Titel

Eine deutsche Delta Green Geschichte
von Gerhard Schmeusser


1

Der klapprige alte Wagen schüttelte sich wie ein nasser Hund, als Kommissar Mitzkowski zu schnell über das notdürftig ausgebessertes Stück thüringer Landstraße fuhr. Gleich dahinter wiesen Schilder mit roten Pfeilen auf eine der typischen spiralförmigen Kurven hin, so daß er den aufheulenden Motor in den dritten Gang zwingen mußte. Daß die Straße naß war, versuchte er konzentriert, das Bremsen zu vermeiden.
Langsam, langsam ermahnte er sich, sonst komme ich statt zu spät, gar nicht mehr an.
Die Sonne ging schon langsam unter. In dem dichten, kilometerlangen Wald, durch den er fuhr, war der Himmel über ihn nur noch ein dunkelgrauer Streifen.

Was Mitzkowski gerade tat, war eine Eigenmächtigkeit. Aber er glaubte, sie sich erlauben zu können. Ehrlich gesagt, redete er sich es sich schon die ganze Zeit nur ein, abwechselnd zwischen Trotz und Zweifel hin und her pendelnd. 
In seiner Freizeit konnte er schließlich machen, was er wollte. Dabei war das hier gar nicht mehr sein Fall. Warum? Mitzkowski hatte seinen Vorgesetzen gefragt, ob er einen Fehler gemacht hatte. Nein. Der Fall mache einen Spezialisten notwendig. Ein gewisser Hauptkommissar Stiller aus Berlin war jetzt zuständig. So ziemlich das Gegenteil von Mitzkowski: blond,  20 Jahre jünger und gerade dem Titelblatt einer Gesundheitszeitschrift für Männer entsprungen.

Er wollte nur noch mit dem Lehrer sprechen. Wenn er mit dem Lehrer gesprochen hatte, würde er den Fall aufgeben. Der Mann namens Schimmelheft hatte noch Mitzkowskis Telefonnummer gehabt und ihn heute angerufen. Er wolle ihm unbedingt noch irgendwelche Unterlagen zeigen, an denen seine Frau gearbeitet hatte. Eigentlich hätte er den Anrufer weiterleiten müssen. Aber es war Freitag Nachmittag gewesen. Mitzkowski hatte kurzerhand beschlossen, den Anruf als Privatsache zu betrachten.

Immer wieder ging er im Geiste alle Details durch. Ein verstecktes Städtchen  namens Baunaburg. Berge, dichte Wälder. Nach der Wiedervereinung halb verlassen. Eine Hauptschule und ein Schloß. Die Lehrerin und ihr Mann, beide neu. Eines Morgens wird die Frau ermordet auf dem Gelände des alten Schlosses ziemlich weit weg von ihrer Wohnung gefunden. Nein, ziemlich weit weg war falsch, es war ja im gleichen Ort gewesen. Das Schloß eigentlich eine Ruine mit einem Zaun darum herum. Mitzkowski war der Zugang zum Inneren der Schlossruine nicht ermöglicht worden. Er hatte darauf bestanden, aber es war angeblich kein Schlüssel aufzutreiben und es hatte eine kleine Szene gegeben. So konnte er nicht arbeiten. Aber das konnte doch nicht der Grund sein, daß er jetzt nicht mehr zuständig war?

Mitzkowski hatte nun doch die Scheinwerfer eingeschaltet - es war eine Eigenart von ihm, diesen Zeitpunkt immer so lange wie möglich hinauszuzögern. Ab und zu begegnete ihm zwei gelbe Lichter, die an ihm vorbei rasten. Diese Wälder waren wirklich undurchdringlich. Das Land bergig zu nennen, wäre wohl übertrieben gewesen, aber die Landschaft bestand aus tiefen Tälern und Schluchten. Man musste sehr konzentriert fahren oder sehr langsam. Mitzkowski tat das erstere. Der Regen kam und ging wie die Ortschaften, durch die er fuhr. Die Dörfer schienen nur aus einer Hauptstraße zu bestehen, an der sich die Häuser wie an eine Lebensader drängten. Die spärlichen Straßenlaternen beleuchteten leere Gehsteige. In dieser Gegend und bei dem Wetter war man nach Einbruch der Dunkelheit lieber Zuhause. 

Ein Fluss musste in der Nähe sein, denn Nebel kam aus dem Tal herauf, durch das er gerade fuhr. Das konnte nur bedeuten, daß er seinem Ziel nahe war denn Baunaburg lag an der Bauna, von der es seinen Namen hatte. Bald darauf fuhr er tatsächlich über eine kleine Steinbrücke mit rostigem Eisengeländer über einen kleinen Fluss. Dahinter war eine Verzweigung mit einem Wegweiser: Baunaburg 2 Kilometer.

Das Tal stieg langsam an. Links erhob sich ein steiler Hang und rechts rauschte der Fluss durch Wiesen. Der Strassenrand war von dichtem Gestrüpp gesäumt. Noch ein letztes, besonders steiles Stück und er kam auf einem Kreisverkehr heraus, der von Häusern umzingelt wurde. Ein rostiges Ortsschild wies den Ort Baunaburg aus.

2

Mitzkowski hielt kurz an um sich zu orientieren. Links befand sich ein altes Amtsgebäude im Jugendstil mit Säulenvorbau, vielleicht früher die Post. Rechts stand ein riesiger Kasten von einem Fachwerkbau mit einem gigantischen verwinkelten Dach, der wahrscheinlich früher ein Hotel gewesen war. Mitzkowski versuchte durch das mit Tropfen beschlagene Seitenfenster genaueres zu erkennen. Es sah so aus, als sei es schon seit langem nicht mehr in Betrieb.

Langsam liess er den Wagen die feucht glänzende Strasse entlang rollen und hielt nach seiner Unterkunft Ausschau. Nach vier Stunden Fahrt sehnte er sich jetzt nach einer heissen Dusche und einem bequemen Bett. Er hatte Glück. Nach wenigen Metern erblickte er einen kleinen Park und daneben ein weißes Schild mit Pfeil: "Schloßhotel". Gleich dahinter befand sich ein mit Rasensteinen gepflasterter Parkplatz, auf dem alle Buchten frei waren. Er bog ein, stellte den Motor ab und schaltete das Licht aus.

