von A.W.G. Döring

Thomas Scharf, Student der Philosophie, Anfang 20, verließ die erleuchtete Straßenbahn der Linie 2 und rannte die paar Meter durch den dämmerigen Nieselregen zur Musikakademie. Das Gebäude befand sich glücklicherweise im Stadtzentrum von Kassel, so hatte Scharf es nicht allzuweit von seinem Institut hierher gehabt. Trotz dem Regen fühlte sich der junge Mann beschwingt und aufgeregt. Er nahm am Eingang einige Stufen zugleich und eilte zum Proberaum. Die meisten seiner Kommilitonen waren bereits eingetroffen; einige suchten noch nach warmen Plätzen, an denen sie ihre feuchten Jacken trocknen konnten.

Wie Scharf waren die wenigsten professionelle Musiker. Scharf hatte sich vor einigen Jahren für ein Musikstudium beworben, war auch an der Hochschule angenommen worden, doch nach nur zwei Semestern legten ihm seine Dozenten einen Fachwechsel nahe. Es hatte nicht so sehr an seinen musikalischen Fähigkeiten gelegen. Scharf hatte sich am Ende schlicht geweigert, bestimmte obligatorische Kurse zu besuchen. Es handelte sich dabei um die eher theoretischen Fächer wie Harmonielehre und Komposition. Es war dem angehenden Musiker nicht gelungen, seine Professoren von der Nutzlosigkeit dieser Fächer zu überzeugen; zumindest waren sie für Scharf nutzlos. Seine eigenen Kompositionen waren immer originell und gut durchdacht, jedoch eher intuitiv. Es waren damals harte Worte gefallen, Scharf hatte seinen Dozenten Konformismus und Blockdenken vorgeworfen, die Lehrerschaft hatte ihm mangelnde Disziplin und Überheblichkeit bescheinigt. Schließlich hatte sich Thomas genötigt gesehen, das Studienfach zu wechseln.

Nun war Thomas Scharf, der begnadete Komponist, bei einer Laienschar gelandet. Einige waren verkrachte Musikstudenten wie er, andere Hobbymusiker ohne jeglichen akademischen Hintergrund, dann und wann kamen sogar Profis für einzelne Projekte vorbei. Ihre Gruppe, das Musikalisch-Experimentelle Kasseler Studentenensemble – kurz: MEKS - hatte sich trotz wechselnder Besetzung schon einen Namen gemacht. Dies lag vor allem an den ungewöhnlichen Projekten, an denen die jungen Leute arbeiteten. Gespielt wurden nur Eigenkompositionen, wobei die Stilrichtung genauso wie die Anzahl der Musiker wechselte. Die Gruppe wurde für Ausstellungen, Projekte der Kunstakademie und Partys mit besonderem Flair gebucht.

Scharf gehörte zur Stammbesetzung, genauso wie die schon anwesenden Studenten Carsten, Jutta, Thorsten und Ulrike. Heute stand eine Probe für Ulrikes neuestes Werk an. Das Stück wechselte in jeder Probe seinen Namen, und es waren vom Orchester schon phantasievolle Vorschläge gemacht worden. Genauso phantasievoll wie das Instrumentarium, welches aus einem Klavier, mehreren Trommeln und einer großen Wanne mit Wasser bestand. Thomas fiel die wichtige Aufgabe zu, während der Vorführung intuitiv mit den Händen oder allerlei Alltagsgegenständen im Wasser herumzuplantschen. Zur Verstärkung der Wirkung war über seinem Platz sogar ein Mikrophon angebracht.

"Stellt euch vor, mir ist heute Nacht eine grandiose Idee für ein neues Stück gekommen", vertraute Scharf seinen Kollegen an, "Es war völlig irre! Ich sah Farben und hörte Klänge, die nicht von dieser Welt waren. Ich wachte auf, doch ich konnte mich nur noch schwach erinnern, obwohl dieser Traum sehr mächtig war."

Carsten grinste. "Was immer es ist, könntest du mir davon ein paar Gramm abgeben? Ich stecke momentan in einer kreativen Krise."

Alle lachten, selbst Thomas verzog widerwillig seine Lippen.

Nach und nach trudelten die restlichen Mitglieder der Gruppe ein. Glücklicherweise hatten Ulrike und Thorsten die Wanne bereits in Position gerollt; sie stand gefüllt auf einem niedrigen, großen alten Wagen, der früher für den Transport von Lautsprechen und Verstärkern benutzt worden war. Scharf prüfte, ob die Räder ordnungsgemäß blockiert waren, legte sich seine "Instrumente" zurecht und fügte sich in sein Schicksal. Er hatte dem aktuellen Projekt von Beginn an skeptisch gegenübergestanden, doch seit letzter Nacht sah er bei dieser Veranstaltung den reinen Dilettantismus am Werk. Dennoch suchte er seine Gefühle zu verbergen. Eine leise Stimme in seinem Kopf überzeugte ihn von der späteren Nützlichkeit seiner Kommilitionen für die eigenen Ideen. Er durfte es sich nicht auch noch mit diesen Leuten verderben.

Während der Probe stellte Scharf gekonnt seinen Enthusiasmus zur Schau, wobei es ihm gleichzeitig gelang, nicht allzu naß zu werden. Ulrike jedenfalls war begeistert von der Aufführung. Hier und da änderte sie noch einige Noten für das Klavier und gab den Trommlern Anweisungen für einzelne Takte, doch jeder konnte sehen, daß sie mit sich und ihrem Werk zufrieden war.

Das war auch gut so, denn bereits in zwei Wochen sollte die Premiere stattfinden. Die Gruppe war Bestandteil einer Vernissage in einer kleinen Galerie. Die Ausstellung hatte "Wasser" als Thema, unterschiedliche junge Künstler würden ihre Werke einem interessierten Publikum vorstellen. Wie üblich machten Gerüchte die Runde, bekannte Galeristen und Talentsucher würden incognito erscheinen.

"Na, was machen meine nassen Musiker?" tönte es vom Eingang her, und schon stand der Herr des Hauses, Hanns-Dietrich Euler, inmitten der jungen Leute. Sein Markenzeichen, die schulterlangen grauen Haare waren in ständiger Bewegung. Begeistert blickte er vom einen zum anderen, bis sein Blick schließlich auf Ulrike haften blieb. "Und? Alles im Griff, Frau Kollegin?"

Die großgewachsene, schlanke junge Frau mit der Brille strahlte stolz.

Es war Thomas und den meisten anderen Mitgliedern immer noch ein Rätsel, warum Euler ihrer Gruppe diesen vorzüglichen Proberaum überließ, schließlich gehörte niemand vom Stammpersonal seiner Akademie an oder war einmal Miglied gewesen. Tatsächlich war es ein Absolvent dieser Einrichtung gewesen, der seinem ehemaligen Lehrer einen großen Gefallen abgerungen hatte, nach einem Jahr dann aber in eine andere Stadt gezogen war. Zum Glück für die Gruppe hatte der Chef bislang noch keinen Grund gesehen, die Vereinbarung aufzukündigen. Er schien diese jungen Wilden sogar als Bereicherung zu empfinden und hatte sich als Gegenleistung für den Probenraum nur ausbedungen, daß die Musiker zu Konzerten vor dem Kollegium und den Studierenden bereit sein müßten, was jene natürlich zusagten und bereits zweimal einlösen konnten. Für Zeiten, an denen der Raum in der Akademie belegt war, gab es noch einen weiteren Proberaum am anderen Ende der Stadt, welcher natürlich nicht im entferntesten so luxuriös war wie dieser hier.

Euler erkundigte sich nach den Fortschritten und Änderungen und plauderte danach über die bevorstehende Ausstellungseröffnung, zu der er selbstverständlich auch gehen werde.


Stunden später. Scharf rannte die letzten Meter zu seinem Wohnblock beinahe, so aufgeregt war er. Thomas hatte es am Ende der Probe nicht mehr lange ausgehalten und hatte sich auf den Heimweg gemacht, während der Rest der Truppe noch die gelungene Probe begießen wollte. Niemand war überrascht von Scharfs Verhalten gewesen, galt er doch als eher eigenbrödlerisch und verschlossen. Doch als der junge Mann den etwas verwunderten Blick des Akademieleiters sah, fühlte er sich genötigt auf Euler zuzugehen und geheimnisvoll von einem neuen eigenen Werk zu berichten, das im Entstehen sei. Euler hatte verständnisvoll genickt, und so glaubte sich der junge Musiker gut aus der Affaire gezogen zu haben.

Das Wertvollste in der kleinen billigen Wohnung war zweifellos der Computer mit angeschlossenem Keyboard. Hier konnte Thomas in Ruhe komponieren und seine ungewöhnlichen Stücke zur Vollendung bringen. Denn im Gegensatz zu vielen seiner Kommilitonen verabscheute er es, die Musik während der Proben noch zu ändern. Er lieferte nur fertige Stücke ab.

Schon als sich Scharf vor seinen Rechner setzte spürte er, daß er viel zu aufgeregt war, um früh schlafen zu können. Ständig schossen Klangfetzen aus dem letzten Traum durch seinen Kopf, doch sobald er sich darauf konzentrierte, um die Töne in eine schriftliche Form zu bringen oder sie auch nur nachzuspielen, waren sie aus seinem Gedächtnis gelöscht. Es war wie verhext! Schließlich sah der Student ein, daß er so nicht weiterkommen würde. Thomas kramte aus einem Schrank eine Tüte Chips und fischte sich aus dem Kühlschrank ein Bier, dann kramte er aus seiner Umhängetasche seine Seminar-Unterlagen und machte sich am Küchentisch daran, die Aufgaben für sein morgiges Philosophie-Seminar zu bearbeiten. Doch als Scharf den entsprechenden Text gelesen und seine Gedanken darüber zu Papier gebracht hatte, fühlte er sich immer noch nicht müde. Mit einer weiteren Flasche Bier setzte sich der verhinderte Komponist an seinen Computer und startete das Musikprogramm erneut – ohne Erfolg, die geträumten Melodien entzogen sich ihm weiterhin. Frustriert beendete der junge Mann das Programm und stöberte auf seiner Festplatte, bis er das richtige gefunden zu haben glaubte: einen alten Ego-Shooter aus seiner Sturm-und-Drang-Zeit.

Es ging auf Mitternacht zu. Die vergeblichen Versuche, den aktuellen Level lebend zu überstehen, zeigten dem Spieler an, daß es um sein Reaktionsvermögen nicht mehr allzu gut bestellt war. Doch trotz der Müdigkeit ging er seine nächsten Schritte wohlüberlegt an. Thomas schaltete den Rechner auf Stand-by und legte sich einen Packen Notenpapier, einige Blätter mit einer Art Koordinatensystem sowie einen Bleistift zurecht. Er löschte das Licht über seinem Schreibtisch und machte es sich auf seinem Stuhl bequem. Das Geräusch des Kühler-Ventilators wiegte ihn in den Schlaf.


In dieser Nacht träumte Thomas Scharf erneut von Farben und Klängen. Diesmal waren sie etwas deutlicher als in der Nacht zuvor.

Scharf erwachte und wußte sofort, was zu tun war. Er fand in der Dunkelheit den Schalter der Schreibtischlampe, und sobald die Tischplatte in gelb-weißes Licht getaucht war, riß Thomas einige Zettel mit Notensystemen an sich und begann damit, die ersten Noten aufzuschreiben.

Die nächsten Minuten vergingen wie in Trance. Dann durchbrach ein Ausruf die völlige Stille.

"Nein!"

