Titel

© 2009 by A.W.G. Döring


Die Musik hämmerte durch die Discothek, vielfarbige Lichter erzeugten verwirrende Farbenspiele auf der phantasievollen Einrichtung und den Körpern der Gäste.

Erik fühlte sich großartig. Er hatte dem Institut für ein, zwei Tage den Rücken gekehrt und war nach Köln gefahren, um sich vor Ort über mögliche cthuloide Umtriebe zu informieren und seine wissenschaftlichen Kenntnisse zu vertiefen. Der erste Grund war durchaus ernst zu nehmen. Die Anhänger der Großen Alten hatten in den letzten Monaten wichtige Erfolge erzielt und schienen in ganz Europa eine Großoffensive vorzubereiten. Von überall kamen beunruhigende Meldungen herein. Daher würde in einigen Tagen auch eine Konferenz hochrangiger Mythos-Bekämpfer stattfinden, an der er, Erik Meier, teilnehmen würde.

Zur Entspannung widmete er sich daher ausgiebig dem zweiten Reisegrund. Als Kulturhistoriker und Psychologe lag sein Aufgabengebiet im Institut zwar in der Erforschung der Traumwelt, doch war Erik von der tiefen Überzeugung durchdrungen, seine Kenntnisse auch an heimischen Studienobjekten erweitern zu müssen. Dass diese Studienobjekte durchweg jung und weiblich waren, erschien dem Wissenschaftler nur natürlich, schließlich erforschte er in dieser Welt vor allem die Jugendkultur.

„Und da habe ich auch schon zwei Prachtexemplare entdeckt“, frohlockte Erik innerlich, als er die beiden jungen Frauen erspähte. Die eine war hochgewachsen und brünett, ihre Freundin war etwas kleiner und hatte ihre blonden Haare mit roten und grünen Strähnchen verziert. „Interessant“, dachte Meier, „und die Proportionen bei den beiden sind genau so, wie ich es mag!“ Mit Kennerblick beobachtete der Forscher die beiden Mädchen einige Minuten lang und stellte mit Freude fest, daß die zwei offensichtlich ohne männliche Begleitung gekommen waren. Vorsichtig pirschte sich Erik auf Hörweite heran, was angesichts der Lärmpegels in der Disco schon fast einer Verletzung der Intimsphäre gleichkam. Doch Erik war Profi genug, um nicht sofort aufzufallen. Enttäuscht notierte der Forscher auf seiner gedanklichen Liste die ersten Minuspunkte. So unterhielten sich die beiden jungen Damen in einem ausgeprägten lokalen Dialekt, wobei ihr Wortschatz nicht sehr umfangreich zu sein schien. Meier warf einen Blick auf seine Uhr und stellte fluchend fest, dass der neue Tag längst angebrochen war. Somit blieb ihm für seine Forschungen nur noch eine weitere Nacht. Mutig beschloss er daher, das Tempo zu erhöhen und richtete es so ein, dass er „zufällig“ an dem Stehtisch der beiden landete.

Da Erik Psychologe war, hatte er keine Schwierigkeiten, schnell ein Gespräch einzuleiten und brauchbare Informationen zu erhalten. Als Meier die Namen der beiden Schönheiten erfuhr, musste er innerlich grinsen, und er beschloss sofort, die Dunkelhaarige insgeheim Schantalle und die Blondine Schackeline zu nennen.

Seine Arroganz wurde bald bestraft. Nachdem sich die beiden Mädels auf seine Kosten mit teuren Getränken versorgt hatten, machten ihm Chantal und Jacqueline klar, dass sie nicht viel von „ahle Männer“ und „notgeile Type“ wie ihn hielten.


Frustriert nahm Erik einen Hocker an der Bar in Beschlag, wo die Wartezeiten für den alkoholischen Nachschub kürzer und die Musik leiser waren. - „Na, Kollege, auch kein Glück gehabt?“ - Der Wissenschaftler blickte überrascht zur Seite. Neben ihm hatte sich ein Mann niedergelassen, den Erik aufgrund der peinlichen Kleidung als billigen Aufreißer identifizierte. Dennoch ließ sich Erik zu einer Antwort herab. „Wenn man sie fragt antworten sie einem - aber mehr auch nicht“, fasste Meier missmutig seine jüngste wissenschaftliche Niederlage zusammen. Bevor ihm der Fremde jedoch ein Gespräch aufzwingen konnte, strebte Erik dem Ausgang zu. Er hatte genug für heute.

Später lag er grübelnd in seinem Hotelbett. „Manchmal fühle ich mich einfach nur alt und müde.“ Die Gedanken schweiften zu seiner letzten längeren Beziehung ab: „Was wohl Veronika gerade macht?“


Das leise Dudeln des Radios ließ Jochen erwachen. „Habe ich dich geweckt?“ drang leise eine krächzende Stimme an sein Ohr. Früher hatten sich beim Erklingen dieses Organs seine Fußnägel aufgerollt, seit einigen Wochen jedoch konnte sich Jochen keinen schöneren Klang auf der Welt vorstellen; vor allem, wenn diese Stimme ihm im Bett Ferkeleien ins Ohr flüsterte. Ohne die Augen zu öffnen drehte sich Jochen herum und ließ tastend seine Hand umherwandern, bis er sein Ziel gefunden hatte. Sofort bekam er einen leichten Schlag auf die Fingerspitzen versetzt. - Die neben ihm liegende Person schwang sich kichernd aus dem Bett. „Dafür ist es jetzt zu spät. Ich muss Vorbereitungen für die Konferenz treffen. Du hattest gestern Abend deine Chance.“ Jochen rollte weiter und lag schließlich mit dem Gesicht auf dem Kissen. Seine Antwort war daher fast gänzlich unverständlich, doch konnte sich Veronika denken, was die Laute bedeuten sollten.

Ihr Freund war von Beruf Steinmetz und in dieser Eigenschaft für den Nachschub an Sternsteinen zuständig, mit denen die Mitarbeiter des Instituts sowie anderer Organisationen die Anhänger der Großen Alten bekämpften. Gestern jedoch hatte Jochen eine Arbeit in Angriff genommen, die er seit seinem ersten Tag im Institut hatte erledigen wollen; eine Arbeit, die im Gegensatz zur Produktion von Sternsteinen in der Wachwelt durchgeführt wurde. Prompt hatten sich bei dem Handwerker seine Rückenprobleme zurückgemeldet, sodass er gestern Abend leidend im Bett gelegen hatte.

Die Ärztin trat aus der Dusche, schlang ein Badetuch um ihren schlanken Körper und wischte den beschlagenen Spiegel klar. Sie blickte in ihr Antlitz und fragte sich erstaunt nicht zum ersten Mal: „Kann sich wirklich jemand in dieses Gesicht verlieben?“ Das Kinn und die Wangenknochen waren zu spitz, die Nase zu groß, ebenso die blauen Augen, von denen die Männer behaupteten, besonders fasziniert zu sein. Sicher, es hatte Männer in ihrem Leben gegeben; während des Studiums und nach dem Eintritt ins Institut…Erik. Veronikas Miene verdüsterte sich schlagartig. Sie verdrängte den Gedanken an ihren ehemaligen Freund und beendete schnell die morgendliche Hygiene.


Mit schnellen Schritten legte die Medizinerin den kurzen Weg zurück, der sie von ihrer Wohnung zum Arbeitsplatz führte. Zusammen mit Jochen bewohnte sie ein Appartement in einer der Gründerzeit-Villen, welche den kleinen Stadtteil prägten. Im Zentrum des Viertels ragte eine alte Kirche auf. Etwa hundert Meter Luftlinie trennten die Wohnung und das Institut voneinander. Veronika schaute automatisch in die Höhe, als sie sich dem großen roten Ziegelbau näherte. Die Front wurde von einem Gerüst verziert. Auf ihm hatte ihr Freund gestern gearbeitet. Schon lange hatte er die Gargoyles restaurieren wollen, die unter der Traufe hockten und ihre Artgenossen an der Kirche grimmig anblickten. Zwar stellten die gotischen Wasserspeier an dem Gebäude des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine Stilverirrung sondergleichen dar, doch hatte es der damalige Architekt meisterhaft verstanden, sie in dem architektonischen Ensemble des Viertels aufgehen zu lassen.

Veronika lief die Treppen zum Eingang des ‚Preußisch-Westfälischen Instituts für Traumforschung’ hoch, schloss die Tür mit einem speziellen magischen Schlüssel auf und begab sich ohne Umwege in den Keller. Auf dem Weg zu ihrem Ziel mußte die Ärztin mehrere Sicherheitssysteme überwinden: elektronische, mechanische und magische. Denn in den unterirdischen Räumen befand sich der Schatz des Instituts: ein uralter, großer Steinbogen, mit dessen Hilfe es leicht möglich war, in die Traumwelt überzuwechseln. Unter dem Bogen standen vier Krankenbetten und medizinische Überwachungsgeräte.


Eines der Betten war ständig belegt. Doktor Szymiczek kontrollierte die Apparate, an denen die alte Frau im Bett angeschlossen war. Neidisch blickte Veronika auf die dort Liegende herunter. Denn obwohl die Ärztin eine Expertin in der Analyse der verschiedenen Messdaten war und recht genaue Schlüsse über den Zustand des Träumenden in der anderen Welt ziehen konnte, so hatte sie in ihrem gesamten Berufsleben höchstens ein Dutzend Mal selbst die Traumwelt besucht. Dieses Schicksal schien allen Ärzten des Instituts bestimmt zu sein.

Die mit einem zufriedenen Lächeln vor ihr liegende Person war der Beweis, denn bei der alten Frau handelte es sich um Veronikas Vor-Vorgängerin. Jahrelang hatte diese Frau die Forscher des Instituts auf ihren nicht ungefährlichen Reisen in die Traumwelt überwacht und beschützt. Zum Dank durfte sie seit ihrer Pensionierung in der Phantasiewelt leben.

Dort hatte sie sich ein alter ego erschaffen und erkundete die exotischen Landschaften jener faszinierenden Parallelwelt. Ihre Vitalfunktionen in der Wachwelt waren auf ein Minimum reduziert worden, sodass der natürliche Alterungsprozeß des Körpers drastisch verlangsamt worden war. Wenn der Körper irgendwann seine Arbeit dennoch einstellen würde, würde der „virtuelle“ Körper weiterhin in der Traumwelt existieren. Umgekehrt waren erfahrene Träumer in der Lage, ihren Parallelkörper in Gefahrensituationen zu verlassen und in die Wachwelt zurückzukehren. Bei einem erneuten Eintritt in die Traumwelt stand dem träumenden Geist wieder ein frischer Körper zur Verfügung. Wurde jedoch ein virtueller Körper vernichtet während er von einem Träumer bewohnt war, dann starb auch der Körper in der Wachwelt.