Beim Aussteigen legte sich kühler Sprühregen auf Mitzkowskis Haut und liess sich frösteln. Er schlug seinen Mantelkragen hoch und blickte die Strasse hinunter. Er konnte nicht ausmachen, wie sie weiterging. Häuser schienen keine mehr zu kommen. Zumindest führten Lampen irgendwohin. Gegen ihr Licht leuchteten die Nieseltröpfchen, die vom Wind her geweht wurden. Er glaubte sich erinnern zu können, daß die Strasse beim alten Schloss endete. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite herrschte nur Schwärze. Ein weiss gestrichenes Geländer markierte den Abgrund, der in das Tal hinab führte. Eine eiserne Sitzbank wartete auf bessere Zeiten.

Er packte seine Reisetasche fester und machte sich auf den Weg. Wenigstens in dem Anbau waren einige Fenster erleuchtet und er konnte die Eingangstüre leicht finden. Der Eingang leuchtete wie das Maul eines Tiefseefisches, der Beute mit Licht anlockte. Die Tür war offen.
Das Zimmer war nicht schön, aber Mitzkowski war zu müde, als daß er daran noch Anstoß nehmen wollte. Die Luft in dem Raum war abgestanden und roch nach alten Matratzen. Um besser schlafen zu können, wollte er ein wenig frische Nachtluft hereinlassen. Aus Neugier betrat er den kleinen Balkon. Die Holzkonstruktion hing geradezu in der Luft, so daß er sich am wackeligen Geländer festhalten musste um dem Gefühl zu entgehen, hinabzustürzen. Als er sich gefangen hatte, stellte er fest, daß der Eindruck wohl dadurch verstärkt wurde, daß sich der Boden einige Grad nach vorne neigte. Dafür war die Aussicht großartig. Das Tal unter ihm war in eine Nebeldecke gehüllt, als wäre ein riesiges Gefäß darin ausgegossen worden. Und durch den Schleier schimmerten die diffusen kleine Lichter von Baunaburg. Die Straßenbeleuchtung bildete Lichterketten die den genauen Verlauf der wichtigsten Straßen markierten. Gegenüber erhob sich schwarz der Talhang, bedeckt von riesigen Wäldern, in denen die Feuchtigkeit auf den Boden tropfte. Darüber ein abnehmender Mond - schlechtes Wetter. Aber das war nur seine private Theorie.

3

Der Frühstücksraum konnte ihn dann auch nicht mehr erschüttern. Alte Möbel, die auf den Sperrmüll gehörten, verblichene Tapeten, vergilbte Vorhänge. Draussen herrschte soweit er sehen konnte, eine Welt aus Feuchtigkeit und Zwielicht. Bei dieser Gelegenheit stellte sich die Vermutung als richtig heraus, daß er tatsächlich der einzige Gast war. Immerhin war das Frühstück besser als erwartet - wenn sie einen schon erfrieren liessen, so doch wenigstens nicht verhungern, dachte er.

"Zur Zeit nicht viel los hier?" versuchte er mit dem Wirt ins Gespräch zu kommen, als er ihm den Kaffee brachte.
"Ja, seit dem Krieg leben nicht mehr viele Leute hier" war die knappe Antwort.
Er schien nicht zu bemerken, daß Mitzkowski etwas ganz anderes gemeint hatte. Wortlos stellte er die Kanne auf den Tisch und entfernte sich.

Da heute kein Werktag war, war die Zeit nicht so wichtig, wo er den Lehrer besuchte. Ein Anruf erübrigte sich. Er würde mit Schimmelheft reden, die Papiere durchsehen und das war's dann. Er kippte den Rest des kalten Kaffees hinunter und machte sich auf den Weg.

Der Regen machte gerade eine Pause und die frische Luft tat gut, als er aus dem Hotel heraustrat. Die Feuchtigkeit des Bodens erfüllte die Luft mit dem Geruch von Erde und gefallenem Laub. Er schlug den Kragen hoch, steckte die Hände in die Manteltaschen und marschierte in die Richtung, in der er das Schloss vermutete. Bei Tage sah die Umgebung weniger unheimlich aus. Er ging vorbei an der Bank, die immer noch vergeblich auf Gäste wartete, an dem rostigen Geländer entlang, das den ganzen Gehsteig entlang lief. Drunten im Tal schlängelte sich die Bauna. Er begriff, daß die Lage des Schlosses einmalig war: am Ende eines schmalen Bergrückens, von drei Seiten von der Flussschleife geschützt. Die Bauna kam von der gegenüberliegenden Seite herbei und schmiegte sich unterhalb seines Standpunktes so eng an den Berg, daß er sie nicht mehr sehen konnte sondern nur noch ihr leises Rauschen wahrnahm.

Er studierte die Umgebung. Die Gebäude hatten eine interessante Architektur. Auf den ersten Blick sahen sie aus, als ob sie Holzbauten wären, mit Fachwerk und verspielten kleinen Verzierungen. Manch eines schmückte es sich mit einem kleinen sechseckigen Türmchen oder einer Veranda, von deren Decke bunte Kunststofflampen aus den Siebziger Jahren baumelten. Was zunächst charmant wirkte, war bei näherem Hinsehen aber heruntergekommen. Die meisten Fenster waren schmutzig, und je näher man kam, desto besser erkannte man, daß fast alle dringend renovierungsbedürftig waren. Die Gasse ging noch ein Stückchen bergab, vorbei an einem Kramladen und endete vor dem Rathaus. Wenn er es nicht von seinem letzten Besuch gewusst hätte, hätte Mitzkowski das ungepflegte Gebäude für alles Mögliche gehalten.

Der Ort wirkte an diesem Samstagmorgen wie ausgestorben. Die einzige Person, der er begegnete, war eine junge Frau, die gerade aus einer kleinen Bäckerei herauskam und an ihm vorbeiging, ohne ihn zu anzublicken. Sie machte einen etwas schwächlichen Eindruck. Mitzkowski drehte sich kurz nach ihr um; von hinten hätte man sie für eine alte Frau halten können. Er hielt sich rechts, vorbei an dem Wirtshaus, das zu dieser frühen Stunde noch geschlossen hatte. Im Inneren war es dunkel - mehr als einige Tische und Stuhllehnen war nicht auszumachen.

