißtrauen gegenüber einem gottesfürchtigen Manne zu Folge. Manni verstummte erst, als eine Bedienung nach seinen Wünschen fragte. „Können Sie mir ungefähr hundert Jahre Fegefeuer ersparen und dafür sorgen, daß sich unter meinem Bekannten die Erde auftut und ihn verschlingt?“ Die ältere Frau blickte Manfred ratlos an. Der Theologe seufzte und bestellte einen Kaffee. Kopfschüttelnd verließ die Bedienung den Tisch. - Also wirklich, Manni“, tadelte Heinz. „Als studierter Theologe solltest du wissen, daß es sich bei dem Fegefeuer um reine katholische Propaganda handelt. Zwar ein Mega-PR-Erfolg, aber dennoch alles von schlauen Leuten im Mittelalter ausgedacht, um die Menschen bei der Stange zu halten.“ - Offenkundig hatte der Zurechtgewiesene keine Lust an einer erneuten Diskussion mit seinem lästernden Bekannten, da er stumm aus dem etwas entfernten Fenster blickte und auf sein Getränk wartete.

Kurz nachdem das Tablett mit Mannis Kaffee eingetroffen war, verabschiedete sich Heinz, nicht ohne zwanzig Mal versprochen zu haben, das Buch bis spätestens Montag zurückzugeben. Heinz hatte schon den ersten Schritt in Richtung Ausgang gemacht, da wurde sein Arm unsanft gepackt. Erstaunt sah er sich zu seinem ehemaligen Kunden um. Manfred ließ den Arm nicht los, sondern drohte mit seiner freien Hand. „Unterstehe dich, das Buch einfach zu kopieren“, warnte er Heinz. „Wenn ich das Buch nicht in exakt demselben Zustand zurückbekomme, in dem es sich jetzt befindet, dann gnade dir Gott. Dann kenne ich nichts, dann packe ich aus!“ - „Versprochen, Manni. Vergiß nicht, ich bin Profi.“ Die folgenden Sekunden ließen den Lohnschreiber inständig hoffen, seine Auffassung hinsichtlich des Fegefeuers möge richtig sein, denn das Jüngste Gericht mußte unmittelbar bevorstehen. Es konnte gar nicht anders sein. Manfred lachte; zwar unfroh und gekünstelt, aber immerhin.


Zurück auf der Straße machte sich Heinz Gedanken über seine weitere Vorgehensweise. Natürlich hatte der Dozent recht.

Das grelle Licht herkömmlicher Kopierer oder Scanner ist Gift für alte Bücher; zudem werden die kopierten Seiten - je nach Größe und Dicke des Originals und der Art der Bindung - durch die Wölbung zum Buchrücken hin unleserlich. Drückt man das Buch zu stark auf die Glasscheibe des Kopierers um die Wölbung zu verringern, riskiert man Schäden an der Bindung und am Einband.

Dies durfte dem Ghostwriter bei einem solch kostbaren Exemplar natürlich nicht passieren. Doch er hatte schnell eine Lösung gefunden.


Sofort begab sich Heinz auf direktem Wege zur zentralen Universitätsbibliothek. Er deponierte die Tasche mit ihrem wertvollen Inhalt in einem Schließfach und machte sich auf die Suche nach seiner Kontaktperson. Wie schon befürchtet, hatte seine Ansprechpartnerin zur Zeit keinen Dienst, doch zu Heinzens Freude erfuhr er von einem Mitarbeiter der Bibliothek, daß die gesuchte Person in einigen Stunden zur Spätschicht erscheinen würde.

Das gab Heinz genug Zeit, auf einen Sprung in seiner Wohnung vorbeizuschauen. Vor dem Haus stoppte er an seinem Auto. Der Wagen war ein perfektes Beispiel für Heinz’ Doppelleben. Äußerlich schien der fünfzehn Jahre alte Golf ein hoffnungsloser Fall zu sein. Doch hatte sich sein Besitzer von einem Teil eines früheren Honorars eine leistungsstarke Stereoanlage gekauft und sie in den Golf einbauen lassen - was den Wert des Autos vermutlich verdoppelte. Zur Tarnung hatte Heinz die sündhaft teure Apparatur mit kunstvoll gesetzten Kratzern und Flecken verunstaltet. Gerüchten zufolge waren sich Heinz und der Bekannte, der die Anlage installiert hatte, einige Wochen nach der Aktion auf einem Parkplatz begegnet; als der junge Mann in den Wagen geschaut hatte, um sein Meisterwerk zu begutachten, soll er mit Schaum vorm Mund umgekippt sein.

Doch daran dachte Heinz nicht, als er den Kofferraum öffnete und einen Verbandskasten herausholte. In seiner Wohnung setzte sich Heinz sogleich hinter seinen Schreibtisch. Er öffnete den bis dahin unbenutzten Erste-Hilfe-Kasten und holte ein Päckchen durchsichtiger Schutzhandschuhe hervor. Es war vermutlich nicht genau das, was sein nervöser Bekannter im Café im Sinn gehabt hatte, doch für einen ersten Einblick in die kostbare Ware würden diese Handschuhe reichen. Sodann klappte Heinz aufgeregt das Büchlein auf und blätterte zur Einleitung weiter.

Wie der unaussprechliche Titel des Werkes bereits vermuten ließ, waren hier die verschütteten Latein-Kenntnisse des Lesers gefordert. - „In nocturno hortulo ambulatiunculae“, entzifferte Heinz stockend die verschnörkelten Buchstaben, „item liber est appellatus Nox Sexta, ex derivatione verborum…“ - Die Lektüre der ersten Sätze reichte, um sich ein stilistisches Urteil bilden zu können. Das Latein war grausam. Cicero hätte geweint. Nach Entzifferung der ersten Seite war sich Heinz sicher, daß die Muttersprache des Autors Deutsch gewesen sein mußte. Syntax und Lexik des Verfassers mochten jedem Lateinlehrer Atembeschwerden verursachen, der krude Satzbau hatte jedoch für Heinz den Vorteil, daß er sich schnell einlesen konnte ohne durch filigrane Verschachtelungen und kniffelige grammatikalische Konstruktionen behindert zu werden.

Als der Lohnschreiber sich jedoch voller Vorfreude dem ersten Kapitel widmete, mußte er enttäuscht feststellen, daß nicht Grammatik oder Wortwahl des Verfassers, sondern der behandelte Gegenstand an sich das Haupthindernis war. Heinz war davon ausgegangen, bei dem Buch handele es sich um ein Werk über Alchimie, und tatsächlich tauchte dieses Wort einige Male im Text auf, doch schien das Ziel des Schreibers nicht das Auffinden des Steins der Weisen zu sein. Vielmehr tauchten immer wieder Wörter wie ‚vis vivendi’, ‚genesis’ und ‚creatio’ auf. Und mochten die Sätze des Verfassers auch noch so brachial geschmiedet sein, für einen Uneingeweihten verschleierten die Wörter mehr als sie erklärten. Die zahlreich abgebildeten Pentagramme und sonstigen Zeichnungen ließ Heinz für den Anfang fast unbeachtet.

Nach einem Blick auf die Uhr tröstete er sich mit dem Gedanken, die Enträtselung seinem Kunden überlassen zu können. Der Mietschreiber beschloß jedoch, eine Kopie des Werkes zu behalten. Um jedoch dieses Ziel zu erreichen, mußte er noch einige Besorgungen erledigen.


Als Heinz vorsichtig um die Ecke schaute, lächelte er zufrieden. Seine Zielperson ordnete gerade zurückgegebene Bücher auf einem Rollwagen. Bei Sabine handelte es sich um eine junge, lebenslustige Frau mit einem Hang zum Nervenkitzel. Diese Eigenschaften trauten ihr nur wenige Menschen zu, vor allem keine Männer, denn Sabines äußere Erscheinung ließ das männliche Geschlecht nicht gerade schlaflose Nächte verbringen: klein, etwas pummelig, rundes Gesicht, dicke Brille, dazu eine unvorteilhafte Frisur. Heinz hatte diesen Edelstein schon während des Studiums entdeckt, und war seit langer Zeit mit Sabine eher kumpelhaft befreundet. Sie war einer der wenigen Menschen, mit denen Heinz beruflich zu tun hatte und von denen er keine Gefälligkeiten einfordern konnte. Im Gegenteil. Sabine war ihm nicht durch eine falsche Entscheidung im Laufe ihres Studiums verpflichtet, sondern konnte eigene Forderungen an den Mietschreiber stellen. Sie liebte es, sich für große Veranstaltungen in Schale zu werfen und zwang Heinz in unregelmäßigen Abständen, sie zu begleiten; dafür mußte er sich entsprechend kleiden und sich sogar rasieren. Daß die anderen Besucher der jeweiligen Veranstaltung falsche Annahmen über das Verhältnis der beiden eleganten jungen Menschen zueinander hatten, amüsierte Sabine zusätzlich.