Die Messwerte der pensionierten Medizinerin zeigten keine Auffälligkeiten. Daher bereitete Veronika die restlichen Liegeplätze für die bevorstehende Veranstaltung vor. Sie wurde in ihrer Arbeit nur vom Butler des Hauses, Friedhelm, unterbrochen, der in unregelmäßigen Abständen mit Tabletts erschien, auf dem sich entweder frischer, starker Kaffee befand oder mit denen er das gebrauchte Geschirr abräumte. Als Friedhelm in das Gewölbe trat, um in seiner unnachahmlichen Mischung aus Fürsorge und Beleidigtsein auf das Mittagessen hinzuweisen, hatte Veronika bereits einen Gutteil ihrer Arbeiten erledigt. Den Nachmittag würde sie mit dem Aufstellen und Anschließen eines weiteren Krankenbettes samt zugehörigen Apparaten verbringen.


Beim Betreten des Esszimmers staunte Dr. Szymiczek nicht schlecht, denn unter den Tischgästen saß auch Erik Meier. Sie musste sich ein breites Grinsen verkneifen, schließlich kannte sie Erik gut genug um zu erkennen, daß sein optimistischer Gesichtsausdruck nur geschauspielert war. „Hihihi, bestimmt hat er wieder von so einem jungen Ding eine Abfuhr bekommen und ist frustriert einen Tag eher zurückgekommen“, ging es der Ärztin durch den Kopf, und mit unschuldigem Ton fragte sie ihren Verflossenen nach den Ergebnissen seiner „Geschäftsreise“. - „Verdammt!“ durchfuhr es Meier. „Sie weiß alles. Sie konnte in mir schon immer wie in einem offenen Buch lesen. Hoffentlich ist sie nicht so gemein und stellt mich vor allen Kollegen bloß.“ Er widerstand der Versuchung, alle mit einem übertriebenen Bericht zu erstaunen, sondern gab sich bescheiden. Frau Professor Weseler, die Leiterin des Instituts, kannte ihren Mitarbeiter ebenfalls gut genug, um schnell das Thema zu wechseln und fragte nach den Getränkewünschen der Anwesenden. Während Friedhelm die passenden Gläser organisierte bot sich Rolf Münch - seines Zeichens Physiker - an, einige der benötigten Flaschen aus dem Vorratsraum zu holen. „Und nimm nicht wieder gleich die teuersten Marken, Bunsi“, rief Erik dem kleinen dicken Wissenschaftler zu, der schon fast aus der Tür heraus war. - „Bunsi?“ staunte Weseler. Der Angesprochene hielt kichernd inne während Jochen seinen hochroten Kopf senkte. - „Rolf scheint auf unseren verehrten Steinmetz an seinem ersten Tag einen großen Eindruck gemacht zu haben“, erklärte Meier. „Jochen assoziierte ihn nämlich sofort mit Dr. Bunsenbrenner aus der ‚Muppets-Show’. Und neulich ist ihm dann in einem Gespräch mit Rolf und mir eine Freud’sche Fehlleistung unterlaufen.“ Weseler blickte Meier verständnislos an. Dieser fühlte sich zu einer weiteren Erklärung verpflichtet. „Die Muppets, Sie wissen schon, diese bunten drolligen Puppen, die…“ - Die Gestalt der kleinen, energischen Frau straffte sich. Mit zusammengekniffenen Augen sah sie Erik an. „Natürlich weiß ich, war die Muppets sind. Oder halten Sie mich für völlig senil?“ Bevor der Gescholtene antworten konnte, wandte sich die Professorin an den Physiker an der Tür. „Mein lieber Münch, ich werde Sie natürlich niemals ‚Bunsenbrenner’ nennen.“ Sie machte eine dramatische Pause. „Oder gar ‚Bunsi’.“ Bei dem letzten Wort verzog die Akademikerin angewidert ihr Gesicht. - „Ich finde den Namen toll“, bekannte Münch. „Als Kind habe ich die Sendung gerne gesehen, und Bunsenbrenner war schon immer mein Held“, erklärte Rolf dem staunenden Publikum. Als er jedoch die Miene seiner Chefin erblickte, machte er sich schleunigst auf die Suche nach den Getränken. - „Bis Friedhelm mit dem Essen kommt sollten wir noch einige Details der Konferenz besprechen“, legte Weseler streng fest, womit sie die meisten Anwesenden vor weiteren Peinlichkeiten bewahrte.



-2-


Vom strahlend blauen Himmel schien eine wärmende Sonne, in der Ferne glitzerte ein großer, namenloser See und waren undeutlich die Ruinen einer längst verlassenen Stadt zu erkennen. Längs des Gewässers breitete sich ein Mischwald aus exotischen Bäumen aus. Am Rande dieser Idylle erhob sich ein mächtiger Steinbruch. Hier hatte das Institut vor mehr als hundert Jahren seinen wichtigsten Außenposten gegründet.

Mittlerweile hatte sich Jochen Pohlkötter an den Gedanken gewöhnt, daß all dies nicht real war. Und gleichzeitig war es doch real, denn alle Handlungen in der Traumwelt hatten Auswirkungen für diese. Eine große Ausnahme betraf die Körper der Träumenden. Dies galt nicht nur in Bezug auf die erstaunlichen biologischen Eigenschaften. Die allermeisten Träumer, die Jochen getroffen hatte (und das waren nicht allzu viele) waren bei der Gestaltung ihres Traumkörpers nicht sehr innovativ gewesen, sondern hatten das Aussehen aus der Wachwelt übernommen. Die meisten Abweichungen gab es beim Alter und natürlich in der Kleidung.

Staunend beobachtete er Professor Weseler, wie sie die letzten Vorbereitungen für die Konferenz traf. Er hatte sie nie zuvor in der Traumwelt gesehen. Ihr Gesicht glich dem Original im wahrsten Sinne bis aufs Haar. Einzig ihr Kleid aus einem einheimischen Stoff verriet eine ungewohnte Eleganz. So würde sie im Institut sicherlich nicht herumlaufen. Auch die anderen Anwesenden hatten es in ihrem Erscheinungsbild nicht übertrieben. Einzig Erik hatte seinen virtuellen Körper frisiert und ihm volleres Haar, mehr Muskeln und ein jugendlicheres Gesicht gegeben. In seiner Kleidung ähnelte er einem der drei Musketiere; er hatte sogar eine einheimische Stichwaffe an seiner Seite. Die brauchte er bei seinen gefährlichen Forschungsreisen durch die Länder der Traumwelt. Behauptete er jedenfalls. Jochen selbst trug wie gewohnt seine Zunftkleidung: breitkrempigen Hut, ein Oberhemd, Weste und Hose aus strapazierfähigem grauen Cord sowie Arbeitsschuhe.


„Da kommt sie!“ rief Münch aufgeregt und setzte das Fernglas ab. Bei dem Gerät handelte es sich um einen der wenigen Gegenstände aus der Wachwelt, die das Institut hier erlaubte. Denn es war ein Grundsatz, die Bewohner der Parallelwelt in ihrer Entwicklung so wenig wie möglich zu beeinflussen. Wobei die Wissenschaftler während ihrer bereits jahrzehntelangen Forschungen erstaunt feststellen mußten, dass sich die humanoiden, quasi-humanoiden und nicht-menschlichen Gesellschaften beinahe gar nicht entwickelten. Einige Traumwelt-Forscher sprachen von einem „globalen Mittelalter“, wobei bislang nicht einmal die Ausmaße und der Umfang der Traumwelt bekannt waren.

Nach wenigen Augenblicken konnten die im Steinbruch versammelten Menschen auch ohne Fernglas erkennen, dass sich jemand in schnellem Tempo näherte. Bald waren ein Omnoke mit Reiter zu identifizieren, und dann preschte das skurrile Tier mit seiner Fracht auf die Zielgerade.

Das Omnoke war ponygroß und sehr schnell. Es erinnerte entfernt an einen überdimensionierten Tiger, war in freier Wildbahn äußerst gefährlich und auch gebändigt nicht zu unterschätzen. Der Reiter eines solchen Tieres erntete automatisch höchsten Respekt. Gekonnt sprang die Person vom Rücken und zog sich das schützende Tuch vom Mund. Jochen staunte nicht schlecht, als er das Gesicht einer etwa fünfzigjährigen Frau sah. Sie war in Häute, Felle und Hornplatten der unterschiedlichsten Kreaturen gehüllt, und ihr Auftreten ließ keinen Zweifel daran, daß die Trägerin persönlich mit den ursprünglichen Besitzern die Eigentumsrechte neu ausgehandelt hatte.

„Constanze!“ rief der Neuankömmling und stürmte auf Frau Weseler zu. - „Alrun!“ erwiderte diese genauso euphorisch und breitete die Arme aus. Jochen kannte natürlich den Vornamen seiner Brötchengeberin, doch hatte er ihn noch nie jemanden laut aussprechen gehört. Doch wer war die Frau mit dem ebenso altmodischen Namen? Das Gesicht löste in Jochens Gedächtnis einen schwachen Wiedererkennungseffekt aus, doch entzog sich ihm die Lösung beharrlich.

Der Handwerker war so in seine Überlegungen versunken, daß er erst im letzten Moment bemerkte, wie Weseler und der Gast auf ihn zu kamen. - „Und hier haben wir unseren bemerkenswerten Neuzugang: Jochen Pohlkötter“, verkündete die Institutsleiterin stolz. - „Warum hast du mir nicht verraten, daß er so adrett ist?“ beschwerte sich die Fremde bei ihrer Freundin und wandte sich ohne eine Antwort abzuwarten an den Steinmetz. „Sind Sie schon vergeben, junger Mann?“. Der Angesprochene war völlig perplex. - „Nein“, erklang es neben ihm. - Ohne nachzudenken korrigierte Jochen heftig: „Ja!“ Dann sah er sich um und entdeckte Erik, der ihn dümmlich angrinste. - „Was habe ich mir jetzt nur dabei gedacht?“ grübelte der Historiker verwirrt. „Jochen ist ein Freund, und die Trennung von Veronika ist lange her. Verdammt, werd’ endlich erwachsen“, schalt er sich im Stillen. - Die Frau namens Alrun lachte herzhaft, und als sie erkannte, daß der Mann vor ihr keine Ahnung hatte, wer sie war, lieferte sie auch gleich die Erklärung. „Ich bin die alte Schachtel, die unten im Keller aufgebahrt liegt.“ - „Ui.“ Mehr brachte der verblüffte Handwerker nicht heraus, was bei Alrun einen neuen Heiterkeitsausbruch verursachte. Später erfuhr Jochen, dass die Frau in ihrem ersten Leben die Schüchternheit und Sanftmut in Person gewesen war. Staunend beteiligte er sich an den letzten Vorbereitungen für die Konferenz.


Die Ankunft der nächsten Gäste ließ nicht lange auf sich warten. Diesmal jedoch schien sich die Begeisterung der Anwesenden in Grenzen zu halten. Jochen erfuhr, dass es sich bei der Dreiergruppe um die Abordnung der Berliner Organisation handelte. Pohlkötter wurde ihrer Leiterin, Frau Bruns, und ihrem Stellvertreter vorgestellt. Die dritte Person kannte Weseler auch nicht. - „Auch wir haben einen außergewöhnlichen Neuzugang zu verzeichnen“, hob Bruns an. „Darf ich Ihnen Herrn Frank Lammert vorstellen; es wird Sie interessieren, dass er für das Träumen überdurchschnittlich begabt ist. Ich fände es schön, wenn er demnächst eine Art Praktikum bei Ihnen machen könnte.“ Weseler gab eine unverbindliche Zustimmung. - Der junge Mann mit dem Dreitagebart und den fast schulterlangen Haaren streckte der Professorin begeistert die rechte Hand entgegen. „Das wird bestimmt der Anfang einer wunderbaren Freundschaft“, versicherte er der überraschten Frau. - „Ich hätte Sie warnen müssen, Constanze. Frank ist Cineast und hat für jede Situation ein passendes Filmzitat auf Lager. Aber ansonsten können wir nur Gutes über ihn berichten“, erläuterte Bruns’ Stellvertreter lachend.


