Titel
© Gerhard Schmeusser 2000

Mit neu verfasstem Schluss.


Das Begräbnis meines Bruders war eine kurze und nichtsdestoweniger deprimierende Angelegenheit. Als einziger Verwandter und nur zu diesem Zweck angereist, wollte ich die anstehenden Formalitäten so schnell wie möglich hinter mich bringen. Irgendwie seltsam, dachte ich, daß obwohl mein Herr Bruder nun bereits seit vielen Jahren hier lebte niemand sonst zu seiner Beerdigung erschienen war. "Herr Bruder" - daß ich ihn in Gedanken immer so bezeichnete lag wohl daran, daß man sich kaum zwei unterschiedlichere Menschen als uns vorstellen konnte. Ich, der Stadtmensch der voll im Leben stand, er der Einsiedler, der irgendwelchen obskuren Hobbies nachging.
Der Pfarrer und die Sargträger hatten ihre Pflicht getan und sich verlegen, wie es ihre Art ist, mit ein paar gemurmelten Kondolenzen davongemacht.
Und so stand ich da, im durchdringenden Nieselregen, auf einem kleinen Friedhof eines zwischen den Bergen eingeklemmten Gebirgsdorfes, zwischen grauen Steinen und blickte auf den niedrigen Grabhügel, zu dessen Füßen sich kleine Pfützen bildeten.
Plötzlich wurde ich durch eine Berührung an meiner Schulter aufgeschreckt. Ein in grauen Anzug und Regenmantel gekleideter, kummervoll dreinblickender Herr mit einem noch trauriger aussehenden schwarzen Regenschirm stand hinter mir und blickte mich aus wässrigen, nichtsdestotrotz intelligenten Augen an.
Er stellte sich vor als derjenige vom örtlichen Bestattungsamt, mit dem ich bereits mehrere Telefongespräche geführt hatte. Er war es, der mir die traurige Nachricht mitgeteilt hatte, daß man meinen Bruder tot im Wald in der Nähe seines Hauses gefunden hatte und der auch die Formalitäten in meiner Abwesendheit geregelt hatte. Er entschuldigte sich dafür, daß er zu spät gekommen sei, was ihm angesichts des Umstands, daß ich der einzige Trauergast war, etwas peinlich zu sein schien. Ich tröstete ihn, indem ich erklärte daß unser Verwandtenkreis nur noch aus wenigen Personen bestünde und ich der einzige Verwandte meines Bruders sei, dem die lange Anreise noch zuzumuten war.

Ehrlich gesagt, sonderlich traurig war ich über das Ableben meines einzigen Bruders eigentlich gar nicht. Wir hatten uns nie besonders nahe gestanden und seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Das Letzte was ich von ihm gehört hatte war, daß er sich nach dem Tod unserer Eltern in die Berge zurückgezogen hatte. Seitdem hatte ich keinerlei Nachricht mehr vom ihm gehört, ja nicht einmal seine Anschrift hatte er mir zurückgelassen. Er war damals bereits ein todkranker Mann und vielleicht hatte er das Bedürfnis verspürt sich auf seine letzten Tage zurückzuziehen.
All dies ging mir durch den Kopf, als ich dem Bestattungsbeamten zu seinem Büro durch den Regen hinterherstapfte um die Angelegenheiten noch zu regeln, bevor ich mein Erbe antreten konnte.

Nachdem ich unzählige Unterschriften geleistet hatte und im Austausch dafür einen Stapel Urkunden und Bescheinigungen sowie den Schlüssel zum Haus meines Bruders erhalten hatte, setzte ich mich in meinen Wagen und verglich die Skizze, die mir der Beamte mitgegeben hatte mit meiner Landkarte. Das Haus war offenbar in einiger Höhe an der Flanke eines Berges errichtet. Noch weiter oben befand sich eine Art Hochmoor, das den Sattel zwischen zwei Gipfeln einnahm. Obwohl eine Straße eingezeichnet war, mußte es doch ziemlich von der Welt abgeschnitten sein, zumal die Straße extra für dieses Haus gebaut worden sein mußte. Nachdem was mir der Beamte erzählt hatte, mußte es sich um ein durchaus stattliches Anwesen handeln. Nun ja, mein Bruder hatte schon immer eine Vorliebe für Ausgefallenes und zu groß Geratenes gehabt.