Vorsichtig stellte Heinz sein Mitbringsel auf eine tresenähnliche Ablage, die den frei zugänglichen Bereich vom Arbeitsplatz der Bibliotheksangestellten trennte. Dann wartete er, bis sich Sabine umdrehte. Als die junge Frau den Gegenstand erblickte, hellte sich ihr Gesicht auf. - „Aber ich habe doch erst in zwei Wochen Geburtstag!“ - Heinz fühlte Panik in sich aufsteigen und machte sich gedanklich einen grell-rot blinkenden Vermerk, zuhause das genaue Datum nachzusehen. Beinahe gleichzeitig setzte er gekonnt ein charmantes Lächeln auf. „Für deinen Geburtstag habe ich schon etwas anderes ausgesucht“, behauptete er. - Sabine betrachtete mit Kennermine die Weinflasche, dann verfinsterte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie stellte die Flasche zurück und verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Was willst du von mir?“ - „Sabine! Was denkst du von mir?“ entrüstete sich Heinz. - „Nur das schlechteste“, flötete die Bibliothekarin hinter dem Tresen.“ - „Dabei wollte ich dich an diesem Wochenende zu einem Rendezvous einladen.“ - Sabine stützte ihren rechten Arm auf, legte den Kopf in die Handfläche und lächelte den Kavalier erwartungsvoll an. Das Lächeln erstarb in dem Augenblick, da ihr der Ghostwriter berichtete, das geplante Stelldichein solle nicht in einem romantischen Restaurant sondern in einem bunkerähnlichen Raum im zweiten Kellergeschoß der Bibliothek stattfinden. „Vielleicht wäre es eine gute Idee, eine Kontaktanzeige in der Uni-Zeitung aufzugeben“, brummte Sabine resigniert. „’Junge, Frau in fester Anstellung sucht ehrlichen, gutaussehenden, intelligenten Mann für romantische Stunden.’ Und dann kommt kein Photo von mir, sondern von dieser verflixten Maschine rein. ’PS: habe unreglementierten Zugang zum AZ-7000’’“ - „Du wirst einen Stock brauchen, um dir all die heiratswütigen Schönlinge vom Hals zu halten“, schmunzelte Heinz. Dann beugte er sich vor und raunte verschwörerisch: „Heute abend?“ - „Morgen. 21 Uhr. Südausgang. Sei pünktlich“, korrigierte Sabine resolut. Heinz wollte sich gerade umdrehen, da vernahm er ein klirrendes Geräusch. Sabine tippte mit einem Kugelschreiber gegen die Weinflasche. „Bring Gläser mit“, trug ihm die junge Frau auf, die Heinz offensichtlich beim Wort zu nehmen gedachte. „Blumen wären auch nicht schlecht“, präzisierte sie weiter. Heinz nickte artig und begab sich auf den Rückzug. Er hatte die rettende Tür beinahe erreicht, da ertönte hinter ihm die gefürchtete Stimme erneut. „Hast du übrigens die Vorankündigung für das große Klassik-Konzert nächsten Monat gesehen?“ fragte Sabine wie nebenbei. - Heinz’ Magen krampfte sich zusammen, doch als er sich herumdrehte, hatte er bereits ein gequältes Lächeln aufgesetzt. „Geht klar, Schatz.“ Sofort wirbelte er wieder herum, packte den Türgriff - und war immer noch zu langsam. - „Ich habe gehört“, klang es unheilvoll in seinem Rücken, „daß die Veranstaltung praktisch schon ausverkauft ist.“ - Wortlos riß Heinz die Tür auf und suchte das Weite.


Der Duft der Rosen kitzelte in Heinzens Nase während er die Stufen zum versteckt liegenden südlichen Notausgang hinunterstieg. „Die teuren Blumen werde ich Sebastian in Rechnung stellen“, nahm sich der Mietschreiber vor. An der Tür stellte er die kleine Tasche mit den Gläsern und einem Imbiß vorsichtig ab und sah auf seine altmodische Armbanduhr. Vier vor Neun. „Man kann mir ja vieles vorwerfen, aber keine Unpünktlichkeit“, stellte Heinz zufrieden fest. Leise klopfte er an die Stahltür. Die Reaktion erfolgte beinahe sofort. Der Rosenkavalier vernahm das charakteristische Geräusch eines sich im Schloß drehenden Schlüssels, dann öffnete sich die Tür, erst einen Spalt, dann weiter. Sabine bedeutete dem Besucher mit einer Kopfbewegung, hereinzukommen. Erst als sich die schwere Tür wieder geschlossen hatte, freute sich Heinz’ Mitverschwörerin über die Mitbringsel. Auf dem Weg zum Kopierraum klärte Sabine ihren Besucher darüber auf, daß sie noch nicht alleine im Gebäude seien, da die Bibliothek noch geöffnet habe. Mit übertriebenem Mienenspiel öffnete die junge Frau die Pforten zum Heiligtum. Doch erst die Betätigung des Lichtschalters ließ den Wunderapparat in seiner ganzen Pracht erscheinen.


Der tischgroße Scanner befand sich in einer Ecke des Raumes. Er bestand im Wesentlichen aus einer großen Glasplatte, unter welche die Bücher gelegt wurden, und zwei Ablagen links und rechts des Sitzplatzes; auf der rechten Ablage standen ein Flachbildschirm und eine Tastatur. Hinter dem Tisch ragte ein massiver Stahlarm in die Höhe, an dem die eigentliche Scanvorrichtung angebracht war, die somit ungefähr einen halben Meter über der Glasplatte schwebte.

Bei dieser imposanten Apparatur handelte es sich schon beinahe um eine veraltete Technik. Heinz hatte gelesen, daß die beim Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar beschädigten Bücher mithilfe von Computertomographie archiviert worden waren. Spezielle Software ermöglichte ein mikrometergenaues Steuern der Röntgenstrahler, sodaß die Bücher seitenweise eingescannt werden konnten, ohne daß die Objekte selbst berührt werden mußten. Von solchen Möglichkeiten war der AZ-7000 weit entfernt.


Sabine bereitete das Gerät vor. Für die bevorstehende Aktion reichten die Routineeinstellungen nicht aus. Die Bibliothekarin wollte keine Spuren ihrer unerlaubten Nutzung hinterlassen und änderte an dem angeschlossenen Rechner einige Parameter. Heinz’ Komplizin hatte schon vor ihrer ersten illegalen Sitzung am AZ-7000 mit krimineller Energie im Internet nach gewissen Informationen gesucht und auch gefunden. Dank einem kleinen Software-Bug konnte der elektronische Zähler des Scanners angehalten werden. Zwar befand sich im Innern der Maschine ein zweiter, mechanischer Zähler, doch mußte der Scanner vor einem Jahr repariert werden; bei den anschließenden Testläufen war der elektronische Zähler nicht eingeschaltet gewesen, sodaß beide Zählwerke mittlerweile hoffnungslos asynchron liefen. Auch die Protolollprogramme des Rechners umging Sabine geschickt. Da dieser Computer nicht an ein Netzwerk angeschlossen war, hatte der zuständige Administrator die Sicherheitsvorkehrungen sehr lax gehalten.

Sabine streifte sich spezielle Handschuhe über und bat sich das  corpus delicti aus. Fasziniert blätterte sie zwischen den Seiten. Als sie einen Blick auf die Signatur warf, brach ein dumpfes ‚Hohoho’ aus ihr heraus. „Wen hast du dafür umgebracht?“ staunte sie anerkennend. - „Das liest du spätestens am Dienstag in der Zeitung“, witzelte Heinz. - Die junge Frau klappte den Einband auf und legte das kostbare Buch mit der Schrift nach oben unter die Glasplatte. Auf dem flachen Monitor kontrollierte sie Größe und Auflösung der geplanten digitalen Kopie. Als sie zufrieden war, betätigte sie einen Fußschalter. Beinahe lautlos wurde die Kopie erstellt und in einem Ordner auf dem Rechner abgelegt.

 

Da das Buch einen recht geringen Umfang hatte, dauerte die ganze Aktion nur eine halbe Stunde. Damit hatte Sabine beinahe eine Punktlandung hingelegt. Sie kopierte den Ordner auf einen USB-Stick, löschte die verräterischen Dateien im Rechner, hob die Zählersperre auf und fuhr die Apparatur herunter. Hastig schnappte sich die Frau einige Listen und Bücher, um sich oben im Erdgeschoß bei den Kollegen für einige Überstunden abzumelden. „Unterstehe dich, abzuhauen“, drohte sie Heinz und verschwand. Der Lohnschreiber blieb nicht lange einsam. Schon kurze Zeit später kam Sabine wieder. „Jetzt sind wir alleine“, kicherte sie.

„Hoffe ich zumindest“, gestand sich Heinz ein und überlegte fieberhaft, wann er das letzte Mal von sexuellen Übergriffen auf Männer gehört hatte. Normalerweise hätte er nichts gegen ein Techtelmechtel mit einer Studentin gehabt, schließlich war er seit Jahren solo,  doch Sabine hatte bestimmte Vorstellungen von Sex, die ihm den kalten Schweiß ausbrechen ließen, wenn er daran dachte. Mit einem erwartungsvollen Grinsen öffnete die dralle Studentin ihre Handtasche und breitete die „Instrumente“ auf dem Tisch neben dem Kopierer aus.

Der restliche Abend verlief wie erwartet. Am Ende geleitete Heinz seine Komplizin noch bis zu ihrer Haustüre und verabschiedete sich mit einem freundschaftlichen Schmatzer auf die Wange wobei er sich in Grund und Boden schämte, wozu er sich alles hergab, um sich ihre Zuneigung zu erhalten. Seine Handgelenke schmerzten immer noch von den Fesseln ganz zu schweigen von dem Brennen der Striemen auf seinem Allerwertesten, die sie ihm beigebracht hatte.

 


Am Montagmorgen übergab Heinz dem hypernervösen Manni in einem abgeschiedenen Winkel eines Uni-Gebäudes das wertvolle Buch. Da der Ghostwriter über das Wochenende seinen Auftraggeber nicht erreicht hatte, machte er sich notgedrungen auf die Suche nach einer Telephonzelle und versuchte sein Glück erneut. Diesmal war Lange zuhause, und er lud den Lohnschreiber zu sich ein.