Man hatte sich an einer großzügig gedeckten Tafel im Freien versammelt. Professor Weseler kümmerte sich als Gastgeberin höchstpersönlich um das leibliche Wohl der Gäste. Doch noch waren immer noch nicht alle anwesend.

„Ich finde, wir hier Versammelten sollten uns öfters treffen, damit der Kontakt zur Provinz stärker wird. In diesen Zeiten ist Zusammenarbeit lebenswichtig“, verkündete Frau Bruns selbstgefällig. Die Institutsmitarbeiter starrten die Berlinerin an. - Schließlich hatte sich zumindest Weseler wieder gefangen. Mit leiser aber scharfer Stimme erwiderte sie: „Falls Sie auf den historischen Namen unseres Instituts anspielen, ist Ihnen vielleicht entgangen, dass wir seit über sechzig Jahren nicht mehr Ihre Provinz sind. Und organisatorisch war das Institut schon immer eigenständig.“ Die Temperatur am Tisch war in den letzten Sekunden um mindestens 20 Grad gefallen. Misstrauisch blickten sich alle an.

Die Situation wurde durch die Ankunft der französischen Delegation gerettet. - „Salon-de-Provence“, raunte Meier seinem Freund Jochen den Herkunftsort der Franzosen zu. „Da hat Nostradamus gewohnt.“ Der Psychologe warf Pohlkötter einen bedeutungsschweren Blick zu.


Den Höhepunkt bildete jedoch die britische Zweiergruppe. Erik schüttelte ungläubig den Kopf. „Es ist einfach nicht richtig. Männer sollten keine Röcke tragen!“ Er behielt diese Meinung jedoch für sich, denn mit den beiden Neuankömmlingen legte man sich besser nicht an. Das markante Segelohren-Gesicht und die schottische Nationaltracht ließen keinen Zweifel daran, daß es sich bei dem Mann nicht um einen durchgeknallten britischen Wissenschaftler sondern um Seine Königliche Hoheit Charles, den Prinzen von Wales handelte. Jedoch vertrat er hier nicht das Königshaus, sondern kam in seiner Funktion als Leiter einer Spezialabteilung des Scotland Yard namens ABCDEFG (Auxiliary Bureau Counter Demonic and Extraterrestrial Fiends and Ghosts). (siehe „Joan Unclear“) „Bescheuerter Name. Muß der berüchtigte englische Humor sein.“ Doch auch diesen Gedanken behielt Meier für sich. Seine Laune besserte sich merklich, als er die Begleitung des Prinzen erkannte. Charles hatte seine beste Agentin mitgebracht, Joan Unclear. Erik hatte sie auf einer Veranstaltung in Paris getroffen und sich auf Anhieb gut mit ihr verstanden. Am Ende der Konferenz hatte er sie noch eingeladen, mit ihm zurück nach Deutschland zu fahren, wo er ihr bei sich zuhause seine Sammlung chtuloider Artefakte zeigen wollte, doch hatte sie aus unbegreiflichen Gründen abgelehnt. Beim Anblick der rothaarigen Schönheit mit der Alabasterhaut lief Meier sofort wieder das Wasser im Munde zusammen.

Die Briten waren via Glastonbury in die Traumwelt gereist. In der uralten Pilgerstadt, die auch „englisches Jerusalem“ genannt wurde, befand sich ein Monument der Alten Götter, welches ähnlich mächtig war wie der Steinbogen im Keller des Instituts.


Frau Weseler erhob sich am Kopf der Speisetafel, begrüßte nochmals ihre Gäste und umriss in knappen Worten die Tagesordnung der anstehenden Konferenz. Dabei unterließ sie es nicht, die Wichtigkeit der zu treffenden Beschlüsse herauszustellen. „Das Böse ist immer und überall. Und es wird stärker“, verkündete sie.

Sie konnte nicht wissen, wie groß die Gefahr tatsächlich war.



-3-


Der Mann lungerte seit Minuten unschlüssig vor dem Eingang des Hauses herum. Dabei sah das Gebäude solide und sauber aus. Der Mann wusste, daß dieser Eindruck im Inneren bestätigt werden würde. Das Personal war humanoid und diskret, der Service exzellent. Dennoch rang der Mann mit sich selbst.

Erik stand inmitten des Vergnügungsviertels von Hlanith. Die Vergnügungsmeile befand sich etwa einen halben Kilometer außerhalb der Stadtmauern. Hier buhlten die verschiedensten Etablissements um Kundschaft.

Die Konferenz war beendet. Man hatte viel geredet und wenig Handfestes beschlossen. Am Ende waren alle in dem Gefühl abgereist, etwas Wichtiges geleistet zu haben. Er wusste es besser, denn er war Praktiker. Genauso wie Jochen, der ebenfalls noch in der Traumwelt geblieben war. Eines der wenigen greifbaren Ergebnisse war das Praktikum des jungen Berliners gewesen. Um einen Vorgeschmack darauf zu erhalten, hatte Weseler ihn unter strengen Auflagen in der Obhut Jochens und Eriks gelassen. Die beiden jüngeren Männer trieben sich zur Zeit in Hlanith herum, wo sie in jeder Sekunde aufregende Entdeckungen machten.

Für den Veteranen Meier war das zu schal. Unter einem Vorwand hatte er sich abgesetzt und war hierher gekommen. „Und jetzt stehe ich hier wie ein Pennäler, der aus dem Internat geschlichen ist.“ Das Problem war im wahrsten Sinne des Wortes ein eingebildetes. Bei allen Ausschweifungen war sich Meier immer bewusst, dass seine Erlebnisse nicht wirklich echt waren; daß sein richtiger Körper in einem Krankenbett im Keller der Instituts lag und von einer Ärztin überwacht wurde. Zum einen fand er solche virtuellen Befriedigungen für unter seinem Niveau, zum anderen wollte er sich nicht ausgerechnet vor Veronika die Blöße geben. Denn die Medizinerin konnte an ihren Geräten genau ablesen, welche Bereiche des Gehirns stimuliert wurden, und für Rückschlüsse auf die Reaktion gewisser Körperteile brauchte sie überhaupt keine komplizierten Apparaturen. Meier seufzte schwer. „Vielleicht sollte ich mal mit einem Psychologen reden“, brummte Erik selbstironisch und betrat das Gebäude.


Nach der üblichen Prelüde aus exquisitem Essen, Trinken und gepflegter Unterhaltung ging alles sehr schnell. Erik war mit einer fast menschlichen Schönheit einig geworden und ging nun mit ihr in den ersten Stock.

„Eine Sache wäre da noch“, flötete sie fröhlich und drückte Meier einen kleinen Prospekt in die Hand. „Wir haben zur Zeit ein Sonderangebot. Wenn du dich bereit erklärst, an einem kleinen Experiment teilzunehmen, brauchst du nur die Hälfte zahlen. - „Ein Experiment?“ Sofort erwachte der Forscher in ihm. - „Ich zeig’s dir.“ Die Frau öffnete die Zimmertür und ging zu einer Art Himmelbett. Sie griff nach oben und zog etwas an einer spiralförmigen Aufhängung herunter, das wie eine Lampe aussah. „Wir brauchen uns bloß diese komischen Helme aufsetzen, das ist alles.“ Neugierig nahm der Wissenschaftler den metallischen Gegenstand in Augenschein. Das Ding erinnerte ihn an gewisse Bestandteile eines Elektrischen Stuhles. Mit einem unguten Gefühl erkundigte sich Erik nach weiteren Einzelheiten. „Die Chefin hat einen neuen Geschäftspartner. Der ist mit viel Gold hier in den Laden eingestiegen und hat ihr auch die Idee mit diesen Helmen in den Kopf gesetzt. Ich weiß wirklich nicht, wie der Betrieb bei diesem ruinösen Sonderangebot noch Gewinn machen will.“ Erik wollte das Mädel gerade fragen, ob es sich sein BWL-Studium durch diesen Job finanziere, da wurde ihm bewusst, wo er sich befand. Er fragte mehrmals nach den Auswirkungen des Gerätes, doch die junge Dame versicherte dem Wissenschaftler überzeugend, dass sie von Nebenwirkungen nichts wisse.

Schließlich lag Erik mit Helm auf dem Bett und sah seiner Gespielin dabei zu, wie sie ihre eigene Kopfbedeckung aufsetzte. Vor allem die spiralförmige Aufhängung, die irgendwo jenseits des Baldachins verschwand, störte den Anblick der Schönheit über ihm. Dann jedoch schloss Erik die Augen, wünschte mit einem boshaften Grinsen Dr. Szymiczek viel Spaß und überließ sich dann ganz seinem eigenen Vergnügen.


Der Nachmittag war schon weit vorangeschritten. Beschwingt wanderte Erik Meier durch die Straßen des Amüsierviertels. Plötzlich blieb er stehen. Sein Blick fiel auf eines der vielen Lokale, die auch eine Bühnenschau anboten. Bei seinem letzten Ausflug hatte das Gebäude kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. Nun aber war es saniert worden und stach durch seinen Glanz geradezu hervor.

Erik entschloss sich zu einem Taktikwechsel. Anstatt im Lokal unnötig verdächtige Fragen zu stellen, holte er sich seine Informationen von Leuten, die mindestens ebenso viel über den Betrieb wußten wie die Angestellten - der Konkurrenz. Zielsicher marschierte Meier auf den Besitzer eines kleinen, schäbigen Restaurants zu und begann ein zielgerichtetes Gespräch. Der Mann spuckte aus. „Die Kiste war kurz vor’m Zusammenklappen. Ich hatte selbst bereits ein Auge auf den Laden geworfen, wollte mich vergrößern. Ich hatte mir sogar schon einen Namen ausgedacht: ‚Zum erregten Mamufanten’. Toll, was?“ Erik gratulierte dem Wirt zu seiner unvergleichlichen Kreativität. „Aber dann tauchte plötzlich ein Fremder auf. Die Goldstücke klimperten ihm nur so aus den Ohren raus. Der hat die Bruchbude für einen spektakulären Preis gekauft und renoviert. Der alte Besitzer hat sich eine Woche lang vor Glück bepinkelt und ist dann auf eine sonnige Insel gezogen.“ Der Wirt spuckte erneut aus. „Dieser Fremde hätte mich wenigstens fragen können, ob ich mein Geschäft auch verkaufen will“, jammerte er. Erik würgte tapfer den Schenkel eines undefinierbaren Vogels herunter, gab dem Wirt ein großzügiges Trinkgeld und marschierte geradewegs in das gegenüberliegende Lokal.