Bestürzt blickte Scharf auf seine Aufzeichnungen. Es hatte doch alles so gut begonnen! Und mit einem Male – nichts mehr. Als habe ein Radiosender mitten im Programm die Frequenz gewechselt. Thomas konnte sich an nichts mehr erinnern, starrte auf die hingekritzelten Noten. Schnell war der Rechner wieder hochgefahren und das Musikprogramm gestartet. Der Komponist wählte als virtuelles Instrument ein Klavier aus und spielte die soeben aufgemalte Melodie nach. Schon nach den ersten Tönen entspannte sich der Körper des jungen Mannes.

"Das ist es. Das ist es. Genau so."

Nachdem die erste Begeisterung abgeklungen war, versuchte Scharf, das angefangene Stück weiterzuschreiben. Er spielte eine Reihe von Akkorden, die jedoch alle nicht vor seinem kritischen Gehör bestanden. Schließlich seufzte er, nahm den obersten Zettel mit einem Koordinatensystem und setzte Punkte und zeichnete Graphen ein. Diese Methode hatte sich Thomas selbst für musikalische Notizen ausgedacht; bei seinen komplexen, verwirrenden Kompositionen wußte er manchmal selbst nicht, welche Instrumente er brauchte oder in welcher genauen Stimmlage er eine Melodie letztlich gesetzt haben wollte. Die Linien und Punkte halfen ihm bei einer späteren Bearbeitung seiner Ideen.

Thomas verschloß seine Manuskripte sorgsam in seinem Schreibtisch bevor er sich auf den Weg ins Bett machte. Erst jetzt bemerkte er, wie verspannt sein Körper war. Einige Stunden Bettruhe würden ihm sicher guttun.


Beinahe hätte er verschlafen. Hastig machte sich Thomas für den Tag bereit und hetzte zur nächsten Haltestelle. Er erreichte die Vorlesung noch gerade rechtzeitig. Seine gute Laune konnte auch nicht durch den drögen Vortragsstil Prof. Dr. Dr. Kochs gemindert werden. Im anschließenden Seminar Kochs zur Praktischen Philosophie brillierte der ansonsten eher mittelmäßige Kursteilnehmer; am Ende der Veranstaltung sprach ihm Koch auf dem Gang sogar noch einige lobende Worte zu.

Die restlichen Veranstaltungen schwänzte Thomas großzügig und begab sich stattdessen in seine Wohnung. Hier brütete er über seinen nächtlichen Aufzeichnungen. Fest entschlossen, sich seine gute Laune nicht verderben zu lassen, verließ Scharf seine Wohnung wieder begab sich auf einen Spaziergang. Er hatte schon früher festgestellt, daß ihm während des ziellosen Herumstreifens durch die Gegend zuweilen gute Gedanken kamen. Für alle Fälle steckte er sich noch je einen gefalteten Zettel mit einem Noten- und einem Koordinatensystem sowie einen Stift ein. Während der Hobbymusiker durch die Straßen seines nicht gerade luxuriösen Stadtviertels schlenderte, gingen ihm in der Tat eine Reihe von guten Ideen durch den Kopf: er wußte auf einmal, wie er Professor Koch in der nächsten Veranstaltung erneut beeindrucken konnte, ihm fiel der Standort eines bestimmten Schwarzen Brettes ein, an dem eine Annonce für einen Auftritt auf einer Privatfeier hing (Scharf verdiente sich einen Teil seines Unterhaltes mit anspruchslosen musikalischen Auftritten), ihm fiel der Name der netten jungen Dame ein, die er vor zwei Wochen auf einer Uni-Fete kennengelernt und dann aus den Augen verloren hatte – nur die gesuchte Melodie kam ihm nicht in den Sinn. Um sich abzulenken fuhr der Student kreuz und quer durch die Stadt und fand in einem Supermarkt, in dem er vor einigen Tagen zufällig eingekauft hatte, beagte Annonce. Er studierte den Zettel genau und stellte fest, daß der Termin der Veranstaltung noch in einiger Zukunft lag; dann riß er sich den Schnipsel mit der aufgedruckten Telephonnummer ab.

Mittlerweile hatte die Dämmerung eingesetzt, der Herbst neigte sich mit schnellen Schritten dem Ende zu. Als Thomas seine Wohnung betrat, war es draußen bereits dunkel.


In dieser Nacht wollte Thomas etwas Neues ausprobieren. Statt Alkohol sollte ihm die Meditation den Schlaf bringen. Der junge Mann beschäftigte den Abend über bewußt mit vollkommen alltäglichen Dingen wie Haushaltsarbeiten, Vor- und Nachbereitungen für Seminare, Fernsehen.

Bevor er jedoch zu Bett ging, spielte er sich die in der Nacht aufgeschriebene komplizierte Melodie mehrmals vor. In seinem Bett betrieb Thomas autogenes Training, und als sein Körper völlig ruhig uns entspannt lag, summte er sich die Melodie immer wieder vor, bis er einschlief.

Die Farben und Klänge kamen wieder, noch intensiver als in der Nacht zuvor. Der Träumer erkannte als Hauptinstrumente mehrere Flöten mit einem seltsamen Klang, doch da spielte im Hintergrund noch mindesten ein weiteres Instrument, welches der Schlafende nicht bestimmen konnte; zudem gaben Schlaginstrumente einen Takt vor, zunächst langsam-monoton, dann schneller, immer hektischer, die sowieso schon exzentrische Melodie der Flöten verwandelte sich mehr und mehr zu einem schrillen Kreischen; die schillernden Farbspiralen wirbelten in einem aberwitzigen Chaos vor dem inneren Auge.

Mit einem Male brach die Vision ab. Thomas saß aufrecht im Bett und schnappte nach Luft. Als er sich nach der Nachttischlampe streckte, bemerkte er, daß sein T-Shirt durchgeschwitzt war. Doch darauf achtete er nicht weiter. Hektisch warf Scharf eine Note nach der anderen auf das bereitgelegte Papier. Glücklich sank der Komponist nach getaner Arbeit zurück in sein Kopfkissen. Thomas Scharf war mit sich und der Welt zufrieden. Einzig das Tempo, in dem sich der Schöpfungsprozeß vollzog, machte ihm bei näherer Überlegung Sorgen. Er hatte das Gefühl, zu einem großartigen, umfassenden Meisterwerk bestimmt zu sein, doch wenn sich seine Erschaffung weiter in diesem Tempo und unter solch schweißtreibenden Umständen vollzog, dann würde der Maestro womöglich über der Vollendung versterben oder in einem Sanatorium landen. Letztlich jedoch obsiegte die Zufriedenheit über das Geleistete, und Thomas schlief selig ein.


Die darauffolgenden Tage glichen einer emotionalen Achterbahnfahrt. Mal verhielt sich der Student seinen Mitmenschen gegenüber ausgesprochen freundlich und zuvorkommend; er machte kleine Witzchen, half Kommilitonen bei der Bewältigung ihrer Studien und verblüffte Freunde und Dozenten mit originellen Ideen. Es gab aber auch Zeiten, in welchen ihm alles zuviel war; gereizt fuhr Thomas seine Bekannten wegen Kleinigkeiten an, er kam zu spät zu seinen Terminen (oder gar nicht) und gab in solchen Zeiten seinen Lehrern Grund zur Sorge. Zum Glück für ihn fand das Vorspielen für die Privatfeier an einem positiven Tag statt; der Philosophiestudent konnte das in Aussicht gestellte Geld gut gebrauchen.

Sein Stück machte Fortschritte, doch hatte sich das Problem nur verlagert. Hatte bislang die Melodie ihm die größten Sorgen bereitet, so grübelte Scharf nun stundenlang über die Natur jenes ominösen Instruments im Hintergrund nach.


Mißmutig betrat der Komponist dann auch den Saal in der Akademie. Die Probe hatte längst begonnen, die Musiker schüttelten die Köpfe und verzogen wütend ihre Gesichter, ohne jedoch ihr Spiel zu unterbrechen. Nur Ulrike platzte der Kragen.

"Schön, daß Sie auch schon kommen, Herr Scharf", ätzte sie vom Klavier her. "Sie wissen schon, daß wir in drei Tagen unseren Auftritt haben?"

Dem Angesprochenen lag bereits eine passende Antwort über den künstlerischen Wert des aktuellen Programmes und seiner Schöpferin auf der Zunge, doch begnügte er sich damit, mit einem herablassenden Grinsen in der bereitstehenden Wanne herumzurühren. Da erst bemerkte er das neue Mitglied im Ensemble. Die junge Frau war Mitte 20, mollig und besaß ein Allerweltsgesicht. Nur die Augen verrieten eine kaum zu bändigende Energie. Momentan jedoch blickte sie Thomas verärgert an.

"Das ist meine Cousine Sandra. Sie ist im Gegensatz zu gewissen Leuten von meinem…von unserem Projekt begeistert und hat sich bereit erklärt, uns bei unserem Auftritt zu unterstützen", kam die Erklärung aus Richtung des Klaviers.

Thomas war von dem Neuankömmling so überrascht, daß er seine schlechte Laune vergaß und ihr spontan zuwinkte. "Äääh…hallo, ich bin der Thomas. Ich spiele in diesem Stück", er plätscherte erneut, "die Wasserwanne."

Sandra lachte hell und ließ als Antwort ihr Instrument erklingen.

Thomas starrte sie wie vom Donner gerührt an. Wortlos zeigte er auf das Schlaginstrument. Fröhlich ließ die junge Frau einige Töne erklingen.

"Ein Xylophon!" rief Scharf begeistert aus. "Das ist es! Ein Xylophon!" Er stürmte auf das kleine dralle Wesen zu und nahm es in die Arme. Sandra kreischte überrascht auf und befreite sich lachend.

"Jetzt tickt er völlig aus", kommentierte Thorsten die Szene trocken.

"Ich sage euch doch, der nimmt irgendwas", pflichtete Carsten seinem Freund bei.

Auch Jutta und Ulrike hielten mit ihren Vermutungen nicht hinterm Berg.

Jetzt endlich schien auch die Hauptperson in dieser Szene zu begreifen, in welcher Situation er sich befand. Mühsam brachte Thomas seine Emotionen unter Kontrolle und versuchte sich an einer plausiblen Erklärung für sein Verhalten.

"Hört zu, Leute. Wie ihr wißt, arbeite ich seit einiger Zeit an einem neuen Stück. Es ist einzigartig, revolutionär. Jede Nacht träume ich davon, aber eben gerade hat sich bei mir eine Blockade gelöst", behauptete Scharf und zeigte auf seinen Kopf (die Doppeldeutigkeit dieser Geste angesichts seines Auftrittes kam ihm nicht in den Sinn), "Die ganzen letzten Nächte habe ich im Hintergrund ein Instrument gehört, das ich nicht zuordnen konnte. Endlich hab’ ich’s!" Er wies wieder auf Sandras Instrument. "Es ist ein Xylophon."

Die Anwesenden starrten Thomas entgeistert an. Schließlich ließ sich Carsten für Sandra zu einer Erklärung herab.

"Wie gesagt, das ist Thomas. Er hört seit einigen Wochen Stimmen im Schlaf und sieht Farben; ach nein, keine Stimmen, sondern Töne. Und seitdem komponiert Thomas an einem einzigartigen Œvre."

"Aaah ja", nickte Sandra voller Verständnis, und damit schien für sie das Thema erledigt zu sein.

"Es tut mir echt leid", wandte sich Thomas an Ulrike, "aber du weißt doch sicherlich genau, wie es ist, wenn man mitten in einem schöpferischen Prozeß steckt und dann nicht weiterkommt."

Ulrike zuckte mit den Schultern und machte mit dem linken Arm eine ausholende Bewegung. "Ich für meinen Teil frage in solchen Fällen meine Freunde um Hilfe. Dann versuchen wir gemeinsam das Problem zu lösen."