Das Haus der Schimmelhefts war leicht zu finden. Er öffnete das niedrige Eingangstor und betrat den Vorgarten. Die Haustüre sah von weitem aus, als ob sie eingetreten worden wäre. Als er sie sich genauer ansah, kam es ihm aber eher so vor, als sei sie nach aussen getreten worden. Mitzkowski machte die Türe etwas weiter auf und rief den Namen Schimmelhefts. Keine Antwort. Mitzkowski trat vorsichtig ein. Die Diele war finster, muffig und eng. Links führte eine steile Treppe nach oben. In der Küche und dem Wohnzimmer, aus dem das Untergeschoß bestand, herrschte ziemliches Durcheinander. Jemand hatte wahllos alles umgeworfen, was herumstand. Möbel, Bücher, Geschirr. Etwas stimmte aber nicht. Mitzkowski hatte schon oft Wohnungen gesehen, die durchsucht worden waren oder wo Randalierer jemandem einen deftigen Denkzettel verpasst hatten. Es sah weder so aus, als habe jemand etwas gesucht, noch habe jemand mutwillig Schaden anrichten wollen. Eher so, als sei jemand blindlings auf der Suche nach einem Ausgang herumgestolpert. Mitzkowski beschloß, vorerst lieber nichts anzurühren. Blieb noch oben nachzusehen. Noch einmal rief er nach Schimmelheft - erfolglos. Dann ging er die knarrende Treppe hinauf. Ein Schlafzimmer mit einem zerwühlten Doppelbett.

4

Natürlich hatte er Stiller verständigt. Hauptkommissar Stiller war sofort gekommen. Wie er so schnell hier sein konnte, war ein Rätsel. Stiller war nicht besonders begeistert von Mitzkowskis Alleingang gewesen. Er hatte so getan, als ob alles Mitzkowskis Schuld wäre.  Sein Chef hatte danach mit ihm telefoniert. Es war ebenfalls kein sehr erbauliches Gespräch gewesen. Er hatte ihm vorgeworfen, unprofessionell vorgegangen zu sein. Und auch er hatte ihm eingebläut, er solle sich heraus halten. Aber nachdem Mitzkowski sein Protokoll unterzeichnet und abgegeben hatte, durfte er sogar wieder gehen. Mitzkowski würde gelogen haben, wenn er gesagt hätte, daß er sehr erschüttert gewesen wäre. Eine Art dumpfe Teilnahmslosigkeit hatte ihn ergriffen. Die kam aus dem Ärger über sich selbst, sich eingemischt zu haben und jetzt als Idiot dazustehen.

Auf dem Rückweg zu seinem Hotel hielt Mitzkowski kurz inne, um nachzudenken. Die Aussicht ludt dazu ein Baunaburg von oben zu betrachten. Was ihn wunderte war, daß die Nachbarn keinerlei Interesse am Verschwinden des Lehrers zeigten. Nein, sie hatten Schimmelheft nicht fortgehen sehen, nein, sie hatten nichts gehört. Der Kommissar glaubte kein Wort. Und Stiller war undurchsichtig wie immer. Bestimmt glaubte der auch kein Wort.
 
Der Ort war so verwunschen wie der Wald, der ihn umschloss. Von dort stiegen schon wieder Nebelschwaden wie Schleier empor. Keine Geräusche, keine Autos, ja nicht einmal Passanten waren unterwegs. Höchstens, daß aus dem einen oder anderen Kamin Rauch aufstieg. Hatte der Solidaritätszuschlag nie hierher gefunden? Vielleicht war Baunaburg mitten in seinen Wäldern und Schluchten von der Regierung vergessen worden, würde für immer in einem Dämmerschlaf zwischen der Wende und dem 21. Jahrhundert verharren. Eine andere Jahreszeit als Herbst  konnte man sich hier nicht vorstellen. Wieder musste er an den Fall denken. Warum hatte der Lehrer ihm diese Arbeit unbedingt zeigen wollen? War er deswegen verschwunden? Sein Ausflug war zu einer recht ärgerlichen Sache ausgeufert und er beschloss deshalb, sofort abzureisen.

5

Daß der Hotelbesitzer von ihm der Preis für eine weitere Nacht verlangt hatte, da er zu spät zurückgekehrt war, stellte nur ein weiteres Ärgernis dieses Tages dar. Seine Tasche war schnell gepackt und er stolperte mit seinem Gepäck die engen Treppe und Gänge nach unten, als ihm etwas auffiel. Der Flur auf dem er stand, endete in einem schräg zulaufenden Erker, durch dessen Fenster die trübe Nachmittagssonne auf die beiden Seitenwände fiel, die über und über mit alten Fotografien behängt waren. Irgendeine Faszination ging von dem Anblick aus, die den Kommissar veranlasste, zu der Ecke hinüberzugehen.
Es waren alte Fotografien aus den 30er oder 40er Jahren. Die Baustelle des Schlosses, der damalige Besitzer des Hotels, der genauso aussahen wie der heutige. Sicher der Vater. Offenbar war der Ort voll vom Nationalsozialismus vereinnahmt worden. Dort, auf einem anderen Bild, die Frau aus der Bäckerei, an der er heute vorbeigekommen war. Nein, das konnte nicht sein. Sie blickte ihm aus den 70 Jahren alten Fotografien entgegen. Für einen Moment hatte er die Idee, daß die Fotos nur auf alt getrimmt waren, aber das stimmte nicht. Die Details stimmten. Die Kleidung, hier ein altes Automobil, dort ein altes Straßenschild. Ein Zufall.

Er riss sich von dem Bild los und ging langsam zur Treppe zurück. Im Hinausgehen begegnete er keinem Menschen. Das alte Schloss fiel ihm wieder ein. Was hatte die Lehrerin vor ihrem Tod dort gesucht? Das erste Mal als er hier war, hatte er es sich nicht ansehen können. Es konnte nicht schaden, dies nachzuholen. In ungefähr zwei Stunden würde es dunkel werden. Bis dahin war noch genug Zeit. Sein Gefühl sagte ihm aber, daß es besser war, wenn es so aussah, als sei er nach Hause gefahren. Stiller konnte sich hier noch herumtreiben.