Dort erfuhr Erik, daß er gerade noch rechtzeitig für die erste Bühnenschau des Tages gekommen war. Nachdem er am Eingang seinen Degen abgegeben und sich etwas zum Trinken organisiert hatte, nahm Meier in einem bequemen Sessel Platz. Ein quasi-humanoider Ansager kündete den Auftritt der „geschickten Garuna-esh“ an. Dennoch staunte der Kulturhistoriker nicht schlecht, als der Star des frühen Abends die Bühne betrat. Das Geschöpf war eindeutig weiblich und sah größtenteils menschlich aus. Es besaß eine dunkelblaue Haut - und zehn Arme. Erik hatte von solchen Bewohnern der Traumwelt gehört, doch noch nie ein Exemplar getroffen. Es hieß, die Rasse der Künstlerin käme aus einem Land jenseits der Cerenäischen See. Meier fragte sich gerade wie die Person so weit von zuhause in einen solchen Schuppen kam, da wurde es auf der Bühne ernst.

Der Ansager rief das Publikum zum Mitmachen auf. Er versprach jedem Teilnehmer einen Verzehrgutschein in nicht unbeträchtlicher Höhe. Es wurden zehn Freiwillige gesucht, an denen die „geschickte Garuna-esh“ ihre „Fingerfertigkeit“ unter Beweis stellen würde. Zunächst hatte es den Anschein, als ob die Show ausfallen müßte, doch befanden sich genügend Männergrüppchen im Lokal, die laut diskutierend und schulterklopfend jeweils einen der Ihren auf die Bühne schickten, sodass am Ende tatsächlich zehn männliche Geschöpfe der verschiedensten Rassen mit Garuna-esh und dem Ansager auf der Bühne standen.

Erik trank einen Schluck von dem vorzüglichen Wein in seinem Glas und ließ die kostbare Flüssigkeit für einige Sekunden in seinem Mund schwappen. Der Schreck kam unerwartet, Erik verschluckte sich und mußte husten; dabei hätte er das gute Gesöff beinahe über den Tisch gespuckt. Auf der Bühne waren von oben aus dem Nichts heraus spiralförmige Bänder mit metallenen Kappen aufgetaucht. Der Ansager befestigte die Helme auf den Köpfen der Teilnehmer und sprach einige letzte Worte zu seinem Publikum.

Das bekam Meier jedoch nur noch am Rande mit. Er hatte sich längst auf die Suche nach dem Backstage-Bereich gemacht.

Offensichtlich war die Garuna-esh-Show neu in der Stadt, denn selbst die Angestellten des Lokals starrten gebannt zur Bühne. So war es für den neugierigen Forscher ein Leichtes, sich Zugang zum nicht-öffentlichen Bereich zu verschaffen. Nach längerem Suchen entdeckte Meier eine metallene Leitung an der Decke und folgte ihr. Zu seinem Erstaunen führte sie in den Keller. Der Eindringling besaß das unverschämte Glück am Ende der Treppe auf eine angelehnte Tür zu stoßen.

Von dort drang ein seltsam bekanntes, summendes Geräusch an Eriks Ohren, doch sein Verstand weigerte sich, die akustischen Signale mit einem passenden Bild zu kombinieren. „Elektrizität?!“ „Nein! Unmöglich!“ stieß der Mann aus der Wachwelt hervor. Über ihm zeigte der Geräuschpegel im Saal an, dass sich die Bühnenschau ihrem „Höhepunkt“ näherte. Meier musste sich beeilen, wollte er dem Personal nicht einige strenge Fragen beantworten. Der Wissenschaftler steckte kurz seinen Kopf in den angrenzenden Raum. Als er ihn wieder zurückzog, war sich Meier sicher, daß seine Haare nun schlohweiß sein mussten.

Was seine Augen erblickt hatten, konnte einfach nicht sein, durfte nicht sein, denn es galt unter Traumreisenden als ausgemacht, dass elektronische Geräte aus der Wachwelt in der Traumwelt nicht funktionieren. Ebenso gesichert schien die Aussage zu sein, daß die Bewohner der Traumwelt nicht über das Wissen der Elektrizität verfügen.

Und dennoch hatte er die Gegenstände in jenem unterirdischen Raum eindeutig identifiziert. „Akkumulatoren! Wie um Himmelswillen kommen Akkus in den Keller einer  außerirdischen Sex-Bar?“ Meiers Gedanken rasten. Später konnte er sich nicht mehr erinnern, wie er auf die Straße gekommen war. Er hatte sogar seine Waffe wieder bei sich.

Da Erik in der ersten Frage nicht weiterkam, beschäftigte er sich mit einem anderen wichtigen Problem. Wozu waren die Akkus da? Denn Meier hatte weder in dem Bordell noch in der Bar elektrische Geräte entdeckt. Verzweifelt versuchte der Psychologe, seinen Kopf von diesen Gedanken zu befreien, damit er noch einmal von vorne an der Lösung der Fragen arbeiten konnte. Ziellos wanderte er durch die Straßen des Viertels, ebenso ziellos flossen Bilder und Gedanken durch seinen Kopf. Er ließ gerade die gestrige Konferenz Revue passieren, da tauchte vor ihm das Bild der britischen Agentin auf.

Meier blieb wie angewurzelt mitten auf der Straße stehen und wurde prompt von wütenden Passanten und den Fahrern unterschiedlicher Fuhrwerke beschimpft. Doch das menschliche Verkehrshindernis kümmerte sich nicht darum, denn in seinem Kopf begannen winzig kleine Zahnräder ineinanderzugreifen.

 

Joan Unclear - ABCDEFG - Kapstadt - Orgasmusreflextherapie


Auch wenn man so einiges an der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Mythos-Gegner aussetzen konnte, so klappte der Informationsaustausch mit dem Scotland Yard hervorragend. Vor einigen Jahren hatte das Institut einen Geheimbericht des ABC usw. erhalten, in welchem die Erkenntnisse eines Einsatzes in Kapstadt mitgeteilt wurden. Die Existenz des Schreibens hatte im Institut für Verstimmung gesorgt, da die Berliner Organisation der internationalen Konferenz an der Südspitze Afrikas selbstverständlich beigewohnt, eine entsprechende Einladung an Frau Weseler aber „aus Versehen“ nicht weitergereicht hatte. Erik hatte eines Abends beim Bier mit dem Physiker Münch über die Experimente des Wissenschaftlers Morton in Kapstadt gesprochen.

Morton hatte die Theorien eines austro-amerikanischen Psychoanalytikers namens Reich weiterentwickelt, nach denen der Mensch sowie quasi seine gesamte Umwelt über eine spezielle eigene Energie verfügten, die unter gewissen Umständen abgegeben wurde. Reich hatte diese Energie „Orgon“ genannt. Morton hatte in einem Kapstadter Luxushotel heimlich die beim Sex freiwerdenden Energien der Gäste gesammelt, war jedoch gestoppt worden, bevor er diesen gewaltigen Energiespeicher nutzen konnte. (siehe „Chaos in Kapstadt“)

Als Meier damals grob einen Versuchsaufbau für das Institut skizziert hatte, war Münch mit puterrotem Kopf aus dem Zimmer gelaufen.


Nun also waren in der Traumwelt mindestens zwei Orgon-Akkumulatoren aufgetaucht. Als Kulturhistoriker kannte sich Meier mit parallelen kulturellen Entwicklungen in unterschiedlichen Gesellschaften aus, so war er sich völlig sicher, daß er im Keller der Bar nicht Zeuge dieses faszinierenden Phänomens geworden war. Nein, hier steckte jemand aus der Wachwelt dahinter. „Und dieser Jemand steht nicht auf der Hellen Seite der Macht“, grübelte Meier düster.

Überrascht blickte sich Erik um. Er musste in einem großen Kreis gelaufen sein, denn die Bar und das Restaurant befanden sich nur wenige Schritte von ihm entfernt. Aufgedreht nutzte der Wissenschaftler diesen Zufall und betrat erneut die gastronomische Perle gegenüber der Bar. Der Wirt freute sich mächtig über seinen neuen Stammkunden und wollte gerade einen weiteren Vogelschenkel zubereiten, da konnte ihn Meier stoppen. Er war noch von seinen beiden vorherigen Menüs satt. Stattdessen hielt er dem Mann ein Goldstück unter die gierig glitzernden Augen und fragte ihn nach weiteren Fällen von Besitzerwechsel in der heimischen Gastronomielandschaft. Der Wirt kratzte sich an seinem dicken Kopf und nannte schließlich drei weitere Adressen samt Wegbeschreibung.

Sofort steuerte Meier das erste Ziel an, wurde jedoch nach wenigen Metern abrupt gestoppt. In seinem Rücken hatte jemand seinen Namen geschrien. Erstaunt drehte er sich um und konnte sich gerade noch durch einen Sprung zu Seite in Sicherheit bringen. Das Omnoke kam fauchend neben ihm zu Stehen. Mit offenem Mund starrte Erik abwechselnd auf das wilde Tier und seine Reiterin, die ihn wild gestikulierend anschrie. Mit der Zeit begriff er, daß die Frau ihm schwere Vorwürfe darüber machte, dass er „die beiden Jungs“ alleine in Hlanith gelassen hatte, damit er „in Ruhe herumhuren“ konnte. Meier hätte kein Diplom in Psychologie haben müssen um zu erkennen, dass in dieser Situation jede Antwort falsch war. Also schwieg er, bis Alruns Stimmbänder ihren Dienst versagten und ihm die Frau mit einer herrischen Geste bedeutete, hinter ihr aufzusitzen.

Alrun dirigierte ihren Vierbeiner in Richtung Stadttor, was Eriks Plänen völlig zuwiderlief. Er bedeutete ihr, anzuhalten. „Ich bin einer wichtigen Sache auf der Spur.“- „Deiner abnormen Libido?“ brachte Alrun, immer noch heiser vom Schreien, hervor. Meier ignorierte den Seitenhieb und berichtete ihr stattdessen ausführlich von seiner Entdeckung. Dass er dabei gewisse Umstände in einem nüchternen, wissenschaftlichen Ton darlegte, machte auf die Reiterin großen Eindruck. Sie war damit einverstanden, Erik bei der Aufklärung des Rätsels zu helfen, jedoch nicht, ohne ihm für den Fall, dass er die Unwahrheit gesagt hatte, die fürchterlichsten Konsequenzen anzudrohen.


Die erste Adresse auf Meiers unsichtbarer Liste erwies sich als Fehlschlag. Der Betrieb hatte noch geschlossen. Sie passierten gerade auf ihrem Tier in langsamem Gang das nächste Ziel, da riss Alrun mit einem Male scharf an der Zügeln. „Ich hab’s dir bis jetzt nicht geglaubt“, gestand die pensionierte Medizinerin dem Mann in ihrem Rücken.

Rechterhand erkannten die neugierigen Reiter einen Transportkarren, welcher an eine Bretterrampe herangefahren worden war. Auf der Ladefläche thronte ein matt glänzender, großer Zylinder. Sein Design ließ darauf schließen, daß er in der Traumwelt hergestellt worden war. - „Wenigstens ist es dem großen Unbekannten nicht auch noch gelungen, größere Objekte zwischen den Welten zu bewegen“, gab sich Meier optimistisch.