Thomas lächelte bedauernd. "Das ist nicht mein Stil. Tut mir nochmal leid." Um die für ihn peinliche Situation zu beenden, klatschte er in die Hände und rief: "Wollen wir weitermachen? Ich möchte ja nicht den Auftritt verpatzen."

Die restliche Probe verlief ohne Komplikationen. Diesmal nahm Scharf auch an dem gemeinschaftlichen Umtrunk nach dem Musizieren teil und erfreute die gesellige Runde mit einigen ausgefallenen Wortspielen und nochmehr durch eine Runde auf seinen Deckel ,die er sich strenggenommen gar nicht leisten konnte.


Am Abend der Vernissage hatte sich das Blatt wieder gewendet. Zwar war das Rätsel um das mysteriöse Instrument gelöst, aber gleichzeitig hatte Scharf mit neuen Problemen zu kämpfen. Die Melodien des xylophon-ähnlichen Instrumentes blieben undeutlich, doch eine Entdeckung letzte Nacht hatte dem Träumer nach dem Erwachen den Boden unter den Füßen weggezogen: die Melodien wurden definitiv nicht in der korrekten Reihenfolge gespielt; er mußte die atonalen Kläne somit nicht nur auf Papier bringen, sondern auch noch ordnen! Trotz seiner musischen Passion gehörte Scharf nicht zu den besonders emotionalen Menschen, letzte Nacht jedoch hatte er vor Frust geweint. Und um das Maß voll zu machen, glaubte er in seiner letzten Vision hinter den wirbelnden Farben klare geometrische Formen erkennen zu können. Somit mußte der Musiker zusätzlich die visuellen Einflüsse beachten, denn daß die plötzlich sichtbar gewordenen Strukturen eine Bedeutung hatten, daran konnte für Thomas keine Zweifel bestehen.

Einigermaßen lustlos betrat der Student die Galerie. Nur mühsam bewahrte er einen interessierten Gesichtsausdruck. Heute war er sogar pünktlich, doch natürlich waren Ulrike und ihre Cousine schon vor ihm eingetroffen. Aufgekratzt stellte die schlanke Studentin ihm die Galeristin vor. Ihren Namen hatte Thomas sofort wieder vergessen, doch das Gesicht war einprägsam. Stark geschminkt, die eckige schwarze Brille verlieh dem Gesicht eine große Strenge, die durch die herabhängenden Mundwinkel noch verstärkt wurde. Selbst das geschäftsmäßige Lächeln bei der Begrüßung fiel irgendwie mürrisch aus. Thomas fühlte sich gleich besser und bemühte sich nach Kräften um einen Ton der zugleich freundlich und gereizt klang. Sein Auftritt schien der Chefin zu gefallen, denn sie begann mit ihm ein kurzes Gespräch über den bevorstehenden Auftritt.

"Na, bei der möchte ich als Künstler keinen Abgabetermin verpassen", feixte Thomas, als er wieder mit Ulrike alleine war.

"Da könnte ich was arrangieren. Wäre nicht schlecht, wenn dich jemand mal an die Kandare nehmen würde, künstlerisch gesehen", gab Ulrike zurück.

Nach und nach trafen alle Musiker, Maler, Bildhauer und Gäste ein. Mit Erstaunen stellte Scharf fest, wie sich seine Stimmung wieder zunehmend verschlechterte, je länger die Veranstaltung andauerte. Die Gäste wurden begrüßt, die Künstler vorgestellt, es folgte eine Phase, in der die Besucher frei durch die Galerie spazieren und sich die ausgestellten Kunstwerke betrachten konnten. Ein elektronischer Gong verkündete den Beginn des nächsten Programmpunktes, der Uraufführung eines "höchst interessanten Musikstückes, eigens für diese Vernissage komponiert". Die Galeristin stellte das MEKS vor, es folgte höflicher Applaus. Ulrike ermahnte alle ihre Musiker zu höchster Konzentration.

Daran allerdings mangelte es Thomas Scharf. Seine Laune war langsam dem Nullpunkt entgegengefallen während er all diese fröhlichen, erfolgreichen Künstler um sich herum hatte, die ihn selbst nur an seine momentanen Probleme erinnerten. Zu allem Überfluß hatte Hanns-Dieter Euler sein Versprechen wahr gemacht und beehrte die Eröffnung mit seiner Gegenwart. Doch das war nicht das schlimmste. Hätte jemand Thomas vorher gesagt, daß Frau Doktor Müller-Osten auch zugegen sein würde, dann hätte er unter irgendeinem dummen Vorwand seine Teilnahme abgesagt. Ausgerechnet Müller-Osten! Seine ehemalige Dozentin für Harmonielehre verursachte ihm immer noch Albträume, zumindest war dies der Fall gewesen, bevor ihn die gigantischen Visionen heimsuchten. Jetzt saß die alte Schachtel in der ersten Reihe, und Scharf konnte deutlich erkennen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete. Hoffentlich erkannte sie ihn nicht!


Endlich war das Stück beendet. Das Publikum klatschte übertrieben Beifall. Thomas nickte Ulrike nichtssagend zu, stand schnell auf und ging in Richtung der Toiletten. Dort starrte er gedankenverloren sein Spiegelbild an, während er sich mechanisch die Hände wusch ("Hallo!" schrie eine Stimme in seinem Kopf, "Du hast gerade 20 Minuten lang mit deinen Händen in einer Wanne voller Leitungswasser herumgerudert."). Als die ersten Gäste den Raum betraten, verließ der Musiker fluchtartig den Waschraum.

Unschlüssig wanderte er zwischen den Skulpturen, Photographien, Zeichnungen und Gemälden umher, ohne auch nur einem der Kunstwerke etwas abgewinnen zu können. Am Ende seines Rundganges war er beinahe wieder vor dem Waschraum angekommen. Scharf blickte sich um und entdeckte in seiner Nähe ein Gemälde, welches im vorher nicht aufgefallen war. Es hing etwas abseits vom Rest der Kunstwerke. Thomas vermutete, es müsse entweder besonders gelungen oder besonders mißraten sein.

Das Werk übertraf alle seine Vorstellungen. Elektrisiert starrte er auf das Meisterwerk.

Diese Farben! Diese Strudel! Täuschte er sich, oder bewegten sich die Linien tatsächlich? Oder interpretierte er die rasenden Wirbel nur hinein, weil er sie jede Nacht im Traum sah? Thomas trat näher heran und hätte beinahe aufgeschrien. Fast unsichtbar hatte der Künstler geometrische Formen angedeutet, die im Betrachter die Ahnung titanischer Bauwerke aufkommen ließen.

"Schön scheußlich, nicht wahr?"

Scharf fuhr erschrocken herum und erblickte die Galeristin. Mit der Hand, die das Sektglas hielt, deutete sie auf das Kunstwerk und verzog die Mundwinkel noch einige Millimeter nach unten.

"Können Sie mir erklären, was diese Sache mit dem Thema "Wasser" zu tun hat? Wenn ich die Künstlerin nicht seit Jahren kennen würde und wenn ihre Mutter nicht eine großzügige Förderin dieser Galerie wäre, dann… Am liebsten hätte ich diese Göre rausgeschmissen. Erst vertröstet sie mich mit der Abgabe ihren neuen "Meisterwerkes" bis kurz vor Ausstellungseröffnung, und dann liefert die junge Dame das da ab." Die Frau nippte an ihrem Sekt, dann hatte sie die Fassung wiedergewonnen. "Entschuldigen Sie den Ausfall, aber ich werde ganz nervös, wenn ich länger als zwei Sekunden auf dieses Chaos gucke."

"Das…das…ist großartig", stammelte Thomas überwältigt.

"Tatsächlich? Wollen Sie es kaufen?"

Beinahe hätte der Student zugestimmt, doch im letzten Augenblick gewann der Verstand die Kontrolle über den Sprechapparat zurück. In gewählten Worten gestand Scharf der Galeristin, daß seine finanziellen Mittel wohl nicht für so ein Unternehmen austreichten. Aufgeregt erkundigte sich der Musiker nach dem Verbleib der Künstlerin. Doch zu seinem großen Bedauern erfuhr er, daß die Malerin, eine gewisse Janine Krause, vor einigen Tagen für mehrere Monate in die USA gereist sei.

"Haben Sie ihre E-Mail-Adresse? Sie muß doch erreichbar sein."

"Junge, Sie hat’s aber wirklich erwischt."

"Das Werk ist großartig. Ich möchte mich mit Frau Krause über gewisse künstlerische Aspekte austauschen."

Die Galeristin versprach, ihm noch an diesem Abend die Mail-Adresse zu besorgen und mischte sich wieder unter ihre übrigen Gäste.

Thomas betrachtete das verwirrende Bild noch einige Sekunden, dann machte er sich auch auf den Weg in belebtere Bereiche. Beherzt bediente er sich am Buffet. Dieser Zufall war unglaublich. Eine Eingeweihte! Eine Schwester im Geiste. Er war nicht mehr alleine!


Während sich die meisten Gäste den anderen Ausstellungsobjekten und ihren Erschaffern widmeten, überflog Scharf diese Kunstwerke mit seinen Blicken geradezu. Logischerweise suchte er auch nicht das Gespräch mit einem der Künstler, sondern gab vor, das Instrumentarium der Gruppe für den kommenden Auftritt zu inspezieren. Leider bewahrte ihn das nicht vor unangenehmen sozialen Kontakten.

"Wirklich vorbildlich, Herr Scharf, wie sie sich mit dem Projekt Ihrer Gruppe identifizieren."

Scharf drehte sich um und erblickte den weißen Schopf Eulers. Am Arm des Akademieleiters hatte sich Frau Müller-Osten eingehakt und blickte ihn mit einer naiven Freude an.

"Schön, daß Sie der Musik nicht den Rücken gekehrt haben, Thomas. Und immer noch so experimentell und ausgefallen wie in Ihrem Studium."

Der Angesprochene starrte die beiden Herrschaften ein, zwei Sekunden sprachlos an, unfähig, eine sinnvolle Antwort zu geben. Machte sich die alte Hexe etwa über seinen unverdienten Rauswurf lustig, oder war sie einfach nur blöd?

Schließlich riß er sich zusammen und brachte einige klare Sätze hervor. "Natürlich. Musik ist mein Leben. In dieser Gruppe finde ich Inspiration für meine eigenen Werke. Zwei Stücke sind bereits in Zusammenarbeit mit meinen Freunden entstanden und aufgeführt worden. Vielleicht erinnert sich Herr Euler daran?" Das weiße Haar wippte bei dem heftigen Nicken des Angesprochenen, während dieser zugleich zustimmende Laute von sich gab. "Im übrigen arbeite ich gerade an einem Zyklus, der alle meine bisherigen Stücke in den Schatten stellen wird", versicherte Thomas mit großer Überzeugung.

"Oho", brachte Euler hervor, während die Frau Doktor nur kicherte. Thomas atmete erleichtert auf, als das seltsame Paar leise murmelnd weiterging.


Der Gong ertönte und läutete buchstäblich den vorletzten Akt des Abend ein. Ulrike und ihre Gruppe würden eine Variation des vorher aufgeführten Stückes spielen, und diesmal nahm sich Scharf vor, seinen Part mit echter Freude zu spielen.

Tatsächlich wurde die Veranstaltung noch recht schön. Zum einen wurden die Musiker von mehreren Seiten auf mögliche weitere Auftritte angesprochen, zum anderen hielt die Galeristin Wort und überreichte Thomas eine Visitenkarte von Janine Krause, auf der ihre Mail-Adresse abgedruckt war.