Das Läuten der Klingel war kaum verklungen, da ertönte das Summen des Türöffners. - „Hast du darauf geachtet, daß dir niemand folgt?“ begrüßte Sebastian seinen Komplizen. - „Endlich ein Kunde, der die Tragweite unseres Geschäftes begreift!“ freute sich Heinz in Gedanken und prahlte mit seinen zahlreichen Ablenkungsmanövern und dem dreimaligen Wechsel der Buslinie. Dann ließ er seine Hand in die Hosentasche fahren und fischte den USB-Stick heraus. „Für dich.“ Sebastian glotzte das kleine Kästchen ratlos an. „Die Sex-Nacht“, half ihm Heinz auf die Sprünge. - Langes Gesicht drückte plötzlich große Enttäuschung aus. „Oh, danke. Ich dachte nur, daß…“ Er ließ den Satz unvollendet und bedeutete seinem Gast mit einer Armbewegung, ihm zu folgen. - „Was dachtest du denn?“ hakte Heinz nach, wohl wissend, warum sein Kunde enttäuscht war. Dieser hüllte sich in Schweigen, und so stochterte der Lohnschreiber weiter. „Du dachtest doch wohl nicht, daß ich das Buch noch habe?“ Lange murmelte eine Antwort. „Ich mußte meinem Kontaktmann das Objekt heute morgen zurückgeben, sonst hätte er die Sache auffliegen lassen. Zudem warst du die letzten Tage nicht erreichbar.“ - Sebastian antwortete nicht direkt, sondern brummte: „Stör’ dich nicht an den vielen Kisten, bin eben gerade erst eingezogen. Naja, vor einem halben Jahr oder so.“ Heinz bewunderte die große, helle Wohnung; kein Vergleich zu dem alten Kasten, in dem er hauste. Während Sebastian den Rechner hochfuhr, erzählte er belanglose Dinge über seinen Umzug. Heinz horchte erst auf, als er aus dem Zusammenhang einen interessanten Aspekt über seinen Kunden erfuhr, der ihm bislang verborgen geblieben war. Bis jetzt war Heinz davon ausgegangen, daß Sebastian innerhalb der Stadt umgezogen war, doch er war von einer anderen Universität gewechselt. - „Ich werde langsam unvorsichtig“, schimpfte Heinz mit sich selbst, „früher habe ich von Andreas im AStA die Daten meiner Kunden überprüfen lassen. Bloß weil er letztes Jahr anfing herumzuzicken, lasse ich mich jetzt übertölpeln. Ich sollte Andi vielleicht mal ins Kino einladen.“ Behutsam fragte der Mietschreiber nach, und der Student antwortete unbefangen, daß er nur wegen seiner Diplomarbeit an die hiesige Universität gewechselt sei, da die Wissenschaftsgeschichte an seiner alten alma mater nur ein Schattendasein führe. Während Sebastian den USB - Stick anschloß, schwärmte er weiter von den Studienbedingungen an seiner neuen Hochschule. Das Objekt seiner Bewunderung wechselte übergangslos, und er gab mit vielen „Ochs“ und „Achs“ seiner Überraschung über die Qualität der Digitalkopien Ausdruck. Letztlich gewann jedoch die Enttäuschung Oberhand, und er seufzte traurig. - „Wenn ich jetzt das Original hätte…“ Er hatte darauf gehofft, den Einband und das Papier genauer untersuchen zu können, um vielleicht verborgene Seiten oder Textstellen zu finden. - „Bist du irre?!“ platzte es aus Heinz heraus, vor dessen innerem Auge sich Manni in den Leibhaftigen verwandelte, das zerfledderte Buch in der einen, den Dreizack in der anderen Klaue. „Ich müßte dich umbringen, dann hätte es wenigstens noch einen Sinn, wenn mich mein Lieferant anschließend killt. - Der Möchtegern-Alchimist prustete verächtlich und stand auf. „Komm’ mal mit.“ Der Hausherr führte Heinz in ein weiteres Zimmer, in dem zwar auch allerhand Kisten herumstanden, an dessen Wänden sich jedoch gut gefüllte Bücherregale befanden. Sebastian ging auf eines der Regale zu und griff nach zwei Bänden. Mit einer Bewegung, die lässig aussehen sollte, aber höchste Sorgfalt verriet, übergab er die Bände an seinen Besucher. Der Ghostwriter erkannte instinktiv, daß die beiden Objekte in seinen Händen wirklich alt und wertvoll waren. Er begutachtete die Bücher und nickte anerkennend. „Wenn ich Bücher seziere, merkt man das anschließend nur unter dem Mikroskop“, behauptete Sebastan Lange selbstsicher. - In seinem Inneren spürte Heinz den immer größer werdenden Neid auf den Reichtum Sebastians, den die ganze Wohnung ausstrahlte. Heinz wußte, daß er durch seinen heimlichen Nebenjob vielleicht einmal zu Geld kommen, bei seiner Veranlagung aber niemals den Mut besitzen würde, das Erreichte sichtbar zu zeigen. Er beschloß, der depressiven Phase ein Ende zu bereiten und sprach seinen Kunden auf das wöchentliche Honorar an. Auf Sebastians Gesicht spiegelte sich Enttäuschung ab. Offensichtlich wollte der Student noch weiter über seine Schätze fachsimpeln. Doch der Mietschreiber schob einen wichtigen Termin vor und versicherte dem jungen Mann, an einem längeren Treffen in der Wohnung sehr interessiert zu sein. Dadurch war Lange offensichtlich wieder versöhnt, denn er drückte Heinz kurz darauf ein dünnes Bündel Geldscheine in die Hand. Der Empfänger ließ die Scheine wie zufällig durch seine Finger streifen und stellte erfreut fest, daß der Betrag erneut höher ausgefallen war als erwartet.


Heinz hatte es plötzlich eilig. Nicht nur wegen der plötzlichen Neidattacke, sondern auch aus beruflichen Gründen; aber eigentlich hing beides zusammen.

Er hatte das ganze Wochenende über dem kopierten Buch gebrütet und versucht, dem kruden Text einen verständlichen Sinn abzuringen; er hatte sich sogar aus der Zentralbibliothek ein mehrbändiges Latein-Wörterbuch ausgeliehen. Umsonst. Der Ghostwriter hatte jeden einzelnen Satz überprüft und - soweit möglich - in einem Dutzend Varianten übersetzt. Durch diese unglaubliche Fleißarbeit war Heinz tatsächlich in einigen Passagen der Lösung des Rätsels ein kleines Stückchen näher gekommen. Doch im großen und ganzen weigerte sich der unbekannte Autor standhaft, seine Erkenntnisse mitzuteilen.

Frustriert und mit Kopfschmerzen hatte sich Heinz schließlich in seinen betagten Golf gestiegen, um seinen Frust auf der Autobahn abzureagieren. Bei Tempo 140 hatte der Motor durch ungute Geräusche deutlich Protest angemeldet, den der Fahrer jedoch durch großzügige Beschallung der Fahrgastzelle mit seiner Hi-Fi-Anlage übertönt hatte.

Nach der Spazierfahrt hatte Heinz zwar immer noch Kopfschmerzen, doch in der ungewohnten Stille seiner vier Wände hatte er eine unheimliche Entdeckung gemacht.

Er war nicht mehr alleine. Genauer gesagt, war er nicht mehr alleine mit seinem ständigen Begleiter. Die leise Stimme, die ihn schon sein halbes Leben lang vor Bedrohungen und Fehlern aller Art warnte, hatte eine böse Schwester bekommen. Diese neue Stimme flüsterte Heinz in schmeichelndem Ton unerhörte Dinge ein.

Nun saß der Schreiber wieder an seinem Schreibtisch, doch der Bildschirm vor ihm blieb schwarz. Mit glasigen Augen starrte er den Monitor an. In seinem Kopf wisperte die neue Begleiterin und drängte den Ghostwriter, sich in die Arbeit zu stürzen. Denn je länger sich Heinz mit dem seltsamen Text beschäftigte, desto mehr verlor er seine professionelle Distanz zu seinem Auftrag. Das jedenfalls behauptete die andere, altbekannte Stimme in ihm. Was war so anders an diesem Auftrag? Lag es an Lange, an der überdurchschnittlichen Bezahlung, am Forschungsgegenstand - oder an allem zusammen? Zumindest mußte sich Heinz eingestehen, daß ihn dieser Auftrag weitaus mehr faszinierte als jede zuvor erledigte Arbeit. „Doch was will ich eigentlich erreichen?“ fragte sich Heinz staunend. „Was habe ich davon, wenn ich Sebastian triumphierend die Lösung des Rätsels präsentiere? Einen Extra-Bonus? Wird er mich lobend in seiner Arbeit erwähnen?“ Warum tue ich nicht einfach das, wofür ich bezahlt werde, so wie früher auch?“ Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Dank der neuen Beraterin in seinem Kopf erkannte er zuvor ungeahnte Möglichkeiten; er malte sich aus, wie es wäre, wenn nicht sein Kunde, sondern er selbst die Arbeit vorlegen würde - und damit den akademischen Ruhm erhielte, den er seiner Meinung nach längst verdient hatte. „Warum bin ich nicht früher darauf gekommen? Was will mir Lange anhaben? Sich bei der Uni beschweren, daß ich für ihn nur die Arbeiten erledigen sollte, die er eigendlich hätte selbst machen müssen? Das ist jetzt meine Chance!“ Und eine begeisterte Stimme in ihm überlegte laut, wie man Sebastian Lange am besten ausbooten könne.

Doch vorher mußte er noch ein kleines Problem lösen. Heinz seufzte schwer. „Was will uns der Autor damit sagen?“ wiederholte er eine Phrase, die er im Deutschunterricht bis zum Erbrechen gehört hatte. Trotz der wispernden Motivationsversuche in seinem Kopf ging Heinz in die Küche und bereitete sich in der Mikrowelle sein Mittagessen zu. Mit einem Teller und einem Glas bewaffnet betrat er das Wohnzimmer, wo er aus Gewohnheit den großen Fernseher einschaltete. Es lief ein Regionalprogramm. Eine elegant gekleidete, stark geschminkte Frau in mittleren Jahren verkündete stolz die Fusion der heimischen Sparkasse mit einem größeren Geldinstitut.