Er fuhr mit dem Wagen in den unteren Ortsteil hinunter und suchte sich eine Stelle, die ihm abgelegen und unauffällig genug erschien. Ein ungeteerter, schlammiger Parkplatz, an dessen einer Seite eine Reihe alter, verbeulter Blechgaragen stand. Ein paar Graffitos zierten die heruntergelassenen Tore, hinter denen Gott weiss welche Karren dahinrosteten. Eine Seite zierte ein unentwirrbarer Haufen alten Schrotts, der schon seit Jahren dort lagern musste. Am Fluß liessen ein paar alte Weiden ihre Äste traurig ins Wasser hängen. Mitzkowski stellte den Wagen zwischen ihnen ab. Manchmal hatte es auch Vorteile, einen alten Wagen zu fahren, dachte der Kommissar, als er sich nach dem Auto umdrehte. Zwischen den anderen verbeulten Autos fiel seines höchstens wegen des anderen Kennzeichens auf. Er öffnete den Kofferraum, holte die große, Stabtaschenlampe heraus, die er für den Fall einer Panne immer dabei hatte und steckte sie ins Innere seines Mantels. In diesem Moment bedauerte er das erste Mal, daß er seine Waffe nicht mitgenommen hatte. Nun ja, eigentlich war es unwahrscheinlich, daß es gefährlich werden würde - von der Einsturzgefahr der Ruine abgesehen. Ein Schlag gegen eines der Garagentore hinter ihm ließ ihn herumfahren. Nichts war zu sehen. Trotzdem war irgendetwas gegen eines der Tore geschlagen. Dass es nur innen passiert sein musste, wollte er nicht zugeben. Der Ort hatte etwas Unheimliches. Eilig machte er sich auf den Weg zur Burg.


Mitzkowski ging über die alte Brücke, deren Holz feucht, schwarz und bemoost war. Der Fluss floß träge unter ihm dahin; das Wasser war trübe und machte einen beunruhigend tiefen Eindruck. Kühle Luft stieg von ihm auf.  Aber Fische waren keine zu sehen.

Der Fußweg ging nach links flussaufwärts und um den Berg. Dichte Bäume wuchsen um ihn herum und der Boden war oftmals blanker Fels. Wie alles troff er vor Feuchtigkeit, wie die Bäume und die Steine. Mitzkowski dachte, daß dies wohl die nasseste Gegend sein musste, die er je kennengelernt hatte. Er kam an eine Abzweigung nach oben, die er einschlug.

Niemand begegnete Mitzkowski auf seiner Wanderung und er war auch froh darüber. Unter den Bäumen im Wald hatte die Dunkelheit bereits so stark zugenommen, daß er aufpassen musste, wollte er nicht über eine Baumwurzel oder einen Stein stolpern. Als er oben bei dem Geländer an der Strasse zum Schloss herauskam, war es ein wenig heller. Der Abendnebel hatte eingesetzt und trieb in grossen Fetzen vom Flusstal herauf. Mitzkowski schlug den Kragen seines Mantel hoch.

Zwischen den Bäumen konnte er Teile des Schlosses ausmachen. Nur die Spitze eines Türmchens und der graubraune kastenförmige Hauptbau, der mit einem schrägen Dach gedeckt war, das von weitem wie uralte Dachpappe aussah. So, als ob es nur eine Notabdeckung wäre. Die viereckigen Fensterreihen gähnten wie die Lücken in einem verrotteten Gebiß.

Je näher er kam, desto mehr Details konnte er erkennen. Der Palais war eng an die steil abfallende Bergflanke gebaut. Links davon führte eine Allee zu einem Torbau. Schon bald war er von den uralten Laubbäumen umgeben, deren tote Blätter zu seinen Füßen raschelten.

Nur noch ein paar klägliche Mauerreste verrieten, wo einst das Eingangstor des Schlosses gestanden hatte. Dahinter klaffte ein übriggebliebenes Stück des zugeschütteten Burggrabens. Daß direkt hinter dem Tor früher einmal ein Gebäude gestanden haben musste, konnte man daran sehen, daß das Mauerwerk des Kellers noch aus dem Unkraut und den Sträuchern hervorschaute. An manchen Stellen glotzen Löcher, die wohl in irgendwelche Hohlräume führen mochten, finsteren schmutzigen Gewölben, die der Zerstörung entgangen waren. Er fragte sich, was wohl den Abriß eines Großteils des Schlosses herbeigeführt haben mochte. Vielleicht hatte es gebrannt. Ein rechteckiger, steinerner Brunnen war übriggeblieben, von dessen Rückwand ein Löwenkopf einen dünnen Wasserstrahl ausspie.

Er ging weiter. Der Teer der Strasse war nur noch zusammengeflickt und es ging leicht aufwärts, zu einem Platz der wohl früher der Schloßhof gewesen sein mochte und gleichzeitig das äußerste Ende der Anlage war. Das Hauptgebäude war rechts, die anderen Seiten wurden durch Mauerbrüstungen gebildet, jenseits denen es steil nach unten ging. Unkraut wucherte über die Pflastersteine. An das mittelalterliche Palas war ein neoklassizistisches Portal angebaut worden, mit imposanten Säulen und einem riesigen Vordach, das nun mit Metallstreben vor dem Einsturz bewahrt werden musste. Ein Schild warnte vor der Einsturzgefahr. Der Wind blies hier ungehindert um Mitzkowskis Ohren und er duckte sich in seinen Mantelkragen.

Die Lehrerin war hier gefunden worden. Die Tat war um Mitternacht herum verübt worden. Von vorne in die Brust geschossen. Gewehrschuß Kaliber 7,65. Die Hülse war in 50 Metern Entfernung neben einem Mauerrest gefunden worden. Der Täter hatte wahrscheinlich halbversteckt dahinter gestanden und sich darauf aufgestützt. Niemand wollte den Schuss gehört haben. Wahrscheinlich hätten die Spuren mehr hergegeben, wenn er erst einmal ein paar Verdächtige gehabt hätte. Ihr Mann hatte ausgesagt, sie wäre aus dem Haus gegangen um einen Spaziergang zu machen. Nicht besonders glaubwürdig. Vielleicht hatte er heute auspacken wollen.

Er überquerte den Platz und gelangte an das Eingangstor des Hauptgebäudes. Schwere Türen aus dunklem Holz verwehrten den Zutritt ins Innere. Die Fenster links und rechts davon waren mit Ziegelsteinen zugemauert und Mitzkowski machte sich wenig Hoffnungen, daß das massive, doppelflügelige Tor offen war. Dennoch probierte er die riesige kunstgeschmiedete Türklinke. Zu seiner Überraschung gab das Tor nach. Als er das erste Mal hier war, war das Tor noch verschlossen gewesen und angeblich niemand konnte einen Schlüssel auftreiben. Und jetzt war es einfach offen. Wahrscheinlich war jemand drinnen. Demjenigen würde er ja interessante Fragen stellen können. Er war soweit gegangen, also sollte er weitersehen.