Beschwingt machte sich Thomas Scharf in der Nacht auf den Heimweg. Er war so vom Erfolg des Abends berauscht, daß er sogar seine Vorbereitungen für die allnächtlichen Träume vergaß.

Natürlich hatte Scharf auch in jener Nacht Visionen, jedoch schien es ihm am anderen Morgen so, als hätten dieses Mal die Farben und nicht die Musik im Vordergrund gestanden; die Erklärung hierfür war für den Studenten zu offensichtlich, als daß er darüber viele Gedanken verschwendete. Zudem konnte er ausschlafen, denn es war Samstag. Trotzdem quälte er sich aus dem Bett und verfaßte eine E-Mail an die Malerin. Ein Blick in den Kühlschrank überzeugte Thomas von der Notwendigkeit, das Haus verlassen zu müssen. Den Nachmittag verbrachte er mit dem Komponieren, wobei er gut vorankam.

Ein lustiger Ton informierte den Musiker über den Eingang einer neuen elektronischen Nachricht. Aufgeregt beendete Scharf sein Musikprogamm (aus einem unerfindlichen Grunde stürzte es immer ab, wenn er eine Mail öffnete) und klickte seinen Posteingang an. Den Absender kannte er nicht; und die Betreffzeile war auf Englisch, jedoch sprang ihm sofort Janines Name in Auge. Hastig öffnete er die Nachricht. Einige Minuten später bereute Thomas seine Tat bereits. Der Schreiber mußte ein Bekannter Janines sein und vermutete dasselbe von Thomas. Er sei des Deutschen nicht mächtig, so der Amerikaner, könne daher nicht auf die Mail entsprechend reagieren. Der Grund für seine Nachricht war sehr schockierend: Janine war tot. Wie Thomas der kurzen Nachtricht entnehmen konnte, war die junge Frau auf einer Wanderung in den Bergen Vermonts bei einem freak accident ums Leben gekommen. Bei schönstem Wetter sei aus dem Nichts ein unvorstellbar kräftiger Windstoß gekommen, der einen Ast von einem Baum gerissen habe; dieser habe Janine am Kopf getroffen, woraufhin sie in einen Abgrund gestürzt sei, berichtete der immer noch unter Schock stehende Mann in seinem kurzen Text. Für den Fall, daß er ein guter Freund oder Verwandter Janines sei, bat der Amerikaner, ihn zu kontaktieren, ansonsten bat er um Verständnis, daß er momentan wichtigere Angelegenheiten zu erledigen habe als Janines Post zu beantworten.

Scharf war wie betäubt. Janine Krause, seine einzige Verbindung zu seinen wirren Träumen, war für ihn unerreichbar. Er fühlte sich betrogen. Als der junge Mann seinen Blick über den Arbeitsplatz schweifen ließ, kam es ihm vor, als verhöhnten die Noten ihn, als wollten sie im sagen: du mußt alleine mit dem Rätsel klarkommen!


Das restliche Wochenende verbrachte Scharf in einem Dämmerzustand. Er wanderte ziellos umher, sah sich stupide Shows im Fernsehen an, löste am Abend sogar eine Eintrittskarte für einen Film, dessen Inhalt er beim Aufstehen aus dem Kinosessel schon vergessen hatte; er lag stundenlang apathisch auf dem Bett und starrte die Decke an; dann überkam ihm zeitweise eine panische Angst, auch er könne einem verrückten Unfall zum Opfer fallen, sodaß er sich schwor, seine Wohnung in den nächsten Wochen nicht zu verlassen.

Seine Stimmung in den Wochen bis zu den Weihnachtsferien verlief in einem stetigen Auf und Ab. Im Gegensatz zu den vorherigen Universitätsveranstaltungen beteiligte sich Thomas fast gar nicht mehr an den Diskussionen zwischen seinen Kommilitonen und Dozenten, sondern zog sich im Gegenteil noch ihre Verärgerung zu, da er einige kleinere Beiträge nicht lieferte, deren Vorbereitung er versprochen hatte. Am Ende bewahrte einzig ein umfassendes Geständnis seiner Träume und musikalischen Arbeiten Scharf davor, in Kochs Büro eine Rüge verpaßt zu bekommen.

"Sie haben großes Talent, Thomas. Es wäre schade, wenn Sie dieses Semester verlören. Wie Sie wissen, ist die Studienordnung seit der Umstellung auf die Bachelor- und Master-Studiengänge gestrafft worden", der Professor rang sich ein Lächeln ab, "selbst bei uns Philosophen. Ein Studium haben Sie bereits abgebrochen. Sie müssen endlich Disziplin lernen, Thomas."

Koch überredete seinen Schützling, sich in den Wochen bis zu den Weihnachtsferien ganz auf sein Studium zu konzentrieren. Er habe doch in den letzten Wochen brillante Einfälle gehabt und könne diese für eine hervorragende Semesterarbeit nutzen. Das Komponieren solle Thomas dann auf die Ferien verlegen. Halbherzig stimmte der Student zu.


Und tatsächlich gelang es Thomas in den folgenden Wochen, sich mehr auf sein eigentliches Studium zu konzentrieren. Die Arbeiten für Professor Koch erledigte Thomas in der Seminarbibliothek, um zuhause nicht in Versuchung zu geraten. So vergingen die Wochen bis zu den Ferien. Thomas entwickelte sogar wieder ein Sozialleben und ließ fast verschüttete Bekanntschaften wieder aufleben. So besuchte er unter anderem zusammen mit seinen Mitstreitern das Weihnachtskonzert der Studenten der Musikakademie.

Doch die beinahe sorglose Zeit ging schlagartig am letzten Vorlesungstag vor den Ferien zu Ende, genauer gesagt, in der darauf folgenden Nacht. Als hätten die audiovisuellen Albträume nur diesen Zeitpunkt abgewartet, fielen sie über den wehrlosen Schläfer her.

Der Höhepunkt war Heiligabend erreicht. Vor den Fenstern war es dunkel geworden. Scharf saß mit seinem Keyboard vor dem Rechner und legte gerade letzte Hand an einen besonders gelungenen Takt, da überfielen ihn die Visionen mit großer Wucht. Thomas hatte nicht einmal mehr Zeit sich über die Konsequenzen dieser Veränderung im Wachzustand im Klaren zu werden. Stunden später erwachte er aus seiner Trance und begann sofort mit der Arbeit.


Die nächsten Tage flogen an dem Studenten nur so vorbei. Er schaffte es, sich mit genügend Lebensmitteln zu versorgen, damit er nicht verhungerte oder verdurstete. Während der Ferientage erlebte der Komponist einen Durchbruch nach dem anderen. So gelang es Thomas, die einzelnen geträumten Melodiefetzen zu ordnen und in eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge zu bringen (denn was ist schon sinnvoll bei kakophonischem Gepfeife und Getrommel?). Zudem erkannte er, daß er daß seine Komposition als Ganzes für Fremde beinahe unspielbar sein würde. Wollte er sein Meisterwerk in der Öffentlichkeit aufführen, dann war es unbedingt notwendig, den potentiellen Musikern ihre Arbeit zu erleichtern.

Es gelang Thomas, aus dem bisherigen Gesamtwerk einzelne Passagen zu isolieren und mit eigenen Kompositionen zu kleinen Stücken auszuarbeiten; diese Stücke wurden immer anspruchsvoller, sodaß es für die späteren Musiker am Ende kein Problem mehr darstellen sollte, den Hauptteil des Werkes zu spielen.

Auf diese Art entstanden in jenen Wintertagen die Stücke Tanz der Tiefen Wesen, Aufgang des Yuggoth, Pilgerfahrt nach Kaddath und – als Seitenhieb auf seine Kritiker, die ihm einen verbissenen und humorlosen Charakter bescheinigten – Y’ha-nthlei & Yth – A Tale of Two Cities.

Die unaussprechlichen Namen hatten dem Komponisten immer pünktlich vor Augen gestanden, wenn er ein Stück beendet hatte. Mittlerweile kannte Thomas Scharf die Spielregeln, sodaß er dem Rätsel, wie um alles in der Welt man auf diese Schreibweisen kommen konnte, tunlichst nicht auf den Grund ging.


Sobald der Lehrbetrieb begonnen hatte, faßte Scharf den nächsten Meilenstein seines Projektes ins Auge. Bereits zum ersten Treffen des MEKS in einem Seminarraum der Akademie brachte er seine Noten mit. Zwar hatte Carsten seine kreative Krise überwunden, doch steckte er angesichts des Notenstapels, den Thomas auspackte, bewundernd zurück. Zunächst jedoch hielt es Scharf für notwendig, sich für sein abweisendes Verhalten in den letzten Wochen zu entschuldigen und erklärte dies mit seiner Schaffensphase. Die Anwesenden waren genug Musiker, um diese Gründe nachzuvollziehen und vergaben dem Komponisten gnädig. Bevor er den Studenten jedoch seine Noten zeigte, hielt er ihnen einen kleinen Vortrag zur Entstehungsgeschichte.

"Ich habe das alles in meinen Träumen gehört, beinahe jede Nacht. Es hat mich fast um den Verstand gebracht. Aber in den Ferien hatte ich endlich Muße, meine Gedanken und Aufzeichnungen zu ordnen, und das ist dabei herausgekommen", erklärte Thomas und hob stolz den Packen Noten hoch. "Ich muß euch allerdings vorwarnen. Es wird nicht einfach. Ich stelle mir zwei oder drei Flöten, mehrere Trommeln und", hier grinste er Ulrike an, "ein Xylophon. An der weiteren Instrumentierung arbeite ich noch." Er verteilte die Noten.

"Großer Gott! Was ist das denn?" entfuhr es Thorsten.

"Das kann man doch nicht spielen!" entrüstete sich Jutta.

Auch der Rest der Truppe äußerte seine Bedenken.

"Nur die Ruhe", besänftigte Thomas, "es funktioniert. Ich habe es daheim am Keyboard gespielt. Man braucht bloß ein bißchen Übung."

"Welche Art von Flöte hast du im Sinn? Querflöte?" wollte Carsten wissen.

"Nein, Blockflöte. Sopran und Alt. Am liebsten hätte ich noch einfachere Instrumente. Es muß alles ganz primitiv sein, darf aber nicht primitiv klingen, wenn ihr versteht was ich meine. Nicht? Na gut, kommt noch."

In den nächsten beiden Stunden führte Thomas seine Mitstreiter mit bemerkenswerter Geduld an seine Komposition heran. Der anfängliche Widerstand schmolz dahin, wobei wohl auch die geschickt eingebrachten Erinnerungen an das zuletzt aufgeführte Stück halfen, bei dessen Proben der jetzige Dirigent regelmäßig durchnäßt worden war. Am Ende der Proben waren sich alle einig, diesem Projekt eine faire Chance zu geben.


Der Frühling näherte sich mit Riesenschritten. Auch das Opus von Thomas Scharf bewegte sich mit großen Schritten auf den nächsten Meilenstein seiner Entstehungsgeschichte zu. Wie der Komponist vorausgesagt hatte, waren die Schwierigkeiten der Enseblemitglieder mit den ungewohnten Melodien immer geringer geworden. Und wie erwartet ergaben die für sich genommen schrecklich kakophon klingenden Stimmen im Zusammenspiel ein faszinierendes Klangerlebnis, dem sich kaum ein Zuhörer entziehen konnte; Hanns-Dietrich Euler höchtpersönlich hatte mehrere Proben mit seiner Anwesenheit beehrt und sich beeindruckt gezeigt.