Die Scheiben meines Wagens waren beschlagen und ich konnte kaum die Häuser des Ortes erkennen, als ich die Straße suchte, die zum Haus meines Bruders führte. Schon bald kam ich aus der Ortschaft heraus und bog dann in ein enges Tal ab, das im gleichen Maße wie die umgebenden Berge langsam anstieg. Ab und an überquerte die Straße einen infolge des Dauerregens beängstigend angeschwollenen Fluß. Bei schönem Wetter wäre die Gegend sicher reizvoll um nicht zu sagen romantisch gewesen, aber unter diesen Umständen erweckten die Nebelschleier, welche die dicht bewaldeten Talseiten bedeckten sowie das graue diffuse Licht einen eher mystischen Eindruck. Am Ende des Tales, das wußte ich, lag eine kleine Ortschaft, in der die Straße endete. Ich würde aber schon vorher abbiegen. Ich fuhr langsam um die Abzweigung nicht zu übersehen; zum Glück gab es kaum Verwechslungsmöglichkeiten. Das Prasseln des Regens auf meinem Wagendach übertönte das Knirschen des Kieses, als ich in den Privatweg einbog. Kurve für Kurve wand sich der steile Weg, der so mit Schlaglöchern übersät war, daß ich Angst um die Achsen hatte nach oben. Ich stellte mir die Frage, wie wohl mein Bruder den Weg ins Tal zurückgelegt hatte - schließlich mußte auch der ärgste Einsiedler hin und wieder in die Zivilisation zurückkehren. Sicher kannte er jeden Stein und Baum dieser Gegend. Aber was hatte meinen Bruder in jener Nacht dazu getrieben, ohne Licht und angemessener Kleidung sich auf diesem Berg herumzutreiben? Wie konnte es passieren, daß er, der die Gegend doch kennen mußte, über einen Steilhang stürzte und dabei zu Tode kam? Die polizeiliche Untersuchung brachte jedenfalls keinen Aufschluß. Da alles auf einen Unfall hindeutete, beließ man es bei dieser Erklärung, froh darüber, den Fall zu den Akten legen zu können.

Mit heulendem Motor wuchtete sich mein Fahrzeug mühsam um eine besonders steile Kurve. Und da stand das Haus vor mir. Ich hatte die übliche Bauweise für diese Gegend erwartet: ein gemauertes Erdgeschoß mit einer daraufgesetzten Holzkonstruktion, dazu ein tief heruntergezogenes Dach. Das Gebäude vor mir bestand dagegen aus massivem grauen Stein, die Ecken wie Pfeiler verstärkt, mit hohen, unterteilten Fenstern und einem Dach, das geradezu aufgesetzt wirkte. Warum konnte mein Herr Bruder nie etwas Normales machen, dachte ich verägert - jedenfalls würde es schwierig werden, dieses Haus zu verkaufen. Die Möglichkeit, daß ich es behalten könnte kam mir gar nicht erst in den Sinn.

Ich stellte den Motor ab und stieg aus. Auf dem Vorplatz machte sich schon seit längerem Unkraut breit. Es war schwer erkennbar, wo das Grundstück aufhörte und der Wald begann, da die Bäume bis fast vor die Haustüre reichten. Wie das Haus so dastand, inmitten der Bäume und des Dunstes hätte man glauben können, es wäre gerade vom Himmel gefallen. Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, wie das Ganze wohl an einem schönen Sommertag gewirkt hätte. Aber wahrscheinlich hätte es dann genau so trist und verlassen ausgesehen wie heute - nur heller.

Wie ich inzwischen wußte, hatte mein Bruder das Haus überstürzt verlassen ohne die Türe abzuschließen. Was ich ebenfalls wußte war, daß die Polizei sich hier bereits umgesehen hatte, jedoch nichts gefunden hatte. Ich hoffte, daß die Beamten dabei einigermaßen rücksichtsvoll mit der Einrichtung umgegangen waren. Ich holte die Hausschlüssel hervor und sperrte auf. Hinter der Eingangstüre gähnte mir ein düsterer, muffig riechender Hausflur entgegen, dessen Decke von einem antiquierten Leuchter aus Hirschgeweihen eingenommen wurde. Als ich am Lichtschalter drehte passierte nichts - vielleicht hatte man inzwischen den Strom abgestellt.

