Titel
von A.W.G. Döring

Ich schreibe diese Zeilen für meinen Bruder Albert, meinen Neffen Hans, vor allem aber für meinen Großneffen Fritz als Abschied und auch als Warnung für seinen künftigen Lebensweg. Ich werde meine Aufzeichnungen unter falschem Namen an Euch senden und hoffe, daß die Post unterwegs nicht geöffnet wird.

Während ich meine Geschichte niederschreibe, bricht draußen die Nacht herein – und das meine ich nicht nur wörtlich. Vor meinem Fenster marschieren grölend der braune Mob und Mitglieder des NS-Studentenbundes vorbei. Meine Studenten, denn ich bin sicher, daß ich einige von ihnen dort unten aus meinen Vorlesungen und Seminaren erkennen würde. Sie verbrennen die Schriften von Leuten, die sie als "entartet" und als "Untermenschen" diffamieren. Schon immer hatte ich alle Menschen gerne, egal, welcher Religion sie angehören, welches ihre Überzeugungen sind oder welche Hautfarbe sie haben. Doch besonders ausgeprägt ist diese Haltung seit meinen Erlebnissen in der Südsee, vor dem Großen Krieg. Denn im Gegensatz zu dem grölenden Pöbel vor meiner Haustüre hatte ich es damals tatsächlich mit Wesen zu tun, die nicht mehr viel mit der menschlichen Art gemein hatten.

 

Nach dem Abitur und dem lustlosen Wehrdienst zog es mich nicht weit fort, und ich nutzte gerne die Nähe der Universitätsstadt Heidelberg zu meinem Elternhause, um meinen Umzug in eine erste eigene, bescheidene Unterkunft nach und nach zu organisieren. Zudem hatte es sich mein Vater ausbedungen, daß ich als Gegenleistung für die Finanzierung des Studiums gelegentlich im familieneigenen Betrieb aushelfe. Mein jüngerer Bruder, eher praktisch orientiert, wollte sowieso nach seinem Schulabschluß in der Firma arbeiten. Zum Leidwesen meiner Eltern zog es mich an der alma mater weniger zur Nationalökonomie denn zum Studium der Linguistik, Geschichte und Volkskunde hin. Als die Firma später in finanzielle Schwierigkeiten kam, war die Zeit des "Gaudeamus igitur" schnell vorbei, und meine Familie stellte mich vor die Wahl, heimzukommen und am Wiederaufbau des Betriebes mitzuhelfen oder mir selbst eine Arbeit zu suchen. In meinem jugendlichen Egoismus entschied ich mich für Letzteres, mußte aber bald feststellen, daß die Anzahl der Arbeitsmöglichkeiten für einen verkrachten Studenten von Orchideenfächern mehr als übersichtich war. Ich hatte mich schon mit dem Gedanken abgefunden, zähneknirschend mein altes Jugendzimmer beziehen zu müssen, da fiel mir durch einen Zufall, der zu prosaisch ist, als daß ich die näheren Umstände hier aufführen möchte, ein Zeitungsartikel über die Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft der Südsee Inseln zu Hamburg in die Hände. Noch zur selben Stunde beschloß ich, in die Hansestadt zu fahren und von dort aus in Übersee mein Glück zu finden.


Um es kurz zu machen: den größten Teil meiner Barschaft verwendete ich für die Bahnreise in den Norden. In Hamburg angekommen, begab ich mich sogleich zum Bureau der DHPG, wo ich einem mürrischen Sekretär meine Visitenkarte (Friedrich Gruber, Stud. phil., Heidelberg usw. usw.) mit dem Wunsch überreichte, er möge mich beim für Personalfragen zuständigen Menschen anmelden. Nach einiger Zeit wurde ich tatsächlich in ein betriebsames Zimmer geführt, wo mich der Personalleiter kurz nach meinem Woher und Wohin befragte. Meine Antworten schienen ihm nicht sehr zu gefallen, denn er setzte bereits zu einer negativen Antwort an, da durchfuhr mich ein Geistesblitz, und ich kramte aus meiner Aktentasche einige veraltete Reklame-Inserate der elterlichen Firma aus besseren Tagen sowie eine photographische Aufnahme der Fabrik hervor und versichterte zugleich, ich sei seit frühester Jugend mit den Grundlagen der betrieblichen Administration vertraut und in den Kolonien sicherlich von großer Hilfe. Meine Ausführungen stärkten sein Vertrauen in meine Fähigkeiten zumindest soweit, daß er mir eine Passage nach Chile auf einem Frachtdampfer der Gesellschaft anbot, auf dem ich die Überfahrt durch Arbeitseinsatz bezahlen könne. Weiteres wollte er mir nicht versprechen, da die Nachrichten aus Südamerika und Ozeanien sehr widersprüchlich seien. Am Ziel müsse ich selbst sehen, wie ich weiterkäme.

Ich nahm die Herausforderung an. Ich schrieb einen kurzen Brief nach Hause, in dem ich meinen Entschluß darlegte. In den Tagen bis zum Auslaufen brachte ich in Hamburg auch noch den letzten Pfennig meines Geldes unter die Leute (besonders unter meine neuen Kollegen, die allerhand kostspielige alkoholische Aufnahmerituale zu kennen schienen) und dampfte schließlich im Spätsommer des Jahres 1887 pleite aber glücklich über den Atlantik. Während der Überfahrt dankte ich mehr als einmal meinem fernen, gestrengen Erzeuger für die langen Stunden schwerer körperlicher Arbeit, zu der er uns Kinder während der Ferien gezwungen hatte, denn wenn ich nicht den Heizern beim Kohleschaufeln half, durfte ich zur Entspannung bei der Säuberung des Schiffsdecks mitwirken.


Nach meiner Ankunft in Valparaiso ging alles sehr schnell. Ich hatte mich kaum vorgestellt und meine spärlichen Referenzen vorgelegt, da bekam ich das Angebot, in einigen Tagen weiter nach Samoa zu fahren. Ich war dermaßen überrascht und glücklich, daß ich die warnende Stimme des Stationschefs in Chile überhörte.

"In Ordnung, Gruber. Wir hätten da was für Sie. Momentan geht auf Samoa alles ein bißchen drunter und drüber. Sie wissen schon: Engländer, Yankees, die Eingeborenen und dazwischen wir. Die Gesellschaft kann momentan jeden gebrauchen, der dort mit für Ordnung sorgen kann."

Natürlich wußte ich nichts. Engländer? Amerikaner? Ich hatte bis dahin ein gänzlich unpolitisches Leben geführt, und die Gespräche im Kohlebunker auf der Hinreise hatten sich nur in Ausnahmefällen um diplomatische Verwicklungen und Imperialismus gedreht, sondern in der Regel um Haarfarbe, Körpergröße und Oberweite.

Ich bekam meinen Anstellungsvertrag sowie weitere Dokumente, die mich als Angestellten der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft auswiesen. Danach kümmerte ich mich um ein Bankkonto und andere Dinge, die anfallen, wenn man einen neuen Arbeitsplatz annimmt. Die Tage bis zum Auslaufen verbrachte ich mit Exkursionen durch diese malerische südamerikanische Metropole. Meine neue Umgebung beflügelte dabei meine Träume vom Südseeparadies, in dem ich bald arbeiten und leben sollte. In diesen Tagträumen ging ich wie selbstverständlich davon aus, daß ich ausreichend Gelegenheit für umfangreiche anthropologische, linguistische und kulturelle Studien bekommen würde und nicht die ganze Zeit über verstaubten Rechnungsbüchern würde sitzen müssen. Ich besorgte mir eine möglichst bunte Postkarte, auf der ich für meine hoffentlich neidischen Angehörigen einen kurzen Bericht über meine Erlebnisse abfaßte.


Ich reiste noch schneller ab als geplant. Der Herbst war angebrochen – Beginn der Sturmsaison. Der Kapitän meines Schiffes, der auf den unglaublichen Namen Hein Petersen hörte, wollte so schnell wie möglich die Anker lichten, um unbeschadet auf Samoa anzukommen. Die Ladung war in Überstunden verstaut und die Besatzung zusammengetrommelt worden; ehe ich mich versah, befand ich mich wieder auf hoher See.

Die Amalie Dietrich war eine Brigg, die ihre besten Tage schon hinter sich hatte. Sie war gänzlich auf ihre Segel angewiesen und besaß nicht einmal einen Hilfsmotor. Dennoch hingen die Offiziere und die Mannschaft mit ganzem Herzen an ihr. Im Unterschied zu meiner Atlantikfahrt besaß ich auf dieser Passage den Status eines Angestellten der Compagnie, sodaß ich zur Abwechslung anderen beim Deckschrubben zugucken konnte. Dennoch machte ich mich bei der Besatzung dadurch beliebt, daß ich ihr bei kleineren Arbeiten zur Hand ging; auch dem Kapitän und seinem Ersten Offizier schien dies zu gefallen. Ich hatte während meiner finanziellen Ebbe schnell gemerkt, daß man nicht genug Freunde haben kann; zudem wollte ich mich auf der langen Überfahrt nicht langweilen. Leider erwiesen sich die beiden Offiziere als sehr wortkarge Menschen, die mir während unserer gemeinsamen Mittag- und Abendessen zwar allerhand Seemannsgarn auftischten, sich über die Situation an unserem Reiseziel jedoch ausschwiegen, wenn man über Allgemeinplätze wie Wetter und Natur absah.


So hatte ich genügend Muße, mir ein dünnes Büchlein zu Gemüte zu führen, das ich an Bord entdeckt hatte. Es handelte sich offensichtlich um eine Art Werbebroschüre oder Information für den Hausgebrauch, deren Inhalt die Geschichte und der wirtschaftliche Erfolg der Firma waren. Der Verfasser befleißigte sich eines pathetischen Stiles, wie er nach der Reichsgründung verbreitet war. So erfuhr ich, daß am Beginn der Erfolgsgeschichte ein Hamburger Kaufmann mit "unvergleichlichem Geschäftssinne, Fleiss und dem Segen Fortunas" namens Johann Cesar Godeffroy stand. Dieser baute vom Stützpunkt Valparaiso aus ein Handelsimperium in der Südsee auf, das am Ende 45 Handelsstationen und eine eigene Frachtflotte umfaßte. Auf Plantagen von Neuguinea bis Tuvalu wurden Baumwolle, Kokosfrüchte, Kakao und andere exotische Produkte angebaut und verschifft. Wie es sich für einen Patrizier gehörte, betätigte er sich auch als Mäzen und unterstützte zahlreiche Forschungsreisen in die Inselwelt; er stiftete sogar ein Museum für Natur- und Völkerkunde der Südsee. Als die Firma "J. C. Godeffroy & Sohn" Ende der 70er in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet (der ansonsten so eloquente Autor blieb bei dieser Episode erstaunlich unklar), wurde dem Großhandelskaufmann umfangreiche Hilfe der "bemerkenswerth weitsichtigen und grosszuegigen Reichs-Regirung mit Seiner Excellenz Fürst Bismarck an der Spitze" zuteil. Schließlich kaufte ein Consortium sämtliche Aktien der Godeffroy-Gesellschaft auf und gründete die DHPG. Ich erfuhr auch von Theodor Weber, dem langjährigen Haupt der Firma auf Samoa, der zudem dort die erste deutsche Konsulwürde trug. Auch er war laut Buch "von überragendem Unthernehmergeiste" und hatte bald eine "Idee, wie sie nur der practische deutsche Verstand ersinnen kann: anstatt das Frucht-Fleisch der Kokosfrucht durch Auspressen haltbar zu machen, was gewisse Nachtheile beim Transporte mit sich bringt, liess er die Kerne in dem sonniglichen Klima der Sued-See trocknen und hernach transportiren." Heutzutage, so lernte ich weiter, beherrsche diese Methode den Weltmarkt.


Unser Skipper hatte gut daran getan, vorzeitig aufzubrechen, denn die See blieb recht ruhig. Infolgedessen blieb der Umfang meiner Opferungen an Neptun eher bescheiden. Dann und wann trafen wir auf ein anderes Schiff, welches wir freudig begrüßten. Die unbeschwerte Zeit dauerte bis zum Tag unserer Ankunft an.

Ich hatte mich nach dem Mittagessen zur Ruhe gelegt, da wurde ich durch eine heftige Bewegung des Schiffes fast aus meiner Koje geworfen. Sofort rannte ich an Deck, die Ursache für diese abrupte Störung zu ergründen. Ich traf die Mannschaft in heller Aufregung an. Kapitän Petersen brüllte und gab jedem, der nicht schnell genug außer Reichweite kam, Stöße in den Rücken oder in die Rippen. Auch sein Erster Offizier, Björn Reecke, fluchte gotteslästerlich. Voraus sah ich ein größeres Segelschiff, das rasch näher kam. Ich wartete einen ruhigen Moment ab und stellte mich dann neben Reecke.

"Ich habe zwar noch nicht viel Erfahrung mit der christlichen Seefahrt, aber mir scheint, wir kommen ohne Gefahr an dem Schiff vorbei. Wozu die Aufregung?" Reecke starrte mich eine Sekunde lang an, dann brach es aus ihm hervor. Hielt er sich in meiner Anwesenheit sonst mit seinem Dialekt zurück, so kannte er nun kein Halten mehr. Ich versuche im folgenden, seine Ausführungen (soweit ich sie überhaupt verstanden habe) wiederzugeben.

"Aufregung?! Wegen dieser pennenden Dösköppe fahren wir direkt in die Hölle! Tausendmal sach’ ich ihnen, sie sollen die Augen offenhalten, wenn wir uns einer Insel nähern. Tausendmal sach’ ich, sie sollen auf das Schiff da achtgeben und’n großen Bogen fahr’n. Aber nein! Wir müssen die Marsh-Leute übern Haufen segeln!"

"Was für Leute?" fragte ich verwirrt, doch statt mir eine Antwort zu geben drehte sich Björn um und fuhr wie ein Teufel zwischen seine Matrosen.

Mittlerweile waren wir beinahe auf gleicher Höhe mit dem anderen Segler; und es war in der Tat ein genauso veraltetes Schiff wie unsere Amalie, nur größer und – bedrohlicher. Damals konnte ich bei bestem Willen nicht erklären, worin das Bedrohliche lag. Sicher, das Schiff war heruntergekommen und machte einen nicht wirklich seetüchtigen Eindruck, zudem ließ sich kein Besatzungsmitglied an Deck blicken, doch da war noch etwas anderes – eine Aura, die jeden gesunden Menschen abstoßen mußte. Ich konnte sogar den halbverwitterten Namen des maritimen Veteranen ausmachen: Dagon

"Sehen Sie nicht zu lange hin, Friedrich", erklang hinter mir eine Stimme. Ich war so auf das andere Schiff konzentriert gewesen, daß ich tüchtig erschrak. Hinter mir stand Petersen.

"Wer sind die Marsh-Leute?" fragte ich den Kapitän geradeheraus.

Petersen murmelte sich etwas von "Reecke" und "Hammelbeinen" in seinen Bart, doch dann antwortete er mir in kurzen Sätzen, so als wäre jedes Wort über jenes Schiff ein Wort zuviel. - "Das ist die Dagon, ein Schiff der Marsh-Linie. Amerikaner. Sind seit Ewigkeiten im Südseehandel tätig. Kennen jeden Kanakenhäuptling auf jeder verdammten Insel und haben wahrscheinlich von jedem zweiten ’ne Tochter geheiratet."

Ich deutete auf den Seelenverkäufer, der langsam nach Backbord abfiel. "Scheint in letzter Zeit aber nicht so gut zu laufen, was?"

"Keine Ahnung. Interessiert mich nicht. Aber es gibt Gerüchte…böse Gerüchte." – Ich sah Petersen aufmunternd an. – "Seemannsgarn. Es heißt, sie würden keinen Wert mehr auf traditionellen Handel legen, sondern andere Geschäfte treiben…Es ist von seltsamen Heiraten die Rede und von… Schatzsuche." – Meine Augen wurden immer größer. – "Jedesmal wenn ich einen Kahn von den Marshes sehe, glaube ich mehr von diesem Tavernenschnack. Und eines kann ich beschwören – hab’s mit eigenen Augen gesehen! – daß wenn’s hier mit dem Wetter drunter und drüber geht und überall die Schiffe absaufen, die Schiffe vom Marsh kommen immer durch. Immer! Als hätte der olle Marsh – Neptun soll ihn holen und auf seinen Dreizack spießen! – ’nen geheimen Vertrag mit’m Meer, dasser immer durchkommt." – Hier sah Petersen mich eindringlich an. – "Ich weiß, Sie sind jetzt neugierig, aber ich gebe Ihnen einen guten Rat, Fritz, halten Sie sich von denen da fern. Selbst die anderen Amerikaner wollen nichts mit den Marshes zu tun haben."

Mit diesen Worten ließ er mich stehen. Ich betrachtete verwirrt das marode Schiff, das immer kleiner wurde.


Glücklicherweise wurden meine düsteren Gedanken bald von der atemberaubenden Natur der Inselwelt vertrieben. Zwar verdüsterte sich der Himmel merklich und kündigte Regen an, doch selbst das konnte meine Begeisterung nicht schmälern, als wir uns den ersten Inseln der Samoa-Gruppe näherten.

"Dort liegt Pago-Pago, der Hauptstützpunkt der Amerikaner", klärte mich ein Matrose auf. "Von da aus versuchen sie, sich ganz Samoa unter den Nagel zu reißen." – Er drehte sich zu seinen Kameraden um und erhob die Stimme. – "Aber nicht mit Johann Cesar Godeffroy, stimmt’s, Jungs?" Ein begeistertes Grölen folgte, in das ich mit einstimmte. Zugleich freute ich mich über die Anhänglichkeit der Männer zu einem Mann, der längst nicht mehr ihr Chef war und der zudem (wie ich erfahren hatte) vor einigen Jahren verstorben war.


Das Wetter hatte sich nicht gebessert, als wir am frühen Abend den Hafen von Apia anliefen. In dem natürlichen Hafen der Hauptstadt Samoas lagen mehrere Handelsschiffe aus aller Herren Länder, aber auch Kriegsschiffe. Dies riß mich wieder aus meiner romantischen Stimmung, denn nun konnte ich mit eigenen Augen sehen, was mein Vorgesetzter in Valparaiso mit "Drunter und drüber" im Sinn gehabt hatte. Soweit ich es in der einsetzenden Dämmerung ausmachen konnte, lagen dort mehrere amerikanische Kriegsschiffe, ein britisches – und der Stolz der kaiserlichen Pazifikflotte: die Kanonenboote S.M.S. Eber sowie Seiner Majestät Schiff Adler. Bei beiden handelte es sich um Segelschiffe mit zusätzlicher Dampfmaschine. Dem heutigen Leser mag dies lächerlich erscheinen, doch solche Schiffe bildeten zur damaligen Zeit das Rückgrat einer jeden modernen Flotte. Tatsächlich waren auch die amerikanischen und englischen Schiffe mit Segeln und Motoren ausgerüstet. Bei der Bewaffnung hatte die Kaiserliche Admiralität allerdings geknausert (wie ich einige Tage später erfuhr): die Eber verfügte über ganze drei Kanonen! Ebenfalls nach meiner Ankunft erfuhr ich die Namen der übrigen Schiffe vor Apia. Es waren die U.S.S. Trenton, U.S.S. Vandalia und U.S.S. Nipsic, ein aufgemöbelter Veteran aus dem amerikanischen Bürgerkrieg; das britische Empire war durch die moderne H.M.S. Calliope vertreten. Auf unserer Seite fehlte noch die Olga, eine Kreuzerkorvette, die sich bei unserem Eintreffen gerade auf größerer Fahrt befand.

Reecke stellte sich neben mich und wies mich in einige grundlegende Dinge ein. – "Hier an Steuerbord liegt die Halbinsel Mulinuu. Dort befindet sich auch der traditionelle Königssitz der samoanischen Herrscher. Zugleich ist alles dort Gesellschafts-Territorium. Das sogenannte deutsche Viertel erstreckt sich bis", sein Arm beschrieb einen Halbkreis nach links, bis sein Finger auf einen Punkt schräg rechts wies, "nach Matafele. Links davon haben sich Amerikaner und Briten breitgemacht."


"Willkommen im Wespennest!" begrüßte uns nach dem Festmachen am Kai ein Vertreter der Gesellschaft, ein übersprudelnder Bayer. Er versprach uns, daß wir am nächsten Tag genauere Informationen bekämen, wahrscheinlich von Konsul Knappe persönlich. Als ich dies ob meines noch unbestimmten Status innerhalb der Hierarchie in der DHPG in Zweifel zog, bekam ich eine weitere Lektion in Kolonialismus. – "Schmarrn. Hier giabt’s zusammen gerade mal 300 Weiße, davon gut die Hälfte Saupr… Deutsche. Die Soldaten natürlich nicht mitgerechnet. Aber sagen ’S net zu laut, sonst merken’s die Eingeborenen noch, haha! Wir sind hier alle a große Familie. Hier kennt jeder jeden." – Björn gab einen grunzenden Laut von sich und zeigte stumm auf die anglo-amerikanische Kriegsflotte. – "Naja, im großen und ganzen", fuhr der Angestellte unbeirrt fort, "Sie werden’s sehen, auch die Engländer und Yankees sind ganz in Ordnung. ’s gibt natürlich immer’n paar schwarze Schaf’, die Ärger machen wollen."

Da es zu spät zum Ausladen war, begab sich die Mannschaft in ihre Landquartiere. Der Bayer teilte zwei weitere Leute von der Compagnie als Wache ein und nahm mich dann ins Schlepptau, um mir ein vorübergehendes Zimmer in der Hauptverwaltung zu besorgen. Den Rest des Abends verbrachte ich damit, meine wenigen Habseligkeiten zu verstauen und mich in meinem neuen Zimmer einzurichten sowie mit einer vorsichtigen Erkundung des Hauptgebäudes.


Am nächsten Morgen regnete es wie aus Kübeln. So hatte ich mir das Paradies nicht vorgestellt. Ich wollte gerade aus der Türe treten, da klopfte es. Es war der Bayer von gestern Abend; er wollte mich zum "Sachen fassen" abholen. In einem Vorratslager wurden mir tropentaugliche Kleidung, Schuhwerk sowie ein Revolver (Standardmodell M/79) ausgehändigt. Sodann machten wir uns auf die Suche nach einer neuen Unterkunft. Der Regen hatte mittlerweile so schnell aufgehört, wie er begonnen hatte, und so stapften wir durch die matschigen Straßen. Mein Stadtführer zog einen Plan hervor und studierte ihn sorgfältig, dann steckte er ihn zufrieden wieder ein und lotste mich direkt zu meiner neuen Wohnung. Es handelte sich dabei um eine kleine Holzhütte, welche jedoch äußerst gut gebaut und sehr sauber war. Die Einrichtung war spartanisch, reichte jedoch für die ersten Tage. Zudem war meine Studentenbude auch kein Palast gewesen. Wir waren gerade unterwegs, um Vorräte einzukaufen, da kam uns Petersen entgegen. – "Sie suche ich die ganze Zeit! Kommen Sie, große Lagebesprechung beim Konsul." – Auf dem Wege zum Konsulat versuchte ich meinen Kapitän davon zu überzeugen, daß ein Irrtum vorliegen müsse; ich sei gerade erst angekommen und sollte kleinere Arbeiten in der Administration der Gesellschaft erledigen. Hein Petersen hielt mir einen ähnlichen Vortrag wie der Bayer bei meiner Ankunft. Zudem würde ich beim Konsul gewiß auch meinen neuen Arbeitgeber kennenlernen und könnte mich ihm gleich vorstellen.

Das Konsulat war in einem schönen, aber gewiß nicht protzigen einstöckigen Holzbau untergebracht. Ein schwarz-weiß-rotes Blechschild mit Aufschrift sowie ein bewaffneter Marinesoldat wiesen diesen unauffälligen Bau als Konsulat aus. Hier residierte seit kurzem Dr. Wilhelm Knappe. Der Matrose bekam fast einen Herzschlag, als ich das Heiligtum mit umgeschnalltem Revolver betreten wollte; in der Hecktik hatte ich ganz vergessen, die Waffe daheim abzulegen. Umständlich nestelte ich am Holster herum und übergab den Revolver dem verdutzten Soldaten. Drinnen wurden wir schon erwartet. Petersen stellte mich meinem neuen Chef vor, Erich von Stubbe. Sofort beschloß ich, ihn nicht zu mögen und rechnete mir in Gedanken aus, wie lange ich hier arbeiten müßte, um eine Rückfahrkarte kaufen zu können. Stubbe war nicht nur Preuße, er sah auch so aus: hager, das eckige Gesicht glattrasiert, stechende Augen – es fehlte nur noch das Monokel. Zudem bewegte er sich, als habe er einen Ladestock verschluckt. Seine Sprechweise war abgehackt-zackig, wobei er mit Vorliebe Personalpronomina und höfliche Anreden an Satzanfängen wegließ. Das konnte alles nicht wahr sein!

Wie anders dagegen Dr. Knappe. Trotz warmen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit korrekt in einem Dreiteiler, Halbglatze, Schnurrbart, so kam er uns entgegen.– "Willkommen in meiner bescheidenen Hütte!" sächselte er zur Begrüßung und führte uns in seinen Arbeits- und Besprechungsraum. An der Wand hinter einem imposanten Schreibtisch blickten mich aus einem großen Portrait Seine Majestät Wilhelm I. und aus einem deutlich kleineren Seine Majestät Albert von Sachsen an. Mein neuer Chef übernahm die Vorstellung für mich ("Gruber. Heidelberg. Baden. Gestern eingetroffen."). Wilhelm Knappe stellte mich den restlichen Anwesenden vor. Dabei handelte es sich um zwei oder drei Plantagenverwalter sowie die Kapitäne der deutschen Kriegsschiffe, Kapitänleutnant Wallis von der Eber und Fregattenkapitän Fritze von der Adler. Der Konsul nutzte meine Ankunft für einen Vortrag.

"Da Kapitän Petersen uns vermutlich bald wieder verlassen wird", so Knappe in seinem gewöhnungsbedürftigen Dialekt, "und wir einen neuen Gast in unserer Runde begrüßen können, möchte ich die Gunst der Stunde nutzen, um unsere Situation zu rekapitulieren. Vielleicht verstehe ich dann selbst, worum es eigentlich geht." Zustimmendes Gelächter von den Anwesenden, nur von Stubbe runzelte mißbilligend die Stirn. Knappe baute sich vor einer Wandkarte der samoanischen Inselwelt auf. "Samoa besteht aus zwei großen Inseln, Savai’i im Westen und Upolu im Osten. Dazwischen liegen drei kleinere Inseln." – Hier wurde der Diplomat durch übertriebenes Hüsteln seitens des Fregattenkapitäns unterbrochen. – "Äh…zwei Inseln, wir haben natürlich zwei Inseln", verbesserte sich Knappe nervös und zeigte mit dem Finger auf sie, "Apolima und Manono. Vor der Ostküste Upolus gibt es noch weitere kleine Inselchen. Und hier, ganz im Osten, sitzen die Amerikaner." Der Konsul umkreiste mit seinem Finger die Inseln Tutuila, Manua und Ta’u. "Was die konkrete Lage hier vor Ort betrifft…"

Knappe seufzte und bereitete sich auf den offenbar schwierigsten Teil seiner Rede vor, da bemerkte er den unruhig auf seinem Stuhl zappelnden Stubbe. – "Exzellenz, wenn Sie erlauben…" – Knappe nickte gnädig, und der Preuße schnellte wie von einer Feder katapultiert nach oben und stakste auf die Karte zu. Im Vorbeigehen schnappte er sich einen Zeigestock, den der Sachse wohl übersehen hatte. – "Ist eigentlich alles ganz einfach. Müssen nur soviel wissen, Gruber, Upolu ist in drei große Lager geteilt. Hier im Westen", Stubbe blickte mich scharf an und riß, ohne die Karte zu beachten, seinen Arm nach hinten, wobei der Stock auf die Karte knallte, "hat unser Freund und jetziger König Tamasese sein Stammland." – Ich blickte vorsichtig an Stubbes Arm entlang und entdeckte zu meinem Erstaunen, daß der Stock genau auf die westliche Spitze der Insel zeigte. Der Mann wurde mir unheimlich. – "Der ehemalige König, Malietoa, kontrollierte den südlichen Teil, und der dritte starke Mann, Mata’afa, ist hier bei uns im Norden zuhause. Nachdem wir Malietoa vor einiger Zeit von der Insel schaffen konnten, ist Mata’afa bestrebt, seine Anhänger mit denen Malietoas zu verbünden. Will damit erreichen, daß er alle vier Königstitel bekommt." – Ich mußte bei Stubbes letztem Satz wohl recht dumm ausgesehen haben, denn mein Chef murmelte sich etwas in seinen nicht vorhandenen Bart und ließ sich zu einer weiteren Erklärung herab. – "Gibt hier vier Königstitel, die von verschiedenen adeligen Häusern verliehen werden. Seit es einem dieser Wilden vor langer Zeit gelungen ist, alle vier Titel zu erlangen, will das natürlich auch jeder andere Busch-Häuptling schaffen", dozierte von Stubbe streng.