Trotz der guten Fortschritte war das Werk noch ein gutes Stück von seiner Vollendung entfernt. Zum einen arbeitete Scharf noch immer am eigentlichen Hauptwerk (denn die bisherigen vier kleineren Stücke waren nicht mehr als die Ouverture zu einem größeren Stück), zum anderen hatte Thomas mit Verdruß bemerkt, daß die Instrumentierung nicht vollkommen war. Stundenlang hatte der Student vor seinem Rechner gesessen und verschiedene Flöten und Xylophone ausprobiert, damit jedoch das Ergebnis eher verschlechtert. Deshalb hatte Scharf von sich aus angeboten, die Proben an seinem Stück auszusetzen und einem Kommilitonen mit seinen Ideen den Vortritt zu lassen.


Das Handy piepte. Auf dem Display las Thomas den Namen seines Bandkollegen Carsten.

"Hi, wie geht’s, du alter Schwerenöter? Kriegst Du Deine Semesterderien auch ordendlich rum?" rief Carsten fröhlich durch den kleinen Lautsprecher nachdem sich Thomas gemeldet hatte.

Der Student gab eine kurze Zusammenfassung, dann kam Carsten zu seinem Anliegen.

"Ich habe gestern auf einer Party einen alten Bekannten getroffen. Er ist Instrumentenbauer und Mittelalter-Freak, etwas durchgeknallt, aber nett. Er nennt sich nur noch Reginald von Bellaphon und steht in keinem Adressenverzeichnis. Vielleicht kann er dir bei deinem Problem helfen. Ich gebe dir mal seine Nummer."

Thomas dankte seinem Kommilitonen überschwenglich und notierte die Handynummer. Zudem sprachen die beiden jungen Leute einen neuen Probentermin ab. Sogleich rief er bei jener Nummer an. Eine Frauenstimme meldete sich und erklärte Thomas, daß Reginald zur Zeit nicht erreichbar sei. Dennoch schilderte der Musiker der Dame kurz sein Anliegen, und tatsächlich konnte er ein Treffen mit diesem seltsamen Menschen vereinbaren. Sodann telephonierte Thomas seinen Bekanntenkreis nach einem fahrbaren Untersatz ab. Schon beim dritten Versuch hatte er Glück, sodaß einer Spritztour am morgigen Tage nichts mehr im Wege stand.


Der Instrumentenbauer wohnte in einem jener sagenumwobenen kleinen Dörfer, die vor über dreihundert Jahren von Hugenotten und Waldensern in der ehemaligen Landgrafschaft Hessen-Kassel gegründet worden waren. Thomas war froh, daß an jenem Tag auf der B-83 nicht viel Verkehr herrschte; so konnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen.

Knapp eine Stunde nach Fahrtbeginn hatte Scharf sein Ziel erreicht. Die angegebene Adresse entpuppte sich als ein in einer schmalen Seitenstraße versteckt liegendes Bauern-Fachwerkhaus. Thomas betrachtete skeptisch das leicht vernachlässigte Gebäude. Auch der Vorgarten benötigte dringend ein wenig Pflege. Doch bevor der Student noch weitere Rückschlüsse auf den Charakter der Bewohner ziehen konnte, öffnete sich die Haustüre, die in einem großen Tor eigelassen war, und eine imposante Gestalt trat aus dem Gebäude.

Reginald von Bellaphon war ungefähr 1,80 Meter groß und überragte damit seinen Besucher nicht viel; sein Schädel war völlig kahl und massig wie sein gesamter Körper. Dabei war der Instrumentenbauer nicht etwa übergewichtig, sondern muskulös und durchtrainiert. Die ganze Erscheinung wurde durch die außergewöhnliche Kleidung abgerundet, die an ein Kostüm erinnerte, wie es auf Mittelalter-Märkten die Leute trugen, welche die arbeitende Bevölkerung darstellten. Die dröhnende Stimme des Hausherren bildete das I-Tüpfelchen.

"Herzlich Willkommen, Reisender! Ihr müßt der Musicus sein, der mir gemeldet wurde."

Thomas mußte grinsen. Offensichtlich hatte er hier einen von jenen Zeitgenossen vor sich, die komplett in eine Parallelwelt abgetaucht waren. Dennoch war ihm der Mann symathisch. Der Besucher wurde hineingebeten. In der großen Eingangshalle war sichtlich die Werkstatt des Meisters eingerichtet. Doch Thomas hatte nicht viel Zeit, die Einrichtung zu bewundern, denn Reginald führte ihn in eines der kleinen Seitenzimmer. Es handelte sich um eine Art Eßzimmer, das sich gleich an die Küche anschloß, wo hörbar mit Geschirr und Töpfen hantiert wurde.

"Sodann, Musicus, meine teure Gefährtin berichtete mir, Ihr habt ein Problem mit der Instrumentierung Eures neuen Opus", eröffnete Reginald das Gespräch in seiner seltsamen Sprechweise. Scharf beschloß, sich nicht auf dieses Spiel einzulassen und schilderte nüchtern sein Anliegen. Dabei ließ er durchblicken, daß er es vorzöge, wenn sich Reginalds Hilfe auf einige Hinweise hinsichtlich alter Instrumente und ihrer Klänge beschränkte, da er nicht die finanziellen Mittel für den Erwerb eines Instrumentes aufbringen konnte.

Nachdem das Gespräch in Gang gekommen war, rief Reginald plötzlich nach einer gewissen Tine, und nach einigen Augenblicken kam eine junge Frau mit altmodisch geflochtenen Zöpfen aus der Küche; die Frisur harmonierte mit ihrem vielleicht selbstgemachten einfachen Kleid, welches ebenfalls der Alltagsmode eines vergangenen Jahrhunderts angehörte.

"Kümmerst du dich eine kurze Zeit um unseren Gast, derweil ich nach einigen Instrumenten suche?" Mit diesen Worten stand der seltsame Mensch auf und verschwand in seiner Werkstatt.

"Er ist interessant, nicht wahr? Ich bin übrigens Tine, wir haben miteinander telephoniert", stellte sich die junge Frau vor. Tine erwies sich trotz ihrem Aussehen als die wirklichkeitsnähere Lebensgefährtin Reginalds. Sie plauderte angeregt mit Thomas über dies und das, bis plötzlich die Stimme des Handwerkers aus der Eingangshalle nach dem "Herrn Musicus" verlangte.

Thomas begab sich in die Werkstatt, wo Reginald ihn mit einer Auswahl von Flöten erwartete. Die nächsten Minuten vergingen mit der Vorführung der Instrumente, wobei sowohl Reginald als auch Thomas auf ihnen spielten. Schließlich aber schüttelte der Student den Kopf.

"Nein, es ist nicht dabei. Die Töne, die ich im Sinn habe, klingen atonaler, fremder. Die Melodien meines Stückes sind auf der einen Seite primitiv, auf der anderen aber fügen sie sich zu etwas Vollkommenem, Erhabenen."

"Primitiver als dies hier?" fragte Reginald von Bellaphon listig und blies einige Töne auf einer einfachen Holzpfeife. Als ihm sein Gesprächspartner dies nochmal bestätigte, grinste der Glatzkopf hinterhältig. "Ich verstehe. Ich habe schon einmal ein Instrument gemacht, wie du es dir vorstellst. Allerdings kostet es eine Kleinigkeit."

Scharf war von der Wendung des Gespräches so überrascht, daß er die veränderte Sprechweise seines Gegenübers gar nicht bemerkte, sondern blind in die Falle tappte. Der Instrumentenmacher nannte eine Summe, und hätte sich Thomas während des Gespräches nicht unbewußt mit einer Hand auf einem kleinen Tischen abgestützt, so wäre er zweifellos tot umgefallen. Krächzend wiederholte er den Betrag, doch weil die kurze Antwort Reginalds ihn gleichsam als Echo erreichte, machte dies alles nur noch schlimmer. Verzweifelt suchte der Student seinem Verhandlungspartner die eigene pekuniäre Situation klarzumachen. Scharf wollte schon ostentativ den Wagenschlüssel hervorholen, da änderte von Bellaphon erneut seine Sprechweise. Er trat auf Thomas zu und begann verstohlen zu flüstern. Er bot dem Musiker an, die Flöte kostenlos anzufertigen, wenn jener ihn mit zu seinen "speziellen Konzerten" mitnähme. Darauf wußte Thomas nun gar nichts zu antworten. Der Hausherr schien das Schweigen als Beweis dafür zu nehmen, daß er auf der richtigen Spur sei, denn er zwinkerte dem verwirrten Studenten verräterisch zu und begann zusammenhanglos von "gewissen Riten" und "besonderen Orten" zu flüstern, zu denen der junge Mann ihn führen sollte. Endlich sah der offensichtlich verrückte Kerl ein, daß sein Gegenüber wirklich nicht wußte, wovon die Rede war. Reginalds Gesicht nahm einen enttäuschten Ausdruck an; er zuckte mit den Schultern und seufzte gelangweilt: "Man kann natürlich auch Tierknochen nehmen."

Thomas glotzte ihn einige Sekunden sprachlos an, dann fiel der Groschen. Sein Blick verschwomm, doch er suchte mit aller Anstrengung den Ausgang. Als er eine Tür fand und aufzog, fand er sich zu seiner Überraschung in der Küche wieder. Tine war gerade dabei, in mehreren Töpfen undefinierbare Gebräue zu köcheln. Sie drehte sich zu ihm um, er aber konnte kein vernünftiges Wort herausbringen. Da erschien auch schon ihr Lebenspartner in der Tür.

"Er ist etwas durcheinander", erklärte Reginald lächelnd. Mittlerweile hatte Tine ihren Besucher auf einen Stuhl gesetzt. Reginald kam auf Thomas zu, beugte sich hinab zu ihm und klopfte ihm auf die Schulter. "Nichts für ungut, Musicus, kleines Mißverständnis."

Die junge Frau setzte dem verwirrten Musiker eine Tasse mit einem dampfenden Getränk vor, von dem sie behauptete, daß es Tee sei. Von der Überzeugung durchdrungen, dieses Haus nicht mehr lebend zu verlassen, nippte Thomas todesmutig an der Flüssigkeit. Langsam beruhigten sich seine Nerven wieder. Da er offenkundig von zwei Irren festgehalten wurde, beschloß Thomas, ihnen seine eigene verrückte Geschichte zu erzählen; vielleicht ließen sie ihn ja als einen Gleichgesinnten gehen. Tine und Reginald zeigten sich in der Tat beeindruckt. Als Scharf geendet hatte, herrschte zunächst Schweigen in der Küche; die beiden Bewohner sahen sich mit undefinierbaren Blicken an. Dann stand der Handwerker auf und bedeutete seinem Gast, ihm zu folgen.


Zurück in der kalten Halle führte Reginald den Studenten in eine dunkle Ecke. Dort steckte er einen Stecker ein, und eine große, helle, tragbare Lampe riß die Szenerie mit einem Male aus der Düsternis. Im Zentrum des Ortes stand ein circa 1 Meter hoher behauener Stein. Bei genauerem Hinsehen wurden mehrere Flachreliefs deutlich, die sich in den unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung befanden. Schon bei der ersten Inspektion wurde sich Schaf der Sensation bewußt. Auf den ersten Blick bestand das Kunstwerk aus verwirrenden Schlangenlinien, konzentrischen Kreisen und Spiralen sowie aus Abbildungen, die ihm erschreckend vertraut waren.

"Was sagst du dazu? Kurz vor Weihnachten begannen die Visionen, und ich fing mit meiner Arbeit an."

Thomas sagte gar nichts, sondern näherte sich andächtig dem Kunstobjekt. Je näher er kam, desto klarer wurden die Einzelheiten sichtbar.

"Ich nenne es Hasturs Refugium. Keine Ahnung, wie ich darauf gekommen bin", vertraute Reginald seinem Besucher an.