Es kostete Mitzkowski einiges an Kraft und er öffnete den Torflügel nur einen Spalt breit, genug um hineinzusehen zu können. Mit der rechten Hand hielt er das Tor, mit der linken zog er die Taschenlampe aus seinem Mantel. Ein modriger Geruch von Feuchtigkeit und verrottendem Holz schlug ihm entgegen. Die Taschenlampe wog schwer in seiner Hand und er richtete sie ins Innere, bevor er sie anknipste. Vor ihm lag die unfertige Eingangshalle des Schlosses. Die Wände waren nackt und die Decke fehlte, aber dennoch kam keine Helligkeit von aussen herein, da die oberen Stockwerke sämtliches Licht abschirmten. Mitzkowski schlüpfte ins Innere. Die Dunkelheit  verschluckte ihn vollständig und er musste sich ein wenig zusammenreißen, da er Nervosität in sich emporsteigen fühlte. Er leuchtete nach oben und sah nochmals die nackten Mauern und Balken. Staubteilchen regneten auf ihn herab, wohl aufgewirbelt durch den Luftzug den er beim Eintreten erzeugt hatte.

6

Mitzkowski ging einige vorsichtige Schritte vorwärts. Der Boden war mit Schmutz und Mauerwerk übersät. Links und rechts gähnten rechteckige Türöffnungen, hinter denen sich ganze Fluchten von Räumen lagen. Aber Mitzkowski beachtete sie nur kurz im Vorbeigehen. Was ihn anzog war eine breite Öffnung an der Rückwand, hinter der eine breite Treppe nach unten führte. Der Kommissar blieb am Beginn der Treppe stehen und richtete den Strahl der Lampe nach unten. Die Stufen waren aus Beton und die Wände ebenfalls - ein Rohbau. An der Decke liefen uralte, verrottete Kabel in die Tiefe. Wenn hier drinnen irgend etwas Interessantes zu finden war, dann wahrscheinlich dort unten. Mitzkowski entschied sich, hinabzusteigen.

Braun Grau und Schwarz waren die einzigen Farben, die hier unten zu existieren schienen. Alles wirkte unfertig und mitten während der Bauarbeiten abgebrochen. Die Treppe war weit geschwungen und offen und Mitzkowski musste an eine der großen Freitreppen denken, wie man sie in Kinopalästen vorfindet. Dies hier war kein Kino, aber es war mit Sicherheit auch keine simple Kellertreppe. Die Stufen endeten völlig unerwartet an einer Betonwand, die den Weg versperrte. Das Hindernis machte nicht den Eindruck machte, als sei es Bestandteil des ursprünglichen Plans gewesen. Eine massive eiserne Türe war in die Wand eingelassen, durch horizontale Streben in mehrere Abschnitte unterteilt. Ein Schloss war nicht zu entdecken, wohl aber Löcher, die wohl  für Vorhängeschlösser vorgesehen waren. Zwei grosse drehbare Hebel verriegelten die Türe von aussen.

Der Hebel fühlten sich kalt und schwer an. Mitzkowski drehte ihn, was weniger Kraft kostete, als er vermutet hatte. Nachdem er den zweiten Riegel betätigt hatte, liess sich die schwere Türe ohne zu quietschen nach aussen schwenken. Diese Türe war besser in Schuss, als zu erwarten war, was nichts Gutes bedeuten konnte. 

Hinter der Türe gähnte ein großer Raum, dessen gegenüberliegendes Ende der Strahl der Taschenlampe nicht erreichte. Dumpfe Luft schlug ihm entgegen. Mitzkowski zögerte, über die Schwelle zu treten. Der nackte Betonboden war schmutzig und feucht. Als er es dann doch tat erzeugten seine Schritte hallende Echos. So wie sie sich anhörten,  musste der Raum sehr gross sein. Er leuchtete nach oben. Die Decke befand sich in etwa 10 Metern Höhe und war kuppelförmig gewölbt. Als Mitzkowski kurz stehenblieb glaubte er, ein Geräusch zu hören. Das Echo war kaum wahrnehmbar, aber es klang wie ein Schlag von Stein gegen Stein. Vielleicht war aufgrund seines Eindringens ein Stück Mauerwerk herunterfallen.

Mitzkowski leuchtete mit der Taschenlampe im Kreis. Mannsdicke dunkelblaue Marmorsäulen tauchten auf, die sich kreisförmig nach links und rechts erstreckten. Hakenkreuze und Reichsadler in Schwarz und Gold schmückten sie. Ein bizarrer Luxus angesichts des nackten Betons aus dem die Anlage sonst bestand. Offenbar das Einzige, was hier vollendet worden war. Typisch 3. Reich..

Er wandte sich wieder in die entgegengesetzte Richtung. Lange wollte er sich hier nicht mehr aufhalten, nur noch soweit weitergehen, bis er das andere Ende des Saales sehen konnte. Anhand der Deckenwölbung und der Säulen konnte er sich einigermassen orientieren.
Als er ungefähr 30 Schritte vom Eingang weg war, stiess er auf etwas, das wie ein Wasserbecken aussah, das in der Mitte des Saales im Boden eingelassen war. Kreisrund,  mit einem Durchmesser von ungefähr 5 Metern und eingefaßt in  blauen Marmor. Überraschenderweise war es mit klarem Wasser gefüllt. Der Strahl der Taschenlampe zeichnete eine leuchtende Spur durch das Wasser. Er ging an der Einfassung in die Hocke und streckte eine Hand nach dem Nass aus.

"Ich würde lieber nicht daraus trinken!" ertönte die Stimme Stillers hinter ihm.
Mitzkowski drehte sich erschrocken um und wollte sich aufrichten, liess es aber vorsichtshalber bleiben. Stillers stand in der Stahltüre und hatte eine starke Stablampe in der Hand. Das Licht erleuchtete nur die unmittelbare Umgebung wo er stand, so daß es aussah, als sei er aus dem Nichts aufgetaucht.