Bevor ich mein Gepäck aus dem Wagen holte, wollte ich mich zuerst einmal umsehen. Mein Plan war, hier die Nacht zu verbringen, die Sachen meines Bruders zu durchstöbern und am nächsten Morgen heimzufahren. Natürlich hätte ich mir auch ein Zimmer in einem Gasthof suchen können, aber wenn ich schon ein Haus erbte, so sagte ich mir, könne ich es auch nutzen. Zudem mißfiel mir der Gedanke, bei der einbrechenden Dunkelheit und dem schlechten Wetter nochmals ins Tal hinab zu fahren. Die Diele im Erdgeschoß führte in eine erschreckend unordentliche Küche - wie es aussah, mußte sich mein Bruder hauptsächlich aus Dosen ernährt haben - sowie einem geräumigen Wohnzimmer, das eigentlich ganz wohnlich hätte sein können wenn es vernünftig eingerichtet gewesen wäre. Mit den wenigen, zusammengewürfelten Möbelstücken, machte es jedoch den Eindruck, als sei es so gut wie nie genutzt worden. Die Leere und Stille in dem Haus hatte etwas Beunruhigendes. Als Stadtmensch war ich es gewohnt, ständig von Geräuschen umgeben zu sein, auch wenn ich diese nur unbewußt wahrnahm. Hier dagegen war jede Bewegung, das Hallen der Schritte auf dem Steinboden der Diele, das Öffnen der Wohnzimmertüre oder das Ablegen eines Gegenstandes eine Ruhestörung. Da es langsam immer dunkler wurde, sah ich es als meine dringendste Aufgabe an, das Licht wieder in Ordnung zu bringen. Im hinteren Teil der Diele führte ein kleiner, lichtloser Gang zu einem Hinterausgang. Hier fand ich den Sicherungskasten. Wie ich zu meinem Verdruß feststellte, waren die Sicherungen völlig intakt, also mußte die Stromleitung unterbrochen sein. Ich mußte mir eine andere Lichtquelle suchen, wenn ich nicht im Dunkeln sitzen wollte.

Als ich bereits nahe daran war, mein Unternehmen abzubrechen und zurückzufahren, wurde ich in der Vorratskammer neben der Küche fündig. Zwischen Weinflaschen und einem Stapel Dosen, die meine Vermutung über die Ernährungsgewohnheiten meines Bruders bestätigten, fand ich eine noch ungeöffnete Packung Haushaltskerzen sowie Streichhölzer. Nachdem ich eine leere Flasche zu einem provisorischen Kerzenhalter umfunktioniert hatte, machte ich mich daran, das Obergeschoß zu inspizieren.

Wie es aussah, schienen die oberen Räume weitaus mehr genutzt worden zu sein. Hier befand sich neben dem Schlafraum und dem Bad auch noch ein Studierzimmer. Das Schlafzimmer war sehr einfach eingerichtet. Ein Stuhl, ein Bett. Auf dem Nachttisch daneben lagen Unmengen nutzlos gewordener Medikamente. Obwohl das Bett bequemer gewesen wäre als in einem Sessel zu schlafen, scheute ich davor zurück, es zu benutzen. Es war ungemacht Ich konnte das Gefühl nicht unterdrücken, hier nichts zu suchen zu haben, so als wäre der Privatbereich meines Bruders heilig. Gleichzeitig spürte ich hier zum ersten Mal Bedauern über seinen Tod und daß wir es versäumt hatten uns zu Lebzeiten auszusöhnen.