Beeindruckt zeichnete der Komponist mit seinem Zeigefinger die Linien und Kreise nach; dann widmete er sich den konkreteren Reliefs. Er hatte die geometrischen Formen sofort erkannt. Doch erst jetzt bestätigten sich seine Ahnungen aus den Träumen, daß es sich bei den Linien und Bögen um Gebäude handelte. Doch im Gegensatz zu ihm selbst waren die Bauten bei Reginald klar erkennbar, wenn auch die Proportionen und Winkel das eine oder andere Mal nicht so ganz zu stimmen schienen.

"Ja, das sehe ich in meinen Träumen!" rief Scharf begeistert aus und drehte sich zu Reginald um, der schweigend hinter ihm gewartet hatte. "Aber hier ist alles so klar und deutlich. Ich selbst sehe immer nur Andeutungen", gestand er bedauernd.

Der Instrumentenbauer nickte mit einem wissenden Gesichtsausdruck. "Vermutlich muß das so sein. Ich sehe in meinen Träumen diese geometrischen Formen, dafür vernehme ich die Musik nur verzerrt und leise. Du hörst die Musik deutlich und kannst nur Schemen wahrnehmen." Reginald grinste und breitete seine starken Arme aus. "Wir gehören zusammen, Musicus! Brüder im Geiste!"

Der Hausherr packte den immer noch verdutzten Studenten am Arm und zog ihn auf die Rückseite des Steines. Das dortige Relief war im Vergleich zu den Arbeiten auf den anderen Seiten detaillierter ausgearbeitet; Thomas konnte in den Fenstern und hinter Torbögen gigantische Augen und Tentakel erkennen; über der zyklopischen Stadt waren Sterne abgebildet.

"Ich habe den Stein hier in die hinterste Ecke gestellt und die vollendete Seite auch noch abgewendet, weil das Kind einer Freundin letztens beim Spielen den Stein entdeckt und einen hysterischen Anfall bekommen hat. War gar nicht mehr zu beruhigen gewesen, der Kleine. Tja, die Mutter kommt seitdem nicht mehr zu uns." Reginald lachte selbstsicher.

Der Künstler ließ Thomas den Stein noch einige Zeit bewundern, dann lotste er ihn ins Eßzimmer zurück. Dort bot er Scharf an, die Flöten zu bauen; als Gegenleistung wollte er Zugang zu den Proben und natürlich zu den öffentlichen Aufführungen eingeladen werden. Die beiden Männer redeten noch bis in Abendstunden. Schließlich machte sich ein erschöpfter aber glücklicher Thomas Scharf auf den Rückweg nach Kassel.


Die restlichen Semesterferien nutzte Scharf für die Fertigstellung seiner Philosophie-Arbeit. Natürlich notierte er sich immer noch jeden Morgen zuerst die neuen Melodien, die er in den Nächten träumte, doch schien es, daß jene titanischen, noktunen Kräfte durch die Zusammenarbeit mit Reginald von Bellaphon beruhigt worden waren, denn die Träume erschienen dem Schläfer weit weniger fordernd als zuvor, und tatsächlich wachte er morgens relativ ausgeschlafen aus.

In der letzten vorlesungsfreien Woche trafen sich die Mitglieder des MEKS zu einer Probe in der Akademie. Die Musiker wollten gerade mit der Probe anfangen, da betrat eine imposante Gestalt den Saal. Sofort zog Reginald alle Blicke auf sich; dabei war er für seine Verhältnisse modern und unauffällig gekleidet. In seinen Händen hielt er zwei schmale Kästen. Thomas stellte den Neuankömmling den anderen vor. Dabei schielte der Komponist demonstrativ auf die Mitbringsel, was Reginald jedoch beharrlich ignorierte. So blieb Scharf nichts anderes übrig als den Gast darüber zu informieren, daß man soeben hatte beginnen wollen. Der kahlköpfige Mann gab seiner Freude darüber Ausdruck und ließ sich in der ersten Stuhlreihe nieder.

Nachdem das erste Stück, Tanz der Tiefen Wesen, beendet war, drehte sich der Dirigent zu seinem Publikum um. "Und, wie fandest Du’s?"

"Phänomenal!" brüllte Reginald und klatschte übertrieben Beifall. Sein Gesichtsausdruck verriet ehrliche Begeisterung. "Endlich höre ich die Melodien, die ich – ", hier unterbrach er sich hastig und suchte angestrengt nach Worten, "die ich schon immer vernehmen wollte."

Thomas grinste, denn er wußte sehr wohl, was dem Instrumentenbauer tatsächlich auf der Zunge gelegen hatte. "Dann kannst du uns ja auch nun dein Geheimnis offenbaren, o Magister der Instrumente."

"In der Tat, Musicus, in der Tat. Sehet und staunet, was ich derweil gefertigt habe." Mit diesen Worten trat der Mann nach vorne und übergab Thomas den ersten Kasten.

In ihm lag eine kleine Flöte; kein gewöhnliches Instrument, sondern ein Unikat. Das Instrument war von einem eigentümlichen Weiß, welches mit gelblichen und dunklen Stellen durchsetzt war; zudem war es nicht gerade, sondern wies leichte Krümmungen oder Wellen auf.

Ehrfurchtsvoll nahm Thomas die Flöte in die Hand und setzte sie an die Lippen. Unmelodische Töne erfüllten die Luft, doch Thomas brauchte nur die ersten Takte seines Tanzes zu spielen, um zu wissen, daß Reginald ein Genie war. Wortlos reichte er Jutta das Instrument.

"Uäärghh", ließ sich die Studentin vernehmen, als sie den Gegenstand in die Hände nahm. "Ist das Ding woraus ich glaube, daß es ist?" fuhr sie Thomas leicht hysterisch an.

"Ich…äh…weiß nicht, wofür du es hälst, Jutta", suchte sich Thomas aus der Lage zu befreien, die er in ihrer Tragweite erst jetzt bemerkte.

"Ich bin Vegetarierin!" protestierte Jutta entsetzt.

"Die Kuh oder das Rind war es auch", behauptete Thomas erleichtert und erntete einige Lacher.

"Eine Kuh?" hakte die Studentin skeptisch nach.

Thomas nickte eifrig, obwohl er es besser wußte. Hilfesuchend drehte er sich zu seinem Lieferanten um, der nun ebenfalls heftig nickte. Reginald war offensichtlich zu der Überzeugung gelangt, daß Angriff die beste Verteidigung war.

"Wenn ihr euch schon über die kleine Flöte so aufregt, dann wartet mal, bis ihr dieses Prachtstück gesehen habt." Und mit diesen Worten öffnete er den etwas größeren Kasten und entnahm ihm eine zweite Flöte. Von ihrer Größe her schätzte sie Thomas als eine Art Blockflöte für Alt ein, genau wie er seine Wünsche dem Instrumentenmacher beschrieben hatte. Und tatsächlich erklangen tiefere Töne, als Reginald sich das Instrument an die Lippen setzte; nichtsdestoweniger blieb ein Empfinden von wilder Primitivität wie bei der kleineren Flöte. Auch das zweite Instrument war aus Knochen gefertigt und nicht hundertprozentig gerade geformt.

Thomas gab die Alt-Flöte Thorsten, der sie mit sichtlich weniger Mißfallen ausprobierte als seine Kommilitonin. Sichtlich ungeduldig trieb der junge Dirigent sein kleines Orchester zur Probe des zweiten Stückes, dem Aufgang des Yuggoth. Das Ergebnis war atemberaubend. Irgendwann schloß Thomas seine Augen und gab sich ganz seiner Komposition hin, wobei er automatisch dirigierte.

Die Stunden nach der Probe verbrachten die jungen Leute ausgelassen in einer Kneipe. Natürlich war Reginald der Star des Abends, und alle, die ihn vorher nicht gekannt hatten, unterhielten sich angeregt mit ihm. Derweil erörterten Thomas und Carsten einige musikalische Feinheiten. Von den restlichen Ensemblemitgliedern schien sich vor allem Ulrike für den großen Mann mit dem kahlen Schädel zu interessieren. Was wohl Tine dazu sagen würde? Da es immer später wurde, bot Scharf seinem Mitstreiter an, in seiner kleinen Wohnung zu übernachten. Auf dem Weg zur Wohnung legten die beiden Männer einen Zwischenstopp in einer Tankstelle ein, wo sie sich mit alkoholischen Getränken versorgten. Die Stunden bis zum Sonnenaufgang verbrachten sie mit dem Komponieren waghalsiger Melodien auf Scharfs Sythesizer und der Vernichtung des Alkoholvorrats.


Nach dem Beginn des neuen Semesters fanden die Proben wieder regelmäßiger statt. Akademieleiter Euler beehrte die jungen Musiker ein-, zweimal mit seiner Gegenwart, hielt sich aber mit seinen Kommentaren zurück. In der Gruppe kam man zu der Überzeugung, daß Euler die neuen Stücke Scharfs nicht mochte. Bei den Musikern machte sich mehr und mehr eine gegenteilige Empfindung breit; je länger sich die Studenten mit der seltsamen Musik beschäftigten, desto faszinierter waren sie von den Kompositionen, die so ganz anders klangen als alles, was sie bisher aufgeführt hatten.

Eines Abends kam Euler mitten in einer Probe mit einem Begleiter in den Saal und setzte sich mit ihm leise in eine der hinteren Reihen. Die Musiker machten Thomas durch Kopfbewegungen auf die Ankömmlinge aufmerksam, da der Dirigent mit dem Rücken zum Eingang stand. An einer passenden Stelle drehte sich Thomas schnell um, doch saßen die beiden Männer geschickt im Schatten eines Turmes aus gestapelten Stühlen; Thomas erkannte Euler an seiner Haarpracht, doch den anderen Besucher konnte er nicht erkennen. So blieb dem Komponisten nichts anderes übrig, als sich wieder seinem Orchester zuzuwenden. Als das Stück nach einigen Minuten fertig gespielt war, drehte sich Thomas sofort wieder zu den Sitzreihen um, nur um noch mitzukriegen, wie die beiden Männer auf die Ausgangstür zugingen. Der Fremde, der eine dunkle Hautfarbe hatte und Jeanskleidung trug, winkte den Musikern wortlos zu und verließ dann mit dem Akademieleiter den Raum.

"Kennt den jemand?" fragte Scharf seine Kollegen, doch alle verneinten; einzig Jutta glaubte, jenen Menschen schon einmal irgendwo gesehen zu haben.

"Vielleicht will er uns buchen", witzelte Carsten, und die meisten Anwesenden lachten. Denn trotz ihrem Enthusiasmus während der Proben war den Musikern klar, daß ihre neuen Stücke sehr schwere Kost waren und die Möglichkeit groß war, daß niemand außerhalb dieses Saales Scharfs Musik-Zyklus zu hören bekommen würde.

Die jungen Leute irrten sich.


Der Anruf war knapp gewesen. Hanns-Dietrich Euler persönlich hatte Scharf in höflichem Ton gefragt, ob er sich an diesem Nachmittag zu einer bestimmten Zeit im Probensaal einfinden könne. Natürlich hatte Scharf zugesagt. Er war nicht sonderlich überrascht, im Saal die anderen Mitglieder des Ensembles zu treffen. Keiner konnte jedoch einen Grund für dieses außerordentliche Treffen nennen. Die Vermutungen reichten von fristloser Kündigung des Raumes bis zum Engagement für das jährliche Sommerfest der Musikakademie.

Doch sobald sich die Tür zum Saal geöffnet hatte, waren alle Spekulationen reine Makulatur geworden.