"Nun haben Sie doch noch etwas über Projekt Jungbrunnen herausbekommen." Stiller klang etwas ironisch. 
"Ich weiss nicht, wovon Sie reden." Mitzkowski versuchte in eine bequemere Position zu kommen, was nicht einfach war, wollte er Stiller nicht provozieren.
"Der Begriff Karotechia sagt Ihnen auch nichts?"
Mitzkowski schaute den Berliner Hauptkommissar nur an.
"Na, dann will ich Sie mal aufklären. Es begann im Jahr 1940."
"Die Karotechia war eine Forschungsinstitution der Nationalsozialisten, die sich mit okkulten Mythen beschäftigte. In Jahr 1940 beschlagnahmten sie das Schloss. Die letzte noch darin wohnende Gräfin, wurde mit einer lächerlichen Summe entschädigt und musste ausziehen. Und dann begannen die, das Schloss radikal umzubauen. Strengste Geheimhaltung wurde auferlegt. Aber einige Parteigrößen kamen damals nach Baunaburg um die Baustelle zu besichtigen."
Mitzkowski war sich nicht sicher, ob Stillers Stimme bewundernd oder neutral klang."Aha." war alles, was ihm dazu einfiel.
"Die Karotechia hatte hier etwas gefunden, was für die Führungsschicht des Reichs von enormer Wichtigkeit war. Jenseits der etablierten Wissenschaft. Die Legende vom Jungbrunnen." Stiller, der gerade noch völlig überheblich gewesen war, wirkte nun etwas verlegen, als ob er nach den richtigen Worten suchte. "Es gibt ihn, oder zumindest so etwas ähnliches. Die Experimente.."
"Experimente?" Mitskowski wurde auf einmal hellhörig.
"Ja, an Teilen der Bevölkerung. Die Anfänge waren vielversprechend.  Ein luxuriöses - nennen wir es - Kurhaus für die Nazi-Elite sollte entstehen. Aber zwei Jahre später, 1942, wurden die Bauarbeiten über Nacht eingestellt. Das Gelände wurde abgesperrt und seitdem wurde nichts mehr daran geändert. Die Gräfin war bereits 110 Jahre alt, als sie hier vertrieben wurde. Na, fällt der Groschen?"

Die Leute auf den Bildern..
"Und nun werden Sie mich erschießen wie das Lehrerehepaar?"
Stiller verzog die Lippen zu einem gequälten Lächeln und setzte zu einer Antwort an, aber Mitzkowski wollte es nicht darauf ankommen lassen wie sie lauten würde. Es kostete nur eine Fingerbewegung, seine Taschenlampe auszuschalten. Gleichzeitig versuchte er so schnell wie möglich, aus der Schusslinie wegzukommen. Aber Stiller schoß nicht.

Der Kommissar hatte sich die Richtung des Ausgangs gemerkt und rannte mit einer Hand an der Wand des unterirdischen Palastes entlang, in der Hoffnung, daß die Säulen ihm etwas Deckung geben würden. Er rechnete jeden Moment damit, daß die Taschenlampe Stillers aufleuchten würde und er auf ihn schießen würde. Tatsächlich schaltete Stiller seine Lampe an und funzelte im Saal herum, aber der Lichtkegel fand Mitzkowski nicht. Das Echo machte es unmöglich, seine Position nach Gehör zu orten. Mitzkowski fand den Ausgang, stolperte über die Schwelle und hastete die Treppe hinauf. Er rannte gegen die Wand und erinnerte sich, daß die Treppe im Kreis verlief. Er fluchte innerlich, als im einfiel, daß er die Stahltüre hinter sich hätte verriegeln können. Sollte er das schnell noch versuchen? Als er sich von der Wand löste verlor er die Orientierung. Zu viel Zeit war verloren. Er musste seine Lampe wieder einschalten.  Dann rannte er die Treppe hoch.

7

Die Eingangstüre des Schlosses stand halb offen und vom Nachthimmel fiel etwas Licht herein. Von Stiller war nichts zu hören aber Mitzkowski war sich sicher, daß er jeden Moment auftauchen würde. Dieser Mensch konnte sich trotz seines muskulösen Körperbaus fast lautlos bewegen, wie er in dem Saal erfahren hatte.

Als er die Türe erreichte splitterte plötzlich die Wand neben seinem Kopf, gefolgt vom trockenen Krachen eines Schusses. Mitzkowski ging im toten Winkel neben der Türe in Deckung. Im Hintergrund kam Stiller nun die Treppe hoch.
"Mitzkowski warten Sie!"
"Sind das Ihre Leute, dort draussen?"
Der Berliner kam auf Mitzkowski zu. Der Mann war nicht im geringsten ausser Atem, ganz im Gegenteil zu Mitzkowski.
"Meinen Sie, ich hätte Ihnen die ganze Geschichte erzählt, wenn ich Sie umbringen wollte? Das da draussen sind nicht meine Leute. Vermutlich ist es Ihr Hotelier und ein paar Männer aus dem Dorf."
Mitzkowski spähte vorsichtig aus der Türe heraus, konnte aber in der Dunkelheit draussen die Angreifer nicht erkennen. Wenn Stiller die Falle nicht gestellt hatte wie er behauptete, wieso wusste er davon?
"Was für eine Rolle spielen Sie hier?"
"Schadensbegrenzung. Im Moment sitze ich genauso in der Falle wie Sie. Ich schlage Ihnen vor, daß wir zusammen zusehen, daß wir hier rauskommen. Den Rest erkläre ich Ihnen nachher."
"Gibt es einen anderen Ausgang?"
"Wir können versuchen, an der Rückseite herauszuklettern."
Mitzkowski erinnerte sich, was er bei seinem Spaziergang gesehen hatte. "Dort geht es mindestens 25 Meter senkrecht runter."
"Eben."

Stiller wandte sich von dem Portal ab und bewegte sich zum rückwärtigen Teil des Raumes. Mitzkowski wollte es nicht darauf ankommen lassen, sich noch einmal in der Türe blicken zu lassen und folgte ihm vorsichtig.
Auf der Vorderseite waren die Fenster des Parterres zugemauert gewesen, aber auf der Rückseite hatte man sich die Mühe nicht gemacht. Die bogenförmigen Öffnungen der grossen Fenster wirkten gegen das Mondlicht von draussen wie von Scheinwerfern angestrahlt. Mitzkowski lehnte sich über eine der baufälligen Öffnungen blickte sich um. Unter ihm war nur die dunkle Masse der Wipfel der Bäume zu sehen. Das Mauerwerk unter dem Fenster und der Felsen sahen verwittert genug aus, um daran hinabklettern zu können.