„Ja, wenigstens etwas“, stimmte Alrun zu. - Der Transportkarren wurde offensichtlich von zwei Humanoiden begleitet. Sie schienen es nicht eilig zu haben, sondern gönnten sich ein umfangreiches frühes Abendbrot. Entweder waren sie sehr dumm, oder sie arbeiteten für einflußreiche Personen, denn mit der Geheimhaltung hatten sie es nicht so. Lautstark freuten sie sich darüber, daß sie mit dem Austausch der „scheißschweren Metalldinger“ bis zum Anbruch der Dunkelheit Zeit lassen konnten. Alrun und Erik sahen sich stumm an, dann wendete die Frau geschickt ihr Reittier und trieb es auf die Stadt zu.


Zwischen den großen Kaufmannspalästen links und rechts nahm sich das kleine Haus unscheinbar aus. Sein Erscheinungsbild vermittelte dem Passanten, daß es sich bei den Besitzern um saubere, ordendliche Leute handelte, die Geschmack besaßen und auch nicht zu den Armen der Stadt zählten. Zwar hielten sich die Bewohner nur selten in ihrer Immobilie auf, doch solange sie ihre Steuern und Abgaben pünktlich zahlten und durch Spenden das öffentliche Leben von Hlanith unterstützten, fielen sie nicht auf.

Das kleine Haus gehörte mehreren Organisationen, die sich auf Traumreisen spezialisiert hatten. Nun saßen vier Angehörige einer dieser Organisationen um einen Tisch herum und redeten sich die Köpfe heiß.

„Wir müssen schnell handeln. Uns bietet sich eine einmalige Gelegenheit“, sagte Meier erregt. - „Nein, nicht einmalig“, widersprach Jochen Pohlkötter. „Da wir einige Adressen besitzen, können wir jederzeit unsere Nachforschungen fortsetzen.“ - „Außerdem sind wir nur zu viert. Wir brauchen Verstärkung. Wer weiß, was uns erwartet. Ich könnte nach unserer Rückkehr in die Wachwelt mit meinen Leuten in Berlin reden“, empfahl Frank Lammert. - „Habt ihr denn alle schon die Konferenz vergessen? Was glaubt ihr denn, wie lange die brauchen, um eine Aktion zu koordinieren? Zudem sind wir vom Institut Spezialisten für die Traumwelt. Die Berliner sind eher für Aktionen in der Wachwelt ausgebildet, genauso wie das ABC et cetera. Kannst du dir die Bruns vorstellen, wie sie hier einen Einsatz leitet? Und sie wird darauf bestehen, dass sie das Kommando hat.“ - Die letzten Sätze waren an Lammert gerichtet. Unfreiwillig mußte dieser grinsen. „Nur mit Anträgen in dreifacher Ausfertigung.“ - „Eben. Zudem wisst ihr alle, dass wir nicht sofort nach unserer Rückkehr in die Wachwelt wieder hierher kommen können. Das macht der Organismus nicht mit. Wir würden mindestens zwei Tage verlieren, bis wir wieder in der Traumwelt sind.“ Meier wandte sich an Alrun, die wenig zu der Diskussion beigetragen hatte. „Was ist denn deine Meinung? Du lebst von uns allen am längsten hier.“ - „Mich solltest du besser nicht fragen“, bekannte die Angesprochene. „Ich bin schon so mit dieser Welt verwachsen, dass ich nur noch wenig Verständnis für die Angelegenheiten der Wachwelt habe. Hier regelt man die Dinge praktischer, spontaner.“


„Wir hätten Verstärkung mitbringen sollen“, maulte Jochen eine halbe Stunde später und fing sich von seinen drei Begleitern mitleidige Blicke ein. - „Du hast mir doch neulich erst die Ohren vollgejammert, dass du es satt hast, immer nur im Steinbruch herumzuhängen“, erinnerte ihn Erik grinsend. - „Aber ich wollte doch nicht in eine Spionageaktion hineingezogen werden.“- „So ist das nun einmal“, schaltete sich Frank in das Gespräch ein, „das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen; man weiß nie, was man bekommt.“ - Seine drei Zuhörer reagierten simultan. „Hä?“ - „’Forrest Gump’“, erklärte der Filmfan seinen verdutzten Begleitern, die ebenso simultan die Augen verdrehten.

Die Vier hatten sich in einer Art Stehcafé schräg gegenüber der Laderampe versammelt. Das Omnoke war in Hlanith geblieben. Der Grund dafür wurde gerade vor den Karren gespannt. Schon während der ersten Observation waren Alrun die beiden Zugtiere aufgefallen. Es handelte sich um zwei etwa straußengroße Laufvögel, deren breiter Brustkorb und muskulöser Halsansatz sie für solche Aufgaben prädestinierte. Zudem konnten sie laut Alrun in der Dunkelheit besser sehen als tagsüber und verfügten über einen ausgeprägten Geruchssinn. Das räuberische Omnoke hätten sie auch gegen den Wind wahrgenommen.

„Es geht los“, freute sich Erik und schnappte nach seiner Ausrüstung. Sie alle waren mit einem Rucksack ausgerüstet, in dem warme Kleider, Nahrungsmittel und weitere Dinge verstaut waren. Niemand wusste, wohin die Reise gehen würde, doch Alrun hatte ihnen versichert, dass die Laufvögel nicht für Langstrecken geeignet waren.


Nachdem die Transporteure unter viel Fluchen die Akkumulatoren ausgetauscht und die Tiere angespannt hatten, setzte sich der Karren langsam in Bewegung. Als Reittiere konnte die Vogelart ein beträchtliches Tempo vorlegen, vor ein Fahrzeug gespannt fielen die beiden Tiere in einen gemächlichen Trab. Die vier Verfolger hatten daher keine Mühe, die Fracht im Auge zu behalten.

Die ungleiche Gruppe ließ die Wiesen und Felder am Rande des Vergnügungsviertels bald hinter sich; das Gelände wurde schwieriger, vor allem für die Verfolger, die sich abseits des Weges durch das Gebüsch schlugen. Die schnell einsetzende Dunkelheit erschwerte den Marsch zusätzlich. Langsam begann selbst Erik, an der Klugheit seiner Entscheidung zu zweifeln.


Eine Stunde später machte sich bei allen Vieren Erschöpfung bemerkbar. Der Karren rumpelte mit langsamer aber stetiger Geschwindigkeit daher. Alrun und Frank wischten einen störenden Zweig aus ihrem Gesicht und blieben wie angewurzelt stehen. In etwa 50 Metern Entfernung wuchsen zwei Hügel nebeneinander in die Höhe; der Weg schien zwischen den beiden Erhebungen hindurchzuführen. Genaueres war wegen der Dunkelheit nicht zu erkennen. Die erfahrene Jägerin wollte die restlichen Gruppenmitglieder zusammenrufen, um mit ihnen das weitere Vorgehen zu besprechen, da ertönten aus Richtung des Zielobjektes Pfiffe und Rufe. Der Wagen hielt an.

Alrun bedeutete den drei anderen, sich ruhig zu verhalten und pirschte sich näher heran. Zwei Gestalten standen an dem Wagen; sie schienen Speere oder Lanzen zu tragen. Der schwache Wind wehte Gesprächsfetzen und Geräusche herüber. Nach kurzer Zeit konnte sich die Frau ein ungefähres Bild der Lage machen. Zufrieden kehrte sie zu ihren Freunden zurück, die sie schon mit Spannung erwarteten.

Die Jägerin schilderte folgende Situation: Das Fahrzeug hatte vermutlich sein Ziel fast erreicht, denn das Verhalten der vier Personen auf dem Weg ließ den Schluss zu, dass sie sich kannten. Bei den beiden neu hinzugekommenen Gestalten handelte es sich offenbar um Uqmoqqs.

Diese Rasse erinnerte Menschen aus der Wachwelt spontan an Wildschweine auf zwei Beinen, obwohl ihr Körper gänzlich unbehaart war. Sie verfügte jedoch über zwei gefährliche Hauer, und auch die restliche Physiognomie war schweineähnlich. Die etwa 170 Zentimeter großen Wesen waren wegen ihrer unbedingten Loyalität als Wachpersonal sehr beliebt. Die Kombination aus einer erstaunlich großen Schmerzresistenz und einem niedrigen IQ gab weitere Pluspunkte im Einstellungsgespräch. Wobei der Arbeitgeber jedoch die Sprache der Uqmoqqs verstehen mußte, denn diese verständigten sich nur in ihrem grunzenden Idiom.

„Sie sind also im wahrsten Sinne des Wortes saublöd“, fasste Alrun für die beiden Neulinge zusammen. „Dennoch sollten wir sie als Gegner nicht unterschätzen“, warnte sie. - „Wie geht’s also weiter?“ fragte Erik in die leise kichernde Runde.


„Du Vollidiot! Jetzt haben wir uns schon wieder verlaufen!“ brüllte Erik aus vollem Hals. - „Und wenn du mal weniger an die Weiber und mehr ans Geschäft denken würdest, dann säßen wir schon längst in Hlantith in Rasthaus“, rief Jochen erregt zurück. - „Du musst dich gerade in meine Privatangelegenheiten einmischen“, ereiferte sich Meier und gab dem anderen Mann einen Stoß gegen die Schulter. „Hoppla!“ wunderte sich Schubser. „Kommen da etwa unterdrückte Aggressionen gegen den neuen Freund der Ex hoch? Egal. Die Sache muss schließlich echt wirken.“ Der Streit eskalierte immer weiter, und nur mit Mühe behielten die beiden Kontrahenten ihre Umwelt im Auge.

Zwei schwarze, grunzende Gestalten kamen geduckt auf das Wäldchen zugelaufen. Frank hielt schwitzend zusammen mit Alrun einen ziemlich starken und zurückgebogenen Ast fest. „Hast du dich in der Höhe auch nicht verschätzt?“ fragte er seine Nachbarin ächzend. - „Das werden wir in zehn Sekunden wissen.“ - Frank zählte stumm rückwärts. Sie ließen beide gleichzeitig los. „Yippie-kah-yeah, Schweinebacke.“ Die beiden Uqmoqqs wurden in ihrem Lauf abrupt gestoppt und mehrere Meter nach hinten geschleudert. Alrun blickte Frank ratlos an. Bruce-Willis-Filme waren in der Traumwelt anscheinend Mangelware.

Die Abenteurerin zögerte nur kurz und stürmte nach vorne. Mittlerweile hatten Erik und Jochen ihren Streit widerstrebend abgebrochen, und der Kulturhistoriker rannte mit gezogenem Degen auf die benommen am Boden liegenden Wachen. Bevor sich die beiden Söldner wieder berappeln konnten, machten ihnen Alrun und Erik mit ihren Hieb- und Stichwaffen den Garaus. Die Frau gab einen abschätzigen Laut von sich. „Wie schon gesagt: saublöd.“


Der Pfad bog vom Hauptweg rechts ab und führte auf ein kleines Plateau, welches sich an den Hügel anschloß. Vorsichtig näherten sich die Eindringlinge. - „Es ist viel zu leicht. Das muss eine Falle sein“, ging es Erik durch den Kopf. Mit seiner Befürchtung blieb er nicht lange alleine. - „I have a bad feeling about this“, murmelte Frank nervös. Erik konnte Han Solo und Obi-Wan da nur zustimmen.