Nachdem er sich gestärkt hatte, begab sich Heinz erneut an die Dekodierung der ‚Nox Sexta’. Stunde um Stunde verbrachte er vor dem Computer bis ihm die Augen schmerzten. Immer wieder stand der Mietschreiber vor dem Aufgeben, doch jedesmal überzeugte ihn die neue innere Stimme davon, bald einen Durchbruch zu erreichen. Der kam zwar nicht, doch Heinz glaubte der Stimme jedesmal aufs neue und ließ sich für eine gewisse Zeit für die stumpfe Arbeit begeistern.


Der Suchende wurde geradezu immer tiefer in den kryptischen Text hineingezogen. Bald kreisten Heinz’ Gedanken Tag und Nacht um jenes verfluchte Buch. Eines Tages glaubte er sich so dicht vor dem Ziel, daß er einen der Hiwis anrief und ihn bat, für ihn die Aufsicht in der Seminarbibliothek zu übernehmen; eine Sache, die noch nie passiert war, denn für gewöhnlich achtete Heinz genau darauf, seinen offiziellen von seinem inoffiziellen Job zu trennen. Er vernachlässigte seine Hygiene und Ernährung, Dinge, auf die er früher großen Wert gelegt hatte. Seltsamerweise meldete sich sein Klient gar nicht, obwohl es seit seinem Besuch in Sebastians Wohnung zu keinem weiteren Kontakt mehr gekommen war.


Stöhnend erwachte Heinz aus seinem unruhigen Schlaf. Er blinzelte noch einige Sekunden in die Dunkelheit, dann ließ er - ohne die Augen zu öffnen - seine Hand auf den Wecker fallen und brachte den Quälgeist zur Ruhe. Heinz stand auf, griff mit eine routinierten Bewegung an das Bettende, wo ein Bademantel lag, und wankte ins Arbeitszimmer. Dort endlich knipste er ein Licht an und ließ sich auf den Bürostuhl fallen. Draußen war es noch dunkel, der Herbst kündigte sich an. Vor einigen Tagen hatte die vertraute warnende Stimme die Oberhand über Heinz gewonnen und ihm klargemacht, daß er sich zugrunde richte. Seitdem hielt sich der Auftragsschreiber nach einem strikten Programm. Sieben Uhr: aufstehen, eine Stunde Arbeit; danach ein ausgiebiges Frühstück, gründliche Körperhygiene und Umziehen. Und so blickte ein mit sich zufriedener Mann gegen neun Uhr in den Spiegel. Er sah tatsächlich wieder wie ein Mensch aus.

Vor einigen Tagen hatte Heinz den Schwerpunkt seiner Forschungen verlagert. Überzeugt davon, in dem Text nichts Wichtiges zu finden, widmete sich der Schreiber nun den Abbildungen. Ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten hatte Heinz sich auf seinen Namen in mehreren Bibliotheken Fachliteratur zu den Themen Kabbala, Okkultismus und allgemeine Symbolik ausgeliehen; er hatte sich sogar mehrere Werke neueren Datums im Internet bestellt. Schnell war dem Forscher klargeworden, daß die Zeichnungen Elemente aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen beinhalteten, am häufigsten aus dem arabischen Raum. Doch eine Entschlüsselung der Abbildungen stand noch in weiter Ferne.

Heinz fragte sich nicht zum ersten Mal, ob Sebastian und er nicht einem Hochstapler aufgesessen waren, einem Angeber, der vor seinen alchimistischen Kollegen prahlen wollte. ‚Seht her, ich habe arabische, jüdische und andere Bücher gelesen und ihr nicht!’. Von einem früheren Auftrag her wußte Heinz, daß mittelalterliche Schreiber in Urkunden oder Büchern zuweilen griechische oder hebräische Buchstaben sinnfrei aneinandergereiht hatten, nur um die Leser mit ihrem Halbwissen zu beeindrucken.

Der Lohnschreiber ging gereizt in seiner Wohnung auf und ab. Die alte, warnende Stimme hatte ihn schon fast davon überzeugt, die Bücher zurückzugeben und sich dem eigentlichen Auftrag zu widmen, da klingelte das Telephon. Das Gerät hatte sich schon seit Tagen nicht mehr gemeldet. Offenbar wurde er von niemandem vermißt. Im Institut hatte er sich krankgemeldet, was ihm angesichts des trüben Wetters sofort geglaubt worden war. Im Display stand Langes Handynummer. Heinz hatte sich kaum gemeldet, da drang ein aufgeregtes Keuchen an sein Ohr. - „Ich hab’s! Ich habe die Lösung gefunden!“ - Vor Heinzens Augen drehte sich alles. In seinem Kopf schrillte die neue Stimme und nannte ihn einen faulen Versager. Der Ghostwriter wollte den Anrufer anschreien, doch aus seiner Kehle kam nur ein krächzendes ‚Was?’. Durch das Keifen in seinem Kopf konnte Heinz gerade noch Sebastians letzten Satz verstehen, bevor dieser das Handy ausschaltete. - „Ich bin in fünf Minuten bei dir.“

Das war völlig gegen die Regeln. Noch nie hatte ein Kunde seine Wohnung betreten. Doch der Lohnschreiber war von der Neuigkeit noch so groggy, daß er automatisch den Knopf des Türöffners drückte als es klingelte. Genauso mechanisch öffnete er nur Augenblicke später seine Wohnungstür und ließ den Besucher ein.

Sebastian Lange sah gehetzt aus. Er kam ohne Begrüßungsfloskeln zur Sache. „Ich will’s kurz machen. Ich brauche nochmal die ‚Ambulatiunculae’“. - Heinz glotzte den Eindringling verständnislos an, sodaß sich Sebastian genötigt sah, seine Forderung zu wiederholen. Benommen murmelte der Schreiber etwas von ‚USB’ und ‚Kopie machen’, doch schien dieses Angebot den Alchimisten nur noch aufgebrachter zu machen. - „Ich will das echte Buch, du Idiot! Das echte, physische Buch mit Einband und Seiten.“ - Diese Sätze brachen den Bann, und Heinz erwachte aus seiner Lethargie. Reflexartig hatte er eine Antwort parat. „Das ist unmöglich.“ Nach kurzem Überlegen schob er hinterher: „Es war schon letztes Mal schwierig, meine Quelle zur Lieferung zu überreden. Nochmal wird’s der Kerl nicht machen.“ - Der verhinderte Alchimist atmete tief durch und blickte dann Heinz ernst an. „Hör’ gut zu, ich sage das nur ein einziges Mal. Ich stehe kurz vor einem wichtigen Durchbruch. Dafür brauche ich das Original-Buch. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder lasse ich die Sache weiterhin über dich laufen; du sagst mir, was und wieviel du brauchst, und ich bezahle. Mir ist egal, wieviel von der Knete du selbst einsteckst und wieviel du tatsächlich für deine Aufwendungen bezahlst.“ Sebastian machte eine Kunstpause. „Oder ich entlasse dich hier auf der Stelle, du übergibst mir alle Unterlagen und Daten, und wir sehen uns nie wieder. Natürlich weiß ich, woher das Buch stammt, und ich werde es bekommen, selbst wenn ich dafür dem Hausmeister einen Urlaub auf den Bahamas spendieren oder die Sekretärin flachlegen muß! Ich werde das Buch bekommen“, wiederholte der Student erregt. „Die Frage ist nur, ob du von meinem Erfolg profitieren willst oder nicht.“ - In Heinz überschlugen sich die Gefühle. Er hatte bislang immer hervorragende Ergebnisse geliefert und war es nicht gewohnt, von einem Kunden derartig unter Druck gesetzt zu werden. „Irgendetwas läuft hier falsch“, sinnierte der Ghostwriter panisch. „Ich hätte den Auftrag nie annehmen dürfen!“ - Lange nahm das Schweigen seines Gegenübers zum Anlaß, sich weiter zu ereifern. „Ich habe zuviel Zeit in dieses Projekt gesteckt, um kurz vor einem wichtigen Durchbruch aufzugeben. Also: machst du weiter, oder bist du draußen?“ Der Student biß sich erregt auf seine schmale Unterlippe, mit fiebrigen Augen funkelte er Heinz durch die randlose Brille an. - Dieser erkannte den Ernst der Lage und suchte nach Worten. „Ich…ich…brauche Zeit“, stammelte er, „meine Quelle wird mir das Buch nicht mehr so ohne weiteres überlassen. Ich muß einen Plan schmieden, Vorbereitungen treffen. Gib mir Zeit!“ - Beinahe sofort hellte sich das zuvor verkniffene Gesicht Sebastians auf. „Natürlich, Heinz. Die bekommst du auch“, beruhigte der Alchimist seinen Zuträger, und das freundliche Lächeln verwandelte sich in ein boshaftes Grinsen. „Von mir aus sogar bis Freitag“, setzte er hinzu. - „Das ist mein Satz!“ schoß es Heinz durch den Kopf, doch so etwas sagte er seinem Auftraggeber natürlich nicht. Stattdessen murmelte er etwas von ‚zu kurzfristig’ und ‚eventuellen Ausgaben’. - Lange holte aus seiner Gesäßtasche ein Portemonnaie hervor. „Reicht das für den Anfang?“ Angesichts der beiden Hunderter setzte beim Ghostwriter sofort vermehrter Speichelfluß ein. Er mußte mehrmals schlucken, bis er seinen Körper wieder unter Kontrolle hatte; dann grapschte er wortlos nach den Scheinen.