Wenn ich mich schon wie ein Schuljunge behandeln lassen mußte, dann wollte ich wenigstens ein vorwitziger sein. – "So ähnlich wie bei den Pharaonen und den Kronen von Unter- und Oberägypten", warf ich altklug ein. Für einen kurzen Moment sorgte ich bei meinem Dozenten für Verwirrung, doch er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle und behauptete entschlossen: "Das ist doch was völlig anderes!" – Neben mir hörte ich Knappe und einige andere prusten und grunzen. Knappe nutzte diesen Augenblick der Unaufmerksamkeit Stubbes und brachte den Zeigestock unter seine Kontrolle. Sichtlich unzufrieden nahm der Niederlassungsleiter der Gesellschaft auf seinem Stuhl Platz.

"Was nun Apia selbst betrifft", setzte nun Knappe den Vortrag fort, "werden Sie sicherlich schon festgestellt haben, Herr Gruber, daß die Hauptstadt eher aus mehreren Dörfern besteht." - Dies bestätigte ich und fügte vorschnell hinzu: "Auch Rom fing mal mit sieben Dörfern an." – Mein Einwurf löste einige Heiterkeit im Publikum aus, sogar Stubbe ließ zwei zackige "Ha-ha!" vernehmen. – "Das erzählen Sie bitte nicht den Herren Tamasese oder Mata’afa, sonst kommen die auf wirklich dumme Gedanken", erwiderte Dr. Knappe freundlich, was für weitere Heiterkeit sorgte. Schnell wurde er wieder ernst. Der Mann aus Dresden begab sich zu einer zweiten Karte, welche das Hauptstadtgebiet darstellte. Er wies zunächst auf die Halbinsel, auf der wir uns gerade befanden. "Dies hier ist unser Gebiet. Hier finden Sie die Gebäude der DHPG sowie kleinere Geschäfte deutscher Händler und Unternehmer. Das deutsche Gebiet erstreckt sich ungefähr bis zur Mitte der Bucht. Dahinter haben sich die Briten und Amerikaner eingerichtet. Herr von Stubbe hat vorhin sehr deutlich die politische Gliederung Upolus erklärt. Eine Ausnahme bildet die Region von Apia, die seit einigen Jahren den Status eines Munizipalitätsbezirkes hat, den die USA, Großbritannien und das Deutsche Reich gemeinsam verwalten. Dahinter beginnt die Wildnis, haha. Wir, das heißt Ihre Gesellschaft, Herr Gruber, besitzt auf Upolu und Savai’i jeweils 12 Pflanzungen sowie kleinere Grundstücke. Das Problem ist, daß die Plantagen überall verstreut liegen. Welchen Herrscher wir auch unterstützen, es wird immer deutschen Besitz geben, der in Feindesland liegt. Ein weiteres Problem sind Ihre wirtschaftlichen Konkurrenten vor Ort, die Firmen Moors und MacArthur, die natürlich wie ihre jeweiligen politischen Vertreter Mata’afas Leute nach Kräften unterstützen. So, und nun zur aktuellen Lage."

Ich versuchte, der aktuellen Lage zu folgen, doch in dem Gewirr einheimischer Personen- und Ortsnamen, die für mich alle gleich klangen, verlor ich schnell den Überblick und das Interesse. Allgemein fragte ich mich, warum wir überhaupt einen der Häuptlinge unterstützen und uns nicht lieber ums Geschäft kümmern sollten. Doch diesen ketzerischen Gedanken behielt ich für mich.

Als die Besprechung beendet war, kam Petersen grinsend auf mich zu und brummte: "Unter- und Oberägypten… Sie und Stubbe werden bestimmt Freunde." Dann ging er. Ich wollte meinen Patzer wiedergutmachen und näherte mich unterwürfig von Stubbe, der gerade in ein Gespräch mit Kapitän Wallis vertieft war. Als er mich bemerkte, drehte er sich steif zu mir um und fragte nach meinem Begehren. Betont aufgeregt fragte ich ihn, ostentativ auf mein leeres Holster pochend, ob ich die ganze Zeit bewaffnet sein müsse. – "Klare Frage, klare Antwort, Gruber. Hier in Apia nein, sobald Sie einen Schritt weiter raus gehen, ja. Alles verstanden? Gut." Damit wandte er sich wieder seinem uniformierten Gesprächspartner zu, doch ich konnte sehen, wie sehr Stubbe diesen kleinen Auftritt genossen hatte. Ich bemerkte Konsul Knappe in meiner Nähe, der die letzten Szenen mitbekommen haben mußte. Ich hoffte darauf, daß der Sachse Knappe dem Preußen genausowenig gewogen war wie ich und sich mit mir als freiem Badener insgeheim verbünden würde. Daher wagte ich, ihn recht vertraulich anzusprechen und wies mit meinem Kopf zum diskutierenden Stubbe. – "Ist der immer so?" Knappe lachte auf und erzählte mir die traurige Geschichte Erich v. Stubbes in Kurzform. Alter preußischer Adel, dummerweise völlig verarmt, sodaß es für den zweitgeborenen Sohn nicht mehr reichte, nach einem nicht näher erläuterten Zwischenfall Abschied aus der Armee, Samoa. – "Man muß ihn nicht mögen", so der Konsul, "doch er hat seinen Laden im Griff. Das ist in diesen Zeiten viel wert, und ich werde einen Teufel tun, mich mit Stubbe unnötig anzulegen."


Während der folgenden Tage hatte ich genug damit zu tun, mich einzugewöhnen und einzuarbeiten. Obwohl die Anzahl der Deutschen vor Ort überschaubar war, stand ich in der Hierarchie zu weit unten, als daß ich die Aufmerksamkeit meines obersten Vorgesetzten in Anspruch genommen hätte. Trotz meinem niedrigen Rang gewann ich schnell interessante Einblicke in die wirtschaftliche Situation der Gesellschaft und damit der deutschen De-facto-Kolonie überhaupt. Weil vom Nagel bis zum Klavier alles eingeführt werden mußte (es wurde sogar Bauholz importiert!), waren die Ausgaben astronomisch. In guten Jahren belief sich der Wert der Ausfuhren auf Summen, die vielleicht etwas höher als die Ausgaben waren. Der gute Ruf der Firma zuhause und bei den Aktionären stand auf keiner reelen Basis. Und dabei profitierten von unseren Einfuhren nicht einmal deutsche Hersteller besonders; vieles kam aus Australien oder Neuseeland, da der Weg kürzer und billiger war. Schlimmer noch: die deutsche Regierung hatte sich für diese nicht sonderlich profitable Firma in ein höchst gefährliches internationales Abenteuer eingelassen. Von den finanzellen Kosten für Schiffe, Kohle, Sold, Munition etc., für die der Steuerzahler aufzukommen hatte, gar nicht zu reden. Hier in Apia konnte ich Imperialismus und Weltmachtspolitik real erleben; ich fragte mich, was wohl einige meiner nationalistischen Kommilitonen sagen würden, wenn sie denselben bescheidenen Einblick hätten wie ich.

Nach und nach lernte ich meine neue Heimat kennen und wagte mich immer weiter vom Handelszentrum der Gesellschaft weg. Meine süddeutsche, unpreußische Art erleichterte mir dabei den Umgang mit den ausländischen Weißen, die uns gegenüber allgemein mißtrauisch waren – was man bei der derzeitigen Situation auf Samoa verstehen konnte.

Von den Samoanern war ich begeistert. Ich hatte nie soviele schöne Menschen auf einem Fleck gesehen. Viele von ihnen waren groß gewachsen, und die Männer wären eine Zierde für jedes preußische Garderegiment gewesen. Ich hatte schon bemerkt, daß einige Europäer derselben Ansicht waren, zumindest was den weiblichen Teil der Eingeborenen betraf.


Eines Abends wurde ich in einer der gastronomischen Lokalitäten unseres Viertels mit einem Mann bekannt gemacht, der für die weitere Erzählung einige Bedeutung erlangen sollte. Wir saßen recht spät am Abend um einen Tisch herum und gönnten uns zum wiederholten Male eine Runde Rum, da erblickte einer meiner Mitarbeiter einen Neuankömmling und winkte ihn begeistert zu uns. Der Mann kam freudig an unseren Tisch, und mein Bekannter stellte mich ihm vor. – "Fritz, vor dir steht der genialste Geheimagent des Reiches, Eugen Brandeis. Eugen, das hier ist Fritz Gruber aus Heidelberg. Setz dich doch." – Aber Brandeis verzog bei den Worten des Mannes sein Gesicht und drehte sich wieder um. Meine Begleiter raunten. – "Da wird wohl ’ne Aktion in die Hose gegangen sein." – "Er hat im Busch wahrscheinlich wieder seine Nemesis Mister Klein getroffen, haha." – "Jaja, der Mann hat’s nicht leicht. Prost."

Später am Abend lernte ich Eugen Brandeis dennoch kennen. Ich stellte mich ihm erneut vor, und jetzt schien er seinen Kummer in einigen Gläsern Schnaps ersäuft zu haben. Als ich ihm von meiner kurzentschlossenen Übersiedlung aus dem heimeligen Baden nach Chile und dann in den Pazifik berichtete, erkannte er wohl in mir einen Bruder im Geiste. Brandeis war ursprünglich Artilleriehauptmann in der Königlich-Bayerischen Armee gewesen, hatte dann aber seinen Abschied genommen und war durch die Welt gereist; vornehmlich durch Amerika und die Länder der Südhalbkugel. Dabei hatte er eine Reihe verschiedenster Berufe ausgeübt und war dann letztes Jahr wieder im Dienste Seiner Majestät gelandet. Daß er nun dem deutschen Kaiser und preußischen König diente und nicht mehr dem bayerischen schien ihn wenig zu kümmern. Er sah in seiner Aufgabe ein riesiges Abenteuer. Offen gab Eugen zu, nur als Vorwand für die DHPG zu arbeiten, seine eigentliche Aufgabe bestand in der Ausbildung der Truppen Tamaseses.

Bevor ich noch mehr über ihn erfahren konnte, bereitete er jedoch seinen Aufbruch vor. Ich staunte nicht schlecht, als er von einem Nachbarstuhl einen Gurt mit zwei Revolvern, eine Machete zum Umhängen und ein Gewehr nahm und sich alles umschnallte. Dieser Mann war zweifellos interessant.


Der Jahreswechsel kam, und irgendwann im Januar des Jahres 1888 erhielt ich eine neue Lektion in Kolonialpolitik.

"Auweia", bemerkte ein älterer Kollege, der gerade aus dem Fenster sah, "das gibt Ärger." – Neugierig geworden, stellte ich mich neben ihn. Zwei kleinere Motorboote kamen durch die Bucht auf unser Ufer zu. – "Das sind der englische und der amerikanische Konsul. Jetzt wird’s spaßig. Komm mit."

Sollte ich Bedenken gehabt haben, meinen Arbeitsplatz zu verlassen, so wurden sie spätestens auf dem Flur beseitigt. Wie sich herausstellte, hatten auch viele andere Kollegen das drohende Unheil bemerkt und waren wie wir auf dem Weg zu unserem Konsulat. Dort ging es bereits hoch her. Eine größere Gruppe anglo-amerikanischer Kaufleute und Plantagen-Manager hatte sich bereits schimpfend vor dem Haus Knappes eingefunden. Die Matrosen vor dem Eingang blickten nervös auf die Menge, hatten sich aber im Griff. Die Situation drohte kurz zu eskalieren, als eine Gruppe aufgebrachter Compagnie-Angestellter und deutscher Ladenbesitzer eintraf. Völlig unmöglich, in dem Geschrei zu erfahren, worum es überhaupt ging. Dann hatten die Diplomaten ihren Auftritt. Der Lärm ging zurück, und den Worten der Konsuln konnte ich entnehmen, daß Tamaseses Leute sich einige Übergriffe hatten zuschulden kommen lassen.

"Der alte Kerl in der Uniform ist der Brite, hat so einen komischen Namen", klärte mich mein Kollege auf. Etwas später erfuhr ich von Brandeis den Namen: de Coetlogon, ein alter Kolonialhaudegen, der schon mit Gordon in Khartoum gewesen war; keine Spur diplomatisch, er verhielt sich auf seinem Konsulsposten genauso wie ein Regimentskommandeur, der er ja auch war. – "Der junge Kerl daneben ist der Amerikaner, Sewall mit Namen. Aber lassen Sie sich davon nicht täuschen, der hat’s faustdick hinter den Ohren", fuhr mein Nebenmann fort.

Ich konnte mich immer nur wundern, über welche Informationen die Leute hier in dieser kleinen Gemeinschaft verfügten. Zuhause war es schwieriger, Auskunft über den Bürgermeister zu erhalten! Eine andere Sache war mir ebenfalls klar geworden. Ich wollte weg von hier, weg vom Krieg, von diplomatischen Intrigen. Ich wußte nur noch nicht, wie ich das anstellen sollte.


Trotz der neuerlichen politischen Spannungen ließ ich mir meine Entdeckungslust nicht nehmen. Nach Feierabend begab ich mich gerne auch in die anglo-amerikanische Zone Apias und hatte auch selten Probleme mit den Menschen dort.

Eines abends hatte ich gerade Rast in einer recht heruntergekommenen Spelunke gemacht, da traten einige Seeleute ein und suchten einen freien Tisch. Zu meinem großen Erstaunen leerten sich sofort einige Stühle. Ich fragte den Wirt, der auch schon recht nervös wurde, nach dem Grund und erfuhr, es handele sich um Mannschaftsmitglieder des berüchtigten Marsh-Schiffes. Vermutlich hatte ich bereits zuviel getrunken, denn ich beschloß, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, welches den Namen dieses Reeders umgab. Todesmutig näherte ich mich mit meinem Glas den drei Gestalten und fragte höflich nach einem freien Platz. Die Matrosen waren so verdutzt, daß sie schließlich ein Nicken andeuteten. Wortreich stellte ich mich vor und fragte nach ihrem Woher und Wohin. Während zwei der Männer beharrlich schwiegen, gab der Seemann, welcher von ihnen in die Mitte genommen worden war, spärlich Auskunft. Zur Auflockerung der Stimmung bestellte ich eine Runde, und schon sah die Sache ganz anders aus.

Der Mittelmann stellte sich mir als Zadok Allen vor. Er war von unbestimmbarem Alter, zwischen 50 und 60, und schien sich etwas vor seinen Kameraden zu fürchten. Bevor er auf meine harmlosen Fragen antwortete, blickte er immer verstohlen seine Begleiter an, die jedoch nichts sagten, sondern stumm ihre Drinks einnahmen (die ich bezahlte!). Endlich schienen die beiden Aufpasser von meiner Harmlosigkeit überzeugt zu sein, denn sie verließen den Tisch und begaben sich zum Tresen, wo man ihnen respektvoll Platz machte. Nun lief ich zur Höchstform auf. Ich prahlte mit einer Weltreise, die ich mir selbst finanzierte, und fragte Allen nach dem Leben in Kalifornien. – "Kalifornien? Weiß ich nich’. War ich noch nie nich’", nuschelte er in seinem schwer verständlichen Slang. "Komme vonner Ostküste, aus Innsmouth, wenn’s Ihnen was sagt." – Ich bedauerte meine Unwissenheit, zeigte aber großes Interesse auch an jener Region. Nach einem weiteren Glas kam der Alte ins Reden. Zunächst schwärmte er von der guten alten Zeit des Ostasienhandels; offensichtlich war Innsmouth einmal ein wichtiger Hafen gewesen. Dann jammerte er über den langsamen Niedergang, den er offenbar nur mit neuem Alkohol ertragen konnte. Aufmunternd erwähnte ich sein Schiff, welches ja schließlich immer noch unterwegs sei. Allens Gesichtsausdruck veränderte sich. Seine sowieso schon unverständliche Stimme wurde leiser. Er gestand mir, daß die Dagon keinen gewöhnlichen Handel mehr treibe. Sofort dachte ich an das Seemannsgarn von versunkenen Schätzen, das mir die Besatzung der Amalie auf der Hinreise erzählt hatte. Stattdessen brabbelte der Alte etwas von Eingeborenen-Frauen, die "ins Wasser gehen" und Heiraten, vom "Vermischen" und Mischlingskindern, die daheim in Innsmouth "noch nie nich’ einer gesehen hat." Zudem war er überzeugt davon, diese seltsamen Ehen seien notwendig, damit es vor seinem Heimatstädtchen immer genug Fisch zu fangen gebe. Plötzlich ruckte sein Kopf hoch, und seine Augen wurden wieder klarer. – "Hab’ schon zuviel gesacht. Geh’nse jetzt. Schnell." – Aus meinen Augenwinkeln sah ich Allens Begleiter näherkommen. Ich stand langsam auf, verabschiedete mich höflich und nickte beim Vorbeigehen übertrieben freundlich den beiden unheimlichen Seeleuten zu. Dann machte ich, daß ich mich unter die anderen Gäste mischte.

Seine beiden Freunde zerrten den alten Zadok recht unsanft von seinem Stuhl und schoben ihn nach draußen. Bis heute weiß ich nicht, was mich dazu trieb, ihnen zu folgen. Vielleicht war es die seltsame Geschichte, die ich gehört hatte, vermutlich aber der viele Rum. Vorsichtig folgte ich den dreien durch die dunklen Straßen Apias. Unverhofft bog das Trio in ein altes, halbzerfallenes Haus ein. Mit klopfendem Herzen preßte ich mich an die Wand und lauschte.

Zunächst hörte ich nur undeutliche Geräusche und Wortfetzen, dann kreischte Allen: "Ich hab’ nix gesacht! Nix gesacht!" – Gemurmel, dann wieder mein ehemaliger Gesprächspartner. – "Ihr könnt mir nix, ich hab’ den Ersten Eid geschwor’n!" – "Dann wird’s wohl Zeit, daß du Käpt’n Barnabas Marsh den Zweiten schwörst", ließ sich nun eine andere Stimme deutlicher vernehmen. – "Wenn du Pech hast, Allen", so eine weitere Stimme, die dem dritten Seemann gehörte, "dann mußte mit Mister Klein zur Insel zum Kanakenhäuptling, un’ dem schwörste dann den Dritten Eid." – "Niemals! Den Dritten Eid tu’ ich niemals nich’ schwör’n!" kreischte Zadok panisch.

Ich machte, daß ich fortkam, das wurde mir zu unheimlich. Auf meinem Weg zur deutschen Seite kam mir ein Name wieder in den Sinn, der in dem Verhör gefallen war. Ich hatte den Namen Klein schon zuvor gehört, und nach einiger Überlegung fiel mir die Äußerung eines Kollegen ein, in der jener Mann als die Nemesis des Geheimagenten Brandeis bezeichnet worden war. Was hatte dieser Klein mit den unheimlichen Marshes und mit Eugen Brandeis zu schaffen? Über dieses kniffelige Rätsel schlief ich dann später auch ein.


Es war, als hätte das Schicksal mein Flehen erhört. Einige Tage nach dem diplomatischen Zwischenfall wurde ich in Stubbes Bureau gerufen. Dort wartete bereits Brandeis auf mich.

"Scheinen ja mächtig Eindruck geschunden zu haben, Gruber", begrüßte mich Stubbe. "Werden hiermit zum Feldeinsatz abkommandiert. Einzelheiten später von Hauptm…äh…Herrn Brandeis. Abtreten."

Beinahe hätte ich die Hacken zusammengeschlagen. So nickte ich den Herren nur knapp zu und wartete vor der Tür auf meinen Retter. Wie sich herausstellte, hatte mich unser Agent für einen Kontrollritt requiriert. Er sollte für alle Stationen Situationsberichte erstellen und Informationen sammeln. Pünktlich nach dem Zusammenpacken meiner Reisesachen begann es zu regnen. Dennoch brachen wir auf, denn Brandeis hoffte, so möglichst wenige Zeugen zu haben. Ich war nicht sein einziger Begleiter, bei uns befanden sich noch drei weitere Angestellte der Gesellschaft. Wir alle waren bewaffnet und quasi feldmarschmäßig ausgerüstet. Unser erstes Ziel war die Plantage in Vaitele, circa 5 Kilometer westlich von Apia. Völlig durchnäßt kamen wir an; natürlich hörte der Regen auf, kaum daß wir abgesattelt hatten.

Wir wurden herzlich vom Leiter der Plantage Hufnagel und seiner Frau begrüßt. Nach den üblichen Floskeln begann Brandeis sofort mit seiner Aufklärungsarbeit und nahm die Hufnagels in Beschlag. Ein Aufseher machte mir das Angebot, mir von ihm die Pflanzung zeigen zu lassen, was ich dankbar annahm. Nach dem Regen hatten die Arbeiter sofort wieder mit ihren Tätigkeiten begonnen. Stolz berichtete mir der Aufseher von Quadratmetern, Hektar, Tonnen und Warenwerten – alles Dinge, die wirklich imposant klangen. Obwohl ich nun schon einige Monate auf Samoa war, hatte ich noch nie eine Plantage betreten. Nach einiger Zeit fielen mir die Arbeiter ins Auge. Sie waren eindeutig keine Samoaner. Auf meine Nachfrage hin bestätigte mir der Aufseher meinen Verdacht. – "Nee, nee, die Samoaner sind sich viel zu fein dazu, für uns zu arbeiten. Das da sind alles Kanaken von den Salomonen und aus Neuguinea. Die Eingeborenen hier haben eigene kleine Anbauflächen, wo sie Kokos, Bananen, Zuckerrohr und so weiter ernten. Wenn sie für uns arbeiten, dann nur als Schutzleute für die Plantagen, beim Transport oder so. Und zwingen können wir sie auch nicht, dann wäre hier ganz der Teufel los." – Der Redner schien letzteren Umstand aufrichtig zu bedauern. Meine Frage, wie die Leute von den Salomonen so einfach hierher gebracht werden könnten, schließlich gehörten jene Inseln zu England, ließ den Aufseher tief Luft holen. – "Ich weiß, ihr Leute aus der Stadt da drüben haltet euch mit eurem albernen Gezänk für den Nabel der Welt, ist aber nicht so. Natürlich erlauben uns die Engländer die Anwerbung von Arbeitern. Die wissen halt genau, worum es geht, die haben schon ein Weltreich. Nee, nee, wenn’s um die großen zivilisatorischen Dinge geht, da halten wir Weißen zusammen."

Ich ließ es dahingestellt sein, wie zivilisatorisch Sklavenarbeit ist. Ich brauchte nur in die angestrengten, verbrauchten Gesichter der Arbeiter zu gucken um zu wissen, was ich von solchen Methoden zu halten hatte.

Wider Erwarten schmeckte mir das Abendessen in Gesellschaft der Familie Hufnagel und weiterer Tischgäste. Frau Hufnagel erwies sich als glänzende Gastgeberin, ihr Mann konnte einige spannende Geschichten beisteuern, und ihre Kinder (ein Junge, ein Mädchen) fragten mir über meine Heimat ein Loch in den Bauch. Die Hufnagels wohnten seit sechs Jahren auf Samoa und zeigten keine Lust zur Rückkehr; ihre Kinder kannten Deutschland fast nur noch vom Hörensagen und hielten es für eine Art Wunderland. Sie konnten kaum glauben, daß ich damals in Heidelberg von Samoa ähnlich gedacht hatte, schließlich war das Leben hier doch völlig normal.

Nach dem Essen berichtete Hufnagel in kleiner Runde von Beobachtungen und Gerüchten, nach denen sich Mata’afa zum Gegenschlag rüste.


Am nächsten Tag brachen wir zeitig auf, denn wir hatten ein gutes Stück Wegstrecke vor uns. Zum Glück war das Wetter gut. Wir kamen durch einige kleinere Dörfer mit exotischen Namen. Überall hielten wir kurz an, damit Brandeis ein freundliches Palaver mit dem lokalen matai, dem Clanführer, halten konnte. –"Man weiß nie, auf welcher Seite diese Knaben wirklich stehen. Es ist immer gut, nett zu sein", informierte mich der Agent. Mit der Zeit kamen wir in Tamasese-Gebiet; schließlich erreichten wir am Spätnachmittag die "Provinzhauptstadt" Leulumoega. Dort begrüßte uns der Oberkönig von Samoa persönlich. Er trug einen traditionellen, langen Rock und eine weiße Jacke. Dennoch konnte kein Zweifel daran bestehen, daß wir einer aristokratischen Persönlichkeit gegenüberstanden. Vornehme Gesichtszüge, kurzes, gelocktes Haar, Schnauzbart, wache, intelligente Augen. Stolz führte er uns seine Leibgarde vor und ließ sie vor Brandeis und mir exerzieren. Mein ehemaliger Ausbilder hätte vermutlich einen Schlaganfall bekommen, doch der geheime Militärberater Tamaseses schien zufrieden. Später fragte ich Brandeis, woher die Samoaner die Waffen hätten; er grinste mich nur an und zuckte dann mit den Schultern. – "Alte Prügel aus Bundesbeständen, bayerische, badische, sächsische Gewehre. Die braucht bei uns kein Mensch mehr." – "Und was sagen die Amerikaner dazu?" – Brandeis lachte trocken. "Die machen’s ganz raffiniert. Die Waffen kommen aus Amerika, aber nach Samoa werden sie häufig auf britischen Schiffen transportiert." – Ich muß ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben, denn der Agent konnte sich ein "Willkommen auf Samoa!" nicht verkneifen.

Es folgte der für mich interessante Teil der Reise. Zum ersten Mal war ich in einem samoanischen Haus eingeladen. Die typische fale war nach den Seiten hin offen und bestand aus Holz und Zuckerrohrblättern. Wir setzten uns auf die ausgebreiteten Matten auf den Boden. Brandeis und Tamasese tauschten kleine Geschenke aus und begrüßten sich noch einmal förmlich. Ich bemühte mich, es ihnen gleichzutun. Zur Erfrischung wurden Schalen mit kava-Saft gereicht. Aus meinen Studien an der Universität wußte ich, daß bei solchen Anlässen vor der Nahrungsaufnahme häufig noch weitere Rituale gebräuchlich waren. Ich hatte recht. Tamasese und Brandeis tröpfelten vor dem Genuß des Getränkes einige Spritzer vor sich auf die Matte und sagten dabei "Manuia", was soviel wie "viel Glück" bedeutet. Ich folgte auch diesem Ritual. Nach dem Palaver, das fast ausschließlich auf Samoanisch geführt wurde (der Häuptling richtete dann und wann einige deutsche Worte an mich), lobte mich mein Vorgesetzter für mein Verhalten. Ich nahm mir vor, so schnell wie möglich mit dem Studium der samoanischen Sprache zu beginnen.


Einige Tage später waren wir an der Südküste unterwegs, im Grenzgebiet zu der Region, in welcher der deportierte Ex-Häuptling Malietoa seine Heimat hatte. Auf einmal hörten wir vor uns aufgeregtes Stimmengewirr. Wir gaben unseren Pferden die Sporen und waren schnell am Ort des Geschehens. Eine ziemlich große Anzahl samoanischer Krieger war mit Gewehren bewaffnet und hatte einen Kreis gebildet. Als wir näher kamen, erkannten wir sofort die gefährliche Situation. Die Eingeborenen hatten eine kleine Gruppe bewaffneter Uniformierter umstellt. Es handelte sich um britische Marineinfanteristen. Beherzt ritt Brandeis dazwischen und überschüttete die Krieger mit einem Schwall samoanischer Sätze. Diese antworteten genauso überschwenglich, wichen dann aber zurück und öffneten den Briten eine Gasse, die jedoch von unserer kleinen Gruppe noch versperrt wurde.