Ungestört erreichte das Quartett das Plateau. Was die Vier sahen, verschlug ihnen den Atem. Zwei Hochöfen produzierten flüssiges Metall, daneben standen Unterkünfte und Lagerhallen. Doch was die ungebetenen Besucher vor allem fesselte, waren die elektrischen Scheinwerfer, welche die Szene beleuchteten. Wie auch die Akkumulatoren kamen sie aus einheimischer Produktion und reichten in ihrer Leistung bei weitem nicht an irdische Modelle heran. Was die Beobachter zusätzlich verwirrte war der Umstand, dass in der ganzen Anlage keine Seele zu sehen war. - „Wo sind nur die Arbeiter?“ wunderte sich dann auch Jochen. Die Antwort erhielt er aus dem Hügel heraus.

Zuerst war es nur ein seltsames zischendes Geräusch, das von der dem Plateau zugewandten Seite des Hügels kam. Dann wussten sie, warum sich alle verkrochen hatten. Ihre Ankunft war beobachtet worden, und jemand hatte die Alarmanlage auf scharf geschaltet. Zwei gigantische Tentakel hoben sich vor dem Nachthimmel ab. Suchend wischten sie durch die Luft über dem Areal, das sie zu etwa zwei Dritteln abdeckten. Wären die Fangarme noch länger gewesen, hätten sie die Gruppe am Rande des Plateaus mit einem Schlag vernichtet.

Denn die Vier verharrten schockstarr auf ihren Positionen. - „Wir brauchen ein größeres Boot“, brachte Frank schließlich tonlos hervor, doch seine Begleiter waren viel zu erschrocken, um den Klassiker aus dem ‚Weißen Hai’ gebührend zu würdigen. Endlich brach der Bann, und schreiend traten die Abenteurer den Rückzug an.

 

 

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„Heda! Ihr da drinnen! Macht sofort die verdammte Tür auf!“ Das Hämmern einer Faust gegen massives Holz und das Gebrüll des Wirtes ließen die abgerissenen Gestalten hochfahren. Sie hatten es nicht mehr bis nach Hlanith geschafft und hatten sich in einer Absteige im Vergnügungsviertel eingemietet. Unartikulierte Geräusche von sich gebend zog Erik den Stuhl unter der Türklinke weg, drehte den Schlüssel und öffnete die Tür. „Es ist mir zwar egal, was ihr drei Kerle mit der Frau da drin macht, aber hier wird stundenweise bezahlt, und es ist schon Mittag durch“, beschwerte sich der Hotelier. Mit Mühe setzte Erik ihm auseinander, daß das Zimmer in der gestrigen Nacht schon bezahlt worden war. „Stimmt, bis Mittag“, bestätigte der Mann schmierig grinsend. Seufzend durchsuchte Meier seine derangierte Kleidung und brachte schließlich ein kleines Ledersäckchen zum Vorschein, welches er wortlos dem Wirt überreichte. Dieser öffnete es geschickt, warf einen Blick hinein und pfiff überrascht. Er warf das Säckchen in die Luft, fing es wieder auf und drehte sich wortlos um.

Erik warf die Tür zu und ließ sich auf die freie Hälfte des Doppelbettes fallen. Jochen protestierte brummend, kam dann aber nach und nach zu sich.

Bis der Steinmetz völlig wach war, hatte sich unter den Traumreisenden eine Diskussion über die weitere Vorgehensweise entwickelt. Alle waren sich einig, Verstärkung zu brauchen. Doch selbst bei Einbeziehung aller Kräfte erschien die Lage aussichtslos. Erik machte gar den Vorschlag, das ABC usw. zu bitten, die berüchtigten ’Royal Moewles’ in die Traumwelt zu entsenden, doch Alrun gab zu Bedenken, der Einsatz von Dudelsäcken könnte gegen eines der vielen Geheimabkommen zwischen den einzelnen Traumreise-Fraktionen verstoßen. Die schottische Traditionstruppe, die von Unwissenden vielleicht ob ihrer altmodischen Ausrüstung belächelt wurde, aber den Status einer Top-Spezialeinheit hatte, war bisher nur selten von den Briten eingesetzt worden und noch nie in der Traumwelt.  - „Wer verstößt hier denn gegen Abkommen?“ brauste Erik auf. „Elektrizität! Katapultieren die Traumwelt von der Antike ins 20. Jahrhundert. Wenn wir doch bloß wüssten, wozu das alles.“ - „Um das Plateau einzunehmen, braucht man eine kleine Armee“, seufzte Frank resigniert.

Mit einem Male stand Jochen senkrecht im Bett. „Ich hab’ eine Idee!“ Seine Freunde blickten ihn erwartungsvoll an. „Ich habe heute Nacht von meinem ersten Tag im Institut geträumt. Und jetzt ist mir wieder einer der Buchtitel eingefallen, den ihr mir damals zu Lesen gabt. Wieviel ist an den „Katzen von Ulthar“ wahr?“


Das Erwachen in der Realwelt ging normalerweise langsam vor sich. Am Ende des Prozesses lag der Träumer ausgeruht in seinem Krankenbett, wo er vom medizinischen Fachpersonal freundlich begrüßt wurde. Normalerweise.

„Bist du jetzt völlig durchgeknallt??!!“ explodierte eine Rabenstimme an Meiers Ohr. Benommen drehte er seinen Kopf in Richtung der Lärmquelle. „Noch ein paar Stunden länger und wir hätten eine Rettungsmission gestartet. Los, raus aus dem Bett! Und überleg’ dir schon mal, was du Professor Weseler sagen willst. Sie ist extrem sauer, weil sie seit gestern Nacht mit Anrufen aus Berlin bombardiert wird. Die sind dort mit dem Zustand von Frank Lammert völlig überfordert, und ich muß Ferndiagnosen stellen“, begrüßte Dr. Szymiczek ihren Patienten und riß grob die Elektroden von Eriks Körper.

„Warum schreien mich in letzter Zeit alle Frauen an?“ grübelte der Wissenschaftler verwirrt. Zeit für die Suche nach einer Antwort hatte er nicht, denn Veronika warf ihm einen Bademantel über und trieb ihn weiter in Richtung Treppenaufgang. Den Weg zu Weselers Büro nutzte die Ärztin für weitere Anschuldigungen, die sich mit den Ansichten Alruns im Vergnügungsviertel im Wesentlichen deckten. Dabei spielte Veronika nicht nur auf ihre Meßergebnisse von den EKGs und EEGs an, sondern konfrontierte ihren ehemaligen Freund auch mit pikanten Details seiner Körperfunktionen und Gesichtsausdrücke. Immer, wenn sie auf Jochen und Alrun zu sprechen kam, schaltete sie noch einen Gang höher, sodaß sich Erik seine Ohren zuhalten mußte.

Bevor er auch noch eine verbale Abreibung von der Institutsleiterin bekommen konnte, ging Meier in die Offensive. Er hatte kaum Frau Weselers Büro betreten, da begann er mit seinem dramatischen Bericht. Wie erhofft saßen seine beiden Zuhörerinnen bald in sprachlosem Entsetzen auf ihren Stühlen. Schließlich rief Weseler ihre beiden restlichen Mitarbeiter zusammen. Rolf Münch, der Physiker, ließ keine Gelegenheit in Frau Weselers Zusammenfassung aus, um laut zu jammern, während Friedhelm stoisch zuhörte und sich keine Emotionen anmerken ließ.

„Das könnte sogar funktionieren“, nickte die Akademikerin am Ende ihres eigenen Berichts. Sie sprach damit den Plan der vier Träumer an, den Stützpunkt der geheimnisvollen Orgon-Verwerter zu stürmen. Dann schickte sie Erik zusammen mit Veronika wieder in den Keller, wo sich der wiedergekehrte Träumer unter fachlicher Aufsicht erholen sollte. Die Professorin selbst kontaktierte Berlin, um die Kollegen von den neuesten Entwicklungen zu informieren und um Unterstützung zu bitten. Dann führte sie ein Gespräch mit London, in dem sie Joan Unclear bat, Dr. Morton und seine Experimente nochmals unter die Lupe zu nehmen.


Zwei Tage waren vergangen. Fasziniert blickten fünf Menschen auf das im Mondschein leuchtende Meer kleiner grüner und gelber Augen. Bislang war der Plan ein voller Erfolg. Alrun hatte sich mit ihrem Omnoke auf den langen Weg nach Ulthar gemacht, um Bündnisverhandlungen zu führen. Denn in Ulthar gilt seit Urzeiten ein Gesetz, wonach es Menschen verboten ist, Katzen zu töten. Die Samtpfoten werden in jener Stadt sogar besonders zuvorkommend behandelt. Und seit einem dreiviertel Jahrhundert besaßen die Katzen von Ulthar einen besonderen Draht zu Traumreisenden; damals hatte sich der legendäre Träumer Randolph Carter so sehr mit den Schnurrern angefreundet, dass sie ihn später sogar auf dem Mond aus den Fängen widerwärtiger Krötenwesen befreit hatten. Den Mitarbeitern des Instituts war diese Geschichte natürlich bekannt, doch gehörte sie für die Wissenschaftler zu der unermesslichen Fülle phantastischer Begebenheiten, die sich nun einmal in der Traumwelt abspielen. Alrun war jedoch schon immer eine Katzen-Närrin gewesen und hatte sich seit ihrer Lektüre dieser Geschichte vorgenommen, Kontakte zu den wahren Herren von Ulthar aufzunehmen. Sie konnte sich sogar in der Katzensprache verständigen.

Für die kleinen Vierbeiner war es von ihrer Heimatstadt bis zum Wäldchen am Fuße der beiden Hügel im wahrsten Sinne des Wortes ein Katzensprung gewesen, denn wie jeder weiß, verfügen Katzen über magische Kräfte. Zumindest gilt das für die Gattung der sogenannten Hauskatzen. Ihr riesiger Verwandter mußte sich mit seiner Reiterin auf den beschwerlichen Rückweg machen. Auch sonst hatten die beiden felinen Arten nicht viel gemein, doch in der Stunde der Not vertrugen sich das Omnoke und die anderen Katzen. Das Raubtier ließ sogar gerade besonders vorwitzige Stubentiger auf seinem Rücken herumturnen. Als zwei Jungtiere jedoch die Geschmacksrichtung Omnoke-Schwanz ausprobierten, platzte der Großkatze der Kragen. Ihr Gebrüll hallte von den Hügeln wider und war wohl bis nach Hlanith zu hören. Alrun sah ihren Gefährten böse an, der sich leise brummelnd wieder hinlegte.