Der nicht mehr ganz junge Mann blickte Heinz skeptisch in die Augen. Mit seinem säuberlich gestutzten Schnäuzer, dem frisch rasierten Gesicht und der sauberen, wenn auch etwas altmodischen Kleidung machte er auf den Lohnschreiber einen soliden Eindruck. Als der Mann dann auch noch einen gelassenen Gesichtsausdruck aufsetzte, war Heinz richtig begeistert. Zufrieden bertrachte er sich noch einmal im Spiegel der Modeabteilung des Kaufhauses, dann strebte er dem Ausgang zu. Der Ghostwriter konnte immer wieder darüber staunen, wie gut er sich wieder in Form gebracht hatte. Angesichts der letzten Tage ein kleines Wunder. Er hatte beinahe jeden Bekannten abgeklappert, inklusive mehrerer Ex-Kommilitonen und Dozenten; er war sogar die lange Strecke nach Münster gefahren, um dort schließlich die Objekte seiner Begierde zu kaufen. Zu kaufen! Von den 200 Euro war nicht nur nichts mehr übrig, er hatte bei den Spritkosten auch noch drauflegen müssen. Dabei konnte sich der Schreiber nicht einmal sicher sein, ob er mit den erworbenen Gegenständen an sein Ziel gelangte. „Nun, in einer Viertelstunde wissen wir mehr“, murmelte Heinz auf seinem Weg zur katholischen Fakultät.


Manni hatte keine Chance. Der Auftragsschreiber hatte ihn geschickt abgepaßt. Der Dozent versuchte noch, durch angestrengtes Ignorieren und eine Beschleunigung des Schrittempos zu entkommen, doch der Jäger war entschlossen, seine Beute nicht mehr entkommen zu lassen. „Ich will nicht lange drumherumreden“, begann Heinz, neben Manfred herlaufend, die Konversation. „Ich brauche das Buch nochmal.“ Der Lohnschreiber hatte sich lange auf dieses Gespräch vorbereitet, hatte sich auf jede ihm denkbare Antwort ein Gegenargument überlegt, doch mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Manni begann aus vollem Halse zu lachen. Dabei beschleunigte er sein Tempo noch. Heinz war so perplex, daß er stehenblieb und dem davoneilenden Dozenten einen wertvollen Vorsprung schenkte. Nach einigen Sekunden hastete Heinz seinem Bekannten hinterher. Statt eines coolen Auftretens legte der Ghostwriter nun ein flehendes Betteln an den Tag. Damit erreichte er zumindest, daß der Dozent stehenblieb. - „Ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht“, verriet der Theologe. „Wenn du mich anschwärzen willst, dann tue das. Ich habe damals einen Fehler gemacht und bin bereit, jetzt dafür zu zahlen. Aber ich lasse mich nicht weiter von dir erpressen!“ - Der Angesprochene erkannte im Gesicht seines Gegenübers wilde Entschlossenheit. Der Ghostwriter gestand sich ein, momentan nicht weiterzukommen und änderte seine Strategie. Er setzte den antrainierten gelassenen Gesichtsausdruck auf und zuckte mit den Schultern. „Ich sehe, du bist sehr erregt. Am besten, du läßt dir die Sache durch den Kopf gehen. Wir können ja morgen nach dem Vortrag weiterreden, ja?“ - „Welcher Vortrag?“ Manfred war verwirrt, seine Entschlossenheit im Schwinden begriffen. - „Na, morgen in Münster, der Vortrag von Professor Fabini über das Papsttum in der Renaissance. Ich dachte, du-“ Weiter kam der Schreiber nicht. - „Du bist nicht in Münster!“ fauchte Manni. „Fabini hält nur diesen einen Vortrag in Deutschland. Es wird eines der wenigen akademischen Highlights in diesem Jahr werden. Für die Veranstaltung wurden Platzkarten ausgegeben, die mittlerweile bei ‚Ebay’ versteigert werden. Zu horrenden Preisen“, setzte der Theologe zerknirscht hinzu. - „Ach, hast du etwa keine Karte?“ fragte Heinz unschuldig. - „Und du auch nicht!“ behauptete Manfred. - Betont langsam griff der Ghostwiter in seine Jacke und holte zwei Billets hervor. „Dritte Reihe, fast genau dem Rednerpult gegenüber.“ Heinz beobachtete fasziniert, wie sich Mannis Gefühle auf seinem Gesicht widerspiegelten. Mehrmals bewegte sich die Hand des Dozenten auf die Karten zu, doch immer wieder zuckte sie zurück als habe sich ihr Besitzer verbrannt. Schließlich war der Kampf um die Seele des Theologen entschieden. - Die Hand schoß nach vorne. „Ich hasse dich.“


Heinz wanderte nervös vor der grauen Stahltür auf und ab. Er hoffte inständig, daß der Plan funktionierte. Wenn alles so lief wie bislang, hatte er seinen Job in wenigen Minuten erledigt und war um ein hübsches Sümmchen reicher. Manni hatte gewartet, bis die Sekretärin im Feierabendtrubel ihr Büro verlassen hatte und sich den Schlüssel für die Stahltür geschnappt. Nun beobachtete der Theologe oben im Erdgeschoß den Wachmann. Es galt, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, denn das Öffnen der Tür ließ in der Kabine des Wächters ein rotes Lämpchen aufleuchten. War das Gebäude offiziell geschlossen, sprang zusätzlich ein Videorekorder an und zeichnete die Bilder einer Kamera im Bücherraum auf. Tagsüber, während der Öffnungszeiten, übertrug die Kamera zwar Bilder, doch sie wurden nicht aufgenommen. Das hatte jedenfalls Manfred behauptet. Ein Summen durchbrach die Stille im Untergeschoß und ließ Heinz zusammenzucken. Umständlich holte er den für ihn ungewohnten Apparat aus seiner Jackentasche, drehte ihn ein paarmal unschlüssig in den Händen und drückte schließlich eine Taste auf dem Handy.

Lange hatte ihm eines seiner Handys geliehen, da Heinz kein eigenes besaß. Der Lohnschreiber freute sich immer noch über diesen Coup. Sollte bei dieser Aktion etwas schiefgehen, hing sein Klient mit drin. Der Ghostwriter war fest entschlossen, nicht alleine die Verantwortung zu übernehmen, denn dieser Auftrag hatte Dimensionen angenommen, die weit über das Übliche hinausgingen.

„Na endlich!“ zischte Mannis Stimme aus dem Gerät. „Der Wachmann hilft gerade einem Studenten, der seinen Spindschlüssel verloren hat. Du kannst rein!“ - Das ließ sich der Angesprochene nicht zweimal sagen. Er rammte den Schlüssel in den gezackten Schlitz, drehte ihn nach links und riß die Tür auf. Vom Gang her fiel etwas Licht in den Raum. Von Manfred wußte er, wo der Lichtschalter angebracht war. Der Bücherdieb hatte lange an der passenden Vorgehensweise getüftelt. Um jedoch für den Fall, daß jemand an der Tür vorbeikam, nicht sofort Verdacht zu erregen, hatte Heinz sich gegen eine Taschenlampe entschieden. Zumindest war er dunkel gekleidet und hielt seinen Kopf gesenkt. Mühsam unterdrückte der Eindringling den Wunsch, nach der Kamera zu suchen. Dank Mannis Beschreibung fand er schnell die Position des begehrten Buches. Aufgeregt riß Heinz das okkulte Werk aus dem Regal und überprüfte kurz nochmals seine Identität.

„Was haben Sie denn da? Kann ich das mal sehen?“ - 10.000 Volt rasten durch Heinz’ Körper. Instinktiv preßte er das Buch an sich, dann wirbelte er herum. Vor der Tür standen zwei ältere Herren. Der eine trug die Uniform einer Wach- und Schließgesellschaft und grinste zufrieden; der andere war korrekt in einem grauen Anzug gekleidet und starrte den Dieb mit rotem Kopf zornig an. Der Ertappte erkannte den Dekan des Fachbereiches. In Sekundenbruchteilen schossen dem Dieb seine Handlungsmöglichkeiten und die jeweiligen Konsequenzen durch den Kopf. Bevor sich sein Verstand jedoch für eine Variante entscheiden konnte, hatten die Urinstinke Besitz vom Körper des Ghostwriters ergriffen. Er stürmte blindlings auf die beiden Männer zu, erwischte die kleine Lücke zwischen den beiden Körpern und rempelte beide zur Seite. Offenkundig hatten sie nicht mit Gegenwehr gerechnet, denn der Ansturm traf sie völlig unvorbereitet. Auf dem Flur vollführte der Flüchtende eine 360-Grad-Drehung, um sich zu orientieren. Dabei kam auch das bleiche, verschreckte Gesicht Manfreds in sein Blickfeld. Heinz nahm sich die Zeit, sich nochmals zu seinem Lieferanten zu drehen und mit dem Arm anklagend auf den Theologen zu deuten. „Judas!“ zischte er, dann hetzte er los. - In seinem Rücken erklang Mannis kreischende Stimme. „Gib auf! Du machst alles nur noch schlimmer!“ - Doch Heinz dachte gar nicht ans Aufgeben. Sein Blick war auf einen Punkt am Ende des Ganges fixiert. Das Blut rauschte in seinen Ohren, er hörte sein eigenes Keuchen und seinen rasenden Herzschlag. Der rettende Hebel kam immer näher. Er streckte den freien Arm aus, riß den Hebel der Notöffnung herunter und warf sich gegen die Tür. Der kalte Herbstwind traf ihn wie ein Schlag und hätte ihn beinahe von den Beinen gefegt. Hektisch suchte Heinz nach einem möglichst dunklen Fluchtweg. Dann rannte er los. In seinem Gehirn war nur noch Platz für ein einziges Wort. „Scheiße Scheiße Scheiße Scheiße“

Ein schriller Pfiff. Sein Name. Panisch blickte der Angesprochene um sich. In kurzer Entfernung konnte er im Dunkel eine Gestalt ausmachen. Erst als er erneut angesprochen wurde, erkannte er Sebastians Stimme. Der Flüchtling rannte auf den Schatten zu. - „Hast du’s?“ fragte Sebastian aufgeregt. - „Reingelegt…Mistkerl… Scheiß-Wachmann…muß weg“, röchelte Heinz. - „Hast du das Buch?!“ herrschte ihn Lange an und packte ihn an den Schultern. - „Ja“, gurgelte der Ghostwriter. - „Dann komm mit“, befahl der Student und zerrte Heinz an der Jacke. - Während Heinzens Gehirn langsam wieder mit ausreichend Blut versorgt wurde, fragte sich der Schreiber besorgt, was sein Klient wohl mit ihm angestellt hätte, wäre die Antwort negativ ausgefallen. Doch bevor er zu einer Entscheidung gekommen war, wurde er mit der nächsten Überraschung konfrontiert. - „Steig ein“, kommandierte Sebastian und hielt eine Wagentür auf. - Schräg gegenüber auf der Fahrerseite erkannte Heinz einen weiteren Schemen. „Wer ist das?“ - „Sie arbeitet für mich“, lautete Langes knappe Antwort, und der Student drängte den Flüchtling in die Heckbank des Wagens. Sebastian knallte die Tür zu und lief zur anderen Seite, wo er den hinteren Schlag öffnete und sich neben Heinz in den Sitz warf. Auch die Fahrerin stieg ein und gab sofort Gas.