Brandeis erklärte uns, die Samoaner hätten die Briten beim "Spionieren" erwischt. Er selbst vermutete schlicht eine Patrouille, wie sie auch unsere Marine regelmäßig unternahm. – "Na, Gruber, was machen wir mit den Teetrinkern?" überfiel mich unser Anführer völlig überraschend. Ich dachte kurz nach und entschied mich dann, die Marines abziehen zu lassen. – "Das könnte die politische Lage verbessern. Es reicht doch, wenn wir uns mit den Yankees in den Haaren haben." – Brandeis lachte herzlich. – "Und Sie sagen, daß Sie mit Politik nichts zu tun haben wollen!" Er befragte auch noch seine anderen Begleiter, die meinen Vorschlag unterstützten. Dann wandte er sich wieder an die Samoaner und redete auf sie ein. Ich weiß nicht, was er ihnen erzählte, doch aus dem, was folgte, konnte ich es mir zusammenreimen.

Die Krieger tauschten mit dem Agenten noch einige Nettigkeiten aus, Brandeis ließ uns kleine Geschenke verteilen, dann zogen sie ab und waren einige Sekunden wie vom Erdboden verschwunden.

"Gentlemen!" wandte sich nun unser Anführer endlich an die Soldaten. Er wusch ihnen ordendlich die Köpfe und behauptete, er habe gerade noch verhindern können, daß die "Wilden" ihnen die Köpfe abgeschnitten hätten (o ja, auf diesem heimeligen Eiland gab es diese Tradition!). Ob es der Wahrheit entsprach konnte ich natürlich nicht bestätigen, doch die schon blamierten Briten sanken noch mehr in sich zusammen. Wir geleiteten die Patrouille an den Strand, von wo aus sie sicher zu ihren Booten marschieren konnten. Zum Abschied bedankte sich der Truppführer in aller Form bei uns. Er stellte sich als Sergeant Robert Searl von der Calliope vor. Als die Reihe an mir war, wußte ich aus Verlegenheit nicht, was ich sagen sollte und protzte mit meiner Weltgewandtheit, indem ich sinngemäß die Theorie des Plantagenaufsehers wiederholte. Der Brite strahlte mich an und gratulierte mir zu meiner Erkenntnis über die Dinge, welche die Welt zusammenhalten. Ich wußte, ich hatte einen neuen Freund gewonnen.


Die Kette der Abenteuer riß nicht ab. Wir waren nach einem längeren Aufenthalt auf einer der Plantagen gerade losgeritten, da schallte es uns aus dem Dschungel entgegen: "Don’t come any closer!" – Während mein Gesicht die Farbe einer frisch gestrichenen Wand annahm, konnte ich bei Brandeis erkennen, wie sein Kopf bedrohlich kurz vor dem Platzen stand. Aus dem Gebüsch sprangen einige Krieger hervor, und diesmal waren wir es, die in der Falle saßen. Verstohlen blickte ich um mich, hoffend darauf, daß als ausgleichende Gerechtigkeit die britische Marine anrückte. Doch es geschah nichts dergleichen. Stattdessen lernte ich einen Mythos kennen. Aus dem Unterholz kam ein Weißer und baute sich vor Brandeis’ Pferd auf.

"Friedrich, darf ich Ihnen Mister Klein vorstellen", preßte mein Begleiter auf Englisch heraus. Dieser grinste uns höhnisch an. – "Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Herr Klein. Feut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen", redete ich den Mann auf Deutsch an. Nun war es an Mister Klein, die Gesichtsfarbe zu wechseln. Er brüllte mich an, daß er kein gottverdammtes Wort Deutsch verstünde und auch verdammt froh darüber sei; er sei Amerikaner und ebenfalls gottverdammt froh darüber. Ich entschuldigte mich erschrocken und gab als Begründung für meinen fauxpas seinen schönen deutschen Namen an. Dies schien ihn in keinster Weise zu beruhigen. Wie ich seinem Geschrei entnehmen konnte, waren seine Eltern nach der gescheiterten Revolution 1849 ausgewandert und hatten ihrem Sohn all’ ihren Groll mit auf den Lebensweg gegeben.

Die Eingeborenen verstanden vermutlich nicht die Hälfte von Kleins Geschrei, doch waren sie von seinem Auftritt fasziniert. Einer unserer Männer nutzte die Gelegenheit und setzte sich langsam von der Gruppe ab. Er kam zurück und erstattete unserem Chef flüsternd Bericht. In einer der wenigen Atempausen, die Klein einlegte, erklärte Brandeis seinem Erzfeind in ruhigem Ton, wir würden jetzt langsam umkehren. Sollte er (Klein) etwas dagegen haben, würden wir seine kleine Truppe über den Haufen reiten. Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sein Pferd um und gallopierte uns voraus.

"Sie sind ein Naturtalent, Friedrich!" gratulierte mir Brandeis zu meiner diplomatischen Fehlleistung "Woher kannten Sie seinen Schwachpunkt?" – "Äääh…kannte ich nicht" – "Sag’ ich doch. Naturtalent. Hören Sie, wollen Sie ganz zu meinem Stab gehören? Sie sind doch viel zu gut für Stubbe. Soll der Saupreiß doch sehen, wie er klar kommt. Wir Südstaatler müssen zusammenhalten, was? Haha!" – Während wir uns langsam über einen Umweg unserem ursprünglichen Ziel näherten, kam ich ins Grübeln. Dieser emotionale Mann war unser Mann für die dreckigen Geschäfte? Und sein Gegenüber, seine Nemesis, schien auch nicht zu den rationalen Zeitgenossen zu gehören. Irgendwie kam mir das nicht schlau vor.

Unterwegs gerieten wir wieder einmal in einen Regenschauer. Als wir die Plantage erreichten, spürte ich jeden Knochen in meinem Körper. Dieses Gefühl verging auch nicht als ich mich umgezogen hatte. Ich war krank. Brandeis höchstpersönlich verfrachtete mich in ein kuscheliges Bett und sorgte dafür, daß ich alles bekam, was ich brauchte. So verbrachte ich zwei ruhige Tage. Am dritten Tag flog die Tür auf, Eugen kam hereingestürmt, einen Uniformierten im Schlepptau. – "Ich habe Ihnen eine Rückfahrt Erster Klasse organisiert!" – Kapitän Wallis grüßte salopp-militärisch. "S.M.S. Eber zu Ihrer Verfügung, mein Herr. Wir sind auf der Rückfahrt nach Apia. Wir würden uns freuen, Sie an Bord zu haben."


So kam ich um eine schwierige Entscheidung herum. Den Großteil der Fahrt verbrachte ich unter Deck in einer Koje. Auf meinen Wunsch hin hatte man mir eine Karte der Inseln gegeben, sodaß ich die an meinem Bullauge vorbeiziehenden Dörfer und Plantagen identifizieren konnte. Ich war nämlich kurz davor, mich für einen längeren Aufenthalt auf Samoa zu entscheiden. Ich wollte dieses Land und seine Menschen kennenlernen und studieren und wenn ich dazu Engländer, Amerikaner oder Schweizer werden mußte.

Wir hatten die Bucht von Apia fast erreicht, da kam unser Schiff in einen der letzten Stürme des Frühjahres. Zum Glück währte er nur eine außerordendliche kurze Weile, wir waren in einen Ausläufer geraten. Dies reichte jedoch, um uns nach Norden auf den Pazifik abzudrängen. Wir dampften gerade in einer immer noch recht starken Brise auf die Küste zu, ich stand mit meinen Sachen bereits an Deck, da fiel mir eine kleine, felsige Insel an Backbord auf. Ich kontrollierte die Karte, die ich noch bei mir trug mehrmals und paßte dann den Ersten Offizier, Leutnant Singer, ab. Ich gab meiner Verwunderung über die scheinbar fehlerhafte Karte Ausdruck und erwartete eine harsche Belehrung über die Präzision deutscher Marinekartographen. Zu meinem Erstaunen antwortete Singer nicht gleich, sondern überlegte sich seine Worte genau.

"Habe gehört, Sie arbeiten mit Brandeis zusammen. Na gut, dann erfahren Sie’s vermutlich sowieso. Diese Insel ist tabu. Im wahrsten Sinne des Wortes. Tabu ist Polynesisch und bedeutet soviel wie "unverletzlich", "unberührbar". Die Insel hat nicht einmal einen offiziellen Namen, und das will bei den Samoanern schon was heißen, die jedem Kieselstein einen eigenen Namen verpassen. Wenn überhaupt, dann nennen die Menschen sie nur "Die Unaussprechliche" oder "Die Namenlose". Kein Einheimischer wird diese Insel je betreten, und wenn wir Weißen nicht noch mehr Ärger haben wollen, dann lassen auch wir die Finger davon." – Auf meine Nachfragen hin berichtete der Leutnant, auf der Insel solle vor langer Zeit ein Stamm beheimatet gewesen sein, der irgendwann von den übrigen Samoanern vernichtet worden sei. Später hätten einzelne Missionare die Insel erkundet. Wer zurückgekehrt sei, sei halb irre gewesen. Um 1850 herum hätten die Kirchenmänner aller auf Samoa praktizierenden Glaubensrichtungen in seltener Einmütigkeit eine gemeinsame Expedition zur namenlosen Insel gestartet. – "Nach ihrer Rückkehr", so Singer, "drohten sie jedem Christenmenschen mit Exkommunikation, der diesen Flecken Erde betritt. Dieses tabu gilt bis zum heutigen Tage." Angeblich habe der alte Konsul Weber während seiner Zeit umfangreiche Nachforschungen betrieben und mit den Jahren große Kenntnisse in dieser dunklen Geschichte erworben.

Beeindruckt starrte ich zu der Insel herüber, die langsam nach Achtern verschwand, von wissenschaftlichem Ruhme und Erfolg träumend. Singer hatte wohl meinen Gesichtsausdruck gesehen. – "Vergessen Sie’s", bemerkte er trocken. "Die Kirche exkommuniziert sie, und die Marine füsiliert Sie." – "Das gilt aber wohl nicht für die Leute da drüben", erwiderte ich und zeigte in der Ferne auf Segel, welche zu nahe an der Insel waren, als daß es sich um einen Navigationsfehler handeln konnte. Der Offizier riß seinen Feldstecher vor die Augen, und nachdem er das andere Fahrzeug einige Sekunden angestarrt hatte, rannte er fluchend zur Kommandobrücke. Ich folgte dem Mann neugierig die Treppe hinauf, wo ich vor dem Steuerhaus wartete. Kapitän Wallis besah sich nach der Meldung seines Ersten Offiziers das Schiff und blickte dann einige Augenblicke ratlos aufs Meer hinaus. – "Was sollen wir machen, Käpt’n?" fragte Singer.

Nach einem weiteren Moment des Nachdenkens hatte Wallis seine Entscheidung getroffen. Er ließ die Eber gefechtsbereit machen und mit Volldampf auf das Segelschiff zufahren. Aufgeregt lieh ich mir vom Kapitän sein Fernglas. Ich war nicht wirklich erstaunt darüber, das Segelschiff als die Dagon zu identifizieren. Kapitän Marsch hielt es wohl für klüger, sich auf keine Diskussionen mit der Kaiserlichen Marine einzulassen und nahm Fahrt auf.

Die Eber war erst ein Jahr zuvor in Dienst gestellt worden. Der motorisierte Dreimaster brachte es auf 11 Knoten. Damit hätten wir zwar das altersschwache Schiff eingeholt, doch schien sich Wallis damit zu begnügen, den Eindringling vertrieben zu haben. Er ließ abdrehen und Kurs auf Apia nehmen.


Während der nächsten Wochen haderte ich erneut mit meinem Schicksal. Der Bericht über die namenlose Insel und die anschließende Verfolgungsjagd hatten meinem Forscherdrang einen empfindlichen Dämpfer verliehen. Der Sommer kündigte sich langsam an, was sich in unseren Breiten durch eine deutliche Reduzierung der Niederschlagsmenge bemerkbar machte.

Mittlerweile wurde die Lage unseres Verbündeten Tamasese unangenehm. Seinem Widersacher war es offensichtlich gelungen, seine Kräfte zu vereinen. Die Engländer und Amerikaner machten keinen Hehl aus ihrer Unterstützung. Die Überfälle auf unsere Plantagen und "Requirierungen" durchziehender Mata’afa-Truppen nahmen zu. Selbst von den anderen Inseln kamen vereinzelte Meldungen von "Truppenbewegungen". Ich wandte scheinbar erfolgreich meine Strategie des Verdrängens an, indem ich mich nach meiner Arbeit in ein englisches Lehrbuch der samoanischen Hochsprache vergrub. In den Siedlungen auf unserer Halbinsel fand ich geduldige Opfer meiner ersten Verständigungsversuche. Interessanterweise schien von Stubbe diese Aktivitäten zu dulden, solange ich nicht – Originalton Stubbe – die Mutter eines matai beleidigte.


Eines Tages ließ mich Stubbe erneut in sein Bureau rufen. Ich marschierte in den ersten Stock und fand meinen Vorgesetzten vor dem Fenster stehen. Er winkte mich herbei. Dann deutete er nach unten auf eine kleine Personengruppe, von denen mir die meisten Menschen unbekannt waren. – "Sehen Sie den kleinen Dicken mit der Glatze?" fragte Stubbe in einem seltsamen Ton. "Das ist Klaus-Maria Einfalth von der Zentrale in Hamburg. Gott gebe, daß nomen est omen. Das daneben ist seine Gattin Adele. Die jüngere Frau, die gerade mit Dr. Knappe spricht, ist Lieselotte Kampe, die Frau eines unserer Plantagenverwalter auf Savai’i. Will unbedingt zu ihrem Mann und schleppt auch noch den halben Vorstand mit. Ungeheuerlich! Gruber, Sonderauftrag. Sie begleiten Frau Kampe und die anderen Leute nach Savai’i. Lassen Sie’s sich gutgehen, treiben Sie Studien, besuchen Sie die dortigen Einheimischen." Dann nahm sein Gesicht einen fast flehenden Ausdruck an. "Und vielleicht können Sie ja auch Einfalth für Ihre Hobbies begeistern. Halten Sie mir den Kerl vom Hals."

Ich war wie vom Donner gerührt. Auf meinem Weg nach unten hatte ich Mühe, nicht laut loszulachen. Wenn selbst einem kleinen Licht wie mir die Unwirtschaftlichkeit der Plantagen aufgegangen war, was würde dann erst ein Geschäftsvorstand herausbekommen?


Bereits am nächsten Tag waren wir in einem kleinen Boot der Gesellschaft unterwegs nach Savai’i. Ich wußte es noch nicht, doch diese Reise würde mein Leben für immer verändern.

Unser Ziel war die kleine Ortschaft Lealatele im Nordosten der Insel. Dort besaß die Firma einen kleinen Handelsposten. Angestellte und Einwohner halfen beim Ausladen des umfangreichen Gepäcks. Ich hatte zu dem Berg aus Kisten und Koffern beigetragen, da ich tatsächlich gedachte, meine Studien zu intensivieren. Unter anderem hatte ich aus Apia einen Phonographen mitgebracht, mit dessen Hilfe ich einige Worte der Landessprache aufzeichnen wollte. Erschöpft ließen sich die Reisenden im Innern der Station an einen Tisch sinken. Einfalth schwitzte aus allen Poren, obwohl er einen schicken Tropenanzug mit dazugehörigem Helm trug. Seine Begleiterinnen versuchten damenhaft, die contenance zu bewahren, doch irgendwann hatten auch sie den Kampf gegen die Schweißbäche aufgegeben. Ein Bote war zur Plantage Kampes geschickt worden, damit uns jemand abholen komme. Die Pflanzung trug den schönen Namen "Johannsfeld" und lag ungewöhnlich weit im Landesinneren.


Die nächsten Tage boten mir eine willkomene Abwechslung zum Einerlei der letzten Wochen. Meine Mitreisenden mußten sich noch richtig akklimatisieren und verhielten sich ruhig. Das gab mir Gelegenheit, die Umgebung zu erkunden. Wie ich schnell herausfand, war die allgemeine Stimmungslage auf dieser Insel gut. Die Einheimischen und Siedler scherten sich nicht viel um das Durcheinander in der Nachbarschaft. Jetzt erst glaubte ich mich wirklich im Südseeparadies.

Kampe hatte mir als Ansprechpartner und Begleitung einen seiner Angestellten empfohlen, einen Westfalen namens Achterholt. Es handelte sich bei ihm um einen gutmütigen, ruhigen Mann mit langsamer, gedehnter Sprechweise. Auf Fremde konnte dies den Eindruck machen, er sei auch im Denken langsam, doch wenn man sich mit ihm unterhielt merkte man schnell, wie pfiffig er war. Seine Ehe mit einer Samoanerin machte ihn noch interessanter. Die Gesellschaft sah solche Verbindungen nicht gerne, doch sie tolerierte sie, zumal wenn die Männer schon seit langer Zeit auf Samoa arbeiteten. Frau Paitea Achterholt erwies sich als ideales Gegengewicht zu ihrem Mann, übersprudelnd, laut, fröhlich. Dank ihr sprach Achterholt fließend samoanisch und ich freute mich schon darauf, von den beiden Nachhilfestunden zu bekommen.


Eines schönen Tages war ich mit Achterholt an der Küste unterwegs. Wir waren bereits durch ein, zwei schöne Dörfer gekommen, wo ich Gelegenheit gehabt hatte, mein immer noch einfaches Samoanisch anzuwenden. Die Ortschaft vor uns unterschied sich jedoch schon bei ferner Betrachtung aus einem nicht greifbaren Grunde heraus von ihren Nachbarorten. Sie lag sehr abgelegen, und der offizielle Weg machte einen großen Bogen um diese Gegend. Mein Begleiter brummte etwas in seiner unnachahmlichen Weise. – "Wia sollten da nich’ duachgeh’n. Dat Doaf wiad von den Nachban gemieden wie die Pest." – "Sind die Bewohner gefährlich?" wollte ich wissen. - "Dat wohl nich’, aba die Leute sind’n bisch’n komisch. Mia sind ab und zu mal welche üban Weg gelaufen. Seh’n schon komisch aus, als hätten se’n biologischen Deffekt oda sowas." – Spätestens nach den letzten Worten mußte jedem klar sein, daß Achterholt nicht auf den Kopf gefallen war. Mein volkskundlicher Entdeckertrieb lief auf Hochtouren. Da mußte ich unbedingt hin! Resigniert trottete mein Westfale neben mir her, etwas von "imma diese Professoan" brummelnd.

Hatte ich am Anfang meines Berichtes von der Schönheit der Samoaner geschwärmt, so bildeten die Einwohner jenes abgelegenen Dorfes eine unrühmliche Ausnahme. Ihre Körper waren seltsam deformiert und verwachsen. Die Gesichter sahen schlicht häßlich aus; große aufgerissene Augen, die nie zu blinzeln schienen, breite Münder, hohe Stirn, wenig Haare. Seltsamerweise sahen die wenigen Kinder, denen wir begegneten, normal aus. Die wunderliche Metamorphose schien erst in einem späteren Alter einzusetzen. Die Architektur paßte sich den Bewohnern an; ärmliche Hütten vielerorts, und die wenigen großen fale wirkten einsturzgefährdet.

Schweigend durchquerten wir das unheimliche Dorf. Zunächst war ich mit dem Vorsatz gekommen, genauere Aufzeichnungen zu machen, doch davon nahm ich schnell Abstand. Endlich hatten wir den Ortsausgang passiert. Niemand hatte uns begrüßt, niemand angeredet. Die meisten Bewohner hatten uns stumm aus ihren riesigen Augen angestarrt oder waren teilnahmslos weitergewatschelt.

"Zufrieden jetzt?" nörgelte Achterholt. – "Gibt’s noch mehr davon?" – "Se soll’n die Gnade des Heagotts nich’ übastrapaziean, Gruba." Dennoch nannte er mir den Namen eines weiteren Dorfes, dessen Name bei den Einheimischen in ähnlich schlechtem Ruf stand. Es war zu weit für den heutigen Tag entfernt, doch ich rang meinem Fremdenführer das Versprechen ab, mich baldigst dorthin zu bringen.


Es folgte jene Nacht, die der Beginn meiner Odyssee durch die Schrecken der Insel werden sollte. Die Kampes hatten die Abendtafel aufgehoben, die Gäster versammelten sich in auf der großen Veranda, um die wohltuende Abendfrische zu genießen. Herr Einfalth unterhielt die Gesellschaft mit nichtigen Andekdoten, seine Gemahlin und Frau Kampe bewunderten zum wiederholten Male den Ausblick auf die Plantage und den in der Ferne aufragenden Vulkan Matavanu . Da vernahmen wir aus Richtung der Arbeiterunterkünfte ungewohnte Klänge. Nach und nach erstarb jedes Gespräch, und wir alle lauschten den fremdartigen Gesängen und Instrumenten. – "Ein Eingeborenenkonzert!" jubelte Frau Einfalth, "Wie entzückend!" – Kampe war sichtlich wenig entzückt von der Darbietung. – "Jetzt geht das schon wieder los", schimpfte er. "Ich weiß nicht, was mit den Leuten los ist. Seit Tagen schon machen sie bei Einbruch der Dunkelheit einen Höllenlärm." Ich bemerkte, es sei doch nichts daran auszusetzen, wenn die Fremdarbeiter nach Feierabend ihre heimatliche Folklore spielten; schließlich sängen wir auch hier auf Samoa unsere Volkslieder. – "Dann haben Sie aber noch nicht erlebt, was hier los ist, wenn es stockdunkel ist. Das ist dann keine Folklore mehr, sondern ein irrsinniger Hexensabbat." – "Verbieten Sie es doch", lautete Einfalths Vorschlag. Kampe erklärte uns, dies ginge nicht, da auch die Samoaner auf der Plantage dort mitmachten. Er habe versucht, den Krach zu unterbinden, doch der Anführer der hiesigen Samoaner habe ihm eindeutig klargemacht, daß die Firma dann Probleme bekomme. Nun war ich neugierig geworden. Die Samoaner verachteten die fremden Insulaner bekanntlich, wieso feierten sie jetzt mit ihnen und nahmen sie in Schutz? Kampe hielt das ganze für Voodoo oder ähnliches. Diese Bemerkung hätte er besser sein lassen sollen, denn nun waren alle Gäste mit wohligem Erschauern erst recht fasziniert von der Angelegenheit. Niemand trieb es allerdings so weit wie ich, denn ich machte mich ernstlich daran, in das Arbeiterviertel hinüberzugehen. Nur mit Mühe und Not gelang es Kampe, mich davon abzuhalten.

Als er sah, daß ich nicht von meiner Idee abzubringen war, ließ er nach dem Anführer der Samoaner schicken. Der hochgewachsene Mann wurde mir als Vaiinupo vorgestellt. Er begann sofort, uns von der absoluten Notwendigkeit der Rituale überzeugen zu wollen, doch Kampe winkte ab und wies auf mich. In einem Kauderwelsch aus Samoanisch, Deutsch und Englisch stellte ich mich vor, nannte meine volkskundlichen Interessen und bat ihn, mich zum Fest der Arbeiter zu begleiten. "Ich will nichts verbieten, ich will verstehen." – Vaiinupo lächelte mitleidig und machte eine einladende Geste. Auf dem Weg zu den Hütten ermahnte er mich eindringlich, mich im Hintergrund zu halten und keine der Zeremonien zu stören.

Mittlerweile hatte sich die Lautstärke enorm gesteigert. Vor den Hütten brannten große Feuer, die von speziellen Wachen im Auge behalten wurden. Alle Anwesenden waren bemalt. Zwar gab es deutlich getrennte Gruppen aus Einheimischen und Fremden, doch kam es mir so vor, als harmonierten die unterschiedlichen Gesänge und Instrumente auf erstaunliche Weise miteinander. Die einzigen Samoaner und Fremden, die direkten Kontakt miteinander hatten, schienen die Schamanen oder Zauberpriester zu sein, die einträchtig zusammen ihre Rituale vollführten. Eine weitere Gemeinsamkeit aller Teilnehmer war die offensichtliche Hinwendung zum Vulkan.

"Wollt ihr mit euren Ritualen den Vulkangott besänftigen?" fragte ich Vaiinupo. – "Vulkangott kann nicht kommen. Kommt in vielen Jahren. Müssen gegen Vulkanvolk kämpfen, damit nicht zu stark." – Durch Nachfragen erfuhr ich, daß am Vulkan ein Stamm lebte, vor dem alle große Furcht hatten. Doch warum die Fremdarbeiter ebenfalls Angst hatten, erschloß sich mir daraus nicht, schließlich kannten sie außer dieser Plantage nichts von der Insel. Folglich war ich auf gemeinsame kulturelle Wurzeln gestoßen, die von Neuguinea über Samoa bis zu den Salomonen reichten. Wie aufregend! – "Von Matavanu kommen böse Gesänge von bösen Leuten. Wir singen, damit wir sicher", erklärte Vaiinupo. "Ich höre nichts", gab ich enttäuscht zu. – "Weil wir lauter singen."

Die Nacht war hereingebrochen, das Fest näherte sich dem Höhepunkt. Mehrere Samoaner und Arbeiter schleppten eine Holzkonstruktion herbei, die unter großem Gejohle verbrannt wurde. Ich konnte eine vage Sternform ausmachen, jedoch wurden die Umrisse durch das Gewirr aus Zweigen und Ästen verzerrt. Vaiinupo ließ sich zu keiner Erklärung herab. "Wir jetzt sicher", behauptete er nur.

Das Fest schien jetzt in die gemütliche Phase eingetreten zu sein, denn die Gesänge wurden leiser und fröhlicher. Mein samoanischer Aufpasser lud mich sogar zu einem kleinen Umtrunk mit einigen seiner Freunde ein. Begeistert sagte ich zu. Das war genau einer der Augenblicke, derentwegen ich meine Reise unternommen hatte! Unsere fröhliche Runde (ich lernte ständig neue samoanische Vokabeln!) wurde jäh von einem jungen Mann gestört, der in unsere fale gestürzt kam. Seinem Wortschwall konnte ich natürlich nicht folgen, doch das Ergebnis war verblüffend. Alle Anwesenden verließen sofort das Haus; ich lief selbstverständlich hinterher. Wir bewegten uns von den Hütten fort auf den Vulkan zu. Schnell verklangen die Geräusche der Plantage. Fast wäre ich in der Dunkelheit mit den Samoanern zusammengestoßen. Sie starrten den Berg an, der sich schwarz und drohend vor uns in der Ferne erhob.

Dann hörte auch ich es. Aus der Richtung des Matavanu kamen eindeutig Geräusche. Sie waren sehr leise und für mich nicht zu unterscheiden, doch was ich hörte, verursachte mir eine Gänsehaut. Die Geräusche lösten beunruhigende Assoziationen aus: die Dagon, die unaussprechliche Insel, die häßlichen Dorfbewohner vom Strand. Wie es bei Assoziationen allgemein üblich ist, fand ich keinen logischen Zusammenhang zwischen meinen Eindrücken. Dies verstärkte nur noch das unterschwellige Grauen.

Auf dem Rückweg zur Plantage erklärte mir Vaiinupo, die Rituale seien zu schwach gewesen und müßten diese Nacht noch wiederholt werden. Erschöpft gab ich mich geschlagen und marschierte zum Anwesen der Knappes zurück.


Das Frühstück verschlief ich. Die entsprechenden Bemerkungen meiner Bekannten hielten sich in Grenzen, denn die nicht-weiße Belegschaft zeigte genausowenig Enthusiasmus zur Pünktlichkeit. Wie ich aus den Meldungen der Aufseher erfuhr, konnten die Arbeiter weder durch Androhung von Schlägen oder Schlimmerem dazu gebracht werden, mit dem Tagewerk zu beginnen. Die Samoaner als ihre neuen Fürsprecher behaupteten, sie alle müßten sich ausruhen, um die Station in der kommenden Nacht vor Unheil zu bewahren.