Stiller versuchte es als erster. Mit beiden Händen hielt er sich zuerst an der Fensterbank fest, bis seine Füße Halt fanden. Dann verschwand er nach unten. Mitzkowski tat es ihm nach. Ein kühler Wind pfiff um seine Ohren und die Felsen fühlten sich klamm an. Der Mantel behinderte ihn dadurch, daß er nicht sehen konnte, wo er seine Füße hinstellte, aber bald stellte fest, daß wenn er es vermied, nach unten zu schauen, es besser ging. Die Wand war nicht wirklich senkrecht zu nennen, aber er betete trotzdem, daß er heil unten ankommen würde.

Er mochte einige Minuten geklettert sein ohne zu wissen, wie weit, als er unter sich Stiller hörte "Da ist ein Pfad!"
Mitzkowski blickte nach unten und sah genau unter sich einen schmalen Pfad entlang gehen. Er schätzte die Höhe ab, liess sich fallen und landete exakt neben Stiller. Nach wenigen Metern verschluckte sie der Laubwald.

"Sie haben mir immer noch nicht erklärt, was hier eigentlich genau vor sich geht!"
Keine Antwort. Er konnte die Gestalt vor sich nur als schwarzen Schatten wahrnehmen, die sich von Baum zu Baum voran tastete, während er versuchte, den Anschluß nicht zu verlieren..
"Stiller!"
"Leise!"
"Sie sind mir eine Erklärung schuldig!"
"Ich habe doch gesagt, wenn wir in Sicherheit sind!"
"Ich gehe nicht weiter, wenn Sie mir nicht erklären, was hier eigentlich vorgeht. Ich stolpere mit Ihnen hier herum und.."
"Na schön, wenn Sie es unbedingt wissen wollen!" Der Hauptkommissar war stehengeblieben und hatte sich zu Mitzkowski umgedreht. Er wartete noch, bis er vor ihm stand. Mitzkowski fiel zum ersten Male auf, daß der Fluss in der Nähe war - er konnte das Gurgeln des Wassers hören. Sie mussten so gut wie unten sein. Und wieder kam die Wut über die Art des Berliners hoch.

"Es geht um dieses Becken. Wissen Sie, wie tief es ist? Niemand weiss, was in ihm ist. Sie haben doch Ihre Hand hineingetaucht, haben Sie nichts gespürt?"
Mitzkowski konnte sich nicht erinnern, das Wasser berührt zu haben. Der Inhalt des Beckens hatte völlig harmlos ausgesehen - wie klares Wasser. Befanden sich Chemikalien darin, oder gar Medikamente? Wer war er vor ihm in das Schloß gegangen? Und dann war da noch die wichtigste Frage. Er versuchte, seine Hand zu erkennen, ob irgendetwas damit war, was aber wegen der Dunkelheit unmöglich war.
"Laut der Sage muss man daraus trinken. Aber allein wenn Sie damit in Berührung gekommen wären.."
"Wäre ich unsterblich geworden?" Mitzkowski lachte ironisch.
"Vielleicht. Vielleicht aber auch zu etwas anderes, das Sie nicht möchten. Das ist das Problem dabei."

Was Stiller damit meinte, verstand Mitzkowski nicht, aber er fragte nicht mehr weiter, denn sein Gehirn hatte zu arbeiten begonnen. Dieser Ort, der in Vergessenheit geraten zu sein schien. Der Jungbrunnen der nordischen Mythologie, aus dem die Götter regelmäßig trinken mussten um jung zu bleiben bis zum Weltuntergang. Und seit unzähligen Jahren wurde das Geheimnis von den Einheimischen gehütet. Bis diese Lehrer hier auftauchten und herumschnüffelten. Aber wenn Stiller hier offiziell unterwegs war, musste man auch "oben" davon wissen. Wie hatte er seine Aufgabe ausgedrückt? "Schadensbegrenzung".

8

Sie waren auf dem gleichen Weg herausgekommen, den Mitzkowski bereits auf dem Hinaufweg gegangen war. Stiller hatte von sich aus die Richtung zu dem Parkplatz eingeschlagen, wo Mitkowkis Wanderung ihren Anfang genommen hatte.
"Warum haben Sie mich nicht getötet wie die Lehrerin?"

"Ich habe die Lehrerin nicht getötet."

"Sie wissen es aber trotzdem, oder?"

"Ich kann Ihnen den Namen nicht sagen. Aber es niemand von uns, falls Sie das beruhigt."

"Und ich, was macht Sie sicher, daß ich nicht die ganze Sache ausplaudere?"

Stiller blieb stehen und drehte sich zu Mitzkowski um.
"Weil Sie jetzt dazugehören. Außerdem, sind Sie sicher, daß man Ihnen glauben würde?"

"Nicht mehr oder weniger als den Schimmelhefts.."

"Mann, seien Sie doch froh, daß ich Sie da rausgeholt habe." Ärgerlich drehte sich Stiller wieder um und setzte den Marsch fort.
"Es war eine Falle der Dorfbewohner, nicht wahr?" bohrte Mitzkowski weiter.

Stiller zögerte ein wenig mit der Antwort.
"Ja. Aber jetzt Schluß damit. Ich erkläre Ihnen alles, wenn wir in Berlin sind."

Mitzkowski wollte protestieren, daß Stiller einfach so das Reiseziel änderte, aber dann fügte er sich.

Sie waren immer noch vorsichtig gegangen, bemüht, keinen Lärm zu machen und der Wald gab ihnen Sichtschutz. Leichter Nebel lag über dem Fluss und streckte seine Finger über das Ufer aus. Als die beiden Männer die Holzbrücke erreichten, war es Mitzkowski, der zuerst etwas bemerkte. Hinter dem Vorhang, den die Weiden am Flussufer bildeten, bewegte sich etwas im Wasser. Leider hatte er nicht mehr als einen Schatten erkennen können. Stiller hatte sein Stocken bemerkt und sah zuerst ihn und dann den Platz vor ihnen mit zusammengekniffenen Augen an.

Mitzkowski sagte sich, daß seine überstrapazierten Nerven ihm etwas vorgespielt hatten und machte Anstalten, über die Brücke zu gehen, als Stiller ihn am Mantel zurückhielt und den Vortritt übernahm. Er hatte plötzlich seine Waffe gezogen.