„Ich mag Katzen nicht“, flüsterte ein kleiner dürrer Mann Erik leise zu. Frau Bruns’ Worten zufolge war Eugen Schmitz ein erfahrener Träumer, der dem Team auf dieser Mission wertvolle Dienste leisten sollte. Frank hatte seinen Freunden jedoch berichtet, daß Schmitz in erster Linie Büroarbeiten erledigte und Mitarbeiter bei seiner Chefin verpetzte. Auf Nachfrage hatte Schmitz zugeben müssen, daß sich alle Agenten der Berliner Abteilung schon im Einsatz befanden; es ging um einen cthuloiden Poltergeist, der in Potsdam sein Unwesen trieb. „Wie sie so herumschleichen und einen verstohlen ansehen, das ist doch unheimlich“, fuhr der Bürokrat fort. - „Das erzählen sie unseren Verbündeten aber besser nicht“, warnte Erik den ungebetenen Kollegen.

„Ich weise euch nochmals darauf hin, dass es sehr wichtig ist, dass wir Gefangene machen“, wandte sich Alrun wieder an ihre Gesprächspartner, einen alten, schwarz-grau getigerten Kater und eine etwas jüngere, dreifarbige Kätzin, die sich beide das Oberkommando über ihre Truppen teilten. Die Katzendame rollte angesichts solcher Spitzfindigkeiten genervt ihren Schwanz zusammen und wieder auseinander. Den meisten Anwesenden war klar, dass die pelzige Armee nur noch schwer zu kontrollieren sein würde, wenn der Angriff einmal begonnen hatte.

„Glaubt diese Frau wirklich, die Tiere verstehen, was sie sagt?“ zweifelte Schmitz mit leiser Stimme. „Tsts…einfach unmöglich. Das ist ja fast wie beim Heiligen Franz von Assisi und den Vögeln, haha.“ - Meier ging drauf gar nicht ein, sondern drehte seinen Kopf zu Jochen. „Soviel zum Thema Traumland-Experte.“

Bevor es zwischen Alrun und den Katzen über die Strategie zu Auseinandersetzungen kommen konnte wurden alle von der Ankunft der Späher unterbrochen. Beinahe gleichzeitig kamen vier Katzen angestürmt und berichteten von ihren Beobachtungen. Alrun übersetzte den Rapport für ihre Freunde. „Wie ich schon befürchtet habe, gibt es auf einem der Hügel einen Wachposten mit einem Nachtsichtgerät.“ Vier Menschen sprangen simultan auf, doch noch ehe einer von ihnen einen sinnvollen Satz formulieren konnte, sprach die Jägerin weiter. „Natürlich handelt es sich um kein elektronisches Gerät wie wir es kennen. Es gibt hier in der Traumwelt jedoch Kristalle, welche auf natürliche Art das Restlicht verstärken; in einem Fernrohr verbaut, ist ein solcher Kristall sehr nützlich. Vermutlich bemerkten die Wachen auf dem Hügel unseren stümperhaften Versuch vor einigen Tagen und alarmierten den Tentakel-Wächter.“

Damit der zweite Versuch glückte, wurden das Omnoke und die eben zurückgekehrten Kundschafter wieder ausgeschickt. Nach einer kleinen Ewigkeit meldete einer jener Späher Vollzug. Der Wachposten existierte nicht mehr. Die Zeit für Stufe drei war gekommen.


Atemlos verfolgten die fünf Abenteurer zusammen mit den beiden felinen Anführern aus einem Versteck heraus die weiteren Geschehnisse. Wegen der Dunkelheit konnten die Menschen wieder einmal fast nichts erkennen, worüber sich Schmitz auch mehr oder minder lautstark beschwerte.

Offenbar hatten die unbekannten Produzenten der Akkumulatoren auf den letzten ungebetenen Besuch reagiert und die Wachen zwischen den beiden Hügeln verdoppelt. Dabei hatte die Geschäftsleitung wohl vergessen, dem Sicherheitsdienst die brisante Lage einzuschärfen, denn die vier Uqmoqqs vertrieben sich ihren Patrouillendienst mit gegenseitigem Ärgern. Kopfschüttelnd beobachtete Jochen, wie sich die vier Schatten fröhlich grunzend mit ihren Speeren traktierten.

Plötzlich hielten sie inne. Nach kurzem Zögern begannen sie, unkoordiniert durcheinanderzulaufen. Die Beobachter konnten nur erahnen, was sich in der Entfernung abspielte. Die Wachen hatten eine der Katzen entdeckt und suchten sie zu fangen. Planmäßig wurden sie dabei an den Fuß des linken Hügels geführt. Schließlich standen sie mit gesenkten Speeren in einem Halbkreis. Vermutlich diskutierten die Uqmoqqs das Schicksal ihres Opfers oder tauschten bereits Kochrezepte aus. Da löste sich ein großer Schatten von einem Felsvorsprung und begrub Schweinebacken und Katze unter sich.

„Wie ich schon sagte“, hob Alrun zufrieden an. - „Jaja, wir kennen den Spruch“, unterbrach sie Jochen und sputete los. So bekam er auch nicht mit, wie ihm die Frau die Zuge herausstreckte. Unterwegs wurden die Menschen von einem wuselnden Teppich überholt. Natürlich erreichten die Traumreisenden ihr Ziel als letzte. Das todesmutige Kätzchen schien noch etwas groggy zu sein, doch war den Ankommenden unklar, ob sein Zustand noch vom Aufprall einer vierbeinigen 200-Kilo-Bombe oder vom begeisterten Abschlecken durch eben jene Großkatze herrührte. Alrun tätschelte stolz den Kopf ihres Lieblings und betrachtete zusammen mit einigen anderen Katzen die plattgemachten Uqmoqqs. - „Los, weiter“, drängte Erik, „wir dürfen das Überraschungsmoment nicht verlieren.“


Die sich ihnen bietende Szene unterschied sich in zwei wichtigen Details vom ersten Besuch. Die Anlage wurde von den unterschiedlichsten Geschöpfen bevölkert, welche im Schein der elektrischen Lampen die verschiedenen Arbeiten ausführten, und diesmal zuckten keine gigantischen Tentakel durch die Luft.

„Es scheint zu funktionieren“, flüsterte Frank aufgeregt. - „Ja“, gab Erik ebenso leise zurück, „wenn wir Glück haben, werden die Fangarme nicht aktiviert solange die eigenen Leute draußen sind.“ - „Wir sollten uns trotzdem an den Plan halten“, riet Schmitz besorgt. Seine Begleiter stimmten ihm darin zu. - Alrun drehte sich zu den beiden felinen Offizieren um. „Es geht los. Und denkt daran: keine-“ Weiter kam sie nicht, denn die beiden Katzen stürmten an den Spitze ihrer Armee auf das Plateau.

Die fünf Menschen warteten noch und beobachteten die ersten Ergebnisse ihres Planes. Wie befürchtet hielten sich ihre Verbündeten nicht lange mit Feinheiten auf. Nachdem ihnen klar gemacht worden war, welche Gefahr von der Fabrik für die gesamte Traumwelt ausging, setzten sie alles daran, die Betreiber auszuschalten. Mit schauriger Erregung erkannten die Beobachter, wie die Geschöpfe auf dem Plateau von einer beißenden und kratzenden Welle überflutet wurden. Einige Uqmoqq-Wachen stießen verzweifelt mit ihren Speeren nach den Angreifern, doch hatten sie keine Chance. Gefährlicher waren da die Arbeiter, welche mit flüssigem Metall hantierten. Durch Unfälle und Absicht wurden in Nähe der Öfen viele Tiere verletzt oder getötet.

Endlich stürmten auch die Menschen und das Omnoke los. Die Sechs hielten sich am äußersten linken Rand des Plateaus, um einem möglichen Tentakel-Angriff auszuweichen. Unbeschadet erreichte die Gruppe die ersten Gebäude. Jetzt war das Omnoke nicht mehr zu halten, es stürmte brüllend in zu seinen kleinen Verwandten und wurde von ihnen enthusiastisch begrüßt.


Durch einen Seiteneingang gelangten die fünf Traumreisenden in eine kleine Lagerhalle. - „Woohooo! Das ist kein Mond, das ist eine Raumstation!“ Franks Stimme schwankte zwischen Überraschung und Entsetzen. Auch seine Begleiter blieben wie angewurzelt stehen. - „Mein Gott“, hauchte Erik fassungslos.

Auch wenn die Fahrzeuge in ihrem Design erheblich von den irdischen Vorlagen abrückten, so bestand am Verwendungszweck der krude zusammengenieteten Stahlkisten mit Raupenketten keinerlei Zweifel. Schaudernd liefen die Eindringlinge zwischen dem halben Dutzend fertiggestellter Fahrzeuge umher. Anscheinend waren die Panzerwagen vornehmlich für den Truppentransport konzipiert worden, denn es gab zwar jede Menge Schießscharten und kleiner Fenster, aber keine schwere Bewaffnung. Bei einem der Fahrzeuge fand Erik seine Vermutung bestätigt. In einem der Transporter waren die Bodenplatten entfernt worden. Durch die offenstehende Hinterklappe des Panzers konnte Erik einen Blick auf die Innereien der Teufelsmaschine werfen und sah zwei eingebaute Akkumulatoren.

„Damit kann man aber keinen Krieg gewinnen, was?“ Eugen Schmitz wies mit einem abwertenden Lächeln auf die Fahrzeuge. „Wenn Sie mich fragen, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.“ - Meier starrte den Bürokraten fassungslos an. In einem Schreianfall versuchte er dem Ignoranten klarzumachen, was diese Fahrzeuge für die Zivilisationen der Parallelwelt bedeuten. - „Ihr unverschämtes Verhalten wird Folgen haben“, warnte Schmitz mit bleichem Gesicht. „Das gibt zumindest einen dicken Eintrag in Ihrer Personalakte.“ - „Was haben Sie mit meiner Personalakte zu tun?“ reagierte Erik ehrlich überrascht. „Ich arbeite doch gar nicht in Ihrer Organisation.“ - Auf Schmitz’ Lippen zeichnete sich ein bösartiges Grinsen ab. „Sie haben es vielleicht vergessen, aber wir sind die Deutschland-Zentrale für alle anderen Organisationen. Wir führen über jeden Personalakten. Und die Dateien von Ihnen und Ihren seltsamen Kollegen reichen schon jetzt aus, um Sie alle sofort auf die Straße zu werfen, angefangen bei Professor Weseler.“ - Glücklicherweise kamen die restlichen Mitglieder des Trupps an den beiden Kontrahenten vorbeigerannt und forderten sie auf, ihnen ins nächste Gebäude zu folgen.


Die Fünfergruppe durchsuchte noch zwei weitere Gebäude; in einem stand ein weiteres Halbdutzend Fahrzeuge, die restlichen Hallen dienten der Lagerung und Montage von Einzelteilen. Doch nirgends fanden die Institutsangehörigen einen Hinweis auf den Auftraggeber für die Panzer.

Jochen wies auf ein abseits stehendes Gebäude. „Dort scheint die Verwaltung zu sein.“ - „Damit kenne ich mich aus!“ frohlockte Schmitz und wollte loslaufen. Da wurden sie von einer erstaunlichen Gruppe abgefangen. Bewacht von einem Rudel Katzen und einem grimmigen Omnoke stolperten einige böse zerkratzte Arbeiter und Wachen heran. Die Befragung verlief ergebnislos, denn die nur wenig menschlichen Gefangenen gaben Laute von sich, die keiner übersetzen konnte, und die wenigen fast-menschlichen Überlebenden konnten auch durch Androhung der angeblich fürchterlichsten Strafen nicht zum Reden bewegt werden.