Die Damen fanden das alles schrecklich aufregend, ihre Männer regten sich auf, und ich legte mir einen Plan zurecht. Glücklicherweise erschien mein gestriger samoanischer Begleiter auf der Bildfläche. Der Verwalter und sein Chef aus Hamburg überschütteten den Mann mit Vorwürfen, die allesamt an ihm abperlten. Stoisch lächelte er uns an und wartete, bis sich die weißen Männer erschöpft hatten. Dann meldete er mit größter Ruhe, die Arbeiter würden heute abend wieder die Plantage beschützen und bräuchten daher Ruhe. Bevor einer der Anwesenden aufbrausen konnte, stellte ich Vaiinupo die Frage, wie lange dieser Schutz noch nötig sei. Der Samoaner berichtete, die Vulkan-Leute seien viel mächtiger geworden als bislang und so könnte es noch einige Tage dauern, bis ihre Macht gebrochen sei. Allgemeine Panik. Behutsam machte ich dem Samoaner klar, daß es um viel Geld gehe (die Samoaner kannten von Haus aus kein Geld, nur Tauschhandel), daß einige Leute sehr wütend würden und daß noch mehr Leute sich auf seine und die Arbeit der anderen Insulaner verließen. Keine Chance. Darauf hatte ich gewartet.


48 Stunden Stunden später war ich um eine Beförderung reicher und einige Freunde ärmer geworden. Fluchend schlugen sich vor mir Achterholt und Vaiinupo durch das Unterholz. Ich folgte mit einigen Kriegern. Was war passiert? Ich konnte Kampe, Einfalth und Vaiinupo von meiner Idee überzeugen, eine kleine Expedition in das Gebiet des gemiedenen Stammes zu entsenden. Ich wollte Kontakt mit ihnen aufnehmen und ihnen ein Angebot machen, damit sie mit den Ritualen aufhörten, die unsere Leute erschreckten und von der Arbeit abhielten. Vaiinupo hatte zwar behauptet, dies sei schlechterdings unmöglich, mußte dann aber zugeben, daß zu jenem Stamm "seit Menschengedenken" kein direkter Kontakt mehr bestünde. Alles, was er über den Vulkan und seine Umgebung wisse, stamme aus Überlieferungen der Vorfahren. Nach langen Diskussionen und sanftem Druck seitens der Verwaltung hatten Vaiinupo und Achterholt schließlich zugestimmt, mich zum Vulkan zu führen. Zur Strafe durftte ich meine technische Ausrüstung selbst schleppen (ich war so von der Aussicht berauscht, einen von der Außenwelt abgeschnittenen Stamm aufsuchen zu können, daß ich diese Gelegenheit dazu nutzen wollte, gewisse Aufzeichnungen zu machen). Sowohl mein westfälischer als auch mein samoanischer Führer hatten mich für verrückt erklärt.

Wir erreichten eine Lichtung, die sich für meine Augen von keiner anderen Lichtung auf Samoa unterschied. Vaiinupo und seine Landsleute sahen das ganz anders. Aufgeregt wiesen sie in die Bäume und Sträucher und begannen zu diskutieren. – "Endstation", verkündete Achterholt. Ich war verblüfft. – "Was? Wieso? Was ist denn da?" – "Na, gucken Se doch ma genaua hin", riet mir mein Begleiter und zeigte auf einen Punkt direkt vor mir im Gebüsch. Ich ging näher heran und erkannte schließlich eine steinerne Figur von unbeschreiblicher Häßlichkeit .Achterholt brauchte mich nicht darüber aufzuklären, daß es sich dabei um eine Art von Warnschild handelte; jeder Schritt weiter würde als Verletzung des Stammesgebiets betrachtet. Er wies mich auf mehrere weitere ähnliche Konstruktionen hin, die jedem verständigen Samoaner klarmachten, mit wem er es hinter der Grenze zu tun bekam. Unsere Begleiter hatten ihre Diskussion beendet. Vaiinupo erklärte mir, daß er mit seinen Leuten hier bis zum nächsten Mittag warten würden und vergaß nicht zu erwähnen, nicht wenige seiner Begleiter seien für den sofortigen Rückmarsch. Dieses Abstimmungsergebnis sah ich als Aufforderung an, mit meiner Mission fortzufahren. Der Westfale brummelte zwar vor sich hin, schien aber doch zu einem gewissen Teil ebenfalls vom Forscherdrang befallen worden zu sein, denn er ließ verlauten, jetzt sei man den ganzen Tag gelaufen und so weit gekommen, da könne man nicht umkehren. So machten wir Europäer uns auf den Weg durch die verbotene Zone.


Natürlich wurden wir während unseres Marsches beobachtet. Natürlich merkten wir davon nichts. Als wir nach einer halben Stunde unser Ziel am Fuße des Matavenu erreichten, waren wir verblüfft. Ich hatte unterbewußt wohl ein ähnlich desolates Dorf wie am Strand erwartet, doch es begrüßte uns eine saubere, recht große Siedlung. Einige Bewohner sahen aus den Häusern und Hütten zu uns, doch es setzte weder eine Panik ein noch wurden wir freudig begrüßt. Die Menschen taten so, als ob der Anblick zweier schwerbepackter Weißer ein alltäglicher Anblick sei. Vermutlich hatten ihre Späher uns schon seit Stunden beobachtet und alles weitergemeldet. – "Wenn ich das meina Paitea eazähle", staunte mein Nebenmann und korrigierte sich sofort. "Nee, bloß nich’. Die weiß ganich’ dat ich hia bin. Die hätt’ mich eingespeat und’n Schlüssel weggewoafen. Und wennses jetzt eafäaht, dann läßtse sich scheiden."

"Willkommen! Welcome!" hörten wir aus einer der fale. Da kam auch schon ein weißgekleideter, älterer Mann herausgelaufen. Ein Missionar! Das Staunen nahm kein Ende. Einen Mann Gottes hatte ich an diesem gemiedenen Ort zuletzt erwartet. Wir machten uns schnell bekannt. Seine Freude, auf Landsleute zu treffen, war unbeschreiblich. Natürlich hatten wir viele Fragen an ihn. Er stellte sich uns als Pater Johannes vor und lud uns in sein Haus ein, welches gleichzeitig als Kirche diente. Die vordere Hälfte der fale wurde als Privatraum genutzt, der hintere war mit aufgehängten Matten abgetrennt und fungierte als kleine Kirche. Es gab sogar einen steinernen Altar und grob gezimmerte Kirchenbänke.

Pater Johannes lebte schon seit zwei Jahren bei diesem Stamm und wurde in seiner Missionsarbeit von einem jüngeren Glaubensbruder unterstützt, welcher momentan aber nicht anwesend war. Begierig saugte der Kirchenmann alle Informationen über die Geschehnisse im Rest Samoas und in der Welt auf. Die meisten Neuigkeiten ließen ihn nur mit dem Kopf schütteln. Offenbar war er froh darüber, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein. Er selbst erwies sich jedoch als weit weniger auskunftsfreundlich. Auf unsere Fragen bezüglich der Gesänge und Geräusche aus dieser Gegend behauptete der Pater, diese würden nicht von seiner "Gemeinde" verursacht; schuld seien heidnische, böse Menschen, die an den Hängen des Vulkans lebten und dort gottlosen Ritualen frönten.


Unser freundliches Palaver wurde jäh von einem jungen Weißen unterbrochen, der ungestüm auf die Veranda stürzte. Er sah furchterregend aus: seine Kleidung, die ihn als Missionar auswies, war zerrissen, sein Gesicht von Schrammen verunstaltet. In seinem asketischen Gesicht glühten zwei fanatische Augen.

"Pater Johannes! Ich habe es gewußt! Hier, das habe ich bei diesen Gottlosen gefunden!" schrie er ohne mich auch im geringsten wahrzunehmen. In seiner Hand hielt er einen seltsamen Gegenstand, den er meinem Gesprächspartner entgegenstreckte. Als dieser nicht reagierte, wagte ich es, mit einer höflichen Bitte dem Neuankömmling den Gegenstand abzunehmen.

Es handelte sich auf den ersten Blick um eine circa 20 cm hohe Holzfigur, wie sie seit Urzeiten von primitiven Völkern hergestellt wird; eine Gaia mit übertriebenen weiblichen Rundungen, welche Fruchtbarkeit und Wohlstand verheißen sollen. Bei genauerem Hinsehen fielen mir jedoch verstörende Einzelheiten ins Auge. Diese Gaia schien unter einer monströsen Art der Beulenpest zu leiden. Jeder Millimeter ihres rundlichen Leibes und Kopfes war mit kleinen bis winzigen Halbkugeln oder Blasen besetzt. Ein besonders ungutes Gefühl kam in mir auf, als ich bemerkte, wie perfekt alle diese Rundungen gearbeitet waren. Dies wollte so gar nicht zu meinen Vorstellungen von einem primitiven Ur-Kult passen, sondern verriet höchstes handwerkliches Können.

"Sie nennen es einen Yogg-Sott oder so ähnlich!" riß mich der junge Mann aus meinen Überlegungen. Er schien nur mit Ausrufezeichen sprechen zu können. – "Sie haben uns belogen! Die ganzen Fetische und Totems, die sie uns freiwillig gebracht haben, sind reine Ablenkung gewesen. Ich habe ihren wahren Versammlungsplatz gefunden."

"Pater Michael", nutzte der Missionsleiter eine der seltenen Atempausen seines Kollegen, "beruhige dich zunächst, und dann erzähle uns der Reihe nach, was geschehen ist, daß du dermaßen zugerichtet hier eintriffst."

Pater Michael schien mich erst jetzt wahrzunehmen. Doch richtete er sofort wieder seine Aufmerksamkeit auf seinen älteren Missionsbruder. Immer noch erregt, aber sichtlich ruhiger als ein paar Momente zuvor begann er mit seinem Bericht:

"Ich bin ihnen heimlich Richtung Vulkan gefolgt. Sie gingen in eine Höhle am Fuße des Berges. Nach einigem Suchen fand ich auch einen zweiten Eingang. Es war sehr schmal und schmutzig. Ich zog meine hinderlichen Kleidungsstücke aus und kroch in die Höhle." – Ich mußte unweigerlich grinsen, als ich mir den Kerl vorstellte, wie er halbnackt oder schlimmer durch eine schleimige Höhle kroch, immer auf der Suche nach bösen Ketzern. – "Der Herr war mit mir, denn ich kam an einer Stelle heraus, von der ich das ganze blasphemische Treiben gut beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Pater! Diese Gesänge, diese Stimmen! Kein menschliches Organ kann solche Laute von sich geben! Die Teilnehmer an dieser Schwarzen Messe brüllten viehisch und führten Tänze auf, die der menschlichen Anatomie spotten. Und immer wieder brüllten sie ihren wahren Meister an, den Yogg-Sott. Dort in der Höhle stehen Dutzende von Idolen, aber dieser hier stand zweifellos im Zentrum."

"Wie sind Sie an diese Figur gekommen, Pater?" warf ich, böses ahnend, ein.

Der schmächtige Körper des Missionars straffte sich vor Stolz, und das erste Mal trat die Andeutung eines Lächelns auf seine Lippen. – "Der Herr stand mir bei. Als sich die Wilden bis zur Bewußtlosigkeit ausgetobt hatten, gelang es mir hinabzuklettern und diese Abscheulichkeit an mich zu nehmen. Dann bin ich denselben Weg zurückgekrochen, den ich gekommen bin. Eigentlich hätte ich dieses widerliche Ding sofort zerstören sollen, doch jetzt können Sie mit eigenen Augen die Falschheit dieser Teufel sehen, die vorgeben, den wahren Glauben annehmen zu wollen."

"Sie haben ihnen ihr Totem gestohlen?" hakte ich ungläubig nach. Vor meinem inneren Auge spielten sich Szenen ab, wie sie mir anschaulich in längst vergangenen Vorlesungen über Volkskunde präsentiert worden waren.

"Großer Gott, Michael, was haben Sie getan?" hauchte Johannes entsetzt.

"Oh oh", fiel mein kürzerer Kommentar aus.

"Wir mußten etwas tun!" schrie Michael. – "Wir müssen Zeichen setzten! Nicht nur predigen. Nicht mit Worten bekehrte einst Bonifatius die Heiden. So wie er die Götzen-Eiche fällte, so wie einst die Irminsul gestürzt wurde, so müssen auch wir heute ein unumkehrbares Zeichen unseres festen Glaubens setzen. Mit Feuer und Schwert bekehren! So wie unsere unsterblichen Vorfahren vor tausend Jahren über den Osten gekommen sind! Slawen, Pruzzen, Balten; Kreuz oder Schwert!"

Ich glaube, ich lachte hysterisch auf. – "Sie sind ja völlig irre!"


Mittlerweile hatte auch Achterholt seine Gespräche beendet. An seinem Gesichtsausdruck konnte ich zweifelsfrei erkennen, daß die Konversation nicht die gewünschten Resultate gebracht hatte. Um den beiden Missionaren Gelegenheit zur Beratung zu geben, ging ich meinem Begleiter entgegen. Wie ich befürchtet hatte, waren die Eingeborenen keine große Hilfe. Sie beteuerten, so Achterholt, nichts mit den Geräuschen von den Bergen zu tun zu haben. Sie selbst fürchteten sich angeblich vor den unheimlichen Bergbewohnern. Natürlich glaubte ich diesen Aussagen keine Sekunde lang, und Achterholt ging es genauso, ohne daß er Pater Michaels Auftritt mitbekommen hatte. Ich war kaum dazu gekommen, meinen Mitstreiter über die neuesten Entwicklungen zu informieren, da kam auch schon eine Meute halbnackter, bemalter Dorfeinwohner aus dem Dickicht hervorgebrochen. Sofort kam Pater Johannes die Stufen heruntergelaufen, eine Hand unter dem Stoff seines weiten Mantels verborgen. Zielstrebig ging er auf den Anführer der Gruppe zu und zog ihn, fließend im lokalen Dialekt redend, in eine leerstehende Hütte. Achterholt und ich nestelten an unseren Holstern, um für den schlimmsten Fall gerüstet zu sein. Nach endlosen Minuten hörte ich ein Geräusch, das ich nicht sofort einordnen konnte, dann trat der Samoaner mit dem abscheulichen Götzenbildnis in der Hand ins Freie, hob die Holzfigur für jeden sichtbar in die Luft und sprach einige Sätze. Als Vater Johannes aus der Hütte trat, leuchtete seine linke Wange in einem feurigen Rot, doch er gab keinen Laut von sich und bedeutete uns mit heimlichen Zeichen, nicht einzuschreiten. Mittlerweile war auch unser moderner Kreuzfahrer auf den Platz getreten. Der matai baute sich vor Pater Michael auf und rollte mit den Augen. Dann schleuderte er dem Deutschen Sätze entgegen, für deren Interpretation man kein Experte in polynesischen Sprachen zu sein braucht. Hiernach verschwand die ganze Bande so schnell wieder im Busch wie sie aufgetaucht war.

Natürlich setzten wir sofort alles daran, die beiden Missionare zum Aufbruch zu überreden, doch Johannes beschwor uns zu bleiben, da bald die Nacht mit tropischer Schnelligkeit einsetzen würde und dann keiner außerhalb des Dorfes sicher sei. Zudem habe er dem matai das feierliche Versprechen abgenommen, daß wir heiliges Gastrecht in seinem Dorf genießen würden.


Tatsächlich verlief die Nacht nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Es war schrecklicher. Mein deutscher Begleiter und ich waren übereingekommen, uns mit dem Schlafen abzuwechseln. Da ich zu erregt war, legte sich Achterholt auf die ihm überlassene Matte und schlief sofort ein. Ich beneidete ihn. Die Geräuschkulisse eines nächtlichen Dschungels unterscheidet sich sehr von den Lauten, die man tagsüber vernehmen kann. Weil ich bislang noch keine Nacht wirklich mitten im Urwald verbracht hatte, lauschte ich fasziniert und zugleich ängstlich dem Rascheln, Knurren und Fiepen, das aus der beinahe totalen Finsternis zu mir in die Hütte drang. Die Eingeborenen hatten es nämlich seltsamerweise unterlassen, Feuer zu entzünden.

Ich weiß nicht, wie lange ich derart gebannt in die Nacht gestarrt hatte, doch irgendwann bemerkte ich, daß die natürlichen Geräusche von Flora und Fauna merklich gedämpft an mein Ohr drangen; dafür hatten sich andere Laute in den Vordergrund gedrängt, die ich bislang nicht vernommen hatte. Ihre Herkunft war mir in zweierlei Hinsicht zunächst ein Rätsel. Zum einen war es mir anfangs unmöglich die Geräuschquelle zu bestimmen, zum anderen konnte ich nicht einmal die grobe Richtung angeben, aus der die Klänge kamen. Schließlich jedoch war ich mir sicher, daß die seltsamen Laute vom Matavanu kamen. Als sie immer lauter wurden, beschlich mich zum wiederholten Male an diesem Tage ein nicht näher definierbares Grauen; die Geräusche, die immer deutlicher zu vernehmen waren, entpuppten sich als eine Art instrumentaler Musik und dazugehöriger Sprechgesang. Ich wunderte mich kurz, wie es möglich sein konnte, daß ich auf diese Entfernung jene Geräusche so klar ausmachen konnte, doch schnell wurden derlei theoretische Überlegungen von einem klaren, reinen Gefühl der Furcht unterbrochen; denn mittlerweile konnte ich einzelne Wörter hören - was eigentlich unmöglich hätte sein müssen, denn ich wußte mit Bestimmtheit, daß sich die Verursacher derselben mir nicht genähert hatten, sondern sich immer noch auf dem Vulkan-Berg versammelten. Im Stillen leistete ich dem ungestümen jungen Pater Michael Abbitte, denn in meiner momentanen Lage kamen mir seine lebhaften Schilderungen äußerst real vor: Diese Stimmen! Kein menschliches Organ kann solche Laute von sich geben!

Bis heute vermag ich nicht zu beurteilen, was mich zu den folgenden Handlungen veranlaßt hatte. War es mein Verstand, der – für mich unbewußt – sein Heil in der Zuflucht zu meinen ursprünglichen wissenschaftlichen Vorhaben suchte, oder war ich tatsächlich dermaßen kaltblütig, daß ich meine schreckliche Lage verdrängte und planvoll einen unwiderlegbaren, physischen, technischen Beweis anfertigte, der später nicht unerheblich zu den weiteren Ereignissen beitragen sollte? Wie dem auch sei, ich kroch zum Hüttenausgang, machte meinen Phonographen betriebsbereit und richtete den Aufnahmetrichter in die Dunkelheit. Mit schlotterndem Arm drehte ich die Stanniolwalze, bis ich der Meinung war, daß sie vollständig beschrieben sei. Dann baute ich die Apparatur wieder ab und weckte endlich Achterholt. Zusammen hockten wir in unserer kärglichen Hütte und lauschten mit wachsendem Grauen den Gräuschen vom Berg.

Ich habe mir die Tonaufnahme nachträglich immer wieder angehört (sie ist jetzt nicht mehr in meinem Besitz) und bin deshalb in der Lage, die Worte auswendig aufzuschreiben: Nnnngai ygnaiih thflthkh’ngha Yog-Sothoth y’bthnk h’eye n’grkdl’lh. Eeeyaahaa ng’haa. Yog! Yog! Yog-Sothoth!


Sobald es die erste Morgendämmerung zuließ, schnappten wir unsere Sachen und flohen aus diesem von Gott verfluchten Ort. Zuvor hatten wir uns trotz allen Gefahren heimlich auf die Suche nach den beiden Missionaren gemacht, doch sie waren verschwunden. Die Eingeborenen versuchten zu keinem Zeitpunkt, uns zu verfolgen oder gar einzufangen, und im Lichte der späteren Ereignisse kann ich mir heute auch denken warum.

Seit meinen Erlebnissen auf Samoa bin ich kein sonderlich religiöser Mensch mehr. Dennoch bin ich davon überzeugt, daß ein überirdisches Wesen unseren Weg aus jenem Stammesgebiet begleitet haben mußte. Denn wir legten nicht nur eine fast unglaubliche Strecke durch den Dschungel zurück, wir kamen sogar vom Weg ab (unser ursprüngliches Ziel war natürlich die Plantage) und landeten dennoch wieder in der Zivilisation, in der Nähe von Lealatele, meinem ursprünglichen Landungspunkt auf jener Insel. Und war unsere Flucht nicht schon ein Wunder, so erblickten wir, als wir aus der dichten Vegetation stolperten, ein Schiff auf Reede liegen. Ein Teil der Besatzung war mit Beibooten an Land gekommen. Zu jenem Zeitpunkt wäre es mir vollkommen egal gewesen, welcher Nationalität diese Seeleute angehörten, doch der Leser kann meine zusätzliche Erleichterung verstehen, als ich feststellte daß es sich um die Besatzung der Calliope handelte und daß sich in der Gruppe der Landgänger auch mein neuer Freund Sergeant Searl aufhielt.

Achterholt und ich mußten einen fürchterlichen Anblick geboten haben. Die Soldaten wußten nicht, ob sie vor uns zurückweichen oder barmherzig auf uns zulaufen sollten. Letztlich war es Searl, der mich erkannte und die Initiative ergriff. Als wir uns einige wenige Augenblicke ausgeruht hatten, getrunken und eine Kleinigkeit gegessen hatten, bestürmten wir sofort die Briten, sie müßten mit uns zurück zum Vulkan und die Missionare retten. Selbstverständlich handelten die erstaunten Männer sofort. Sie verfrachteten uns auf eines der Boote und brachten uns auf ihre Korvette.

Kapitän Kane war nicht sonderlich erbaut über den unerwarteten Besuch zweier abgerissener obskurer Deutscher auf einem der modernsten Schiffe Seiner Königlich-Britannischen Majestät. Die Calliope war wie die mir vertraute Eber 1887 in Dienst gestellt worden. Doch zwischen den beiden Schiffen lagen Welten. Das britische Schiff verdrängte fast genau 2000 Tonnen mehr und war einige Knoten schneller. Und ein erster Blick bei unserer Ankunft an Deck hatte mir schon gezeigt, daß Ihrer Majestät Schiff deutlich besser bewaffnet war als die Eber. Doch schließlich siegte die christliche Nächstenliebe, und der Skipper erlaubte Searl, uns auf die Krankenstation zu bringen. Die professionelle Untersuchung des Bordarztes ergab keine Überraschungen, einzig meine heftige Reaktion auf den Versuch, mir eine kleine Umhängetasche abzunehmen, ließ den erfahrenen Mediziner sorgevoll die Stirn runzeln. Auch unser nachdrücklich vorgetragener Wunsch, den Kapitän sprechen zu müssen, trug nicht zur Bildung eines Vertrauensverhältnisses bei. Einzig mein braver Schotte stand auf unserer Seite. Schließlich erreichten wir unser Ziel. Kane sowie zwei weitere Offiziere empfingen uns in einem schmucklosen Raum nahe dem Aufgang zum Oberdeck, in dem es keinerlei Hinweise auf die militärischen, technischen oder sonstigen Geheimnisse der Royal Navy gab. Dankenswerterweise war auch Sergeant Searl anwesend, der mich den Anwesenden vorstellte und meine Rolle in dem Geplänkel vor einigen Wochen grandios übertrieb. Doch erreichte er damit, daß das Eis zwischen den Briten und uns beiden Deutschen brach.

Kane - dunkle Haare, Vollbart, wacher Blick - sprach uns auf die wirren Aussagen an, die wir am Strand gegenüber seinen Männern gemacht hatten. Ich bestätigte meinen Bericht und gab mir große Mühe, sachlich und ruhig zu reden. Achterholt war mir durch seine spärlichen Ergänzungen, die er in einem behäbigen, westfälisch geprägten Englisch vorbrachte eine große Unterstützung (weil er sonst ein einwandfreies Englisch sprach vermute ich, er wollte auf seine Zuhörer besonders normal und bodenständig wirken). Kurz vor dem Ende meines Berichtes griff ich in die Tasche – die Offiziere vor mir rissen die Augen auf als befürchteten sie, ich würde eine Bombe hervorholen und ihr Schiff in die Luft sprengen – und holte meinen einzigen Beweis hervor. Den unhandlichen Aufnahmeapparat hatte ich natürlich schnell im Dchungel zurücklassen müssen, doch die Walze hatte ich die ganze Zeit bei mir getragen; sie sollte anderen Menschen (und mir selbst!) beweisen, daß ich nicht verrückt war. Ich bat den Kapitän, ein passendes Abspielgerät zu organisieren und versicherte ihm, daß er nach dem Anhören der Aufnahme genauso wie ich denken würde.

Die folgenden Minuten saß ich wie auf glühenden Kohlen. Denn während eine Ordonnanz auf der Suche nach einem Phonographen war, fiel mir ein, daß ich selbst die Aufnahme noch nie gehört hatte. Möglichst unauffällig untersuchte ich den Zylinder und konnte zumindest feststellen, daß die Nadel irgendetwas eingeritzt hatte. Mittlerweile hatten es sich die Briten etwas gemütlicher gemacht; einer von ihnen steckte sich eine Pfeife an. Vermutlich stellten sie sich auf ein schlüpfriges Lied aus einem Berliner Cabaret ein. Nach unendlichen Minuten stand ein Phonograph auf dem Tisch. Der Ordonnanzoffizier bereitete das Gerät für die Wiedergabe vor. Er nahm von mir die kostbare Walze entgegen und montierte sie, dann begann er, die Kurbel zu drehen.

Achterholt und ich hielten den Atem an. Was würden wir zu hören bekommen? Heil dir im Siegerkranz? Eine kurze Einführung in die Besonderheiten der sächsischen Mundart, dargeboten von Dr. Knappe? Oder- ? Doch bevor mir mein angegriffener Verstand weitere ungewöhnliche Alternativen aufzeigen konnte, erfüllten jene unverkennbaren Geräusche das Zimmer, die ich nie in meinem Leben vergessen werde. Der Erfolg war vollkommen. Das Rauchuntensil fiel dem Pfeifenfreund aus dem aufgerissenen Mund und landete mit lautem Knall auf dem Tisch, der zweite Offizier krallte seine Hände um die Lehnen seines Stuhls und meinem direkten Gegenüber, Kapitän Kane, war deutlich anzusehen, wie verzweifelt er bemüht war, Haltung zu bewahren. Searl murmelte unverständlichen schottischen Slang und bekreuzigte sich mehrmals. Die Ordonnanz stierte auf den Phonographen und kurbelte stoisch weiter, bis dem Sergeant der Geduldsfaden riß, und er das grausige Konzert beendete, indem er eine seiner Pranken auf die Schulter des Kurblers niederfallen ließ und den armen Teufel damit aus seiner Apathie befreite.

Stille. Zunächst sagte niemand einen Ton. Nach und nach murmelten die einzelnen Anwesenden vor sich hin; es folgte eine kurze Phase, während der sich die Zuhörer gegenseitig davon zu überzeugen suchten, daß die Aufnahme nichts beweisen könne. Dann verstummten die Männer im Raum wieder und sahen sich verstohlen an. Und sie sahen in den Augen der jeweils anderen, was sie selbst in ihrem Innersten wußten: die Aufnahme war echt, unser Bericht entsprach der Wahrheit.


Gleich in der Frühe des folgenden Tages brachen wir auf. Da unsere Kleidungsstücke nur noch zum Heizen zu gebrauchen waren, hatten unsere Gastgeber Achterholt und mich in blaue Uniformen der Royal Marines ohne Rangabzeichen gesteckt. Wenn das die Herren in Apia gesehen hätten! Einer der gestern anwesenden Offiziere erteilte unserem Anführer, Lieutenant Marchant von der Marineinfanterie, einige Anweisungen. Searl und seine Männer warteten bereits ungeduldig.

Der Leser vermag sich die Verwirrung vorstellen, die sich breitmachte, als wir auf Johannsfeld ankamen. Während Kampe unseren Auftritt neugierig verfolgte, stand Einfalth kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Er nahm an, ich sei ein britischer Spion, der den Auftrag habe, die Einrichtungen der DHPG zu infiltrieren und schließlich zu erobern. Ich hatte die Sache mit den Uniformen von Anfang an für keine gute Idee gehalten, doch Kapitän Kane hatte stur behauptet, an Bord seines Schiffes gebe es keine Zivilkleidung in unserer Größe. Vermutlich war dies die Rache für unsere unverhoffte Invasion seines schwimmenden Heiligtumes.