"Oh mein Gott", hauchte Ulrike geschockt. Zwei Männer hatten den Saal betreten. Der eine war Euler, der andere jener Unbekannte, der vor einigen Tagen in Begleitung Eulers die Probe besucht hatte. Angestrengt suchte Thomas in seinem Gehirn nach einer Information, die er mit dem Gesicht in Verbindung bringen konnte, doch bevor er Erfolg hatte, nahm ihm Euler die Arbeit ab.

"Meine Damen und Herren, darf ich vorstellen: Herr Pablo Muñoz, der diesjährige Leiter der documenta; Herr Muñoz: das MEKS." Euler stellte die Musiker mit Namen vor. Sodann kam er zum Kern der Sache. "Herr Muñoz hat ein Problem. Eine der Gruppen für das Begleitprogramm der documenta hat abgesagt. Laut Aussagen von meinem Kollegen hier handelte es sich um eine sehr extravagante Combo, die nur schwer zu ersetzen ist. Zum Glück hat sich Pablo an mich um Hilfe gewandt. Und jetzt stehen wir hier. Ich halte nämlich große Stücke von der neuen Komposition, welche Sie seit Monaten einstudieren. Kurz und gut: wären Sie bereit, an einem Abend im Juli vor großem Publikum im Freien zu spielen?"

Entsetztes Schweigen. Die Musiker schauten sich verstohlen an, brachten keinen Ton heraus. Schließlich blieben alle Blicke an Thomas Scharf hängen. Thomas räusperte sich und setzte zu einer Erklärung an. Euler unterbrach ihn und bat darum, daß er Englisch oder Spanisch sprechen möge. Thomas dankte dem Veranstaltungsleiter für das Vertrauen und die große Ehre, die er den Studenten entgegenbrachte. Scharf sagte nach einer kurzen Rücksprache mit seinen Musikern einen Auftritt zu, betonte jedoch, daß sein Hauptwerk noch nicht vollendet sei. Daraufhin gab Muñoz zu verstehen, daß er vollstes Vertrauen in Scharfs Können setze und fest mit einem vollständigen Zyklus bis zum Sommer rechne. Zudem bat er den Studenten, ihn unter vier Augen zu treffen.


Nachdem die erste Euphorie abgeklungen war, machte sich Thomas beschwingt auf den Weg zu Eulers Büro. Muñoz fing ihn vorher ab und dirigierte ihn zu einem kleinen Nebenraum. Dort setzten sich die beiden Männer an einem kleinen Tisch gegenüber. Ohne Umschweife begann der Guatemalteke, Scharf über seine Komposition auszufragen. Schnell merkte Scharf, daß sein Gesprächspartner weniger an den Stücken als an ihrem Zustandekommen interessiert war. Auf die Gefahr hin, es sich mit der vielleicht wichtigsten Person in seinem Leben zu verscherzen, unterbrach Thomas den Mann rüde und stellte ihn zur Rede. Scharf unterstellte dem documenta-Leiter, mehr zu wissen als er vorgebe. Dann berichtete Thomas kurz von seinen Träumen und forderte Muñoz auf, ihm eine Erklärung zu liefern. Überraschenderweise lächelte der Mittelamerikaner Scharf an und gratulierte ihm. In den folgenden Minuten berichtete Muñoz über seine Heimat und ihre Geschichte, die aufs engste mit den Maya verbunden ist. Thomas erfuhr von Religionen und Kulten, die älter als die Maya-Kultur waren und bis heute praktiziert wurden; lernte, daß die Anhänger dieser uralten Religionen über die gesamte Erde verstreut waren und von ihren Herren mittels Träumen kontaktiert wurden.

"Sie sind ein sehr mächtiger Träumer, Herr Scharf. Nur wenige Menschen vernehmen den Ruf der Großen Alten so deutlich wie Sie", lobte Muñoz in seinem stark spanisch gefärbten Englisch. "Ich selbst habe ungeheure Träume, seit ich zum Leiter Ihrer wunderbaren Kunst-Veranstaltung ernannt worden bin. Ich habe den Sinn vieler Botschaften nicht verstanden, doch jetzt habe ich Sie gefunden. Die Alten Götter haben es so geplant, Thomas. Wir beide müssen zusammen an diesem Projekt arbeiten Ich glaube fest daran, denn ich beschäftige mich schon seit Jahrzehnten mit dem Studium der Alten Götter."

Thomas drückte sein Erstaunen über die angebliche Seltenheit seiner Visionen aus und erzählte Muñoz von Janine Krauses verrücktem Gemälde und Reginalds bildhauerischer Arbeit. Nun war es an dem Ausländer, überrascht zu sein. Sofort bat er darum, sich die entsprechenden Werke angucken zu dürfen. Thomas rief bei Reginald an und erfuhr von Tine, daß ihr Freund bei der Vorbereitung einer Mittelalter-Veranstaltung war, aber übermorgen zurückerwartet wurde. Bei seinem dritten Telephongespräch hatte Thomas etwas mehr Glück. Von Ulrike hatte Scharf zuvor die Nummer der Galeristin bekommen, die Janines Gemälde ausgestellt hatte. Die Frau erinnerte sich an Thomas. Er berichtete ihr, er habe einen wichtigen Interessenten für jenes Gemälde gefunden, der jedoch nicht viel Zeit habe und das Bild so schnell wie möglich sehen wolle. Die Stimme in Scharfs Handy-Lautsprecher machte allerlei mürrische Ausflüchte und wies auf eine Veranstaltung am heutigen Abend hin, an die noch letzte Hand angelegt werden müsse, doch am Ende bestellte sie Thomas und den Interessenten mit strengem Ton in ihr Reich.


Die Frau Galeristin traf fast der Schlag, als sie Scharfs Begleiter erkannte. Sie erholte sich jedoch sehr schnell von ihrem Schrecken und begann zu Thomas’ Überraschung auf Spanisch loszuplappern. Mit ausholenden Gesten führte sie ihren prominenten Gast durch die Galerie, wobei Muñoz höflich lächelte und ihr ein, zwei belanglose Fragen stellte. Bevor die gestrenge Dame des Hauses völlig in ihrer Führung durch die neue Ausstellung aufging, fragte sie der Leiter der documenta direkt nach dem einen Bild. Zunächst sah die Galeristin Muñoz verwirrt an, als könne sie nicht glauben, daß er tatsächlich wegen dieses Gemäldes gekommen sei; doch sie hatte sich schnell wieder gefangen und führte die beiden Besucher in den hinteren Teil ihrer Räumlichkeiten. Dort hatte sie ihr Büro; das gesuchte Bild hing an einer Wand und wurde von einer hellen Lampe angestrahlt; am Boden stand ein weiteres Gemälde, welches das Zimmer offensichtlich ursprünglich anstelle des farblichen Chaos von Fräulein Janine geschmückt hatte.

Sobald der Mittelamerikaner das Gemälde erblickt hatte, war die Welt um ihn herum nicht mehr vorhanden. Er besah sich das Werk von allen Seiten und aus allen Winkeln. Immer wenn die Galeristin zu einer Erklärung anhob, gab er ihr mit der Hand unwillig zu verstehen, daß er nicht gestört werden wolle. Schließlich drehte er sich zu Thomas und der Galeristin um.

"How much?" fragte er auf Englisch, offenbar, damit sich Thomas nicht ausgeschlossen fühlte.

Im Gesicht der Frau begann es zu arbeiten. Mit großem Vergnügen beobachtete Scharf, wie sich in dem bebrillten Antlitz kaufmännische Kalkulation und der Instinkt für eine einmalige Situation, die Früchte für das ganze weitere Leben tragen könnte, stritten. Am Ende hatte vermutlich letztere Seite gewonnen, denn die Frau nannte Muñoz einen – wie es Scharf vorkam – realistischen Preis (den er persönlich niemals hätte bezahlen können). Doch der Kunde war Südländer und fing sofort zu feilschen an. Nach einigem Hin und Her setzte die Hausherrin ein strenges Gesicht auf und erklärte resolut, daß sie für jenes Kunstwerk nicht weniger verlangen könne, zumal die Künstlerin bedauerlicherweise verschieden und ihre Werke damit im Preis gestiegen seien. Muñoz gab sich geschlagen und holte seine goldene Kreditkarte hervor. Wenige Minuten später verließen Scharf und Muñoz mit dem Gemälde das Gebäude. Die Enttäuschung der Galeristin darüber, daß der wichtige Käufer nicht bis zur Eröffnung der neuen Ausstellung blieb wurde nicht nur durch den Verkauf des Gemäldes sondern auch durch die Überreichung einer VIP-Karte für die documenta gemildert.


Einige Tage später stand Scharf ein weiteres wichtiges Gespräch bevor. Es fand im Büro von Prof. Dr. Dr. Koch statt. Scharf hatte sich zur wöchentlichen Sprechstunde angemeldet und sich gefügig in der Warteschlange eingereiht, bis er aufgerufen wurde.

"Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, Herr Professor", begann Thomas das Gespräch. "Welche zuerst?" Der Student hatte einen kleinen philosophischen Vortrag über Gut und Schlecht erwartet, doch nach kurzem Überlegen entschied sich der Dozent. "Wie Sie wollen", ging Thomas auf die Entscheidung ein, "ich werde dieses Semester kürzertreten und alle Seminare und Übungen streichen." Als er das sorgevolle Gesicht des Professors sah, grinste Thomas voller Vorfreude und überreichte dem Mann ein Blatt Papier, auf dem man schon aus der Entfernung das offizielle Logo der diesjährigen documenta erkennen konnte.

Koch las sich das Schreiben sorgfältig durch und gab es wortlos zurück. "Das ist natürlich eine aufregende Sache. Ich gratuliere Ihnen, Thomas. Es freut mich, daß Sie mit Ihrer künstlerischen Ader jetzt so viel Erfolg haben." Der Dozent setzte eine gespielt strenge Mine auf. "Als Ihr Professor muß ich Sie jedoch davon in Kenntnis setzen, daß es vermutlich Konsequenzen haben wird, wenn Sie in diesem Semester fast keine Studienpunkte holen." Dann mußte der zweifache Doktor aber wieder grinsen. "Ich werde mit Ihrem Zettel zum Dekan gehen. Wäre doch gelacht, wenn man für eine persönliche Einladung zur Teilnahme an der documenta durch ihren Leiter keine Sonderpunkte holen kann. Im Notfall melden Sie Ihre Komposition als Projekt für Praktische Philosophie an. Das war doch Ihr letzter Schwerpunkt, nicht wahr?"

Scharf bejahte und dankte Koch für seine Unterstützung. Er hatte sich schon zum Hinausgehen gewandt, da rief ihm sein Dozent hinterher: "Und denken Sie immer an den alten lateinischen Philosophen-Spruch: do ut des; ich würde mich sehr über eine Eintrittskarte für Ihr Konzert freuen!"

Kopfschüttelnd verließ Thomas das Zimmer.


Bevor sich Scharf jedoch völlig der Vollendung seines Werkes widmen konnte, galt es, eine letzte organisatorische Aufgabe zu meistern, und so kam es zu einem denkwürdigen Zusammentreffen zwischen Pablo Muñoz und Reginald von Bellaphon. Die beiden Männer verstanden sich von Anfang an prächtig. Der Guatemalteke zeigte sich zutiefst von Reginalds Hastur-Skulptur beeindruckt. Bis in die tiefe Nacht hinein erzählte Muñoz von seinen okkulten Studien und weihte die Deutschen in die Geheimnisse der Kulte um die Großen Alten ein. Einige Behauptungen klangen so abenteuerlich, daß Scharf sie rundweg als Märchen abtat. Reginald hingegen schien immer mehr von den Theorien des anderen Künstlers fasziniert zu sein. Und auch Tine, die sich zu einer Art germanischer Naturreligion bekannte, hörte gebannt zu. Der reichlich fließende Met tat ein übriges dazu; doch während die drei immer ausgelassender diskutierten, wurde Thomas immer schläfriger und nickte irgendwann ein. Beinahe sofort war er von exotischen Klängen und leuchtenden Farben umgeben.