Erst nach einigen Minuten hatte sich Heinz soweit beruhigt, daß er seine Umgebung bewußter wahrnahm. Das Fahrzeuginnere war mit leisem Rauschen, Stimmen und elektronischen Signalen erfüllt. Als die Fahrerin auch noch ihre rechte Hand vom Lenkrad nahm und etwas am Armaturenbrett einstellte, war es mit der Ruhe des Lohnschreibers vorbei. Die Umgebung des Wagens wurde von grellen blauen Blitzen erleuchtet. Heinz keuchte erschreckt auf. - „Keine Panik“, beruhigte ihn sein Sitznachbar. „Darf ich vorstellen: Kriminalkommissarin Runger. Sie bringt uns in Sicherheit.“ - „Kriminaloberkommissarin“, kam aus dem Halbdunkeln von vorne eine näselnde, beleidigte Stimme. „Und wie kommen Sie überhaupt darauf, daß ich für Sie arbeite? Sie sind ziemlich anmaßend für einen Akolythen.“- Zu Heinz’ Überraschung gab sich sein Auftraggeber plötzlich sehr kleinlaut. - „Tut mir leid. Aber ich mußte meinen Freund in einer Streßlage schnell beruhigen, da konnte ich doch nicht lange Erklärungen abgeben“, rechtfertigte sich Sebastian. „Wenn Sie wollen, werde ich für meine Worte Buße tun. Doch wie lautet unser Motto: ‚institutum consecrat instrumentum’.“ Die Fahrerin gab ein Schnauben von sich. „Womit wir beim Thema wären“, wandte sich Sebastian nun an seinen Mitfahrer. Er schaltete die hintere Deckenbeleuchtung ein und hielt die Hand auf. Heinz übergab ihm das Buch. Mit glänzenden Augen betrachtete der Student den Gegenstand, ließ seine Hände andächtig über den Einband streichen, roch sogar an dem Buch. Langsam schlug er die erste Seite auf. „Das ist es“, flüsterte er heiser. - Der Ghostwriter nahm sich inzwischen die Zeit und betrachtete die Frau hinter dem Lenkrad genauer. Er schätzte die Fahrerin auf etwa Mitte fünfzig; sie hatte ein rundes Gesicht und schien nicht mehr allzu schlank zu sein, doch fand sie der Betrachter auf eine herbe Art attraktiv. Früher mußte sie eine echte Schönheit gewesen sein. Der Schreiber wandte seinen Kopf, da etwas die schummerige Beleuchtung noch mehr verdunkelte. - Sebastian hielt das dünne Buch näher an die Lampe heran, als wollte er ein Detail genau studieren. Dann kicherte er und löschte das Licht. „Superklasse, wirklich“, versicherte Sebastian seinem Nebenmann und klopfte ihm auf den Oberschenkel. - „Glück gehabt“, näselte die Frauenstimme von vorne. „Angesichts der Tragweite unseres kleinen Diebstahls gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wird alles alarmiert, was bei Drei nicht auf den Bäumen ist, oder sie wickeln das Ganze möglichst lautlos ab.“ Frau Runger ließ sich zu keiner weiteren Erklärung herab, sondern betätigte einen Schalter. Das Blaulicht erlosch.

Der Wagen hatte die Autobahn erreicht. Die Insassen wurden gegen die Polster gedrückt, als die Kommissarin beschleunigte. Bewundernd registrierte Heinz, daß das Motorengeräusch kaum lauter wurde. „Wenn ich aus dieser Sache heile rauskomme, dann werde ich Lange eine Rechnung präsentieren, die es in sich hat“ schwor sich der Mietschreiber. „Dann ist’s vorbei mit der Heimlichtuerei. Dann will ich auch einen modernen Wagen und eine vernünftige Wohnung und einen richtigen Job. Mir egal, wie Sebastian das gedeichselt bekommt. Seine reichen Eltern werden ja wohl Beziehungen haben.“ Unter dem Eindruck solch angenehmer Gedanken schlief Heinz ein, während das Fahrzeug über die Autobahn flüsterte.


Als er das Gleichgewicht verlor, erwachte Heinz. - „Na, ausgeschlafen?“ begrüßte ihn Sebastians Stimme aus dem Dunkel. „Du hast die ganze Fahrt über tief geschlafen.“ - „Vor allem laut“, nörgelte die Frauenstimme von vorne. - „Aber du bist genau zum richtigen Zeitpunkt aufgewacht. Wir sind da“, erklärte Sebastian. - Neugierig blickte Heinz aus den Fenstern. Soweit er es in der Dunkelheit ausmachen konnte, waren sie von der Straße abgebogen und fuhren nun durch eine Art Park; in einiger Entfernung konnte er ein großes Gebäude ausmachen. „Ist das ein Schloß oder sowas?“ - „Ein alter Herrensitz, der schon seit langem im Besitz unseres Ordens ist“, erklärte der Student. Heinz wollte nachfragen, welcher Orden gemeint sei, doch das Fahrzeug war am Ziel angekommen. Die Fahrerin ließ den Wagen vor dem großen Aufgang ausrollen. „Oh, sind ja heute viele da“, freute sich Sebastian beim Aussteigen. Heinz erkannte im Dämmerlicht der Treppenbeleuchtung einige weitere Autos. „Es gibt ja auch einiges zu feiern“, frohlockte Lange. - „Nicht so voreilig, junger Mann“, warnte Kommissarin Runger ernst. - Ohne eine Antwort zu geben, eilte Sebastian die Treppen hinauf und verschwand im Gebäude.

Das Innere entsprach den Vorstellungen, die sich Heinz in den letzten Minuten gemacht hatte. Den Blickfang bildete eine große Treppe, die in den ersten Stock führte, wo eine Galerie die Halle umrahmte. Einzig das Boden-Mosaik in der Mitte der Eingangshalle verwirrte ihn. Es handelte sich um ein großes rundes Emblem, in dem unter anderem ein aufgeschlagenes Buch und ein Reagenzglas abgebildet waren; zudem sah er weitere Gegenstände, die er nicht zuordnen konnte sowie - im Hintergrund - tentakelähnliche Organe. In einem Außenkreis lief der lateinische Wahlspruch um, den Sebastian im Auto zitiert hatte und den Heinz auch diesmal nicht übersetzen konnte.

Die Aufmerksamkeit des Besuchers wurde durch das Auftauchen einer Gestalt auf der großen Treppe in Anspruch genommen. Die Person war in eine seltsame Robe gehüllt, eine Kapuze verdeckte das Gesicht. Als sie den Fremden erblickte, zuckte die Gestalt sichtbar zusammen und zog sich schnell wieder in einen der oberen Räume zurück. Doch bevor Heinz fragen konnte, faßte ihn Sebastian am Arm und zog ihn zur Seite. „Wir warten im Museum“, verkündete der Alchimist, und als die Polizistin scharf die Luft einzog erklärte der junge Mann: „Wir sind ihm schließlich eine Erklärung schuldig. Und das geht am besten im Museum.“ Runger winkte wortlos ab und verschwand in einem weiteren Zimmer.

„Du hast Glück“, verriet Sebastian auf dem Weg, „normalerweise lassen wir keine Fremden in dieses Haus, schon gar nicht in unsere Heiligtümer. Aber du bist unser Ehrengast. Wir schulden dir viel. Und wegen der Universität und der Polizei brauchst du keine Sorgen zu haben. Hier findet dich keiner. So, da wären wir schon.“


Staunend sah sich Heinz in dem düsteren Saal um. Punktstrahler rissen Vitrinen und Glaskästen aus dem Zwielicht; an den Wänden hingen große Mosaiken, Gobelins und Bilder, auch sie einzeln angestrahlt und teilweise sichtbar unvollständig. Neugierig wanderte der Ghostwriter zwischen den Exponaten umher. Er sah Schriftrollen, Prunkdolche, exotische Masken und Objekte, die er nicht zuordnen konnte. Bei näherer Betrachtung erkannte der Besucher, daß die Glaskästen und Vitrinen mit allerhand seltsamen Zeichen versehen waren. Er wollte gerade eines der Zeichen berühren, da wurde seine Hand weggezogen. - „Nicht anfassen“, mahnte Sebastian. „Ein mächtiger Schutzzauber der Großen Alten.“ Heinz wollte zu einer lebhaften Antwort ansetzen, doch sein Begleiter kam ihm zuvor. „Phantastisch, daß du gerade vor diesem Gegenstand stehengeblieben bist.“ Der Angesprochene drehte sich verwundert zu dem Glaskasten um; er hatte den Inhalt noch gar nicht betrachtet. Auf den ersten Blick erkannte Heinz einen altertümlichen Apparat, dessen Zweck ihm noch verborgen war. „Vor dir siehst du die vermutlich erste Tonaufnahme eines uralten religiösen Rituals. Die Aufzeichnung wurde vor über hundert Jahren in der Südsee gemacht und galt nach dem letzten Krieg lange als verschollen.“ Sebastian seufzte schwer. „Wie so viele andere Dinge auch. Aber“, sein Körper straffte sich, „mit viel Geduld und Können, etwas Glück und dem Segen der Großen Alten haben wir es geschafft, verlorenen Boden wiedergutzumachen. Und damit“, der Sprecher hielt das Buch in die Höhe, „wird uns der Durchbruch gelingen. Wir haben lange danach gesucht. Aber dann kam das Internet, und tatsächlich mußten wir nur warten bis ein übereifriger Bibliothekar die ‚Nox Sexta’ ins Online-Verzeichnis einer Bibliothek stellt. Und dann brauchten wir nur noch jemanden, der das Buch für uns abholt.“ Sebastian legte eine Pause ein, dann kicherte er. „Abgesehen davon werde ich mit dem Buch in den Zweiten Kreis aufgenommen.“