Mit viel Mühe gelang es mir, Kampe, Einfalth, Vaiinupo, einen weiteren Samoaner sowie noch ein, zwei weitere Männer im Salon zusammenzubringen. Die Türe schloß ich wohlweißlich ab; ich konnte jedoch hören, wie die Damen des Hauses und andere Herrschaften sich neugierig davor drängten. Ich lieferte einen kurzen Bericht über meine Erlebnisse, wobei ich immer wieder auf die Vorfälle auf der Plantage in der Nacht vor meiner Abreise hinwies. Dann kam meine Stanniolwalze zum Einsatz (den englischen Phonographen hatte ich mir ausgeborgt). Mein Publikum reagierte in noch bestürzender Weise als gestern auf der Calliope. Der Samoaner neben Vaiinupo rollte mit den Augen und brach mit Schaum vor dem Mund zusammen, Klaus-Maria Einfalth gab würgende Geräusche von sich, preßte ein Taschentuch vor den Mund und machte sich auf die Suche nach einem geöffneten Fenster; andere Anwesende ragierten ebenfalls schockiert. Als die Aufnahme am Ende angekommen war, hörte ich zu kurbeln auf und wandte mich an die Männer.

"Der Stamm, der solche Gesänge produziert, lebt nur einige Kilometer von hier entfernt. Sie alle haben vor einigen Tagen schon erlebt, welche Auswirkungen die Klänge vom Matavanu auf die Eingeborenen und auf Ihre Arbeiter haben, und auch Sie selbst hatten Angst. Ich kann mir sehr gut vorstellen, daß dies nicht das erste Jahr ist, in dem Sie solch eine Situation hier haben. Diese Leute sind die Feinde aller Zivilisation! Die Engländer haben das verstanden; die sind bereit, ihr Leben für zwei deutsche Missionare zu riskieren und um diese Wilden zu bestrafen. Und Sie, meine Herren, streiten sich um ein paar Kokospalmen! Haben Angst, amerikanische Farmer könnten einen Sack Kakao mehr ernten als Sie!" – Die Angesprochenen blickten betreten zu Boden. Ich war selbst über meinen Auftritt erstaunt. – "Werden Sie mich unterstützen?" – Kampe murmelte etwas von Freiwilligen, was ich nur fair fand. Dann knöpfte ich mir Vaiinupo vor. – "Kann ich auch auf deine Hilfe rechnen, oder wirst du uns auch diesmal im Stich lassen?" – Das war gemein, denn natürlich wußte ich um die reele Macht der steinernen Grenzwächter über die Einheimischen. Trotzdem brauchte ich Vaiinupos Hilfe.

Der großgewachsene Samoaner zeigte auf den Apparat. – "Böse Worte. Sehr böse." - "Wirst du uns helfen, Vaiinupo?" - "Vulkan-Menschen kennen viel böse Worte. Sie sprechen und du tot. Du bist bereit zu sterben, Fritz?" Ich nickte ernst. Ich übergab Kampe die wertvolle Walze, damit er sie sicher wegschließe. Dann schloß ich die Tür auf und trat in den Flur. Die dort Versammelten gerieten durcheinander und bemühten sich, möglichst unschuldige Gesichter zu machen, als ob sie sich alle rein zufällig in dem Flur drängelten. Die Unordnung vergrößerte sich noch, als Vaiinupo und einer der Compagnie-Angestellten den kollabierten Samoaner aus dem Raum nach draußen trugen. Ohne auf die erregten Fragen zu reagieren, trat ich vor das Haus und wartete auf Kampe.


Mittlerweile hatte Achterholt ganze Arbeit geleistet. Er hatte es nicht nur geschafft, seine Gattin sowie die Stimmung allgemein zu beruhigen sondern hatte für die Marineinfanteristen Verpflegung organisiert; darüberhinaus war es ihm gelungen, bereits einige Freiwillige unter den weißen Angestellten zu rekrutieren. Derweil warb Vaiinupo unter seinen Landsleuten um Unterstützung für unser Unternehmen. Schließlich hatte er ein Dutzend Männer um sich versammelt, die mit traditionellen Waffen sowie modernen Gewehren bewaffnet waren. Bevor wir jedoch losmarschierten galt es, einen Schlachtplan zu schmieden und weitere Vorbereitungen zu treffen. Bei den Samoanern gehörten hierzu auch Schutzzauber und Körperbemalungen. Die Situation wurde nochmal verkompliziert, als Einfalth darauf bestand, die Expedition von einem Deutschen leiten zu lassen. Dies wurde von Lieutenant Marchant selbstredend entrüstet abgelehnt. Endlich stand unser Vorgehen fest. Wir Europäer würden das Zentrum der Marschkolonne bilden, während die Einheimischen in einiger Entfernung von uns Flankenschutz gaben sowie sowohl die Avant-Garde als auch die Arrière-Garde bildeten. Sie sollten unsere Augen und Ohren sein. Es war schon faszinierend, wie diese Kerle sich lautlos durch die Natur bewegen konnten ohne gesehen zu werden. Wir Europäer verhielten uns demgegenüber wie eine Elephantenherde beim Buschbrand. Marchant und Rob Searl achteten sorgsam darauf, Vaiinupo in unserer Nähe zu behalten. Sie gaben vor, ihn als Dolmetscher für die Nachrichten von den scouts zu benötigen. In Wahrheit hielten sie den Samoaner als Geisel. Ich konnte es den Briten nicht verübeln, schließlich war ich es gewesen, der vor einigen Tagen ohne Vorwarnung mitten im Urwald stehengelassen worden war.

Die eintreffenden Nachrichten waren in ihrer Gefahrlosigkeit besorgniserregend. Keiner unserer Kundschafter war auf "Kollegen" gestoßen, was immer merkwürdiger wurde, je mehr wir uns dem Dorfe näherten.

Auch in der Siedlung trat uns niemand entgegen. Die Soldaten durchsuchten die fale, während die Samoaner die Umgebung kontrollierten. Mir fiel zugleich mit meinem westfälischen Begleiter die provisorische Kirche ins Auge. Ohne daß ich mit Bestimmheit eine Veränderung hätte ausmachen können, kam mir das Gebäude anders vor als bei meinem ersten Besuch. Wir betraten die Hütte und sahen unsere Vermutungen bestätigt. Die primitiven Bänke waren umgestürzt worden, das Kreuz geschändet, und auf dem Altar fanden wir frische Blutflecken. Dann vernahmen wir aus einer dunklen Ecke Geräusche. Der Verursacher war schnell gefunden – Pater Johannes! Er brabbelte wirres Zeug und weigerte sich, sich von uns helfen zu lassen. Nach und nach konnten wir dem verängstigten Mann Einzelheiten entlocken. Aus den unzusammenhängenden Worten reimten wir uns folgendes zusammen: die Einwohner schändeten die Kirche, wobei sie den Geistlichen zwangen, bei der Entweihung mitzuwirken. Danach ließen sie ihn hier zurück und stiegen auf den Vulkan. Doch schnell mußten wir einen schweren Irrtum erkennen. Ich redete dem Missionar gerade Trost zu, indem ich ihm versprach, ihn schnellstens nach Apolu zu schaffen, wo sich seine Glaubensbrüder hingebungsvoll um ihn kümmern würden, da lachte er mich aus.

"Alles Narren. Es gibt nicht jenen Gott an den sie glauben. Auch ich habe mein gesamtes Leben einem unsichtbaren, machtlosen Wesen gewidmet – verschwendet! -, doch jetzt bin ich endlich bekehrt worden. Ich habe einem richtigen Gott gegenübergestanden. Ich konnte ihn sehen, riechen, fühlen."

"’tschuljung, Patter, aba da reden Sie hamel Blödsinn", brummte Achterholt neben mir. "So ein Gott, wie Sie’n beschrieben ham, den gibt’s nicht."

"Hihihi. Yog-Sothoth kennt das Tor. Yog-Sothoth ist der Schlüssel zum Tor. Yog-Sothoth ist das Tor. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen."

Erschüttert zogen wir den Mann aus der Ecke heraus. Jetzt erst bemerkten wir, daß seine ehemals weiße Soutane über und über mit heidnischen Symbolen beschmiert war.

Die Männer hatten sich inzwischen auf dem Dorfplatz versammelt. Auch sie erschauderten beim Anblick des labilen Missionars. Ganz besonders heftigen Eindruck machten die kultischen Zeichen auf unseren samoanischen Führer. Würden er und seine Truppe auch dieses Mal umkehren? Nach einer kurzen Beratung entschlossen sich die Einheimischen, zu bleiben. Plötzlich fiel Sergeant Searl der zweite Missionar ein, der sich laut unserem Bericht hier aufhalten sollte. Erschrocken fragten wir Pater Johannes nach dem Verbleiben seines Kollegen, denn der junge Eiferer hatte sich definitiv nicht in der geschändeten Kirche befunden. Johannes tat einen tiefen Seufzer, dann murmelte er:

"Er hätte ihnen die Figur nicht wegnehmen dürfen…nein, das hätte er nicht…Sie haben ihn bestraft…wollte ihm helfen…konnte nicht…hat es verdient….dieser Frevel…dummer Junge…habe gesehen, wie er hindurchgegangen ist…hihi…ich habe den wahren Gott gesehen."

"Wohin hamse den Patter gebracht?" schnauzte Achterholt den Missionar an.

Der verwirrte Alte drehte seinen Kopf Richtung Matavanu und stieß erneut irre, kichernde Laute aus. – "Sie haben ihn durch das Tor gestoßen…Yog-Sothoth ist der Schlüssel zum Tor…"


In aller Eile hielten wir Kriegsrat. Marchant, Searl und einige Angestellte der Plantage einigten sich auf einen risikoreichen Plan. Da die Gefahr bestand, vom Rückweg abgeschnitten zu werden, sollte sich unsere kleine Kompagnie aufteilen. Eine Abteilung würde den Berg hinaufsteigen und nach Pater Michael zu suchen, während der Rest im Dorfe verblieb und das Terrain sicherte. Vaiinupos Leute waren durch nichts dazu zu bewegen, sich der ersten Gruppe anzuschließen. So versahen sie weiterhin ihren Aufklärungsdienst.

Als wir auch bei unserem Aufstieg keinerlei Feindkontakt hatten, machte ich mir wirklich Sorgen. Bei meinem ersten Aufenthalt in diesem Dorf waren mir die Einwohner nicht besonders ängstlich vorgekommen. Jetzt trampelten wir ihren Vulkan hoch, der für sie zweifelsohne eine besondere Bedeutung besaß. Warum griffen sie nicht an? Sollten sie sich alle in jener Höhle versteckt halten, von der Pater Michael gesprochen hatte? Aber niemand von uns kannte die Lage jenes Zufluchtsortes.

Während ich so nachdachte und mißtrauisch meinen Revolver schwenkte, erreichten wir unser Ziel. Das Plateau auf halber Strecke war nicht sonderlich groß. Mir fiel nur sofort das Fehlen jeglicher Vegetation auf. Heute bin ich mir sicher, hätte man den steinigen Boden mit einem Mikroskop abgesucht, man hätte nichts Lebendiges dort entdeckt. In ungefähr 10 Metern Entfernung war ein Kreis aus Steinsäulen errichtet. Trat man näher heran, so konnte man erkennen, daß die Steine mit eingeritzten Zeichnungen und Symbolen übersäht waren; letztere besaßen eine grausige Ähnlichkeit mit den Schmierereien auf Johannes’ Kleidung. Die Zeichnungen bildeten irgendwelche abscheulichen Götzen ab, darunter auch das Blasen-Monster, das ich schon kannte. Zudem waren anscheinend bildliche Anweisungen für Opferzeremonien eingeritzt. Wie schon bei der häßlichen Holzfigur im Dorf waren die Zeichnungen von einer perfekten Ausführung, die mich (und alle anderen Betrachter) schaudern ließ. Und dann sahen wir die in den Steinboden gehauenen Wege und Rinnen, und am Ende der Wege befand sich eine tiefe Senke, und in dieser Senke - -

Nein! Auch so viele Jahrzehnte nach den Ereignissen weigert sich meine Hand diese Eindrücke niederzuschreiben. Es mag genügen zu berichten, daß wir Pater Michael nicht fanden. Einige der Soldaten entleerten kreischend ihre Gewehrmagazine in die Senke (was natürlich vollkommen sinnlos war), andere arme Teufel entleerten ihren Körper auf unterschiedliche Weise, wieder andere drehten sich wortlos um und liefen ziellos umher. Ich stand eine ganze Weile einfach nur da und starrte vor mich hin. Nach unzähligen Augenblicken hatte ich mich wieder unter Kontrolle, sodaß ich zusammen mit einigen anderen Männern die restlichen Leute zusammentreiben und den Weg hinunter zum Dorf schicken konnte.

Irgendetwas in mir war an der Grube zerbrochen, das nie wieder heilen sollte. Nach dieser Episode war ich nicht mehr derselbe Mann wie zuvor.


Die uns erwartenden Männer wagten angesichts unseres Zustandes keine Fragen. Lieutenant Marchant wollte gerade das Kommando zum Abrücken geben, da sahen wir, wie unsere scouts unter dem Befehl Vaiinupos die ersten Hütten in Brand steckten. Jetzt gab es auch für die meisten Weißen kein Halten mehr. Auch ich stürmte los, zur Kirche, um diesen entweihten Ort zu zerstören. Hinter mir hörte ich Achterholt. Zusammen zerschmetterten wir den besudelten Altar und stellten die kreuz und quer stehenden Kirchenbänke zusammen; dann rissen wir Zuckerrohrstangen und –blätter aus der Hüttenkonstruktion und stopften sie zwischen die Bänke. Schließlich entzündeten wir gemeinsam den Scheiterhaufen und sahen von draußen zu, wie das ganze Gebäude niederbrannte.

Es war, als ob unser aller Raserei zusammen mit dem Dorf verbrannte. Erst als wir aus sicherer Entfernung die rauchenden Überreste der Siedlung betrachteten, kam uns der Gedanke, daß wir den Einwohnern einen Grund für einen Rachefeldzug gegeben hatten. Vaiinupo bestritt dies energisch. Er behauptete, der ansässige Stamm habe seit Menschengedenken sein Revier nicht verlassen; die Bewohner würden zurückkehren, ihre Hütten wieder errichten und weitermachen wie bislang. Er bot sich sogar an, das Dorf von seinen Leuten beobachten zu lassen, damit wir nach Rückkehr der Einwohner erneut zuschlagen könnten. Wir gingen auf dieses Angebot nicht ein und machten uns auf den Rückmarsch.


Der Rest ist schnell erzählt. Zurück auf Johannsfeld, haderte ich mit meiner Zukunft. Auf Uvalu würde ich in die lächerlichen Konflikte der imperialistischen Mächte hineingezogen, und hier auf Savai’i wütetete ein urtümlicher, menschenverachtender Kult. Das Schicksal gab mir einen Wink, indem es mir Karl-Maria Einfalth schickte, der mir eröffnete, so schnell wie möglich nach Uvalu zurückkehren zu wollen; ich sollte ihn und seine Frau wieder begleiten.

Auf der Fahrt nach Apia kam mir die Erzählung Leutnant Singers in den Sinn, der alte Konsul Weber habe umfangreiche Aufzeichnungen über seine Erlebnisse auf Samoa angefertigt, welche nun im Besitz von Dr. Knappe seien. Meine nächsten Schritte standen somit fest.

Ich brachte Pater Johannes zur Katholischen Mission in Apia. Die Männer dort geleiteten den Deutschen sofort in ein ruhiges Zimmer. Ich gab dem zuständigen Oberhirten eine stark gekürzte Fassung von meinem Zusammentreffen mit den deutschen Padres und der Befreiung des nunmehrigen Patienten aus den Händen der Eingeborenen. Dabei unterließ ich jeden Hinweis auf den gotteslästerlichen Kult, da ich mich auf ein solches Gespräch erst noch vorbereiten wollte.

Zunächst jedoch galt es, mit einer Enttäuschung fertigzuwerden. Nachdem ich vor den Herren der Gesellschaft meinen Standardbericht über die Ereignisse abgeliefert hatte, sprang mir Einfalth bei und verlangte eine Strafexpedition unter deutscher Führung, mindestens aber zusätzlichen Schutz für alle deutschen Plantagen auf Savai’i. Von Stubbe mußte denken, wir hätten den Verstand verloren.

"Was wollen Sie? Habe nicht mal genug Leute, um die Situation hier zu kontrollieren. Habe gestern erst zwei Schiffe nach Chile und Neuguinea geschickt, sollen dortiges Personal zu uns transferieren.. Beinahe täglich gibt es neue Meldungen über Zwischenfälle mit den Mata’afa-Leuten. Auf unserer Besitzung bei Salelua kam es zu einem Feuergefecht mit Verwundeten. Mehrere meiner Angestellten können bezeugen, daß sie unter den Wilden einige Weiße gesehen haben, darunter unseren speziellen Freund, Mister Klein."

"Spielen Sie ihm die Aufzeichnung vor", riet mir Einfalth. Doch zu meinem großen Erstaunen ließ sich der Niederlassungsleiter davon in keinster Weise beeindrucken.

"Ihre privaten Forschungen sind mir vollkommen egal, Herr Gruber. Die werde ich in Zukunft sowieso unterbinden. Scheinen nicht zu begreifen, in welcher Lage sich die Firma befindet – die Firma, die Sie im übrigen bezahlt. Und Sie verbrüdern sich in einer Tour mit englischen Soldaten! Mensch, begreifen Sie nicht? Die warten ab. bis wir uns mit den Yankees zerfleischt haben, und dann fallen sie über den Sieger her und reißen hier alles an sich. 30 Jahre deutscher Arbeit futsch! Vielleicht ist es Ihnen egal, ob Sie Ihr Gehalt dann von einer englischen Bank bekommen, mir nicht."

Nun griff Einfalth wieder in das Geschehen ein. – "Herr von Stubbe, Sie scheinen in Ihrem Kleinkrieg den Überblick verloren zu haben. Als Mitglied des erweiterten Geschäftsvorstandes bin ich es gewohnt, das ganze Bild zu sehen. Während Sie sich hier aufreiben, verlieren Sie die Kontrolle über die Pflanzungen auf Savai’i. Die Eingeborenen sind wegen der Machenschaften dieses Kultes aufgebracht, die weißen Siedler leben in Angst und Schrecken. Handeln Sie, sonst werde ich das für Sie übernehmen."

Stubbe lachte hämisch und machte abfällige Bemerkungen über Leute, die das harte Geschäft in Übersee nur aus den Berichten kennen, die sie in ihren bequemen Bureaus in der fernen Heimat lesen. Es folgten Anmerkungen über den geistigen Zustand im besonderen und die berufliche Befähigung der Vorstandsmitglieder im allgemeinen. Schließlich warf er uns beide raus.


Mein nächster Weg führte ins deutsche Konsulat. Knappe war aufrichtig erfreut mich zu sehen. Auch ihm lieferte ich einen geschönten Bericht, denn unseren Mann auf Samoa schienen die Ereignisse zu überfordern. Daher betonte ich die gute Zusammenarbeit mit der Royal Navy und verlieh meiner Hoffnung Ausdruck, dies könne sich in der verfahrenen politischen Lage auszahlen. Der Konsul strahlte mich an. Dies war vermutlich die erste gute Nachricht seit Tagen. Er lud mich sogleich zu einem Rum ein, den wir dann auch genossen. In dieser behaglichen Situation setzte ich die nächsten Schritte meines Planes um. Zunächst bat ich Knappe, den Aufnahmezylinder sicher zu verwahren. Ich erzählte dem guten Mann von meinen einzigartigen Tonaufnahmen seltener polynesischer Rituale (was nicht gelogen war), der Drohung Stubbes (was auch nicht gelogen war) und meiner Furcht, die Gesellschaft könne mir meine Unterlagen abnehmen (was vielleicht gelogen war). Nachdem der Diplomat die wertvolle Walze in einen Tresor geschlossen hatte, belästigte ich ihn mit meiner zweiten Bitte. Ich berichtete von meinem Gespräch mit Leutnant Singer und fragte Knappe direkt, ob er die Bücher seines Amtsvorgängers besäße. Knappe bejahte dies und zeigte sich erstaunt über die plötzliche Popularität der alten Schinken.

"Vor einem Jahr hat sich schon Kapitän Brandeis die Aufzeichnungen ausgeliehen. Er dachte wohl, sie könnten ihm für seine Agentenarbeit nützlich sein. Als er sie mir zurückbrachte, wollte er sich nicht darüber auslassen, ob er sie brauchen konnte oder nicht." – Knappe lachte auf. – "Vermutlich verhört er sich jeden Morgen selbst, ob er sich im Schlaf Geheimnisse verraten hat."

Ich mochte den Kerl einfach. Er schien auf ganz Samoa die einzige offizielle Person mit deutscher Staatsbürgerschaft zu sein, die noch nicht paranoid war. Am Ende unseres herzlichen Gespräches lud mich Knappe für den nächsten Abend zu einem gemeinsamen Essen mit dem Ehepaar Einfalth ein. Etwas später überreichte er mir einen kleinen Korb voller Bücher.

Nun folgte der letzte Schritt in meinem Meisterplan. Ich begab mich erneut zu Stubbe, wo ich mich äußerst zerknirscht zeigte und meinen vorherigen Auftritt mit der Aufregung entschuldigte, die die Überstellung des Paters ins Missionshaus für mich bedeutet hätte. Für die Zukunft gelobte ich Besserung und gab vor, mich von jedweden Abenteuern fernhalten und mich stattdessen ganz dem Rechnungswesen widmen zu wollen. Stubbe zeigte sich gnädig und lobte meine späte Einsicht. Dafür durfte ich bereits am folgenden Morgen mit meiner Arbeit beginnen.


Beinahe den gesamten restlichen Sommer verbrachte ich über meinen Büchern; tagsüber kontrollierte ich Warenein- und -ausgänge oder half bei den Monatsabschlüssen, abends saß ich in meinem Häuschen und studierte die Aufzeichnungen des alten Konsuls Weber. Ich wollte von der bösen Welt einfach nichts mehr wissen, vor allem, da unser Freund Tamasese eine lupenreine Terrorherrschaft mit Verhaftungen und Deportationen aufgezogen hatte.

Kurz nach meiner Rückkehr in die Hauptstadt wurde ich während eines Stadtbummels von einem amerikanischen Seeoffizier angesprochen. Er stellte sich mir als Commander Mullan von der U.S.S. Nipsic vor. Er schaute mich recht drohend an und befragte mich nach meiner Expedition mit den Briten. Seufzend gab ich erneut meinen Standardbericht ab. Vielleicht sollte ich meinen Report auf eine Stanniolwalze sprechen und diese dann jedem, der diese Geschichte hören will, in die Hand drücken. Doch im Gegensatz zu meinen vorherigen Zuhörern gab sich Mullan mit meinen Ausführungen nicht zufrieden. Mullan bewegte beim Sprechen kaum den Mund, sodaß die Worte aus dem haarigen Gestrüpp seines imposanten Vollbartes zu kommen schienen (überhaupt war starke Gesichtsbehaarung zu jener Zeit wohl in allen Seestreitkräften inoffizieller Bestandteil der Offiziersuniformen) Mullan (beziehungsweise die amerikanische Marine auf Samoa) vermutete hinter der deutsch-britischen Aktion eine perfide politische Finte, mit der wir die Engländer von der Seite ihrer amerikanischen Vettern weglocken wollten. Aus den Äußerungen des Commanders glaubte ich herauszuhören, die Amerikaner hätten nun den Verdacht, die Briten könnten bei ihren häufigen Gesprächen mit ihnen alle möglichen Geheimnisse ausspioniert und dann an uns weitergegeben haben. Vermutlich glaubten sie auch, die Engländer hätten bei ihren Besuchen auf amerikanischen Schiffen heimlich Bomben gelegt. Solche Gedankengänge machten durchaus Sinn, schließlich lag der letzte bewaffnete Konflikt zwischen Amerikanern und dem britischen Empire gerade einmal 70 Jahre zurück. Irgendwann ließ ich den Verschwörungstheoretiker einfach stehen. Ich beschloß, mich bei nächster Gelegenheit bei Captain Kane für die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen.


Ich erhielt nach langer Zeit auch wieder einen dicken Brief von Zuhause. Hatten die ersten Antworten auf meine Karten und Briefe aus der Ferne noch in einigen resignierten Wünschen für meinen weiteren Lebensweg bestanden, so befanden sich meine Familienangehörigen nun in den unterschiedlichen Phasen der Begeisterung. Je nach Schreiber wähnte man mich bei meiner Heimkehr schon als Außenminister, Admiral oder zumindest Plantagenbesitzer.

Unterdessen wurde die Lage an meinem exotischen Arbeitsplatz immer brenzliger. Die Überfälle auf deutsche Besitzungen häuften sich, wobei die Amerikaner sich immer weniger Mühe gaben, ihre aktive Unterstützung für Mata’afa zu verbergen. Ich jedoch wollte damit nichts zu tun haben und widmete mich lieber meinen eigenen Problemen.


Hatte ich mir von der Lektüre neue Einsichten in die blasphemischen Vorgänge auf der Nachbarinsel erhofft, so wurde ich bitter enttäuscht. Zwar erwiesen sich die umfangreichen Aufzeichnungen als eine wahre Schatzgrube für Volkskundler und Historiker, doch an den für mich interessanten Stellen blieb der Autor immer undeutlich. Eines Abends erzielte ich den Durchbruch. Ich wundere mich noch heute, warum Brandeis mir nicht zuvorgekommen war. Vermutlich lag es einfach an unseren verschiedenen Interessen. Während ich auf der Suche nach okkulten Riten war, hatte er sicherlich nach anderen Informationen Ausschau gehalten. Ich ärgerte mich also zum wiederholten Male über einen Eintrag Webers, der äußerst vielversprechend begann und sich nach und nach in Nichtigkeiten verlor, da bemerkte ich einen Tintenklecks am Rande der soeben gelesenen Passage. Solche Verunstaltungen sind nichts Ungewöhnliches, bedenkt man, mit welchen Schreibwerkzeugen Weber damals gearbeitet hatte. Doch instinktiv blätterte ich das Notizbuch durch und fand meinen Verdacht bestätigt: viele der Textstellen, die mir zuvor ins Auge gefallen waren, wurden ebenfalls mit einem Klecks verziert. Aufgeregt holte ich aus dem Korb ein weiteres Notizbuch und schlug es an einer beliebigen Stelle auf. Nach einigem Blättern stieß ich auch hier auf diese verräterischen Flecken. Die restliche Nacht schlug ich mich mit meinen stümperhaften Versuchen herum, die markierten Stellen zu dechiffrieren, kam jedoch zu keinem Ergebnis. Ich wollte schon fürs erste aufgeben, da hatte ich eine neue Eingebung. Was wäre, wenn die gesuchten Informationen nicht im ursprünglichen Text verborgen wären, sonden in einem gesonderten Buch? Ich durchsuchte den Korb zum wiederholten Male, und tatsächlich entdeckte ich zwischen zwei dicken, englischen Büchern über den Pazifik ein kleines, dünnes, verstaubtes Paket. Vermutlich hatten es Knappe oder Brandeis schlicht an seinem alten Platz übersehen, und als mein sächsischer Freund die Bücher erneut für mich zusammensuchte, kam es mit den anderen Sachen in den Korb. Die Schnur, mit der das Päckchen umwickelt war, löste sich unter meinen Händen beinahe auf. Schließlich hielt ich ein Notizbüchlein in der Hand. Meine Gefühle, als ich die Seiten durchblätterte, kann ich nur schwer beschreiben. Die Abhandlungen in diesem Buch waren in einer Geheimschrift abgefaßt. Einerseits wußte ich nun, daß ich auf der richtigen Spur war, andererseits graute mir jetzt schon vor der Entzifferung.

Mit letzter Kraft schleppte ich mich ins Bureau, wo ich mich krank meldete. Ich erzählte etwas von schlechtem Essen und war auf eine längere Rechtfertigung vorbereitet, doch angesichts meiner übernächtigten Visage glaubte man mir sofort und ließ mich gehen.