So blieb dem menschlichen Kommandotrupp nichts anderes übrig, als die Gefangenen in der Obhut der Katzen zu lassen und selbst nach Antworten zu suchen.

Im obersten Stockwerk des Bürogebäudes wurden sie endlich fündig. Das kleine zweistöckige Haus stand etwas abseits von den Hallen und Öfen. Anscheinend waren sie in der Chefetage gelandet, denn trotz der Dunkelheit fiel den Eindringlingen beim Erreichen des Stockwerks sofort die Panoramascheiben auf, die einen Blick auf die Hügel und das Plateau boten. Jemand schaltete das Licht ein, und die Träumer durchsuchten methodisch Schränke und Tische, wobei Schmitz der Auffassung war, den anderen Ratschläge für effektives Suchen geben zu müssen. Es war jedoch erneut Frank Lammert, der den ersten Treffer landete. - „Yeah! Make my day.“ Strahlend hielt er einige Konstruktionspläne in der Hand. Auf ihnen waren detaillierte Zeichnungen der Panzerwagen zu abgebildet. - „Wie es aussieht, wollen unsere unbekannten Gegner ihre mangelnde Truppenstärke durch die Fahrzeuge ausgleichen“, brummte Erik als er die Pläne studierte. - „Eines dieser Metall-Monster ist doch schon völlig ausreichend, um eine ganze Stadt zu terrorisieren“, seufzte Alrun. - Jochen hatte sich derweil mit einigen anderen Zeichnungen beschäftigt und legte den anderen wortlos einen Konstruktionsplan für ein kleines Panzerschiff vor. - „Verdammt! Was wollen die damit nur erreichen?“ fuhr Frank auf.

Jochen zuckte mit den Schultern. „Es wird den Kultisten nicht entgangen sein, dass wir uns in der Traumwelt mit magischen Artefakten eindecken. Ich bin zwar nicht der Stratege in unserem Team, doch für mich macht es durchaus Sinn, wenn unsere Feinde versuchen, uns vom Nachschub abzuschneiden.“ - „Das könnten die Cthulhuisten doch einfacher haben“, widersprach Alrun. „Sie brauchen uns bloß aus unserem Steinbruch zu werfen, dann müssen wir wieder von vorne anfangen.“ - „Wir haben aber nicht nur die Sternsteine aus der Traumwelt“, gab Erik zu bedenken, „sondern auch andere wichtige Artefakte.“ Die Miene des Kulturhistoriker verfinsterte sich. „Warum unterjocht eine Zivilisation die andere? Weil sie es kann. Vielleicht ist es ganz einfach. Unser großer Unbekannter schließt einen  Deal mit, sagen wir mal, dem Gezücht vom Mond ab“, fuhr Meier fort und zeigte aus dem Fenster in den Nachthimmel, wo sich der Traumwelt-Trabant mit einer zunehmenden Sichel abzeichnete. „Er verspricht ihnen die lang ersehnte Herrschaft über diese Welt und bringt nebenbei noch alle für uns wichtigen Artefakte unter seine Kontrolle.“ Dieser Theorie konnte selbst der Skeptiker Schmitz nicht widersprechen.

In den folgenden Minuten setzten die Mythos-Bekämpfer ihre Suche nach verräterischen Unterlagen fort, doch außer weiteren Anleitungen zum Bau der Hochöfen, Fahrzeuge und Akkumulatoren sowie Gegenständen, die in einem Büro normalerweise vorhanden sind, fanden sie nichts.

Frank beendete die Untersuchung eines weiteren Schreibtisches, der an dem großen Fenster mit Blick auf den düsteren Hügel stand. „Zum Glück produzieren sie hier kein Schießpulver oder Waffen.“ Da konnten ihm seine Begleiter nur zustimmen.

Erik sah den gigantischen Schatten aus den Augenwinkeln heraus. Noch bevor er eine Warnung rufen konnte, zersplitterte das Glas in Franks Rücken mit einem gewaltigen Knall, und ein riesiger Tentakel schlingerte suchend durch den Raum. Schreiend warfen sich alle zu Boden. Erik konnte von seiner Position aus Alrun erkennen. Ihre Blicke trafen sich. Beide erkannten beim jeweils anderen Schuldgefühle. Keiner hatte noch an das Monster gedacht. Ebenso plötzlich wie er erschienen war, verschwand der Fangarm wieder. Durch das zerborstene Fenster drang ein wahres Pandämonium aus Fauchen, Kreischen und Brüllen in das Büro. Vorsichtig näherten sich Alrun und Erik dem Fenster.

Was sie sahen, ließ ihnen den Atem stocken. Dutzende Katzen hatten sich in den Tentakeln verbissen und verkrallt und wurden durch die Luft gewirbelt. - „Rückzug!“ kreischte Schmitz. - Dem konnte Erik nur zustimmen. Er drehte sich um, da fiel sein Blick auf einen am Boden liegenden Körper. Meiers Herz verwandelte sich in einen Eisklumpen. „O Gott! Bitte nicht!“ Doch nur ein kurzer Blick auf den Rücken der Person reichte, um das Schlimmste zu befürchten. Vorsichtig drehte Erik den Körper um. - „Houston, wir haben ein Problem“, röchelte Frank schwach. Nun hatten auch die anderen bemerkt, daß etwas nicht stimmte. Erschüttert knieten sie um den Verletzten herum. Zwar hatte Alrun Heilkräuter und -pulver in einer Tasche dabei, doch für eine solch schwere Verletzung war sie nicht ausgerüstet. Sofort machte Schmitz seinen Begleitern heftige Vorwürfe, doch reichten einige böse Blicke, um ihn verstummen zu lassen. Frank begann zu weinen. Seine Freunde trösteten ihn hilflos, doch der junge Mann schüttelte den Kopf. „Es ist nicht, weil ich sterbe…aber seit ich der Organisation beigetreten bin überlege ich mir für so eine Situation einen passenden Spruch. Und jetzt“, er schluchzte laut, „fällt mir keiner ein.“ Alrun redete leise auf den am Boden Liegenden ein und gab Anweisungen, wie Frank in ein Stadium der Transition gelangen konnte, doch nach wenigen Augenblicken musste sie traurig erkennen, wie es mit Frank zu Ende ging. Schließlich sah Meier ein, dass jede Hilfe zu spät kommen würde. Er räusperte sich. - „Er glaubte, dass sein Opfer nicht vergebens oder sinnlos war. Und…und wir werden die tiefe Weisheit seiner Handlungen nicht in Frage stellen…“ - Auf Franks Gesicht erschien ein Lächeln. „Ja Mann, das ist stark. Darauf hätte ich auch selbst kommen können.“ - Als Erik aufsah, blickte er in Schmitzens ratloses Gesicht. „Star Trek II - Der Zorn des Khan“, erklärte er. Jochen und Alrun gingen derweil zu einem der nächsten Schreibtische und rissen eine Tischplatte ab. Behutsam legten sie den Toten darauf und trugen ihn aus dem Gebäude. Zwar würde sich der Traumwelt-Körper in kurzer Zeit auflösen, doch waren alle stillschweigend zu der Übereinkunft gekommen, die sterblichen Überreste nicht auf feindlichem Territotium zurückzulassen.

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Der Mann schlenderte trübsinnig über einen der Marktplätze von Hlanith. So sehr Erik auch versuchte, die weiteren Ereignisse zu rekapitulieren, es gelang ihm nicht. Es war ihm immer noch unbegreiflich, wie sie es geschafft hatten, Alruns Omnoke aus der Schlacht mit dem Tentakel-Monster zu holen, Frank auf dem Rücken der Großkatze festzubinden, die anderen Katzen von der Sinnlosigkeit weiterer Angriffe zu überzeugen und lebend von dem Plateau zu flüchten. Die Gefangenen hatten das Auftauchen der Tentakel für ihre Flucht genutzt und blieben spurlos verschwunden.

Was gefolgt war, war eine beispiellose internationale Aktion. Zwar hatten die Berliner in völliger Verkennung der Lage zunächst versucht, einen Untersuchungsausschuß einzuberufen, doch hatten sie angesichts ihrer fragwürdigen Personalpolitik Abstand davon nehmen müssen.

Schließlich waren traumreisende Kultistenjäger aus der ganzen Wachwelt zusammengekommen. Das ABC usw. hatte sogar die berüchtigten ’Royal Moewles’ in Marsch gesetzt, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Truppe um Major MacRib war stramm von Schottland nach Glastonbury marschiert („Warum Geld für Fahrkarten verschwenden?“ hatte der sparsame Offizier argumentiert). Dort hatte sich die Truppe am Traumreise-Artefakt vorschriftsmäßig ins Koma gesoffen und war kurze Zeit später am vereinbarten Treffpunkt abmarschbereit gewesen. Und dieses Mal war die Strategie der Kultisten-Jäger aufgegangen. An der Spitze der bunt zusammengewürfelten Truppe waren die ‚Moewles’ auf das Plateau marschiert und hatten mit ihren Dudelsäcken das Tentakel-Monster in den Hügel zurückgedrängt, sodaß die anderen Anti-Kultisten mit mächtigen Artefakten das Monster bannen konnten. Danach hatten sie damit begonnen, die Fabrik gründlich zu durchsuchen und später zu demontieren.


Nun gönnte sich Erik eine kurze Auszeit. Jochen war seit jener Nacht nicht mehr in die Traumwelt gereist, Professor Weseler und Alrun klapperten ihre Kontakte in der Parallelwelt ab, um Hinweise auf den Urheber der Orgon-Akkumulatoren zu finden, Münch wirkte begeistert an der Demontage der Fabrik mit, und Veronika überwachte in der Wachwelt ihre Instrumente.

Erik war somit alleine unterwegs. Früher hätte er diesen Umstand schamlos ausgenutzt, doch konnte nichts seine Gedanken von den schlimmen Ereignissen in jener Nacht ablenken.


„Jjjjeeiiiilllll!!!“ - Das Kreischen drang über den halben Marktplatz an Eriks Ohren. - „Isch werd jeck! Et hätt schon wieder jeklappt!“ antwortete eine zweite Stimme ebenso schrill. Neugierig bewegte sich der Kulturwissenschaftler auf die Geräuschquelle zu. Er beschleunigte seine Schritte, als er näher kam.

Am Ende der engen, schmutzigen Sackgasse, welche von den Wänden dreier Häuser gebildet wurde, befand sich eine Anomalie. Sie wurde nur selten benutzt, denn die Passage zwischen den Welten war hier besonders schwierig. Tatsächlich wurde dieses Tor von Traumreisenden nur als eine Art Notausgang benutzt, denn die offizielle Passage befand sich in einem Wald vor der Stadt.

Ungläubig beobachtete Erik, wie sich eine junge Brünette und eine junge Blondine kreischend in den Armen lagen. Auf seinem Gesicht erschien ein breites Grinsen. „Hallo, Chantal. Hallo, Jacqueline. Tja, man trifft sich immer zweimal im Leben.“