Titel

© Susan Quark 2001.

Die meisten Menschen könnten sich nicht vorstellen, als Beruf einer Tätigkeit nachzugehen, die sich mit Leichen beschäftigt. Es gibt auch kaum eine nüchternere Beschäftigung und so sind wir, die wir dem Tod gewissermassen wissenschaftlich zu Leibe rücken wohl auch ein besonderer Menschenschlag. Als Pathologe und Gerichtsmediziner habe ich im Laufe der Jahre schon die seltsamsten Fälle gesehen. Ganz ehrlich, mein Job ist ekelhaft und manchmal wirklich krank. Wie kann man nur so etwas werden? "Man gewöhnt sich an Alles" pflegen wir auf die Frage zu antworten. Trotzdem werden auch die Routiniertesten manchmal mit Dingen konfrontiert, die sie aus dem Gleichgewicht bringen. So auch mein Kollege Dr. Holt, der die folgende Geschichte leider nicht mehr selbst erzählen kann.

Wasserleichen sind an sich nichts Ungewöhnliches. Da Autopsien heutzutage nur noch entweder auf Wunsch der Hinterbliebenen oder bei unklarer Todesursache gemacht werden, gehören sie sogar zu unseren "Hauptkunden". Denn bei einer Wasserleiche ist immer fraglich, ob sie einfach ertrunken ist oder ein Mörder sein Opfer beseitigen wollte indem er es in den nächstgelegen Fluss warf. Und selbst beim Ertrinken gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten ganz zu schweigen davon, dass der Zeitpunkt und Ort ermittelt werden müssen. Was den Fall, der an diesem Spätherbstabend eingeliefert wurde aber dennoch interessant machte, waren zwei Umstände: erstens war der Mann nicht aus einem natürlichen Gewässer sondern der städtischen Kanalisation gefischt worden und zweitens wies er eine ungewöhnliche Anatomie auf. Die Männer, die ihn aus dem Rohr gezogen hatten, das er verstopft hatte (weswegen er überhaupt gefunden wurde) waren allesamt abgebrühte Kanalarbeiter, die einiges wegstecken konnten, aber der Anblick des Toten hatte selbst unter ihnen eine beträchtliche Unruhe ausgelöst, die ersr von der Betriebsleitung durch einige ernste Ermahnungen gedämpft werden konnte.

An besagtem Abend, als der Tote um 20 Uhr im Gerichtsmedizinischen Institut Wien eingeliefert wurde, war fast nur noch Dr. Holt im Institut anwesend. Holt hätte die Leiche ohne weiteres erst einmal in eines der Kühlfächer legen können um sie sich wie üblich am nächsten Morgen vorzunehmen oder gar einem Kollegen zu überlassen, aber offenbar interessierte ihn der Fall, so dass er trotz der späten Stunde sofort mit der Untersuchung begann.

Über den genauen Verlauf der Sektion, die Holt durchführte, kann man im nachhinein wenig sagen aber wir können davon ausgehen, dass er nach dem üblichen Verfahren vorging, d.h. Öffnen des Körpers, Bergung der innernen Organe, danach Öffnen des Schädels usw. Laut der Rekonstruktion der Vorgänge muss er danach sofort sein Büro gegangen sein und begonnen haben, seinen Bericht zu schreiben. Es musste so gegen 22 Uhr 30 gewesen sein, aber die genaue Uhrzeit kennt niemand, da mein Kollege wie gesagt die letzte lebende Seele war, die sich noch im Institut aufhielt. Wir können davon ausgehen, dass Holt die Sektion zu Ende gebracht hat, da es unwahrscheinlich ist, dass er sonst seinen Bericht begonnen hätte. Wie doch der Zufall so spielt; hätte ich Dienst gehabt, dann wären die folgenden Zeilen vielleicht von mir geschrieben worden:

Männliche Wasserleiche, Alter ca. 20 Jahre, Grösse 186cm, Gewicht ca. 180 Pfund, Einlieferungsdatum siehe oben. Abstammung Kaukasisch wenngleich ungewöhnliche Merkmale s.u.

Bestimmung des Todeszeitpunkts:
Die ausgeprägte Waschhaut an Fingerkuppen und Handtellern, schwächer an den Fussohlen, Oberhaut nicht abstreifbar, keine Fäulnis sowie Rektale Temperatur von 19 Grad Celsius (Umgebungstemperatur) lassen auf einen Todeszeitpunkt von 48 bis 72 Stunden vor der Einlieferung schliessen. Aufgrund der abnorm dicken Haut eher länger. Für Körper die im Wasser liegen typische Abschürfungen an der Front, Fussspitzen, Handrücken, Knien, Stirn, Nase. Nicht vertrocknet, daraus folgt, der Körper lag bereits zum oder unmittelbar nach dem Todeszeitpunkt im Wasser. Haut schuppt ungew. stark ab, evtnl. Schäd. Chemikalien ausgesetzt aber chem. nicht nachweisbar.

Bestimmung der Todesursache:
Weder Schaumpilz in den oberen Atemorganen, noch Rückstände oder Überblähung in den Lungen, keine Erstickungszeichen. Daraus folgt dass kein Tod durch Ertrinken vorliegt.
Sonstiger Befund / Anomalien :
Innere Organe nach Y-Schnitt i. O.
Extrem unterentwickelte Genitalien. Keinerlei(!)Körperbehaarung i.S. von Haarwurzeln nicht vorhanden.
Kutane Syndaktylie an den ersten Finger und Zehengliedern.
Jeweils ca. 10 cm lange und 2 cm tiefe Einschnitte am Musculus trapezius (Operculi / Esophagi ?!?)
Nach Abnahme der Schädelkalotte bef [ hier bricht der Bericht ab ]


Nun, besonders weit mit seinem Bericht kam Dr. Holt nicht. Der letzte Satz bricht einfach ab. Der Pathologe wurde am nächsten Morgen von mir selbst auf dem Boden liegend neben seinem Schreibtisch gefunden. Sie mögen mir nachsehen, wenn ich zwar erstaunt aber nicht sonderlich schockiert darüber war - wie gesagt habe ich täglich mit dem Tod zu tun - und dass der Doktor tot war sah man auf den ersten Blick. In seinem Schädel steckte noch die Knochensäge, mit der er wohl kurz vorher den Toten geöffnet hatte. Und auf dem Bildschirm seines Computers flackerte immer noch der angefangene Bericht. Nun ja, die Polizei kam ins Haus und stellte ihre Ermittlungen an. Holts Leiche wurde natürlich anderswo untersucht - schon der Pietät wegen. Wer der Täter war, konnte nie ermittelt werden. Noch seltsamer ist, dass von der Leiche, die er zuletzt seziert hatte bis heute jede Spur fehlt. Es wurde auch niemand beobachtet, der in das Labor eindrang oder es gar mit einer Leiche wieder verliess. Den Bericht habe ich mir als persönliches Andenken aufgehoben. Soweit die Fakten.

Ich frage mich seitdem des öfteren, was sich so alles in unseren Abwasserkanälen herumtreibt. Beim Anblick von Gullis und Kanaldeckeln befällt mich unwillkürlich ein Schaudern. Rätselhaft ist auch, was mein Kollege in seinem Bericht (verständlicherweise!) nicht so offen schreiben wollte: Kutane Syndaktylie bezeichnet Schwimmhäute und Operculi sind Kiemenklappen...


Redigierte und übersetzte Fassung von Gerhard Schmeusser.


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