Am Nachmittag erwachte ich und war sofort voller Tatendrang. Das Rätsel des Notizbüchleins war mit frischem Geiste schnell gelöst. Offenbar war Weber ebensowenig zum Spion geeignet wie ich, denn die Geheimschrift entpuppte sich schnell als ganz normale Kurzschrift. Als Jugendlicher war ich für eine winzige Zeitspanne von dieser Kunst fasziniert gewesen und hatte Unterricht bei meiner Mutter genommen, hatte aber schnell wieder einen neuen Zeitvertreib gefunden. Ich war zuversichtlich, mit einiger Übung Webers Notizen entziffern zu können. Ich machte mich also auf zum Verwaltungsgebäude der DHPG und meldete mich wieder zum Dienst. Meine Vorgesetzten waren über diesen Arbeitseifer hocherfreut und wiesen mir eine interessante buchhalterische Aufgabe zu. Nach Dienstende lief ich ein Stockwerk höher, wo ich den Sekretär Stubbes noch anzutreffen hoffte. Ich hatte Glück, und konnte ihm meine erfundene Geschichte auftischen. Der Sekretär hatte vermutlich schon unter J.C. Godeffroy Diktate entgegengenommen und mußte in Stenographie träumen. Jedenfalls klagte ich dem Alten mein Leid über zunehmende schriftliche Arbeiten und behauptete, meine verblaßten Kenntnisse der deutschen Kurzschrift aufbessern zu wollen. Ob der Herr Sekretär nicht irgendwo ein Lehrbüchlein hätte, mit dessen Hilfe die jungen Bureaulehrlinge unterrichtet würden? Zu meinem großen Entsetzen lüftete er eines der dunkelsten Geheimnis dieser Insel. Er hieß mich erfreut in einer Geheimgesellschaft willkommen, die über die ganze Welt verstreut war. Hier in Apia trafen sich nach Aussagen des Sekretärs jeden Dienstagabend drei finstere Mitglieder dieser Geheimloge und frönten schrecklichen Ritualen. Einer las den restlichen beiden aus einer Zeitung vor, und wer den Text am schnellsten und mit den wenigsten Fehlern in Kurzschrift übertragen hatte, durfte den nächsten Artikel vorlesen. Der Sekretär bat mich flehentlich, nach Abschluß meines Studiums der Stenographie-Kabbala dem Geheimzirkel beizutreten. Ich schenkte dem Logenmeister ein begeistertes Lächeln und gab ihm eine vage Zusicherung. Dafür erhielt ich auch einige Bücher, die mich in die Geheimnisse der Kurzschrift einwiesen.


Es war nun nicht mehr sehr schwer, wie Aufzeichnungen Webers zu entziffern. Der langjährige Mitarbeiter der Firma Godeffroy zeichnete ein Bild Samoas, das so gar nicht zu seinen übrigen Beschreibungen des Südsee-Paradieses paßte; vielmehr fügten sich meine Erlebnisse am Matavanu-Vulkan auf schreckliche Weise in dieses neue, sinistre Puzzle ein. Weber berichtete nicht nur über die schaurigen nächtlichen Geräusche am Vulkan und die schrecklichen Legenden, die sich die übrigen Eingeborenen darüber erzählen, sondern er schrieb auch von halbzerfallenen Dörfern in abgelegenen Buchten, in welchen scheußlich degenerierte Gestalten hausen sollten (sofort kamen mir die Bilder von meinem Abstecher in das entlegene Fischerdorf vor Augen!). In seinen vielen Jahren hier hatte der Konsul Gelegenheit gehabt, die Gerüchte der Einheimischen zu überprüfen und eigene Forschungen anzustellen. Er war zu dem Ergebnis gekommen, daß die Geräusche vom Berg und andere schreckliche Laute aus den vorher erwähnten Fischerdörfern immer zu bestimmten Zeiten erklangen. Neben den zu erwartenden Terminen wie zum Beispiel den Sonnenwenden zog Weber auch beunruhigende Parallelen zu christlichen Festtagen und wies mehr als einmal auf deren heidnische Ursprünge hin.

Ich hatte bereits von den Theorien einiger Forscher gehört, die ebenfalls auf die unchristliche Herkunft der bekannten Feiertage hinweisen; darüberhinaus versteigen sich aber einige der Akademiker zu der Theorie, es gebe eine Art kollektives Urgedächtnis der Menschheit, was dazu führe, daß in völlig verschiedenen Kulturen an denselben Tagen rituelle Feste gefeiert würden. Bislang hatte ich diese Diskussionen als zu abgehoben betrachtet. Aber im Lichte der Aufzeichnungen Webers war ich mir über mein Urteil nicht mehr sicher. In seinen ganzen Schriften sowie in den Erzählungen über Theodor Weber war mir dieser Mann immer als ein realistischer Kaufmann vorgekommen. Es war mehr als unwahrscheinlich, daß er seine Freizeit damit verbracht hatte, irgendeinem Hokuspokus nachzujagen und zur privaten Erbauung Schauermärchen in Kurzschrift zu verfassen.

Dann las ich das Kapitel über jene Expedition zur namenlosen Insel, von der mir Singer ebenfalls berichtet hatte. Auch Weber wußte von diesen Ereignissen nur durch Erzählungen derer, die dabei gewesen waren. Ich mußte annehmen, daß der alte Konsul weit mehr erfahren hatte als er dann niederschrieb. Doch was ich las, reichte aus, um mir ein gräßliches Bild ausmalen zu können. Da war von einem uralten Tempel die Rede, in welchem einst ein besonders verkommener Eingeborenenstamm seine Heimat gefunden hatte. Weber deutete an, daß es sich bei diesen Menschen um keine Einheimischen gehandelt habe Nach dem Massaker durch die Samoaner blieb es eine Zeitlang ruhig um die Insel, doch zu Webers Zeiten schien die Tempelanlage wieder in Betrieb genommen worden zu sein. Wie ich mir aus den weiteren Schilderungen zusammenreimen konnte, hatte die gemeinsame Expedition der Missionare keine weiteren Folgen als den Kirchenbann, von dem ich schon auf der Eber gehört hatte. Weber beschrieb im folgenden die genaue Lage der einzelnen Dörfer, in denen er selbst beobachtet hatte, wie zu bestimmten Tagen Boote ablegten und zu jener verbotenen Insel gerudert wurden. Es wunderte mich nicht zu lesen, daß die meisten dieser Dörfer auf Savai’i liegen.


Doch bevor ich mir über mein weiteres Vorgehen im Klaren war, holte mich erneut die große Politik ein. Im Bürgerkrieg um die offizielle Herrschaft auf Samoa war unser Verbündeter Tamasese endgültig ins Hintertreffen geraten. Mata’afa war es gelungen, seine Anhänger mit denen seines Vorgängers, Malietoa, zu vereinigen. Dies hatte auch zu immer dreisteren Überfällen Mata’afas auf deutsche Plantagen geführt. Ende August marschierte Eugen Brandeis mit seinen Truppen unter Verletzung des Munizipalitäts-Status durch Apia, um Mata’afa einen Kampf in den Bergen hinter der Hauptstadt zu liefern, welcher nicht glücklich ausging. Die politische Lage verbesserte sich auch nicht durch den überraschenden Beschuß der kleinen Insel Manono durch die Adler.

Jetzt endlich hatten die Amerikaner und Briten ihren großen Auftritt. Am 9. September 1888, einem schönen Sonntag, wurden nach einem Gottesdienst ihrem Freund Mata’afa von den vier Häusern alle vier Königstitel verliehen. Die Zeremonie fand im Hauptquartier der Rebellen statt, in Faleula. Tamasese erklärte seinem neuen Herrn umgehend den Krieg und zog sich in eine Festung bei Mulinuu zurück, also genau in unsere Nachbarschaft. Die befestigten Positionen wurden auch von unseren Matrosen bewacht, über der Halbinsel wehte die schwarz-weiß-rote Reichsflagge. Nachdem er von dort einen Monat später vertrieben wurde, verschanzte sich Tamasese in Luatuanuu, einem Dorf östlich der Hauptstadt.

Die Niederlage unseres Alliierten konnte auch nicht mehr durch die lange erwartete Ankunft von S.M.S. Olga abgewendet werden, einer gepanzerten 2000-Tonnen-Korvette mit 300 Mann Besatzung und insgesamt 14 Geschützen. Ich hoffte, damit sei die ganze Geschichte beendet. Ich lag falsch. Durch seinen triumphalen Sieg bestärkt, ließ der neue König alle Hemmungen fallen. Die Überfälle auf unsere Einrichtungen steigerten sich in den folgenden Monaten noch, es gab erste Tote auf unserer Seite. Ich war an einigen Einsätzen zum Schutze der Plantagen beteiligt, doch erzählen möchte ich hier nur von einem bestimmten Abend auf einer DHPG-Station im Süden der Insel, weil diese Ereignisse für die späteren Vorkommnisse von Bedeutung waren.


Die Adler hatte uns als Verstärkung an der Küste abgesetzt und dampfte vor der Küste auf und ab. Wir marschierten die kurze Strecke zur Station, wo wir freudig von der Belegschaft begrüßt wurden. Ich war nicht überrascht, auch Brandeis dort vorzufinden, schließlich waren von ihm die Informationen über den bevorstehenden Angriff gekommen. Der Überfall begann in der Dämmerung. Der Gegner mußte einige Kilometer marschiert sein, denn ansonsten hätte unser Schiff ihn entdeckt. Anfangs erschien mir die Situation äußerst surreal. Irgendwo im Dschungel krachte es, Sekundenbruchteile später schlugen Kugeln ein, wir schossen mit unseren Gewehren in den zwielichtigen Wald hinein, wo man bestenfalls für Sekunden huschende Schemen ausmachen konnte. – "Kleiiiin!" hörte ich neben mir einen Aufschrei, daß ich vor Schreck beinahe mein Gewehr fallenließ. – "Jetzt hab’ ich dich bei den Eiern!" verkündete Brandeis (ich gebe hier eine ungefähre Bedeutung seiner bayerischen Worte im Hochdeutschen wider). Ich riß mein Fernglas vor die Augen und konnte in den etwas lichteren Ausläufern des Dschungels wahrhaftig eine Person ausmachen, die man mit viel Phantasie für einen Weißen halten konnte. Wie Brandeis auf die Idee kam, es handele sich dabei um seinen Erzrivalen, blieb mir schleierhaft. Vermutlich mußte man dafür Geheimagent sein. Ich vernahm zu meiner Linken ein polterndes Geräusch und keuchte entsetzt auf, als ich Brandeis über die aufgestapelten Kisten und Kakaosäcke klettern sah, hinter denen wir uns verschanzt hatten. Brüllend lief der bayerische Offizier auf die Stelle im Wald zu, an der er Mister Klein ausgemacht haben wollte. Alle paar Meter blieb er stehen, legte an und feuerte einen Schuß ab. Seine Wahnsinnsaktion hatte einen überraschenden Effekt auf die anderen Männer. Mit lautem Hurra brachen sie ebenfalls hinter ihrer Deckung hervor. Da konnte ich natürlich nicht fehlen! Der Gegner war von unserem Ausfall dermaßen überrascht worden, daß er sich tatsächlich ungeordnet zurückzog. Meine Hochstimmung verflog jedoch, als ich den ersten Toten in meinem Leben sah. Der Samoaner lag in einer verrenkten Haltung auf dem Boden, wodurch die Kriegsbemalung interessante Nebeneffekte produzierte und die ganze Gestalt ein noch groteskeres Aussehen bekam. Der Krieger war von einer Kugel am Kopf getroffen worden und vermutlich sofort tot gewesen. Der zweite Leichenfund hingegen war in seiner katastrophalen Bedeutung ein Schock für mich. Ich wurde auf den Toten durch das seltsame Verhalten einiger samoanischer Hilfskräfte aufmerksam, die bei der Verteidigung der Station geholfen hatten. Sie umstanden den liegenden Körper und diskutierten heftig. Dabei machten sie mit den Händen seltsame Zeichen in der Luft. Als ich hinzutrat, begriff ich ihre Erregung sofort. Es war die Körperbemalung des Toten. Ich erkannte die Symbole sofort; es waren dieselben wie auf Pater Johannes’ Kleidung.

In diesem Augenblick wurden mir mehrere Dinge klar. Erstens: bei der Gestalt, die Brandeis durch den Wald jagte, handelte es sich wahrhaftig um Klein, von dem ich aus dem belauschten Gespräch in Apia wußte, daß er mit verbotenen Kulten in Verbindung stand; zweitens: Vaiinupo hatte unrecht, die Dorfbewohner hatten ihr Gebiet verlassen und waren auf Rache aus. Klugerweise nutzten sie die chaotische Lage auf der Hauptinsel aus, um sich für die Befreiung ihrer Geisel sowie die Zerstörung ihres Dorfes zu rächen. Ob dieser Plan von ihnen selbst oder von Mister Klein stammte, war mir herzlich egal; drittens: ich hatte keine Ahnung, wie ich mit der Situation umgehen sollte.


Unfähig, einen sinnvollen Plan zu schmieden, ließ ich mich von den Ereignissen mitreißen. Am Montag, den 17. Dezember bestellte mich Brandeis nachmittags in sein Bureau, in welchem er als offizieller Angestellter der DHPG residierte. Der inoffizielle Militärberater unserer samoanischen Verbündeten war immer noch über das Entkommen seines amerikanischen Kollegen empört, doch nun hoffte er, seine Nemesis ein für allemal besiegen zu können. Seine samoanischen Spione hatten Brandeis über einen großangelegten Überfall auf die Plantagen bei Vailele und Fagali’i östlich von Apia informiert. Botschafter Knappe und die Kaiserliche Marine wollten nun, so Brandeis, ein Zeichen setzen. Meine Erfahrungen als studierter Volkskundler seien bei diesem vorläufig geheimen Unternehmen von größter Wichtigkeit. Daher müsse ich bis zum Abend in diesem Gebäude verbleiben und würde dann zu meinem Einsatzort gebracht werden.

Konnte der Kerl nicht Klartext reden und mir sagen, was er von mir wollte? So verbrachte ich die Stunden bis zum späten Abend in unerträglicher Anspannung. Endlich rief mich der Geheimagent zu sich, und über den geheimen Hinterausgang führte er mich auf den geheimen Innenhof, wo schon geheime Pferde und einige weitere geheime Angestellte der Gesellschaft auf uns warteten, damit die Geheimoperation beginnen konnte. Natürlich bekam ich auf meine wiederholten Fragen nach dem Reiseziel und meiner dortigen Aufgabe keine Antwort. Ich hatte eine Ahnung, daß es gefährlich werden könnte, denn unterwegs gab mir Brandeis einen Revolver. Vermutlich sollten wir Mata’afa stürzen und wie seinen Vor-Vorgänger ins Exil verfrachten, seine Armee entwaffnen, die Amerikaner von Samoa vertreiben und danach Südamerika erobern – oder sowas in der Art, Munition und Waffen dafür hatten wir jedenfalls dabei. Der Ritt dauerte nicht lange, denn schon ein paar Kilometer östlich von Apia schlugen wir unser Lager auf und postierten die Wachen.

Nun endlich lüftete Brandeis sein Geheimnis. Am 18. Dezember morgens würde Konsul Knappe das Kriegsrecht ausrufen und alle wichtigen Plätze von Matrosen und DHPG-Personal bewachen lassen. Die Olga und die Eber würden nach Vailele und Fagali’i dampfen, uns aber unterwegs aufsammeln. Am Ziel angekommen, würden Landungstruppen ausschiffen und die Mata’afa-Leute überrumpeln. Währenddessen würde die Adler den Hafen blockieren. Meine Aufgabe bestand vor allem darin, die Identität von Brandeises Informanten zu überprüfen. Der Agent hatte nämlich den direkten Kontakt zu seinem Schützling Tamasese verloren, als dieser auch aus Luatuanuu vertrieben worden war und sich seitdem auf der Flucht befand. Unsere nächtliche Aktion war nötig gewesen, da Brandeis befürchtete, die Waffenvorräte der DHPG nicht unbemerkt an den Briten und Amerikanern vorbei auf die Schiffe verfrachten zu können.

Während der Nacht kam der Spion in unser Lager. Er mußte sich zwischen zwei Männern mit Lampen stellen, während ich ihn begutachtete. Die kleineren Bemalungen sowie die Talismane schienen ihn als Bewohner der Westküste auszuweisen, dem Stammland Tamaseses. Seine Gesichtszüge kamen mir vertraut vor, ohne daß ich mich an eine konkrete Begegnung zu erinnern vermochte. So nahm ich einfach an, ich hätte ihn in Tamaseses Dorf oder auf einer der Plantagen gesehen. Ich gab Brandeis einen positiven Bescheid, und damit war meine Hauptaufgabe in diesem Unternehmen bereits erledigt.


Der coup schien funktioniert zu haben. Am späten Morgen tauchten die Korvette und das Kanonenboot auf, wir verluden unsere Ladung und begaben uns an Bord der Eber, wo mich die Besatzung freudig begrüßte. Mittels Heliograph tauschte Brandeis mit der Olga die wichtigsten Neuigkeiten aus. Wir erreichten unser erstes Ziel und ließen die Beiboote vor Vailele zu Wasser. Die Olga würde noch ein kurzes Stück weiterfahren und die Landungsoperation vor dem größeren Dorf Fagali’i leiten. Ich blieb an Bord zurück, denn seit dem Gefecht vor einigen Wochen hatte ich genug vom Schießen und von Toten.

Zunächst lief alles glatt. Unter der Führung des Bootes mit Singer und dem Spion an Bord näherte sich das Kommando dem Ufer. Der kritischste Moment war erreicht, als die Boote anlandeten und die Matrosen ihre Fahrzeuge ein Stück an den Strand ziehen wollten. Genau dann setzte die Katastrophe ein. Von überall wurde das Feuer eröffnet, die ersten weißgekleideten Gestalten fielen zu Boden. Verzweifelt suchten einige Schutz in und hinter den Booten.

Mit dem ersten Schuß mußte sich auch die Blockade in meinem Gehirn gelöst haben, denn in derselben Sekunde wußte ich, woher ich den angeblichen Spion kannte und sah, daß ich einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Vermutlich war ich dem Manne nie zuvor begegnet, doch seine Gesichtszüge, die großen starrenden Augen sowie den seltsam geformten Mund erinnerten mich fatal an die degenerierten Bewohner der Fischerdörfer auf Savai’i! Der Mann war ein Spion, doch er arbeitete nicht für uns. Kapitän Wallis stellte sofort eine Entsatzmannschaft auf, die mit dem letzten Beiboot an Land gehen sollte. Kurzentschlossen sprang ich hinterher. Wir hatten kaum abgelegt, da begann das Kanonenboot seiner Bezeichnung alle Ehre zu machen. Zwei der drei Geschütze nahmen den Dschungel und das Dorf unter Feuer. Hierdurch und durch unsere Verstärkung wurden die Eingeborenen zurückgeworfen. Als ich an Land ging, zogen zwei Matrosen gerade die Leiche meines Bekannten, Leutnant Singer, in ihr Boot. Der Verrat des Samoaners, mein fachliches Unvermögen sowie der Tod Singers gaben mir die nötige Wut, um mit den anderen voranzustürmen. Ich hatte gerade hinter einer Palme Deckung gefunden, da hörte ich einen bekannten Schrei: "Kleiiin!" Sofort rannte ich in die entsprechende Richtung. Ich kam gerade rechtzeitig, damit sich mir die folgende Szene in mein Gedächtnis brennen konnte.

Brandeis hatte Klein entdeckt und rannte, aus zwei Revolvern feuernd, auf seinen Kontrahenten zu. Dieser machte sich keine sonderliche Mühe, in Deckung zu gehen, sondern gab mit dem Arm Zeichen. Aus der Flanke von Brandeis kam urplötzlich ein Samoaner und schleuderte einen Speer auf den Deutschen. Der tödlich Verwundete drehte sich um seine eigene Achse und brach dann zusammen. Mit für mich unheimlicher Ruhe legte ich mein Gewehr an und schoß den Mörder über den Haufen. Sogleich zielte ich auf die Stelle, wo ich Klein gesehen hatte, doch dieser wurde von einigen Eingeborenen umlagert. Daher schoß ich auf sie. Nachdem zwei Männer aus seiner engsten Umgebung gefallen waren, begriff der Amerikaner endlich, daß man es auf ihn abgesehen hatte. Er erblickte mich – und ging fort. Seine entourage folgte ihm. Ich hinterher. Ich hatte alles um mich herum vergessen, meine Welt bestand nur noch aus mir, meinem Gewehr, Klein und seinen Freunden.

Auf einer Lichtung stellten sie mir eine Falle. Gerade als ich ebenfalls auf die freie Fläche kam, eröffneten die Samoaner das Feuer. Vor Schreck verlor ich mein Gewehr, doch konnte ich mich hinter einem Baum in Sicherheit bringen. Seltsamerweise schossen meine Gegner nicht weiter. Stattdessen schienen sie an Ort und Stelle zu verweilen und sich zu beraten. Sie sprachen samoanisch, jedoch mit seltsam quietschenden und bellenden Stimmen. Endlich wagte ich mich kurz hinter meinem Baum hervor. Die Männer hatten einen Kreis gebildet. Gerade als ich das Feuer eröffnen wollte, drehte sich einer der Samoaner zu mir um, sodaß ich schnell wieder in Deckung ging. Als ich das nächste Mal hinschaute, standen die Leute immer noch im Kreis, doch Klein war verschwunden. Bei meinem dritten Versuch waren es nur noch drei Kerle. Ich setzte alles auf eine Karte, sprang hervor und schoß meinen Revolver leer. Zwei der Krieger hatte ich getötet, der dritte war – spurlos verschwunden!


Entgeistert lief ich auf die Stelle zu, die meine Feinde umstanden hatten. Man mag sich mein Erstaunen vorstellen, als ich auf dem Boden eine Art Pentagramm entdeckte. Offenbar war es mit einem Stock in aller Hast in die Erde gezeichnet worden, war dabei jedoch von großer Komplexität. Zudem war es von einer Art, wie sie mir noch nie untergekommen war. Die Linienführung war verwirrend; Winkel, die eigentlich spitz hätten zulaufen müssen, erwiesen sich von einem leicht veränderten Blickpunkt aus als stumpf (oder war es umgekehrt?); wenn ich die Zeichnung nur für ein paar Sekunden ansah, bekam ich Kopfschmerzen; einige der Linien schienen aus ihrer zweidimensionalen Gefangenschaft ausbrechen zu wollen und zeigten in den Himmel oder bohrten sich in die Erde (was natürlich vollkommen unmöglich ist). Gerade als ich einen neuen Versuch zur Lösung dieses geometrischen Enigmas unternehmen wollte, wurde die verwirrende Zeichnung von dem rutschenden Körper eines getroffenen Matrosen zerstört. Der Mann hatte mein Leben gerettet. Ohne in den letzten Minuten irgendetwas von meiner Umgebung mitzubekommen, stand ich für die Samoaner wie auf dem Präsentierteller da. Als ich aus meinem abwesenden Zustande erwachte, bekam ich gerade noch mit, wie eine Abteilung Matrosen unter Führung eines Maates eine Gruppe Eingeborener beschoß. Einer der Seeleute packte mich unsanft am Arm und riß mich mit sich. Während des ganzen Rückweges überhäufte er mich mit einem Schwall derber Verwünschungen, wobei er sich kein einziges Mal wiederholte.

Am Ufer war sein Zorn jedoch schnell verraucht, als wir die vielen Toten und Verwundeten sahen, die nach und nach zu den Booten getragen wurden. Neben Leutnant Singer und Brandeis waren aus unserer hundertköpfigen Mannschaft fünf Matrosen gefallen und über zehn verwundet worden. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Kapitän Wallis nahm nach unserer Rückkehr sofort Kurs auf Fagali’i, doch wir kamen zu spät. Aus der Entfernung hörten wir schon die Geschütze der Olga donnern; auch hier hatte es einen Hinterhalt gegeben, auch hier befand sich die Marine im Rückzug. Der gesamte Uferabschnitt war in Feuer und Rauch gehüllt.

Die Bilanz der Olga war erschütternd: ein Offizier und zehn Matrosen tot, ein Offizier und über zwanzig Matrosen verwundet. Die Zahl der Opfer unter den Samoanern mußte insgesamt in die Hunderte gehen. Vor allem der Beschuß der Dörfer hatte viele Verluste (auch unter der Zivilbevölkerung) verursacht.


Die Ankunft in Apia glich einem Albtraum. Die Adler hatte ihre stolzen Flügel eingezogen und kauerte ängstlich in der Bucht. Während wir unsere Toten und Verwundeten von den Schiffen brachten, wurden wir von der zusammengelaufenen Bevölkerung angegafft. Einige besonders pietätslose johlten hähmisch oder klatschten. Natürlich hatten die Amerikaner das Kriegsrecht nicht anerkannt und schnell dafür gesorgt, daß die Deutschen die alltäglichen Geschäfte nicht störten.

Doch wir konnten zumindest einen kleinen Erfolg feiern. Nach übereinstimmenden Aussagen mehrerer Leute wurde Mister Klein dabei gesehen, wie er in Samusu ein Boot bestieg und sich zur Dagon übersetzen ließ; das Schreckensschiff setzte sodann die Segel und fuhr davon.

Meine Freude darüber hielt sich in Grenzen, ich verfiel sogar in größte Unruhe, denn wie die Zeugen ebenfalls berichteten, war Klein eine Viertelstunde nach seinem Verschwinden aus Vailele in dem Dorf an der Ostküste aufgetaucht!


Das Weihnachtsfest verlief, wie man sich denken kann, in der deutschen Kolonie in bedrückter Stimmung. Die meisten Deutschen hatten sich im Dorf Matafele, gleich bei Apia, verbarrikadiert. Sie suchten den Schutz der neutralen Hauptstadt im Osten und des DHPG-Zentrums im Westen. Zudem erhielten wir Berichte von Savai’i über beunruhigende Geräusche aus dem Gebiet des Matavanu; so hatten angeblich die Gesänge wieder begonnen, und zusätzlich gebe nun auch der Vulkan selbst Geräusche von sich als wolle er in naher Zukunft ausbrechen. Die Kapitäne mehrerer Frachtschiffe, die in den letzten Tagen in Apia angekommen waren, berichteten übereinstimmend, sie hätten auf einer kleinen Insel, die in keiner Karte verzeichnet sei, Lichter gesehen (die betreffenden Skipper waren zu spät vor Apia angekommen und hatten die jeweilige Nacht vor dem Einlaufen auf Reede verbracht).

Jene Zeit erlebte ich wie ein Schlafwandler. Ich empfand mich als Außenstehender, der trotz aller Involviertheit staunend die Ereignisse betrachtete. Durch meine administrative Arbeit sah ich mich als eine Art Chronisten des Niedergangs. Die Produktion auf den Plantagen fiel ins Bodenlose; auf einigen Pflanzungen waren die ausländischen Arbeiter desertiert (ich fragte mich, bei wem sie unterkommen wollten, da sie bei den anderen Weißen genauso schlecht behandelt wurden und sie von den Samoanern verachtet wurden); Abnehmer, die früher ihre Schiffe nach Samoa geschickt hatten, blieben wegen der politischen Lage aus, und die Gesellschaft verfügte nicht über genügend Schiffe, um alle Lieferungen selbst auszufahren. Doch obwohl das Schicksal mit allen Mitteln versuchte, uns zu ruinieren, schaffte es unser Chef, v. Stubbe, mit seinen gutsherrlichen Methoden – die ich immer noch nicht mochte! – den Laden zusammenzuhalten. Dann kam jene Nacht, in der auch unser ostelbischer Junker beinahe die Fahne strich.


Apia war, wie ich nach meiner Ankunft gelernt hatte, neutrales Gebiet. Bei aller Unruhe im Rest Samoas fühlten wir Weißen uns auf diesem kleinen Flecken sicher. Im Januar 1889 war es damit vorbei. Mata’afa – durch unsere Niederlage beinahe größenwahnsinnig – wollte die Deutschen ein für allemal von seinen Inseln vertreiben. Angesichts meiner Erlebnisse in Vailele hege ich bis heute den Verdacht, daß der König kräftig von jenen dunklen Kräften unterstützt wurde, die ich auf Savai’i gestört hatte.