Der Sommer hatte seinen Zenit erreicht. Draußen kündigte sich das Ende des Tages an. Die jungen Mitglieder des MEKS waren in einem großen Raum im Fridericianum, der Kunsthalle im Stadtzentrum, versammelt und steigerten gegenseitig ihre Nervosität. In weniger als zwei Stunden würde das Konzert beginnen. Ihr Konzert. Nur Thomas Scharf, der Komponist, strahlte eine geradezu unnatürliche Ruhe aus. Er hatte in den vergangenen Wochen und Monaten wie besessen an seinem Hauptwerk gearbeitet und es mit dem Ensemble eingeübt. Nun war alles bereit.

Die Tür flog auf, und ein glatzköpfiger Hüne betrat den Raum. "’n Abend, Leute!" grüßte Reginald die Versammelten fröhlich. "Ich habe euch noch etwas mitgebracht." Mit diesen Worten stellte er einen mit einem Tuch verdeckten länglichen, recht großen Gegenstand ab. "Das ist mein Geschenk für die Premiere. Ich denke, ihr werdet es heute abend gut gebrauchen können. Ich muß sagen, ich habe mich diesmal selbst übertroffen."

"Du kommst jetzt mit einem neuen Instrument an? Eineinhalb Stunden vor der Uraufführung?" fuhr ihn Ulrike entgeistert an. Sie war die Nervöseste von allen, denn obwohl es nicht ihr Stück war, so war sie bei der Aufführung einer jeden neuen Komposition mit Herz und Seele dabei und litt mit dem Komponisten.

"Genau", antwortete Reginald unbeschwert, "und Ihr werdet besonders angetan sein, holde Maid", wobei er auf Ulrike wies. Dann zog er das Tuch weg und legte sein Geschenk frei.

Durch den Saal ging ein Raunen. Denn auf dem Boden stand eine Art Xylophon – aus Knochen. Wortlos hielt Reginald Ulrike die ebenfalls knöchernen Schläger unter die Nase. Die junge Frau hatte sich bis jetzt nicht mit den Knochenflöten anfreunden können, und jetzt sollte sie selbst auf einem solch makabren Instrument spielen. Als sie die erwartungsvollen Gesichter ihrer Freunde sah, fügte sie sich in ihr Schicksal und umrundete skeptisch einmal das Schlaginstrument. Dann hockte sie sich hin und ließ die Schläger wahllos auf die aufgereihten Knochen fallen. Sofort wurde der Raum von Geräuschen erfüllt, die jeden in ihren Bann zogen.

"Das ist es", flüsterte Thomas ergriffen, "genau so habe ich es geträumt. Das ist der noch fehlende Klang." Und an Reginald gewandt: "Du bist ein Genie!"


Dann war die Zeit für die letzte Klangprobe gekommen. Die sechs jungen Leute begaben sich zur Bühne, die auf dem Platz aufgebaut worden war, welcher sich nordwestlich vor dem Gebäude befindet. Die ersten Konzertbesucher streunten bereits in der Nähe umher. Reginald meldete sich als Testpublikum und nahm während der Probe verschiedene Plätze vor der Bühne ein. Schließlich stand er in der letzten Reihe und hielt beide Hände mit dem Daumen nach oben hoch. Da traf auch Pablo ein, wie gewöhnlich in lässiger Kleidung. Er bot den Studenten an, auf die Instrumente aufzupassen, damit sich die Musiker noch einige Minuten die Beine vertreten und ihre Nervosität verlieren konnten. Natürlich entdeckte er schnell Reginalds Meisterwerk. Er umrundete es einmal und gab dem Instrumentenbauer ein Zeichen, daß er mit ihm gleich sprechen wolle. Zuvor zog Pablo aber Thomas zur Seite. Der dokumenta-Leiter wollte von dem jungen Ditigenten wissen, wie es ihm gehe. Thomas gestand seinem Gönner die große Anspannung unter der er stand. Der Guatemalteke lächelte.

"Keine Sorge, Thomas. Dieser Abend wird in die Weltgeschichte eingehen. Morgen früh wird nichts mehr so sein wie zuvor." Er wies auf das große knöcherne Instrument Reginalds. "Alles fügt sich heute an diesem Ort zusammen. Und was deine Nerven angeht:", Muñoz zwinkerte Thomas zu, "wir werden für unsere Mühen fürstlich belohnt werden." Pablos Gesicht nahm unvermittelt ernste Züge an, und mit düsterer Stimme behauptete er: "Denn Fürsten werden wir sein." Unvermittelt setzte dieser für Thomas undurchschaubare Mann ein strahlendes Lächeln auf und drehte sich wieder zur Bühne um. Mit ausgebreiteten Armen ging er auf Reginald zu.

In einer Stunde sollte das Konzert beginnen.


Die Dunkelheit breitete sich über Kassel aus. Wenn Thomas nach oben blickte, konnte er einen sich entfaltenden Sternenhimmel betrachten. Venus und Saturn wurden sichtbar. Es versprach, eine wundervolle Sommernacht zu werden.

Die meisten Sitze schienen tatsächlich belegt zu sein, was Thomas selbstverständlich sehr freute; eine leise, gemeine Stimme flüsterte ihm jedoch ein, daß viele der Besucher nur gekommen waren, weil Pablo Muñoz diese Veranstaltung persönlich gefördert hatte. Doch dann konnte Scharf in den ersten Reihen einige bekannte Gesichter ausmachen: Reginald und Tine, seinen Philosophieprofessor Koch samt Gattin, Akademieleiter Euler mit Familie und die Galeristin. Leider hatte auch Scharfs Nemesins den Weg zum Konzert gefunden, die Reiter der Apokalypse: seine ehemaligen Musikdozenten, Frau Müller-Osten, Herr Krug und Herr Lauch. Hinzu kamen weitere Persönlichkeiten aus dem universitären und künstlerischen Bereich sowie Freunde und Verwandte der anderen Gruppenmitglieder – und ungefähr 200 Leute außerdem. Langsam machte sich auch bei Scharf eine gewisse Unruhe breit. Doch als das dezente elektrische Licht über der Bühne eingeschaltet wurde (Scharf hatte zunächst auf Fackeln oder brennenden Fässern insistiert, um die scheinbare Primitivität der Musik zu unterstreichen, was jedoch aus Brandschutzgründen abgelehnt worden war), waren alle Sorgen verflogen. Der Dirigent ging im Geiste noch einmal das Konzert durch. Daher bekam Thomas auch kaum etwas von den einführenden Worten Pablos mit, der einen einmaligen Kunstgenuß versprach. Ein Raunen ging durch die Menge, als der künstlerische Leiter der documenta bekannte, von dem Hauptwerk selbst noch keine einzige Note gehört zu haben und man daher eine echte Weltpremiere erlebe. Dann nickte er Thomas aufmunternd zu, dieser hob seinen Stock und gab den Takt vor.

Die folgende Dreiviertelstunde erlebte Thomas wie in Trance. Er drehte sich kein einziges Mal zum Publikum um, doch aus den Geste und der Mimik der beiden Trommler (Carsten und ein kurzfristig hinzugestoßener Student aus Westafrika namens Jean-Paul spielten auf hellen Bongos) konnte Scharf erkennen, daß sein Stück gut ankam.

Das änderte sich kurz nach Beginn des Hauptteiles. Scharf bemerkte die Veränderung zunächst an Carsten und Jean-Paul. Da sich die beiden Trommler auf keine Noten konzentrieren brauchten, hatten sie die Freiheit dazu genutzt, die Reaktionen im Publikum zu beobachten, dem Dirigenten mimisch Bericht darüber zu geben oder sich gegenseitig Grimassen zu schneiden. Doch jetzt waren ihre Gesichter erstarrt, sie hatten die Augen und der Mund weit aufgerissen und blickten stumpf nach schräg oben. Gleichzeitig schlugen sie auf ihren Instrumenten mechanisch einen Takt. Die restlichen drei Musiker waren offensichtlich so sehr in ihr Spiel vertieft, daß sie die Welt um sich herum nicht mehr wahrnahmen. Seine Beobachtungen rissen Scharf aus seiner eigenen Konzentration auf das Dirigieren.

Behutsam wandte Thomas seinen Kopf in dieselbe Richtung, in die seine beiden Trommler starrten. Doch er konnte am Nachthimmel nichts Beunruhigendes entdecken. Dann vernahm sein feines, musikalisch geschultes Gehör jedoch Melodien, die nicht in sein Stück gehörten, sich aber dennoch perfekt einfügten; daher hatte sie Scharf bislang auch nicht wahrgenommen. Scharf fühlte Panik in sich aufsteigen. Spielten seine Musiker plötzlich improvisierte Melodien? Wollte sich jemand einen Spaß erlauben und spielte über ein Lautsprechersystem fremde Musik ab? Die Verwirrung wuchs, als sich Thomas über die grobe Richtung klar wurde, aus der die anderen Melodien herwehten.

Sie kamen von oben. Aber dort war nichts außer dem klaren Sternenhimmel.

Scharfs Verwirrung steigerte sich zur Panik, als er weitere Geräusche aus dem Publikum vernahm. In Sekundenbruchteilen sah der junge Komponist seine Karriere in Trümmer gehen, sah das enttäuschte Gesicht seines Gönners Muñoz und die schadenfrohen Fratzen seiner ehemaligen Musik-Dozenten.

Das Bild, das sich ihm bot, überstieg jedoch alle seine Albträume. Sanitäter huschten so unauffällig wie möglich durch die Reihen und geleiteten einzelne Konzertbesucher zum DRK-Zelt am Rande der Veranstaltung; einige der Menschen mußten getragen werden. Dies alles nahm Scharf mit einer erschreckenden Deutlichkeit wahr, wie es angesichts der Lichtverhältnisse gar nicht hätte möglich sein können. In den vorderen Reihen erkannte er Prof. Dr. Dr. Koch mit zurückgelegtem Kopf, Blut rann ihm aus der Nase, scheinbar unaufhörlich, denn er und seine verzweifelte Frau hatten schon kleine Berge aus roten Papiertaschentüchern auf ihren Schößen liegen; in ihrer Nähe zuckte Krug, einer seiner Musikdozenten, spastisch auf seinem Sitz, sein Kollege Lauch zeigte einen Gesichtsausdruck ähnlich denen der beiden Trommler auf der Bühne, nur daß dem Akademiker Schaum vorm Mund stand; Frau Müller-Osten hatte den Kopf zu Boden gesenkt und trampelte hysterisch mit ihren Füßen als ob sie dort irgendwelche Insekten zerträte. Als wäre dieser letzte Anblick ein Freischalt-Code für seine akustische Wahrnehmung, begann der entsetzte Thomas Scharf nun auch von unten her Geräusche zu hören. Es klang wie ein gigantisches Schlurfen, das von Musik begleitet wurde, ebenfalls nicht von seinem Ensemble gespielt, doch perfekt damit harmonierend. Thomas hob panisch den Blick und suchte in der versammelten Kompetenz des Publikums nach einer rationalen Antwort. Seine umherirrenden Blicke blieben an Reginald und Tine hängen; beide starrten mit verzücktem Gesicht in den nächtlichen Himmel.

Unwillkürlich drehte sich Scharf um, er wollte auch sehen, was seine beiden Mitstreiter sahen.

Gerade noch rechtzeitig.

Dann verloschen die Sterne.


© A.W.G. Döring 2007