Der Kies knirschte unter den Schritten der beiden Männer, als sie nebeneinander über den Parkplatz auf Mitzkowskis Fahrzeug zugingen. Stiller stellte sich auf der Beifahrerseite mit dem Rücken zur Tür und Mitzkowski holte auf der Fahrerseite die Schlüssel aus seinem inzwischen ziemlich ramponierten Mantel hervor. Er bückte sich gerade leicht, um die Türe aufzusperren, als etwas seine Beine unter ihm wegzog. Mitzkowski fiel unsanft auf die linke Seite und spürte, wie etwas um sein rechtes Bein gewickelt war und ihn zum Wasser zerrte. Er drehte sich auf dem Rücken und versuchte sich aufzusetzen, was aber nicht gelang. Der Schmerz in seiner Seite wurde schnell überboten von einem brennenden Schmerz in seinen Beinen, wo sich das Seil, oder was immer das war, herumgewickelt hatte, Er war so überrascht, daß er nicht einmal dazu kam um Hilfe zu rufen.

Direkt neben ihm krachte Stillers Waffe, einmal, zweimal, dreimal und dann immer wieder, bis wohl das ganze Magazin verschossen war. Worauf, konnte Mitzkowski nicht sehen, nur das Mündungsfeuer, das auf das Ufer gerichtet war. Plötzlich löste sich der Zug um Mitzkowskis Bein und gab ihn frei. Er zog die Beine an und blieb erst einmal liegen. Stiller stand breitbeinig zwischen ihm und dem Ufer und hatte die Pistole immer noch auf das Wasser gerichtet.

"Können Sie aufstehen?" fragte er ohne sich umzuwenden.
Mitzkowskis Hose war völlig zerfetzt und alles darunter rot von Blut. Stiller ging rückwärts an den am Boden Liegenden vorbei, wuchtete Mitzkowski hoch und dirigierte ihn humpelnd um die Frontseite des Wagens herum, wobei der Verletzte sich mit den Händen auf Dach und Kühlerhaube abstützte. Das Bein brannte wie Feuer und er war froh, als er sich endlich in den Beifahrersitz fallen lassen konnte.
Stiller nahm den Fahrersitz, startete die Maschine und fuhr schnell los. Die Schlaglöcher liessen den Wagen springen wie ein Mondfahrzeug.
"Was war das?"
"Ihr Lehrer, wahrscheinlich."

9

Das Dröhnen des Automotors war die erste Wahrnehmung, die Mitzkowski hatte, als er wieder zu sich kam. Dies war sein Wagen und er befand sich auf dem Beifahrersitz. Sein rechtes Bein brannte. Draußen war es dunkel. Der Wald raste wie ein Schatten vorbei und die Scheinwerfer erhellten gerade eben so viel Stück Straße, wie notwendig war um die hohe Geschwindigkeit zu halten. Er  brauchte ein paar irritierende Sekunden, um den Fahrer am Lenkrad als Stiller zu erkennen. Schlagartig kam die Erinnerung an die Szene am Fluß. Jemand hatte ein Seil um sein Bein gewickelt und ihn versucht ins Wasser zu ziehen. Stiller hatte auf den Angreifer geschossen. Aber der Angreifer war im Wasser gewesen, wenn er sich nicht getäuscht hatte.

"Was war das für ein Ding?" Stiller schien zuerst so zu tun, als ob er die Frage überhört hätte, so wie er  konzentriert geradeaus auf die Straße starrte, die sie wie ein erleuchteter Tunnel in sich hineinsaugte.

"Ich sagte doch, wahrscheinlich ihr Lehrer, ihr Zeuge, den sie besuchen wollten." Also. Was mit dem Wasser in dem Brunnen ist, wir wissen es nicht. Es hat aber eigenartige Eigenschaften, je nachdem, wer daraus trinkt."

"Sie wollen mir weis machen, dass es ein Jungbrunnen ist?" Mtzkowski fühlte sich noch elender als vorher. Das war doch alles absurd. Jeden Moment würde er den Wagen vollkotzen - wenn er weiter ständig daran dachte, würde es auch sicher passieren.

"Die Leute in Baunaburg glauben es jedenfalls. Fast alle haben davon getrunken."

"Und?"

"Unsterblich wäre vielleicht übertrieben, aber einige leben schon verdammt lange, das kann ich Ihnen sagen." Stiller klang trotzig. Sicher glaubte er auch daran.

Mitzkowski war nicht in der Lage, seinem Gegenüber zu widersprechen. Es war Zeit die Vermutung auszusprechen, die er die ganze Zeit über schon hatte "Aber irgendwas stimmt damit nicht?"

"Ja."

Dieses Frage und Antwort Spiel war quälend. "Los, spucken Sie es schon aus."

Stiller warf einen kurzen Seitenblick auf Mitzkowski.

"Das Wasser hat auch noch andere Auswirkungen. Man kann nie wissen,wie es ausgeht. Sie erinnern sich an die Garagen, wo sie Ihr Auto geparkt hatten?"

Mitzkowski nickte nur.

"Zumindest sind keine Autos drin."

Der Knall gegen die Türe. Er war von innen gewesen. "Ach du Scheiße..."

 "Sie mutieren."

"Oh Gott.." Mitkzkowski schloss die Augen und lehnte seinen Kopf gegen die Fensterscheibe. Die alten Fotos in dem Hotel. Der Verfall überall. Die verlassenen Häuser. Das war doch alles nicht wahr.

"Deshalb soll ja auch niemand mehr von dem Zeugs trinken."

"Die Dorfbewohner passen auf. Die Schimmelhefts.. Sie waren dem Geheimnis auf die Spur gekommen."

Mitzkowski verstand. Aber er verstand nicht, warum sie gleich hatten deswegen sterben müssen. Stiller schien die Frage zu ahnen, die gleich kommen würde.

"Die haben eine Sensation gewittert. Sie hätte nicht da hin versetzt werden dürfen. Es ist ein Fehler unterlaufen."

"Warum macht man die Anlage nicht dicht, sprengt sie in die Luft, schüttet sie mit Beton zu?"

"Höhere Interessen.."

"Schadensbegrenzung.  Bis die  letzten gestorben sind."


© Gerhard Schmeusser 2003, Überarbeitet 2006, 2012