Wie dem auch sei, fuhr ich einige Tage nach dem Jahreswechsel mitten in der Nacht aus dem Schlaf hoch. Ich war sofort wach und vernahm laute Rufe in mehreren Sprachen sowie Glockenläuten. Als ich auf die Straße stürzte, erkannte ich den Grund für den Alarm. In unserem Viertel brannten mehrere Häuser! Mein Weg durch die schreiende Menge - begleitet vom Gedröhn der Kirchenglocken, dazu die flackernden Lichter der Feuer und die Schatten an den Wänden – kam mir vor wir eine Reise durch die Apokalypse. Ich wollte gerade tatkräftig beim Löschen eines Vorratslagers helfen, da erfuhr ich vom Brand des deutschen Konsulats. Ehrlicherweise muß ich hier zugeben, daß ich auf meinem atemlosen Weg zu jenem Gebäude weniger an Wilhelm Knappe dachte, sondern in erster Linie an den Aufnahmezylinder, den ich beim Sachsen in der irrigen Annahme hinterlegt hatte, daß er dort sicher sei. Doch als ich das lichterloh brennende Gebäude sah, waren diese egoistischen Gedanken fortgeblasen. Konsul Knappe und seine Angestellten fand ich glücklicherweise unversehrt vor einem der Nachbarhäuser stehen, ebenso wie ich unfähig zu begreifen, was vor sich ging. – "Als ich mich für diesen Posten bewarb, dachte ich an Palmen und Hula-Hula, nicht an Kanonen und Bumm-Bumm!" jammerte der Diplomat. Ganz in der Nähe Knappes stand ein deutscher Marinesoldat neben einem Sammelsurium aus Taschen und Körben Wache. Ich fragte Knappe nach dem Grund und fand meine Vermutung bestätigt, daß es sich bei diesem Haufen um wichtige Dokumente und andere Unterlagen handelte. Für die nächste Frage nahm ich allen Mut zusammen. Möglichst taktvoll fragte ich den Diplomaten nach dem Verbleib meines Aufnahmezylinders. Geistesabwesend erteilte mir Dr. Knappe die Auskunft, er habe ihn vermutlich mit den anderen Dingen aus dem Tresor aus dem Hause geschafft. Dann gab er mir die Erlaubnis, danach zu suchen, ermahnte mich jedoch zur Eile, da alle Materialien auf die Olga geschafft würden. Er gab dem Posten ein Zeichen und unter seinen mißtrauischen Blicken durchsuchte ich schnell die Taschen. Schnell hatte ich das Gesuchte gefunden. Ich zeigte dem Soldaten deutlich die Walze und ging damit zum Konsul; dann steckte ich sie ein. In meinem Kopf begann sich ein Plan zu formen.


Wie ich vermutet hatte, hatte Mata’afa mit seiner Brandstiftung den Bogen überspannt. Jetzt hatte er nicht nur die Deutschen, sondern alle Weißen gegen sich aufgebracht. Sewall und de Coetlogon gaben in einer öffentlichen Erklärung bekannt, nichts mit diesem Überfall zu tun zu haben und verurteilten das Vorgehen des Königs. Zudem riefen sie ihre Landsleute auf, obdachlos gewordenen Deutschen Unterkunft zu geben und sie zu unterstützen. Sie luden Knappe in ihre Gesandschaften ein, wo sie sich (so der Konsul später) wortreich entschuldigten und schworen, Mata’afa zu bestrafen. All diese freundlichen Worte konnten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die militärische Situation eher noch zugespitzt hatte. Fregattenkapitän Fritze machte die Amerikaner für die Katastrophe verantwortlich und schwor Rache; Captain Schoonmaker, Chef des amerikanischen Verbandes, klagte die Politik der DHPG, die Strafexpeditionen der Kaiserlichen Marine und die Unfähigkeit Knappes an; Captain Kane schließlich bezog von beiden Prügel, da er die Deutschen für ihr Vorgehen im Dezember und die Amerikaner für ihre mangelnde Kontrolle Mata’afas kritisierte (er ließ zudem verlautbaren, er werde von nun an beide Seiten genau beobachten und warnte jeden vor Schritten, welche Seiner Majestät Regierung nicht dulden könnten).


Ich war zu dem Schluß gekommen, endlich handeln zu müssen. Unter dem Vorwand, Pater Johannes besuchen zu wollen, hatte ich mir einen Termin in der Katholischen Mission erschlichen. Nach Ablauf der Anstandszeit steuerte ich auf mein wahres Ziel zu, Pater Francesco, den Leiter der Mission. Zunächst wechselten wir einige Worte über den Gesundheitszustand des Patienten, doch zu meinem Erstaunen war es der Italiener, der das Thema wechselte. – "Sie sind nicht wegen Johannes hier, habe ich recht?" – "Woher wissen Sie das, Pater?" – "Vor längerer Zeit waren einige katholische Besatzungsmitglieder des britischen Kriegsschiffes bei uns und baten um seelischen Beistand. In den Gesprächen fiel auch Ihr Name, Friedrich." – "Was halten Sie von der ganzen Geschichte, Pater Francesco? Ich bin hier, weil wir endlich handeln müssen."

Wir saßen lange zusammen. Ich legte dem Missionar meinen Plan dar, und gemeinsam arbeiteten wir an den Feinheiten.

Wenige Tage später berieten wir uns mit dem Vorstand der Londoner Missionsgesellschaft auf Apia, Clark Smith. Bei diesem Treffen spielte ich den beiden dann auch meine Tonaufnahme vor. Eingedenk meiner Erfahrungen mit den Aufzeichnungen warte ich die beiden Männer vorher, doch sie behaupteten, von diesen Ritualen zu wissen und schon persönlich Ohrenzeugen gewesen zu sein. Nach meiner Demonstration nickten sie dann auch nur stumm. Es war Zeit für Phase drei.


Die Herren Botschafter trafen überpünktlich im Gebäude der Londoner Missionare ein, was nicht verwunderlich war, schließlich erhielten sie nicht jeden Tag eine Vorladung der beiden höchsten christlichen Vertreter auf Samoa, noch dazu mit einem deutlichen Hinweis auf jene verfluchte Insel vor Apia. Der junge Amerikaner blickte mißtrauisch alle Anwesenden an und ließ trotz seiner formvollendeten Höflichkeit gegenüber den Kirchenmännern keinen Zweifel an seiner Einstellung gegenüber der ganzen Angelegenheit. Der britische Botschafter mit dem französischen Namen verhielt sich vielleicht nicht ganz so diplomatisch, zeigte dafür aber deutliches Interesse an der Einladung. Wilhelm Knappes Gesicht hingegen drückte nichts als Sorgen aus, als habe sich der Sachse schon auf neue Hiobsbotschaften eingerichtet. Sein sorgevoller Gesichtsausdruck verwandelte sich bei meinem Anblick in tiefe Enttäuschung, so als habe er von mir am wenigsten erwartet, ihm Schwierigkeiten zu bereiten. Aber alle drei musterten die beiden weiteren Gäste, Vaiinupo und Achterholt, um deren Präsenz ich gebeten hatte.

Die Besprechung begann mit einem neuerlichen Hinweis auf den ökumenischen Beschluß von 1850 durch Pater Francesco. Er machte zudem Andeutungen über die Vorgänge auf Savai’i und baute somit Achterholt und unserem samoanischen Freund eine Brücke für ihren Bericht. Den Abschluß bildete der Einsatz meiner phonographischen Geheimwaffe.

Der Erfolg hielt sich in Grenzen. Knappe rutschte nervös in seinem Sessel, de Coetlogon murmelte "Interessant. Höchst bemerkenswert. Erinnert mich an die Derwische im Sudan..", Sewall verlor seine Beherrschung und lachte. – "Mumbo jumbo! Mumbo jumbo!" Der junge Diplomat gab uns klar zu verstehen, daß er hinter dem ganzen einen Riesenschwindel sah, der uns, die Deutschen und ihre samoanischen Verbündeten, über komplizierte Umwege wieder an die Macht bringen sollte. Und ich hielt Commander Mullan für paranoid! Zu Sewalls Bestürzung schlug sich der Brite nicht sofort auf seine Seite, sondern ging auf die anfänglichen Worte der Missionare ein. Sewall machte ihm Vorwürfe, womit er bei dem alten Kolonialoffizier zu weit gegangen war. – "Haben Sie jemals nachts bei den Pyramiden geschlafen und dem Wind zugehört? Haben Sie sich mal mit einem indischen Guru unterhalten oder im tiefsten indischen Dschungel gegen fanatische Kali-Anbeter gekämpft? Ich schon! Und ich habe mir die Berichte meiner Marines angehört und in ihre Augen geblickt als sie von Savai’i zurückkamen. Sie auch?" – Pater Francesco beruhigte die Streithähne mit sanfter Stimme und erläuterte dann: "Sehen Sie, meine Herren, es verhält sich so: ich habe vom Heiligen Vater, Papst Leo XIII., den klaren Auftrag, die Vereinbarung von 1850 durchzusetzen. Was Sie bislang nicht wissen ist, daß es zu dieser Vereinbarung noch ein geheimes Zusatzprotokoll gibt, welches unter gewissen Umständen auch ein aktives Vorgehen gegen diesen Kult verlangt. Abkommen sowie Protokoll wurden von Ihren damaligen Regierungen genehmigt und mit einer Ewigkeitsklausel versehen; egal, wer in Ihren Ländern auch regiert, muß Handlungen, welche aufgrund der Vereinbarung getroffen werden, nachträglich absegnen." – "Es dürfte Sie weiter interessieren", so brachte sich Smith in den Vortrag ein, "daß nicht nur der Bischof von Canterbury diesen Vertrag mit aller Macht unterstützt, sondern auch Kaiser Wilhelm II. in seiner Eigenschaft als Oberhaupt der preußischen Kirche. Überhaupt haben alle ernstzunehmenden Religionen dieser Welt den Vertretern jenes abscheulichen Kultes den Kampf angesagt, und das vor Hunderten von Jahren." – "Sie sehen also", schloß Francesco den Vortrag ab, "Sie haben keine Chance."

Aus irgendeinem Grunde wollte Sewall nicht begreifen. Er brachte einen neuen Einwand vor, die Souveränität Samoas und seines Herrschers. Es hätte nicht viel gefehlt und alle anderen Anwesenden hätten losgebrüllt vor Lachen. Dr. Knappe äußerte einen brillanten Einfall. – "Wir könnten mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn wir Seine Hoheit herbitten und zu den Vorgängen auf Savai’i befragen würden. Laden wir ihn doch einfach ein."


Und so geschah es. Nur zwei Stunden später erreichte Mata’afa in prächtigem Ornat die Mission. Der arme Kerl war wie vom Donner gerührt, als er die drei Botschafter im Zimmer versammelt vorfand (er hatte gedacht, nur mit den Missionaren sprechen zu müssen). Als er auch noch Vaiinupo erblickte, war es für Augenblicke ganz aus mit dem König. Offensichtlich glaubte er, die Weißen hätten sich in einer Blitzaktion einen neuen Oberhäuptling gesucht. Es dauerte etwas, bis sich die Situation geklärt hatte. Doch der sonst so gerissene Mata’afa schätzte die Lage völlig falsch ein. Er beteuerte die Harmlosigkeit der Yog-Sothoth-Jünger und beschrieb sie als einen Haufen hinterwäldlerischer armer Irrer. Sewall grinste und lehnte sich zufrieden zurück.

"Komisch", unterbrach ich seinen Wortschwall, "vor einigen Monaten erlebte ich einen Überfall Ihrer Leute auf eine unserer Plantagen im Süden. Unter den Toten fanden wir auch Männer mit Bemalungen, die ganz den blasphemischen Zeichen auf den Steinsäulen und auf Pater Johannes’ Soutane entsprachen. Ich habe photographische Aufnahmen gemacht", behauptete ich frech. – Der König war fassungslos. Dann überschüttete er uns mit einem Schwall Enschuldigungen und Klagen, er sei dazu gezwungen worden, diese schrecklichen Leute in seine Truppen aufzunehmen. Er schwor uns, jede Unterstützung zu leisten, wenn wir tatsächlich sein Reich von dieser Plage befreien könnten. Während Sewall stumm verzweifelte, blickte ich zu Vaiinupo und Achterholt herüber, die um die Wette grinsten.


Der letzte Part an jenem denkwürdigen Tag begann mit der Ankunft der Marine. Und der DHPG. Knappe hatte uns nämlich zuvor mit der Eröffnung überrascht, daß er mit seiner Abberufung rechne und es deshalb ratsam wäre, einen hohen zivilen deutschen Vertreter zu informieren. Mit einem Wort: Stubbe. Kaum erblickte mich der hagere Preuße inmitten des erlauchten Kreises, da machte er mir schon Vorwürfe. Ich muß während meiner Zeit auf Samoa einen denkbar schlechten Eindruck gemacht haben, wenn mich jeder meiner Vorgesetzten für fähig hielt, einen Weltkrieg zu verursachen.

Eine weitere Überraschung hatte uns vor dieser letzten Runde auch Sewall bereitet, als er forderte, meine Aufzeichnung nicht noch einmal abzuspielen, da es sich um ein "Staatsgeheimnis" handele und für die Angehörigen der Exekutive ohne Bedeutung sei. Das war zwar Blödsinn, doch wir stimmten zu. Ein verhängnisvoller Fehler, wie sich später erweisen sollte!

Die sieben Kapitäne und Stubbe erschienen und erhielten eine kurze Einführung in die Lage. Dann wurden die Männer beauftragt, ein Expeditionscorps zusammenzustellen und ein Landungsunternehmen zu planen.


Im Februar verließ Dr. Knappe die Insel. Herr und Frau Einfalth nutzten die Gunst der Stunde und begleiteten ihn. Jetzt hatte mein Chef freie Bahn. Obschon er anfangs recht eingeschnappt war, als er erfuhr, daß seine Person beim Angriff auf die Insel nicht gebraucht werde, stürzte er sich mit Begeisterung auf die Koordinierung der Spionageposten auf den Inseln. Diese Aufgabe war nämlich den Bewohnern der Plantagen zugedacht. Sie und die Eingeborenen sollten ungewöhnliche Aktivitäten melden und vor allem die Dörfer im Auge behalten, welche im Ruf standen, mit der verbotenen Insel in Kontakt zu stehen. Gleichzeitig übten Spezialkommandos aus Mitgliedern der drei Seestreitkräfte und der Samoaner den Einsatz.


In der Nacht zum 15. März 1889 wurde es ernst. Als ich in den Nachthimmel blickte, sah ich Beteigeuze böse herabblinken. Um den Feind nicht unnötig zu warnen, segelte die Eber mit minimaler Takelage auf die unnennbare Insel zu. Im Schlepptau befanden sich mehrere Beiboote der anderen Kriegsschiffe, vollbesetzt mit Landungstruppen. Die Kanus der Samoaner bildeten einen riesigen Perimeter um das deutsche Schiff. Die Eingeborenen hielten die Küstendörfer unter Beobachtung sowie die See. Mata’afa und Vaiinupo hatten behauptet, die größte Gefahr während des Übersetzens ginge von Sektenanhängern aus, die sich im Wasser befänden. Daher waren die Augen der Samoaner nicht so sehr auf die Insel sondern auf die Wasseroberfläche gerichtet. Schließlich ließ die Eber ihre eigenen Boote zu Wasser; unter Führung von Kapitän Wallis näherte sich die Armada dem abstoßenden, steinernen Ufer der Insel. Die Eber segelte unter dem Kommando von Leutnant Gaedicke zurück. Unsere samoanischen Verbündeten hatten darauf bestanden, da sie befürchteten, das Kanonenboot könnte von schwimmenden Enterkommandos erobert und dann gegen uns eingesetzt werden. Damals hielt ich diese Ängste für albern, doch nicht mehr nach meinen späteren Erlebnissen.

Die Landung verlief problemlos, die Einteilung und das Vorgehen der verschiedenen Gruppen klappte wie in den Manövern. In vier getrennten Abteilungen bewegten wir uns von verschiedenen Seiten auf den Mittelpunkt der kleinen Insel vor. Die erste Gruppe wurde von Kapitänleutnant Wallis geführt, die zweite von Lieutenant Marchant, die dritte von Sergeant Searl und die letzte vom Chef der amerikanischen Marines, Lieutenant Sutton. Alle Gruppen wurden von samoanischen Spähern begleitet; unsere scouts führte erneut Vaiinupo. Pater Francesco und Clark Smith hatten ebenfalls darauf bestanden, mitzukommen. Unbehelligt rückten wir auf das Zentrum der Insel zu.

Der Anblick war umwerfend. In einer riesigen Senke, vielleicht einem Vulkankrater, stand eine große Tempelanlage. Da wir am Ufer einige Kanus gefunden hatten, die nicht zu unseren Leuten gehörten, wir aber unterwegs niemanden getroffen hatten, konnten wir annehmen, daß sich unsere Gegner alle in jenem Gebäude versammelt hatten. Schnell bildeten die Soldaten und die Krieger einen cordon um die Senke. Unter Führung der oben genannten Offiziere drang ein Stoßtrupp in das Gebäude vor. Mit Ausnahme eines Priesters blieben alle Samoaner außerhalb des Tempels. Von all jenen Menschen vor dem Tempel sahen wir keinen mehr lebend wieder.

Die Anlage erwies sich als überraschend weitläufig und verschachtelt. Überall tauchten neue Gänge und Kammern auf. Die meisten davon waren leer; in einigen jedoch fanden wir Kisten mit Gewehren und Munition. Mister Klein schien jede Gelegenheit für seine schmutzigen Spielchen genutzt zu haben. Mit der Zeit konnten wir Geräusche ausmachen, Gesänge, Musik, Schreie, ganz so wie auf dem Vulkan. Der ansteigende Lärm wies uns den Weg.


Wir erreichten die Quelle des Spektakels. Der Ort war nur notdürftig erleuchtet, so beflügelten die rituellen Rufe unsere Phantasie besonders. Der Kult schien eine Vorliebe für Bodenvertiefungen zu haben, denn schon wieder befand sich das Zentrum des Geschehens in einer Art großem Becken, zu welchem von allen Seiten breite, in den nackten Felsen gehauene Treppen führten.

Natürlich waren alle bestrebt, diesem blasphemischen Spuk so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten, doch dazu sollte es nicht kommen. Als hätten die unten Versammelten nur auf uns gewartet, begannen sie plötzlich mit einem neuen Abschnitt ihrer grausen Liturgie. Die Worte, die nun immer und immer wieder rezitiert wurden, kamen mir schrecklich bekannt vor.

Nnnngai ygnaiih thflthkh’ngha Yog-Sothoth y’bthnk h’eye n’grkdl’lh. Eeeyaahaa ng’haa. Yog! Yog! Yog-Sothoth! Dabei starrte die versammelte Gemeinde auf die Öffnung in der Kuppel.

Spätestens jetzt wäre der Zeitpunkt zum Eingreifen gekommen. Doch allein die unheiligen Worte reichten aus, um aus disziplinierten, entschlossenen Männern eine Ansammlung hysterischer und verzweifelter Individuen zu machen.

Ich sah mit eigenen Augen, wie sich das Szenario vom Vulkan-Platz wiederholte. Zwei Männer brachen mit epileptischen Anfällen zusammen, viele übergaben sich, einige ließen sich an der nächsten Wand heruntergleiten und starrten vor sich hin; drei Männer fielen buchstäblich tot um, darunter einer der Missionare.

Und ich? Ich glaube mich erinnern zu können, wie ich mich einfach hinsetzte und meinen Blick angewidert und doch fasziniert zwischen den brüllenden Samoanern und der Deckenöffnung wandern ließ. Vielen meiner Begleiter schien es ähnlich zu ergehen.

Zu einem Zeitpunkt, an dem ich glaubte, vom Geschrei unter mir taub geworden zu sein, geschah etwas, das uns unmißverständlich die Dimensionen klarmachte, mit denen wir es hier zu tun hatten. Wir hatten die Macht jenes Kultes unterschätzt. Wir hatten alles unterschätzt.

Fast unmerklich begann sich das stellare Panorama über uns zu verändern. Es war, als ob ein dünner Schleier vor die Szenerie gezogen würde oder als ob wir in einen Teich blickten, dessen Oberfläche sich leicht kräuselte. Nach einer gewissen Zeit (das Gefühl hierfür war mir völlig abhanden gekommen) verschwanden diese visuellen Störungen. Neben mir hörte ich Wallis entsetzt keuchen.

Ich hatte mich nie sonderlich für Astronomie begeistert, fand mich am heimischen Nachthimmel grob zurecht, doch selbst ein völliger Ignorant hätte die Veränderungen wahrgenommen. Wie sehr mußte es da einen erfahrenen Kaptän schockieren, wenn die vertrauten Sternbilder, seit Jahrtausenden Freunde und Führer der Seeleute, mit einem Male verschwunden und durch Himmelskörper ersetzt worden waren, die nie zuvor ein geistig gesunder Mensch gesehen hatte. Über uns glosten rötlich Tausende fremder Sterne und Sonnen, unbekannte Planeten hingen in beängstigender Nähe über der Erde.

Beim Anblick dieser Visionen kamen mir die gestammelten Worte Pater Johannes’ in den Sinn, doch ich wollte die Wahrheit immer noch nicht akzeptieren. Yog-Sothoth ist der Schlüssel zum Tor.

Und das Tor war nun geöffnet!


Die Anbeter unter uns verstummten für einen Augenblick, starrten wie wir auf das kosmische Schauspiel. Erst leise, dann immer lauter begannen sie erneut mit ihrer Litanei. Ich brauchte ein Weile, um zu begreifen, daß es sich bei den Vortragenden um eine andere Gruppe als die voreherige handelte und daß der Text ein anderer war; die Worte klangen nichtsdestoweniger gleichsam schrecklich.

Haiiii iyeeee Ithaqua rgh’ theneque phn’sserbh! Lho’atkhmwnafh Ithaqua äzdugh’qua! Haiii iyeeeee iyeheeee jhe’nlha täbrgoth. Iä Ithaqua!

Immer wieder gellten diese Schreie durch das Gewölbe, es mußte eine Ewigkeit dauern, bis eine neue Entwicklung einsetzte, die mich beinahe den letzten Rest meines Verstandes kostete.

Es gab und gibt Kulturen, welche den Himmel als Scheibe oder Fläche ansehen, die über der Erde befestigt ist. Nun kamen die Augenblicke, in denen solche Mythen Wahrheit zu werden drohten. Über uns ertönten mit einem Male gigantische, dumpfe Schritte. Sie kamen nicht aus dem Tempel oder vom Dach der Kuppel, sie kamen aus dem Sternenhimmel über uns! Eine monströse Kreatur polterte langsam über die uns abgewandte Seite der Himmelsscheibe, hin und her, so als sei sich jenes Ding über seine nächsten Aktionen noch unklar oder als suche es etwas (etwa das Tor?!). Einige Minuten (oder waren es Stunden?) später wurden die Schritte lauter, kamen näher. Das Ding stieg von den Sternen herab!

Ich konnte nichts sehen, dafür aber umso besser hören. Ein dämonischer Wind brauste auf, blies über die Insel und durch die Kuppel, doch konnte ich weder an den spärlichen Feuern an diesem Ort noch an meinem Körper irgendwelche Anzeichen für einen stärkeren Windstoß bemerken. Dies hatte nichts zu bedeuten, denn was waren angesichts jener kosmischen Abgründe, die sich über uns auftaten, ein paar lächerliche Kilometer!

Denn daß alle diese Erlebnisse real waren, dafür gibt es unwiderlegbare Beweise, die etwas später auf der gesamten Welt für Schrecken und Erstaunen sorgten.

Ich hatte bereits erwähnt, daß ich jedes Zeitgefühl verloren hatte. Die Berichte der Bewohner Apias und der überlebenden Schiffsbesatzungen lassen jedoch keinen Zweifel. Wir waren in der Nacht zum 15. März zu unserer Expedition aufgebrochen. Der Sturm, den das Wesen von den Sternen verursachte, begann am Freitagnachmittag, dem 15. März und endete zwei Tage später. Wenn es sich bei jenem absonderlichen Wind, der im Tempel keinen Luftzug zu verursachen schien, um denselben Sturm handelte, der in Apia wütete, dann hatten wir zu diesem Zeitpunkt bereits über zwölf Stunden im Tempel verbracht, ohne daß es über uns auch nur die Andeutung eines Sonnenaufganges gegeben hätte. Dieser verfluchte Tempel schien ein planetares Observatorium zu sein, welches selbst auf der dunklen Seite des Mondes stand oder an einem anderen Ort, auf welchen nie ein Sonnenstrahl trifft.

Irgendwann wurden die Anhänger jenes unsichtbaren, polternden Wesens leiser, ohne jedoch ganz mit ihrer Litanei zu verstummen. Nun sollte der finale Akt dieses pandämonischen Gottesdienstes beginnen. Eine dritte Schar erhob nun ihre unmenschlichen Stimmen, um ihren Götzen anzurufen. Diese Leute standen uns am nächsten, doch sie achteten gar nicht auf uns paralysierte Eindringlinge.

Iä! Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn. Cthulhu fhtagn! Huitll liee ägh’no poitll liee Dagon mglschtk jhradllo. Dagon llieyeeh Samoa, Dagon llieyeeh Samoa!

Intuitiv wußte ich, daß das Ende dieser dritten Herbeirufung gleichzeitig das Ende der Welt sein würde wie wir sie kennen. Doch wir waren hilflos, konnten nur stumm mit Entsetzen die Geschehnisse als Zuschauer verfolgen.

Da bemerkte ich einen Teilnehmer in meiner Nähe. Er stand nahe an einer Halterung mit einem Bündel Fackeln, sodaß seine Erscheinung recht gut zu erkennen war. Der halbnackte Körper war zwar braungebrannt, jedoch handelte es sich bei dem Mann zweifelsfrei um einen Weißen. Sein Gesicht kam mir seltsam bekannt vor. Schließlich hatte ich die Lösung – es war einer der Marsh-Matrosen, die den alten Zadok Allen in der Kneipe bewacht hatten! Diese Entdeckung löste in mir eine Blockierung; ich war aufmal wieder in der Lage, meinen ganzen Körper zu bewegen. Vorsichtig sah ich mich um. Meine Begleiter waren alle in dieser furchtbaren Starre gefangen, sie konnten ein wenig noch die Köpfe bewegen, nahmen aber außer dem diabolischen Treiben unter sich nichts anderes mehr wahr; andere waren in ihrer kauernden Haltung an den Wänden oder auf dem Boden geblieben. Vorsichtig kroch ich hinter dem reglosen Wallis her und suchte immer wieder Schutz hinter den Körpern meiner Kameraden. Für die in der Nacht ohnmächtig gewordenen und die Epileptiker kam jede Hilfe zu spät; sie waren tot. Behutsam ging ich von Mann zu Mann. Beinahe wäre ich über den samoanischen Priester gestolpert. Er hockte auf dem Boden und schlug monoton auf einer kleinen Trommel; dazu murmelte er immer wieder dieselben Worte. Als ich ihn rüttelte und ansprach, wachte er aus seiner Trance auf. Er hatte die ganzen Stunden damit verbracht, die finsteren Kräfte abzuwehren, mit wenig Erfolg, doch schien er trotz seinem Zustand bei klarem Verstand und bewegungsfähig zu sein.

In meinem bruchstückhaften Samoanisch überzeugte ich ihn von der Notwendigkeit, die anderen zu wecken. Dabei gingen wir nach einem Muster vor. Wir begannen zuerst mit den Leuten am Zugang zu diesem Raum; so wollten wir die Gefahr einer Entdeckung minimieren. Eine Ausnahme machte ich bei Sergeant Searl und Lieutenant Marchant. Sie waren wie ich am Vulkan gewesen und hatten dasselbe erlebt wie ich; man konnte somit davon ausgehen, daß der Bannspruch auf diese beiden eine ähnlich geringe Auswirkung wie auf mich hatte. Denn es war sehr schwierig, die übrigen Männer aus ihrer Erstarrung zu lösen. Meine Überlegungen waren korrekt; es gelang dem Priester und mir recht einfach, die Starre zu lösen, und wie ich hatten sich die beiden Marines während ihres Zustandes einiges zusammenreimen können. Zu viert ging alles nun recht schnell. Leider konnten wir irgendwann unsere Aktivitäten nicht mehr geheimhalten. Marchant rüttelte gerade von hinten einen seiner Leute wach und redete leise beruhigend auf ihn ein, da erkannte ich, wie in der Versenkung vor uns einer der Zelebranten aus seiner eigenen Trance erwachte und sich ein immer größerer Schrecken auf seinem Gesicht abzeichnete; es konnte sich nur noch um Sekunden handeln, bis er die ganze Tragweite seiner Beobachtungen realisiert hatte. Ich machte den Lieutenant darauf aufmerksam, und er handelte sofort.