Heinz fühlte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte, wie seine Beine weich wurden. „Du hast mich belogen?“ krächzte er fassungslos. „All meine Arbeit war nicht für dein Diplom, sondern damit du“, der Schwächeanfall verschwand und machte einem Wutausbruch Platz, „in eine beschissene Verbindung aufgenommen wirst?!“ Die Wut verging so schnell wie sie gekommen war. Der Lohnschreiber fühlte sich elend, irgendwie benutzt, schmutzig. Er verspürte den Drang, sich stundenlang unter eine Dusche stellen zu müssen, doch er wußte genau, daß dies nichts nützen würde. - „Aber nicht doch“, korrigierte der Gescholtene fröhlich. „Dies hier ist keine Burschenschaft. Wir beschäftigen uns mit etwas Ernsthaftem, Heiligem. Wir treiben Forschung und Studien. All diese Dinge hier“, er holte mit beiden Armen weit aus, „gehören zu dieser Religion, die ich eben erwähnt habe. Und ich habe dich nicht wirklich belogen. Ich brauche dieses Buch tatsächlich für meine wissenschaftlichen Experimente. Komm mit.“

Erneut faßte Sebastian seinen Begleiter am Arm und zog ihn mit sich an den Rand des Ausstellungsraumes, der in beinahe völliger Dunkelheit lag. Heinz konnte mit Mühe die Umrisse einiger Tische und Stühle ausmachen. „Wo ist denn…? Hier muß doch irgendwo…“, vernahm der Lohnschreiber das Murmeln seines Auftraggebers, das aus dem schwarzen Nichts kam. „Na also!“ triumphierte der Alchimist. Sekunden später leuchtete die kleine Flamme eines Feuerzeuges auf. Nach und nach zündete Lange die Kerzen auf einem mehrarmigen Leuchter an, und es wurde angenehm hell. Sebastian stellte den Leuchter auf einen der Tische und legte das Buch ab. Er atmete tief durch, knetete übertrieben seine Hände und bat mit einer Handbewegung Heinz zu sich. „Jetzt wird’s spannend. Alles oder nichts.“ Der Alchimist suchte eine bestimmte Seite, doch bevor er sie ganz aufschlug, ließ er sich zu einer Erklärung herab. „Schon als ich die Zeichnungen das erste Mal sah wußte ich, daß der Text der ‚Nox Sexta’ belanglos ist. Leider nutzten mir die Zeichnungen als digitale Kopien nichts. Ich brauchte das Original. Und selbst jetzt sind die Seiten, unter normalem Licht betrachtet, wertlos. Denn diese Zeichnungen wurden zu einer Zeit angefertigt, als es noch keine Elektrizität gab.“ Mit einer dramatischen Geste schlug Sebastian die entsprechende Seite auf.

Zunächst passierte gar nichts. Der Leuchter warf ein unruhiges Licht auf die Seiten. Schatten tanzten über die Buchstaben und Linien. Doch dann, ganz allmählich, begann sich die Zeichnung auf einer der Seiten zu verändern. Linien und Kurven schienen in Bewegung geraten zu sein, Winkel verschoben sich. Zunächst glaubte Heinz an eine raffinierte optische Täuschung, er schloß die Augen, öffnete sie wieder, doch da hatte sich die Abbildung schon weiter verändert. Und sie bewegte sich immer noch. „Was ist das?“ hauchte der Ghostwriter ängstlich. - „Chemische Formeln“, erklärte Sebastian ehrfurchtsvoll. „Entwickelt, lange bevor wir Europäer ein eigenes System erdachten und für den Rest der Welt als allgemein gültig erklärten.“ - „Sieht eher aus wie arabische Ornamente“, staunte Heinz. - „Weil der ursprüngliche Erschaffer dieser Zeichnung aus dem Jemen stammte“, ertönte eine neue Stimme neben den jungen Männern. Eine dritte Person trat in das schummerige Licht. Sie war wie die Gestalt in der Eingangshalle in eine Robe gekleidet. - „Heinz, darf ich dir meinen Onkel vorstellen, Franz Lange von der Lange-Chemie. Du hast von dem Unternehmen vielleicht gehört.“ - „Klein aber fein“, schmunzelte der Neuankömmling. - „Verdammt! Was ist bloß mit mir los gewesen? Ich habe doch sonst immer Hintergrund-Recherchen betrieben. Warum ist mir das alles entgangen?“ fragte sich Heinz resigniert bevor er ein ‚Klar doch’ hervorbrachte. - „Und auch was meine Familie angeht, habe ich dich auch nicht belogen“, freute sich Sebastian. „Meine Eltern sind tatsächlich erfolgreiche Naturwissenschaftler. Leider teilen sie meine Begeisterung für die Wissenschaftsgeschichte“, jetzt mußte er grinsen, „oder die Alchimie nicht. Doch zum Glück bin ich nicht alleine.“

Dies schien das Stichwort gewesen zu sein, denn nun drängten sich auch andere Personen um den Tisch. Sie alle bestaunten die animierte Zeichnung. In dem Durcheinander gelang es Franz Lange, für kurze Zeit zu verschwinden. Plötzlich wurde der ganze Raum in helles Licht getaucht. Die Anwesenden blickten sich erstaunt um. - „Ich denke“, ertönte die Stimme des Unternehmers, „es ist Zeit, daß wir uns unserem Freund näher vorstellen.“ Lange trat neben Heinz und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Diesem ungewöhnlichen jungen Mann haben wir maßgeblich unseren neuesten Erfolg zu verdanken. Er heißt Heinz und ist ein Kommilitone meines Neffen.“ Einige Anwesende klatschten leise Beifall. „Und dies hier“, wandte sich Lange an den so Gelobten, „sind einige Mitglieder unseres Ordens. Wir mögen nicht zahlreich sein, doch es gibt uns über den ganzen Globus verteilt. Wir repräsentieren quasi eine Weltreligion:“ Die Anwesenden um Heinz herum kicherten. „Hier in Deutschland versuchen wir, eine Elite zu bilden, anderswo ist es bedauerlicherweise eher der gesellschaftliche Abschaum, der sich zu unserer Anschauung bekennt. Und damit Sie sehen, daß ich nicht übertreibe, werden meine Brüder und Schwestern jetzt ihre Kapuzen abnehmen.“ Diese Ankündigung löste einige Unruhe aus, die Lange jedoch mit aufmunternden Gesten beendete. „Kriminaloberkommissarin Runger kennen Sie ja bereits“, begann der Chemie-Unternehmer den Reigen und wies auf die Polizistin, die immer noch Zivil trug. Es folgten weitere Namen und berufliche Positionen, die aber alle an Heinz vorbeizogen. Nur ein weiteres Gesicht fiel ihm auf. Er hatte diese Frau schon einmal gesehen. Als sie ihm als Mitglied des Vorstandes eines größeren Geldinstitutes vorgestellt wurde, erinnerte er sich an eine Fernsehsendung, die er erst vor kurzem gesehen hatte. Wenn er sich nicht irrte, war es um eine Fusion gegangen. Auch die meisten anderen Anwesenden hatten wichtige Stellungen zumindest auf lokaler Ebene inne oder waren im Begriff, die Karriereleiter hochzuklettern. Lange schien die Gedanken seines Gastes erraten zu haben. „Wir drehen vielleicht nicht die ganz großen Räder, dafür fallen wir aber weniger auf, und das ist auch gut so. Klein aber fein, ich kann es immer nur wiederholen“ Wieder lachten die Anwesenden. „Herrschaften, es ist soweit!“ kommandierte Lange. Der Pulk setzte sich in Bewegung. - Sebastian drängte Heinz vorwärts. „Jetzt kommt die Hauptattraktion“, verriet er voller Vorfreude. - „Ich glaube nicht, daß mir das alles hier gefällt“, zischte der Schreiber seinem Auftraggeber zu. - Doch der Student schob Heinz einfach weiter. „Quatsch, jetzt wirst du etwas sehen, da werden dir die Augen übergehen.“ Er legte eine Pause ein und fragte dann mit gespielt gleichgültigem Ton: „Weißt du, was ein Shoggothe ist?“


Sie hatten ihn eine Treppe hinuntergedrängt; nun stand er in einem düsteren Raum mit einem Loch in der Mitte - einem großen und tiefen Loch. Eine der Roben-Gestalten betätigte einen Mechanismus, und eine Stahlbrücke wurde über den Abgrund geschwenkt. Heinz wehrte sich nach Kräften, doch Sebastian und die Sparkassen-Frau drängten ihn auf die Metallkonstruktion. Mit wachsender Sorge nahm Heinz wahr, daß die Brücke an den Seiten nur rudimentäre Geländer besaß und am vorderen Ende gar keines. Dies war umso besorgniserregender, da die Brücke mitten über dem Loch endete.