"Fire!Fire!" gellte seine Stimme durch den Raum, Sekundenbruchteile später fiel auch schon der erste Schuß. Der Knall löste eine Lawine aus. Die von ihren geistigen Fesseln befreiten Männer rasten vor Wut und rächten sich nun blutig an den unter ihnen Versammelten für die psychische Vergewaltigung und ihre toten Kameraden. Ziellos feuerten sie zunächst in die immer noch viehisch blökende und schreiende Menge. Ich allerdings zielte sehr sorgfältig und stellte sicher, daß der scheußliche Seemann aus Innsmouth an keiner Dämonenfeier mehr teilnehmen konnte. Kapitän Wallis, Robert Searl und Lieutenant Marchant koordinierten nach und nach das Feuer und sorgten dafür, daß sich die Männer um die Vertiefung verteilten. Ich weiß nicht, ob diesem Gemetzel jemand entkam; angesichts der vielen Treppen und Gänge ist es durchaus möglich.

Es war Lieutenant Sutton von der Vandalia, der die Veränderungen zuerst bemerkte. Bei dem ersten Ereignis handelte es sich um eine sehr erfreuliche Entwicklung. Da die Anzahl der noch betenden Götzendiener rasch sank, schien auch der Bann über die noch nicht aufgeweckten Soldaten zu schwinden; einer nach dem anderen kam zu sich und schloß sich dem internationalen Exekutionskommando an. Die zweite Veränderung ließ sich in ihren Auswirkungen nicht sofort beurteilen. In unserer Raserei hatte zunächst niemand auf den Sturm geachtet. Sutton machte uns darauf aufmerksam, daß sich die Geräusche verändert hatten und wir nun auch den Wind spüren konnten.

Endlich wurde jemand auch auf den samoanischen Priester aufmerksam. Er hatte sich während der Schießerei zurückgezogen, doch nun stand er erschrocken am Rande der Grube und wies aufgeregt auf die Toten und die Öffnung in der Kuppel. Dazu redete er sehr schnell. – "Gruber", wandte sich Wallis an mich, "Sie verstehen das doch. Ihn scheint etwas sehr aufzuregen. Fragen Sie ihn, vielleicht ist es wichtig." – Ich tat wie mir befohlen, und in einfachen Sätzen erklärte mir der Alte das Problem.

Zwar hatten wir in den letzten Stunden erfahren, mit welch kosmischen Kräften wir es zu tun hatten, doch niemand hatte sich überlegt, was passieren würde, wenn die Rituale, welche diese Kräfte zweifelsohne kontrollierten, unvorhergesehen abgebrochen wurden. Da wurde es still in der Runde. Einer der deutschen Matrosen blickte gerade zur Kuppel hinauf und steiß einen Freudenschrei aus. Das interstellare Chaos über unseren Köpfen war verschwunden und hatte einem dunklen, stürmischen Himmel Platz gemacht. Nun jubelten wir alle und fielen uns in die Arme. Wir schienen gerettet und hatten eine Schlacht gegen einen unmenschlichen Gegner gewonnen. Doch das Schicksal wollte es anders.

Die Offiziere hatten gerade Mannschaften für die Suche nach flüchtigen Überlebenden, zur Durchsuchung der Toten und für die Erforschung der Insel eingeteilt, da bebte der Boden mit lautem Rumpeln und Krachen. Der Tempel stürzte ein!

Alles rannte schreiend und ungeordnet Richtung Ausgang. Der Gang war ja recht eng, und so wurden einige Flüchtende in die vielen Seitengänge und Räume abgedrängt. Wir sahen diese Leute nie wieder. Nach einem besonders schweren Erdstoß zog mich jemand vom Boden hoch und schob mich in eine große, etwas über dem Gang liegende Kammer. Searl machte mir klar, daß es keinen Sinn habe, bei diesen Erschütterungen panisch weiterzurennen. Kurze Zeit später stieß noch ein junger amerikanischer Corporal zu uns. Er stellte sich als Eugene Prenderghast aus San Francisco vor.

Mit der Zeit kamen mir Zweifel an der Weisheit von Searls Entscheidung. Unsere Gefährten waren längst außer Reichweite, und die Erdstöße hielten unvermindert an. Mit einem Male sackte der ganze Raum nach unten. Nicht der Tempel stürzte ein, die ganze Insel versank! Schon hörten wir Wasser in das Gebäude einströmen. Einem Instinkt gehorchend wollte ich nach draußen stürmen. – "Laß es, Fritz", brummte Robert und zog mich zurück, "der Sog wird dich mit in die Tiefe reißen. Wir können nur noch abwarten." – Aber worauf? Statt auf die Wassermassen zu warten untersuchte der praktisch denkende Searl zusammen mit dem amerikanischen Corporal unsere Zuflucht; tatsächlich fanden sie einige Waffenkisten. Zu meiner Überraschung rissen sie die Gewehre heraus und ließen sie unbeachtet auf den Steinboden fallen. Sie waren erst zufrieden, als drei Kisten leer waren. Sollten wir darin hinauspaddeln? Bevor sie mir eine Erklärung für ihr Tun geben konnten, geschah mit uns etwas Seltsames. Spätere Gespräche überzeugten mich davon, daß wir drei alle das gleiche miterlebt hatten. Ich vermute, die Insel war durch ihr Versinken ein eine Lage geraten, in der sie erneut als Empfänger für jene Kräfte dienen konnte, welche die Eingeborenen heraufbeschworen hatten.

Wieder hatten wir jegliches Zeitgefühl verloren. Doch anstatt kosmischer Schrecken wurden wir mit einer scheinbar zutiefst irdischen Tragödie konfrontiert.


Apia. Der Zyklon fällt von Norden in die Bucht ein. Die vor Anker liegenden Schiffe machen Dampf und versuchen, ihre Positionen zu halten; die ersten Häuser der Siedlungen werden beschädigt.

Ich besah dies alles aus unterschiedlichen Perspektiven, als säße ich in einem dieser neuen Lichtspielhäuser und bekäme eine Szene aus verschiedenen Kameraeinstellungen zu sehen. Allerdings war dieser Film hier in Farbe, Ton und furchterregend realistisch. Der Sturm entwickelte sich vor meinen Augen zu einem mörderischen Zyklon. Die Nacht war besonders schlimm. Alles bestand nur aus Dunkelheit und infernalischem Krach.

Am nächsten Morgen, dem 16. März, wie ich später erfuhr, müssen die Adler, die Eber und die Nipsic ihren Kampf gegen die Elemente aufgeben. Die Eber kollidiert zuerst mit der Nipsic, dann mit der großen Korvette Olga, die Ankerkette bricht, und das stolze Schiff, auf dem ich so manche Fahrt gemacht hatte, wird auf ein Korallenriff geschleudert und kentert schließlich kieloben.

Einige dieser Szenen erlebte ich aus nächster Nähe, in anderen schien ich auf dem Berg zu stehen, der sich hinter Apia erhebt und in die Bucht zu blicken; am ungewöhnlichsten war jedoch die Erfahrung der Vogelperspektive. Ich glaubte zu fliegen und dabei den ungetümen Gewalten um mich herum trotzen zu können. Ich blickte hinab auf das Geschehen in der Bucht. Von meiner Warte sah es aus, als spielte ein unsichtbares, zorniges Kind in der Badewanne mit seinen Schiffchen. Ich mußte meinen überwältigten Geist zur Vernunft rufen, denn schließlich handelte es sich nicht um einen harmlosen Traum sondern um die Realität, deren Zeugen wir aus einem unersichtlichen Grund wurden.

Als hätte die Olga nicht schon genug erlitten, so stößt nun auch die Nipsic mit dem deutschen Kreuzer zusammen; dann wird der Amerikaner aufs Riff getrieben. Auch die Adler wird auf den Strand geworfen; dort kippt sie in einem grotesken Schauspiel um. Das amerikanische Flaggschiff, die Vandalia hat nicht soviel Glück, sie zerschellt komplett am Riff und reißt viele ihrer Besatzungsmitglieder mit sich. Schließlich droht auch die Trenton mit der Olga zu kollidieren. Korvettenkapitän von Ehrhardt sieht sein Heil wohl in der Flucht nach vorne und setzt sein Schiff in einer kontrollierten Aktion auf den Strand. Die Trenton kann sich jedoch nicht retten; auch das letzte amerikanische Schiff wird auf das Riff geschleudert. Einzig H.M.S. Calliope entkommt der Katastrophe. Kane gelingt es, sein Schiff auf die offene See zu manövrieren.


Ich habe keine Ahnung, wie lange wir drei noch in jener Kammer lagen, überwältigt von den Eindrücken, die uns überfielen. Jedenfalls wurden wir mit Gewalt aus unseren "Träumen" gerissen. Aus mir nicht bekanntem Grund begannen die Fluten mit einem Male rasant zu steigen, unser Zufluchtsort wurde geflutet. Seargent Searl hatte wohl geplant, die leeren Kisten als Schwimmkörper zu benutzen wenn sich das zuerst einströmende Wasser beruhigt hätte. Durch unsere apokalyptischen Visionen waren wir davon abgehalten worden. Nun konnten uns die Kisten sogar gefährlich werden, denn sie nahmen uns Platz weg und konnten uns einklemmen. Da begannen die Beben wieder. Rechts von uns war ein Brechen zu hören, und die Wassermassen, die zuvor noch unsere Kammer angefüllt hatten, strömten auf einer anderen Seite wieder heraus. Irgendwo mußte eine Wand eingebrochen sein. Wir klammerten uns an unsere provisorischen Rettungsboote und rasten durch überflutete Tunnel und Gänge, von denen die Erbauer dieser unheimlichen Anlage einen unerschöpflichen Vorrat angelegt hatten. Niemand von uns hätte nach einigen Sekunden auch nur grob die Richtung nennen können, in die wir uns bewegten. Ich mußte nur die ganze Zeit daran denken, was passieren würde, wenn unsere Fahrzeuge in einem dieser Durchgänge steckenblieb…

Dann folgte ein harter Schlag, als ich mit meinem Vordermann zusammenstieß und mir zugleich eine Kiste von hinten die Beine zu zerbrechen drohte. Da glaubte ich, meine Befürchtung sei eingetroffen. Doch wir wurden nur stark gebremst. Als ich durch den hinteren Aufprall kurz meinen Kopf über meine Transportkiste hob, erblickte ich eine Wasserwand. Instinktiv holte ich tief Luft. Durch das strömende Wasser wurde ich nach draußen gepreßt und fand mich hilflos unter Wasser treiben. Für Sekundenbruchteile konnte ich die helle Oberfläche ausmachen. Dort mußte ich hin! Mit letzter Kraft erreichte ich das Freie und saugte gierig den Sauerstoff ein. Nach einer Weile begann ich nach meinen Freunden Ausschau zu halten. Doch der nächste Schwimmer, den ich fand, war eine unserer Waffenkisten. Glücklich klammerte ich mich an meinen hölzernen Rettungsring. Das Wetter hatte sich zum Glück beruhigt, sodaß der Seegang nicht allzu hoch war. Nach einigen Minuten hörte ich eine Stimme. Freudig steuerte ich meinen schwimmenden Untersatz auf die Person zu; es war Prenderghast, der sich mit letzter Kraft an die Kiste klammerte. Nach einer weiteren halben Stunde fanden wir Rob Searl in seinem provisorischen Boot sitzen.

Die nächsten Stunden waren schlimm. Nachdrücklich brachten sich unsere Körper bei uns in Erinnerung. Wir hatten seit fast einem Tag nichts mehr gegessen, die letzten Tropfen Trinkwasser hatten wir in der Kammer verbraucht oder waren uns bei der irrsinnigen Schußfahrt in den Ozean verlorengegangen. In solch einer Situation sollte man nicht viel reden, doch wir mußten uns über unsere ungeheuerlichen Erfahrungen austauschen um sicherzugehen, daß wir nicht verrückt waren. Es stellte sich heraus, daß jeder von uns fast dieselben Erinnerungen an die letzten Stunden hatte. Zudem trafen wir drei Vereinbarungen von unterschiedlicher Wichtigkeit.

Wir versprachen, uns mindestens einmal noch im Leben gegenseitig in der Heimat der jeweils anderen zu besuchen; auf alle Fälle wollten wir jedoch für immer eine schriftliche Korrespondenz unterhalten. Und dann vereinbarten wir, nur gemeinsam und in Anwesenheit aller unserer Vorgesetzten einen Bericht abzugeben.

Für alle diese Vereinbarungen fehlte momentan eine wichtige Voraussetzung – unsere Rettung. Die hätten wir vor Erschöpfung beinahe verpaßt. Irgendwann hörten wir es hinter uns krachen und sahen die Calliope! Sie hatte einen Schuß abgefeuert, um auf sich aufmerksam zu machen. Wir winkten und schrien aus Leibeskräften, was in unserem Zustande nichts heißen wollte. Natürlich wurden wir stürmisch an Bord begrüßt, besonders Robert Searl, doch in die Freude mischte sich das Entsetzen über den Zyklon und die gewaltige Erkenntnis darüber, daß die namenlose Insel nicht mehr existierte. Das Schiff kreuzte noch einige Stunden über der Stelle, an der sich bis vor kurzer Zeit noch ein massives, steinernes Eiland befunden hatte, doch außer uns drei wurden keine Teilnehmer des Expeditionscorps’ mehr aufgefischt.


Natürlich wurden wir mit Fragen überhäuft, doch eingedenk unseres Schwures gaben wir nur unzureichende Antworten und versprachen Aufklärung nur im Beisein bestimmter Personen. Die Einfahrt in die Bucht von Apia am Abend brachte in mir wieder alle diese schrecklichen Bilder meiner Vision hervor. Nun hatte ich die zahlreichen Wracks der Handels- und Kriegsschiffe tatsächlich vor mir. Ich sah die zerschmetterten Rümpfe, die umgekippte Adler und die auf Strand gesetzte Olga, so als wollte mir eine gemeine Wesenheit deutlich machen: siehst du, es war tatsächlich kein Traum! Die Verluste waren entsetzlich. Captain Schoonmaker und 30 Mann wurden mit der Vandalia zerschmettert, auch die anderen amerikanischen Schiffe hatten Verluste zu beklagen. Und dann die Eber! Bis auf Leutnant Gaedicke, den Steuermann und zwei Matrosen waren alle tot. Von der Adler hatten zumindest 20 Glückliche überlebt. Hinzu kamen die zivilen Opfer auf den Handelsschiffen und in Apia.

Unser Sieg über den blasphemischen Insel-Kult hatten wir teuer bezahlt.


Ich fühlte mich mehr als unwohl, und als ich um mich blickte erkannte ich, daß es meinen Begleitern ähnlich erging. Doch schließlich hatten wir selbst um dieses Treffen gebeten. Vor uns saßen an einem großen Tisch der junge amerikanische Konsul Sewall (nach den Ereignissen der letzten Tage nicht mehr so jung aussehend), Stubbe (in Ermangelung eines deutschen Konsuls hatte sich mein Vorgesetzter diese Rolle angemaßt, was ich nur fair fand, denn so wurde zumindest der wahre Einfluß der Gesellschaft zugegeben), de Coetlogon in einer leuchtend roten Offiziersuniform und schließlich die internationale Riege der Seeoffiziere. Als ich mir letztere der Reihe nach besah, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Ich kam mir wie auf einem Familientreffen vor; die Kapitäne sahen mit ihren Vollbärten (außer Farquahr) und ähnlichen Uniformen wie Brüder aus oder wie Teilnehmer eines Kostümfestes, bei dem jeder dieselbe Verkleidungsidee hatte.

Wir gaben unseren ausführlichen Bericht ab und erwarteten gespannt die Reaktionen. Sewall hielt mit seiner Ablehnung nicht hinterm Berg und kehrte betont den aufgeklärten, modernen Großstadt-Yankee heraus. Das am meisten von ihm gebrauchte Wort während seiner kurzen Ansprache war erneut mumbo jumbo. Auch Fregattenkapitän Fritze schien nicht überzeugt zu sein. Uns dreien platzte der Kragen. Ich machte den Konsul auf die offensichtliche Verwicklung des amerikanischen Schiffes Dagon sowie besonders des amerikanischen Staatsbürgers John Klein in den Fall aufmerksam. Sewall zuckte zusammen. Meine beiden Freunde legten sofort nach. Das Verschwinden der Insel könne niemand leugnen, ebensowenig das Verschwinden Dutzender Matrosen und Marineinfanteristen, darunter Kapitän Wallis und Lieutenant Sutton, auch habe jeder der Anwesenden die Gesänge von der Stanniolwalze gehört. Da kam Hilfe aus unerwarteter Richtung. Der britische Botschafter brummte zustimmend und nickte langsam, dann erklärte er, er habe in den Kolonien viele unerklärliche Dinge gesehen und selbst an einer Expedition zum Kilimandscharo teilgenommen, wo… An dieser Stelle wurden seine Schilderungen undeutlich. Natürlich sprang ihm sein Landsmann und unser erster Verbündeter, Kapitän Kane, zu Seite. Wer von beiden den Ausschlag gab, ist unklar, doch letztlich waren alle Anwesenden bereit, unseren Bericht zu akzeptieren.

Die Anhörung sollte schon beendet werden, da überraschte uns Sergeant Searl mit seiner Äußerung. "Es ist ja noch nicht vorbei, oder?" – Dabei sah er mich erwartungsvoll an. Ich war völlig ratlos. – "Die Fischerdörfer, in denen du diese verunstalteten Leute gesehen hast. Die müssen auch weg." Diesen Vorschlag mußten dann aber meine angelsächsischen Freunde unterbreiten, denn ich hielt es für unklug, wenn es erneut ein Deutscher war, der zu einer Strafexpedition aufrief. Die Reaktion unserer Zuhörer war dann auch sehr zurückhaltend. Dabei argumentierten die Herren durchaus logisch. Von der einst formidablen Kriegsmacht war zur See nur noch ein britisches Schiff übrig, die Mannschaften durch die Katastrophe und den Tod so vieler Kameraden niedergeschlagen. Warum sollten sie sich jetzt erneut in Gefahr begeben? Zudem hatte der Zyklon auch den Bürgerkrieg beendet. Ein Vorgehen gegen die Einheimischen könnte von den Insulanern als Versuch der Weißen gesehen werden, den Sturm für eine gemeinsame Unterdrückung der Samoaner benutzen zu wollen. Schnell wurde uns dreien klar, daß wir einen guten Plan brauchten.


Am 20. März, eine Woche nach Beginn jener schicksalhaften militärischen Operation zur namenlosen Insel, war es soweit. Immer noch wiederwillig hatten sich die beiden Konsuln und der DHPG-Chef zu einem kleinen Theaterstück bereiterklärt. Zusammen mit einigen verkleideten Soldaten näherten wir uns auffällig und wild in der Landschaft gestikulierend jenem verfallenen Küstendorf, welches ich bei meinem ersten Besuch auf Savai’i entdeckt und welches auch der alte Konsul Weber in seinen Aufzeichnungen erwähnt hatte. Im Gegensatz zu meinem früheren Besuch standen am Dorfeingang zwei Bewohner auf Wache. Unerschrocken ritten wir heran und ließen unseren samoanischen Dolmetscher erklären, wir seien gekommen, um das Dorf und seine Umgebung für den Bau einer richtigen Straße zu inspizieren. Die beiden Wachen wurden sehr aufgeregt. Oberst de Coetlogon ging jetzt in seiner Rolle auf. Jeder Theaterkritiker wäre von seiner Darbietung als Kolonialbeamter hingerissen gewesen, der die gottgegebene Bürde des weißen Mannes auf sich genommen hatte, um die westliche Zivilisation in den hintersten und dunkelsten Winkel der Welt zu tragen, und sei es in Form einer Straße. Die perfekte Mischung seines zugleich arroganten wie beleidigten Tones, als er die Ablehnung der Dorfwachen kommentierte, war jeden Theaterpreis der Welt wert. Qualitativ dicht gefolgt von Stubbes "Nicht reden, reiten! Muß halt Platz gemacht werden!" und seiner beeindruckenden Ein-Mann-Kavallerieattacke auf den Dorfeingang. Unser Auftauchen im Dorfe führte dann auch zu einer größeren Beachtung als bei unserem damaligen Eintreffen. Jedoch zeigten sich die Einwohner nicht sonderlich feindselig. Wie bei meinem Besuch waren auch dieses Mal nur wenige Menschen im Freien. Ich hatte meine Begleiter vorbereitet, und sie schienen von den körperlichen Defekten einiger Einwohner unangenehm berührt zu sein. Schließlich ließen wir die Masken fallen; die Soldaten zogen ihre Revolver und durchsuchten unter dem Protest der Einwohner die Häuser und übrigen Wohnungen.

Was die Männer aus den verfaulten Hütten und schimmeligen Erdlöchern zogen überzeugte die hohen Herren voll und ganz. Unsere drei Vorgesetzten sahen sich angewidert an und nickten sich simultan zu; dann griff ein jeder an seine Satteltasche und holte eine Signalpistole heraus. Eine grüne, eine rote und eine weiße Leuchtkugel zerplatzten am Himmel. Unsere wenigen Begleiter und wir selbst mußten nun für eine kurze Zeit die Dorfbewohner im Zaume halten, was sehr schwierig war, denn die Eingeborenen zeigten sich nun offen feindselig; es kam zu ersten Übergriffen. Zugleich mußten wir den Strand im Auge behalten, damit es den amphibienhaften, piscomorph verunstalteten Bewohnern nicht gelang, ins Meer zu flüchten.

Da war aber schon die Reiterei unter Führung Achterholts heran. Unsere Kavallerie wurde von DHPG-Leuten gestellt, die Marine hatte eine andere Aufgabe. Die Calliope kam so schnell sie konnte herangedampft, im Schlepptau eine Reihe Beiboote und Eingeborenen-Kanus. Auf Höhe des Dorfes kappten einige der Boote die Seile und hielten auf den Strand zu. Schüsse klangen auf; vermutlich hatten sich doch einige der Dorfeinwohner ins Wasser retten können. Die Calliope dampfte unterdessen zum nächsten Dorf auf Webers Liste weiter, wo eine ähnliche Landungsaktion geplant war. Zusätzlich waren durch die Leuchtkugeln kleine Spezialeinheiten mobilisiert worden, die mit Heliographen ausgerüstet waren und so in einer Kette Befehle auf der ganzen Insel übermitteln konnten. Wie bei uns sollten an mehreren Plätzen Land- und See-Einheiten zusammenspielen. Dabei waren auch samoanische Krieger beteiligt.


Die ganze Unternehmung dauerte einige Tage. Überall an der Küste Savai’is brannten Dörfer. Vereinzelt waren Explosionen zu vernehmen, wenn einer der vielen Tunnels oder Erdlöcher gesprengt wurde. Es wurde sogar ein neuer Marsch zum Vulkan unternommen, doch wie bei meiner Rettungsmission hatten sich die Einwohner, so sie nicht mit der schrecklichen Insel untergegangen waren, im Urwald versteckt. Nach zweien dieser Aktionen am Strand meldete ich mich krank; ich konnte es nicht mehr ertragen. Zurück in Apia, bereitete ich ernsthaft meine Abreise vor. Es war jedoch noch Zeit genug, daß ich mithelfen konnte, die Spuren all jener abscheulichen Ereignisse zu löschen.

Jene namenlose Insel war nie kartographiert worden. Ebenso einfach war es, die Toten des Expeditionscorps’ verschwinden zu lassen; sie waren offiziell an Bord ihrer Schiffe umgekommen. Die Strafexpedition nach Savai’i wurde öffentlich nirgends erwähnt. Die beiden Botschafter und Stubbe verfaßten zusammen einen Geheimbericht, der den jeweiligen Regierungen zugestellt wurde. Alle Mitwirkenden wurden zum Stillschweigen verpflichtet, was jedem angesichts der Erlebnisse leichtfiel.


Samoa wurde 1899 deutsche Kolonie, die Amerikaner besitzen jedoch bis zum heutigen Tage die kleineren östlichen Inseln. Die politische Lage beruhigte sich merklich. Der zuvor exilierte Malietoa wurde schon 1889 zum Oberkönig ernannt. 1906 brach der Matavanu aus; der Lavastrom begrub auf seinem Weg zum Meer das verfluchte Dschungel-Dorf unter sich und zerstörte die Pflanzung Johannsfeld sowie mehrere Küstendörfer. 1914 besetzten alliierte Truppen die Inseln.


Die Heimfahrt erwies sich als äußerst unerfreulich. Auf der gesamten Fahrt, sei es im Pazifik oder im Atlantik, hatten wir schwere See. Es war, als wollten sich die Götzendiener aus ihrem nassen Grab heraus noch an mir rächen. Ich schlief auch sehr schlecht. In meinen Träumen sah ich die versunkene Insel auf dem Meeresgrund, umlagert von schwimmenden, zweibeinigen Kreaturen. Einige drohten mir offen, andere Male schien es mir so, als blickten mir einige dieser Wesen aus nächster Nähe ins Gesicht und grinsten mich höhnisch an.


Ihr könnt mir glauben, ich war heilfroh, in Hamburg endlich wieder festen Boden betreten zu können. Die nächste Zeit verkroch ich mich im Hause meiner Familie (Du erinnerst Dich vielleicht noch daran, Albert?). Aber nach einigen Wochen hatte man mich ausfindig gemacht. Mehrere Gelehrte aus unterschiedlichen Ländern kontaktierten mich schriftlich und baten um ein Treffen, damit sie aus erster Hand von meinen erschreckenden Erlebnissen erfahren konnten. Schließlich sagte ich einer Zusammenkunft in meiner alten Universität zu (einer der Briefeschreiber besaß einen mir zuvor unbekannten Lehrstuhl in Heidelberg).

Nach einem langen Gespräch übergab ich einem der Teilnehmer meine Aufnahmewalze und schrieb mich wieder an der Hochschule ein. Ich beendete pro forma mein Studium und arbeitete mich an jenem geheimnisvollen Institut, dem der Briefeschreiber vorstand, langsam die akademische Leiter hoch.

Meine Erlebnisse auf Samoa bescherten mir schon als Student wichtige Kontakte und viele Reisen zu fast unbekannten Fakultäten weltbekannter Universitäten und kleiner Stiftungsgesellschaften. Ich hielt Vorträge vor wissenschaftlichen Koryphäen und verfaßte selbst Schriften, die in Fachkreisen für nicht geringes Aufsehen sorgten. Dies alles interessierte Euch, liebe Familie, nicht sonderlich, und ich bin nicht traurig darum.


Ihr wißt allerdings von meinen weiten Reisen, die ich während der letzten Jahrzehnte unternahm und von denen Ihr Euch immer gerne berichten ließet. Ich las in abgelegenen tibetanischen Klöstern Schriften, die schon alt waren als im Zweistromland die ersten Städte entstanden. Ich unternahm mit Kollegen aus Wien und Prag eine Expedition in die unwirtliche Welt des Balkans, deren Ziel dem oben geschilderten auf Samoa nicht unähnlich war. Ich wohnte im afrikanischen Busch einem Exorzismus an einem aufstrebenden französischen Maler (heute weltbekannt!) bei; der junge Mann hatte nach seiner Rückkehr vom Schwarzen Kontinent seine Umgebung mit einem radikalen Stilwechsel zunächst in Erstaunen und dann durch eine Reihe verstörender Gemälde in Angst und Schrecken versetzt. Noch heute erinnere ich mich an die Atmosphäre in jener armseligen Hütte im westafrikanischen Nirgendwo; ein Medizinmann, mit nichts anderem als seinem Körperschmuck bekleidet, sprach in Anwesenheit der vornehmen Eltern des Malers und meiner Wenigkeit Zauberformeln, die mich als Eingeweihten schaudern ließen; ein falsches Wort, eine falsch betonte Silbe, und der Afrikaner hätte etwas herbeigerufen, das gut und gerne das Ende der Welt hätte bedeuten können!

 


Ich bereiste viele erstaunliche Länder und lernte noch erstaunlichere Menschen kennen und schätzen.


Doch auf Samoa war ich niemals wieder.



© A.W.G. Döring, 2008