Der Ghostwriter war praktisch ein Gefangener. Rechts neben ihm stand Sebastian, hinter ihm die Frau. Beide starrten fasziniert in das Loch hinein, sodaß auch Heinz dem Drang nicht widerstehen konnte. Er sah - nichts. - „Licht!“ kommandierte Lange Junior neben ihm, und beinahe sofort gleißte an der Decke über dem Loch ein starker Scheinwerfer auf. - Und Heinz sah. Sah das Ding, das nachtschwarze Ding, den Nachtmahr. Er wußte, er würde nie wieder einen ruhigen Schlaf finden. Dabei rührte sich das Ding nicht einmal; es war nur ein großer, schwarzer Klumpen. Doch sein Anblick reichte, um bei Heinz groteske Visionen und Übelkeit hervorzurufen. „Was ist bei diesem Auftrag bloß falschgelaufen?“ war das einzige, woran Heinz im Moment denken konnte.

„Erstaunlich, nicht wahr?“ fragte Sebastian stolz. „Und falls du dich fragen solltest, ob du im Bio-Unterricht oder in Erdkunde nicht aufgepaßt hast, dann kann ich dir sagen, daß diese Kreaturen seit sehr langer Zeit ausgestorben sind. Obwohl ‚ausgestorben’ der falsche Begriff ist, denn um auszusterben muß etwas zuvor gelebt haben. Doch wie heißt es so schön: ‚Das ist nicht tot was ewig liegt, bis daß die Zeit den Tod besiegt.’“ Erneut brachen die Anwesenden in Lachen aus. Einige der Roben-Träger brachen gar in ein schauerliches Geheul aus, welches wie ‚Iä!’ klang. Sebastian genoß es sichtlich, im Mittelpunkt zu stehen. Er wandte sich wieder seinem Komplizen zu. „Dies hier“, fuhr er mit seinen Belehrungen fort und wies in das Loch, „ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Kreatur, vollkommen künstlich erschaffen. Früher, vor Millionen von Jahren, als die Großen Alten noch auf diesem Planeten wandelten und ihn nach ihren Gelüsten gestalteten, gab es unzählige dieser Dienerkreaturen. Denn sie können beliebig die Form und die Konsistenz verändern. Dabei sind sie fast völlig geistlos und gehorchen unter bestimmten Voraussetzungen jedem Befehl.“ - „Und ihr wollt, daß euch dieses Monstrum dient?“ fragte Heinz, nur um nicht völlig passiv zu sein und obwohl er sicher war, daß er mit dieser Frage nicht den Kern traf.

„Nicht ganz“, tönte vom Rand des Abgrunds die Stimme Chemie-Langes herüber. „Unsere Götter sind vor Jahrmillionen vom Antlitz der Erde verschwunden. Doch sie schlafen nur, und wenn die Sterne richtig stehen, dann können sie wiederkommen. Wir werden ihre Rückkehr vorbereiten und ihnen helfen. Vor nicht allzu langer Zeit schien alles bereit zu sein. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts kam es auf der ganzen Welt zu erstaunlichen Vorkommnissen, an die sich heute jedoch niemand mehr erinnert. Dann der große Weltkrieg, an dessen Ende die Atombombe stand. Viele unserer Brüder und Schwestern sahen ihre Gebete erhört, doch dann schlossen die Menschen wieder Frieden. Denn eine der Prophezeihungen, die die Wiederkehr der Alten Götter beschreiben, nennt als Vorbedingung für die Ankunft weltweites Chaos und Zerstörung.“ - „Aber mit unseren Forschungen wollen wir für diese Zeit bereit sein und sie vielleicht sogar beschleunigen“, setzte Sebastian die Erklärung seines Onkels fort. - „Ihr seid wahnsinnig“, hauchte Heinz fassungslos. - „Nein, vorausdenkend!“ meldete sich die Frau hinter dem Schreiber das erste Mal zu Wort. „Was Sie dort unten sehen, ist die Zukunft.“ - „Es wird zum Krieg kommen, irgendwann in der Zukunft, und wir werden ihn gewinnen“, prophezeihte Sebastian. „Dort unten liegt der perfekte Soldat, denn er besitzt keine Nervenstränge wie wir sie kennen. Der Shoggothe ist absolut unempfindlich gegen Schmerzen. Vielleicht könnte unsere Kriminalkommissarin…“ - „Oberkommissarin“, verbesserte Runger gereizt vom Rand des Schachtes her. Doch ihre Laune verbesserte sich, sobald sie ihre Dienstwaffe gezogen hatte. Sie zielte und --

Zwei grelle Blitze. Donner hallte in dem nicht sehr großen Raum. Theatralisch blies die Kriminalistin den Rauch von der Öffnung des Laufes. - „Gott!“ schrie Heinz, als sich seine Sinne wieder beruhigt hatten. - „Gott werden Sie hier unten nicht treffen“, höhnte Chemie-Lange. „Zumindest nicht den Gott, den Sie meinen.“

Inzwischen gingen auf dem Grund des Loches beunruhigende Veränderungen vor sich. Zu Heinzens Entsetzen geriet die schwarze Masse, die bislang eher träge dagelegen hatte, in Bewegung. Zunächst warf sie Blasen, dann wuchsen aus ihr zweigähnliche Gebilde. - „Ah, er ist erwacht. Die Methode ist zwar etwas rüde, doch sie führt schnell zum Erfolg“, freute sich der Alchimist. - Mit einer morbiden Faszination beobachtete der Lohnschreiber die weitere Entwicklung. Mit einem Male glotzte ihn aus dem Schacht ein riesiges Auge an, das wegen des grellen Lichtes sofort wieder verschwand. Dafür bildeten sich in der Masse bald zahlreiche kleine Augen mit Schlitzen. Und Mäuler, mit Zähnen und ohne, große und kleine. „Kannst du dir vorstellen, was wir mit nur hundert dieser Kreaturen erreichen könnten?“ fragte Lange Junior begeistert. „Aber die Unverwundbarkeit ist nur einer der vielen Vorteile unserer Soldaten“, prahlte der Student weiter. „Weißt du, was die wirkliche Herausforderung in modernen Kriegen ist?“ - „Du wirst es mir sicherlich gleich sagen.“ Heinz bereitete sich vor, möglichst viel Sarkasmus in seine Stimme zu legen, doch brachte er keinen Ton heraus. Der Alchimist tat ihm trotzdem den Gefallen und antwortete. - „Die Logistik. Die Versorgung der Truppen an weit entlegenen Orten. Und hier kommt der echte Hit: ein Shoggothe braucht nicht versorgt zu werden, denn er trinkt nicht, er frißt nicht, und er braucht auch keine Ausrüstung.“ - „Zumindest sollte das so sein“, seufzte die Frau hinter Heinz resigniert und brachte Sebastian damit aus dem Konzept. Er drehte sich wütend zu der Bankerin um. - „Aber jetzt habe ich das Buch, und mit den Formeln des Arabers wird uns der letzte Schritt auch noch gelingen.“ Der Lohnschreiber achtete nicht auf den Disput seiner Bewacher, denn mittlerweile war das schwarze Etwas im Loch fast wieder zur Ruhe gekommen. Die vielen Augen, Mäuler und sonstigen Auswüchse waren verschwunden und hatten einem dicken schwarzen Schlauch Platz gemacht, der mit schmatzenden Geräuschen ziellos hin- und herschlug. Dabei schien er immer mehr an Länge zu gewinnen, denn nach einiger Zeit schlug er gegen die Innenwand seines Kerkers. Langsam tastete sich der Schlauch in die Höhe. Erst als er fast den Rand erreicht hatte, zuckte er plötzlich zurück, als habe ihn ein elektrischer Schlag getroffen. Heinz blickte genauer hin und erkannte, daß die Mauer an dieser Stelle mit einen Ring aus Symbolen versehen war, die denjenigen an den Glaskästen im Museum ähnelten und die Sebastian ‚Schutzzauber’ genannt hatte. Nun wußte Heinz auch, warum die um die Grube herumstehenden Ordensmitglieder keine sichtbaren Anzeichen getroffen hatten, sich vom Rand zu entfernen. Er hatte sich gerade eingeredet, mit heiler Haut aus diesem Job herauszukommen, da verwandelte sich das Monstrum erneut. Genauer gesagt, war es der Schlauch, der sich weiter entwickelte. Mit einem Male besaß er Augen und ein großes Maul, mit scharfen Zähnen besetzt, die bis in den Rachen hinein plaziert waren. Suchend pendelte diese gigantische Schlange umher und nahm die Anwesenden ins Visier.

Sebastian hatte seine Diskussion mit der Bankerin beendet und wartete darauf, daß Heinz seinen Blick von dem Shoggothen nahm. Nach einiger Zeit glaubte er, die Aufmerksamkeit seines ehemaligen Zuarbeiters zu haben und fuhr mit seinen Erklärungen fort. - „Wie meine Ordensschwester treffend bemerkte, sind unsere Experimente noch lange nicht beendet. Was du vor dir siehst, ist ein erster Erfolg, jedoch nur eine Zwischenlösung. Denn für alle diese bemerkenswerten Verwandlungen verbraucht unser Freund hier Energie, die er aus seinem Körper gewinnt. Mit anderen Worten: er schrumpft. Und daher muß in unregelmäßigen Abständen organische Masse zugeführt werden.“ Der Student lächelte den Schreiber an, doch dieser schien nicht zu begreifen. „Und auch dabei habe ich dich nicht belogen: hier findet dich keiner.“

„Nur noch jemanden, der das Buch für uns abholt

mächtiger Schutzzauber der Großen Alten

organische Masse zugeführt werden

     Forschung und Studien

     Chaos und Zerstörung

     hier findet dich keiner

     Lange-Chemie

     klein aber fein.“

Heinz’ überfordertes Gehirn war so damit beschäftigt, die einzelnen Informationen zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, daß der Ghostwriter den kräftigen Stoß gegen seinen Rücken kaum bemerkte.


© A.W.G. Döring, 2008