Den besten Eindruck machte dasjenige Zimmer im Obergeschoß, das als Studierzimmer gedient hatte. Nicht nur, daß es die besten Möbel enthielt, eine Sitzgruppe vor einem echten Kamin, Bücherregale, einige Bilder- dieser Raum verlieh dem Haus wieder etwas Wohnliches. Zum ersten Mal fiel mir auf, daß bis auf diesen Raum an den Wänden im ganzen Haus keinerlei Bilder aufgehängt waren. Man hätte meinen können, daß mein Bruder mit anderen Dingen so beschäftigt war, daß er keine Zeit dafür verschwendete, sein Haus auszuschmücken. Außerdem war er ein Mensch gewesen, der Äußerlichkeiten stets verachtet hatte. Auf dem Schreibtisch, der gegenüber dem Kamin aufgestellt war, und vor dem ein wahrscheinlich kostbarer arabischer Teppich ausgebreitet war, befand sich ein Durcheinander von Gegenständen, Papieren, Briefen, Zeitschriften und Büchern. Dabei schien es sich auf den ersten Blick nicht um Unterhaltungsliteratur, sondern eher um Nachschlagewerke und Fachbücher zu handeln. Dies war um so bemerkenswerter als mein Bruder eigentlich keinen wissenschaftlichen Hintergrund hatte, ja man konnte sogar sagen, daß er stets verächtlich auf Gelehrsamkeit herabgeblickt hatte. Nun ja, die Menschen ändern sich.
Wenn ich sagte, daß dieser Raum einen positiven Eindruck machte, dann gilt dies nur solange, bis ich die in einer Ecke stehende Steinbüste bemerkte, die aufgrund der Dunkelheit bisher verborgen war. Noch heute läuft es mir kalt den Rücken hinunter, wenn ich an diesen Moment denke. Der Begriff Büste ist vielleicht übertrieben, Steinkopf wäre die treffender Bezeichnung für jenes deformierte Gesicht gewesen, das von einem Ring langer gebogener Hörner (zumindest hielt ich es für Hörner) umgeben war. Ihr Mund oder vielmehr Maul stand wie zu einem Schrei offen und war rundum mit Zähnen gespickt, die wie Stecknadeln aussahen. Angewidert betrachtete ich ihn genauer. Etwas Lauerndes lag in den Augen des heidnischen Kopfes, der obzwar durchaus kunstvoll gemacht, eigenartig pervers war. Woher mochte mein Bruder dieses Ding haben? Das unstetige und schwache Licht meiner Kerze verlieh dem Ausdruck eine zusätzliche dämonische Qualität. Aufgrund der Bruchränder am Hals schloß ich, daß der Kopf Teil einer größeren Statue gewesen sein mußte. Interessant war außerdem, daß er bis vor kurzem noch in der Erde gelegen haben mußte, denn ich entdeckte Reste davon in den Fugen. Vielleicht gehörte der Kopf zu den Forschungen meines Bruders - wertvoll war er sicherlich nicht.
Ich beschloß, meine Sachen zu holen.

Wie ich mit meiner tropfenden Kerze durch die Diele tappte, nahm ich mir ganz fest vor, morgen in aller Frühe abzureisen und das Haus in die Hände irgendeines Maklers zu geben, der damit machen sollte was er wollte. Wieder im Freien, mußte ich feststellen, daß der Regen immer noch anhielt, wenngleich er schwächer geworden war. Ein leichter Wind blies mir Tröpfchen ins Gesicht, als ich mit meiner Reisetasche zurückstapfte. Vielleicht war das Haus doch nicht so schlecht, dachte ich mir, als ich die Treppe zum Studierzimmer hochging um mich dort einzunisten.

Nachdem es mir gelungen war, im Kamin ein Feuer zu entfachen, begann es sogar gemütlich zu werden; um so mehr nachdem ich in einer der Vitrinen eine kleine Bar entdeckt hatte. Wahrscheinlich hätte mein Bruder aufgrund seiner Krankheit überhaupt keinen Alkohol zu sich nehmen dürfen, aber andererseits hatte ihn dies jedenfalls nicht umgebracht. Draußen war es nun stockfinster und der Regen schien von einem böigen Wind abgelöst worden zu sein, der neue Wolken herbeibrachte. Mit einem Glas in der einen, einen Leuchter in der anderen Hand begutachtete ich die Buchtitel in den Regalen, die den Raum zur Hälfte umgaben. Seltsame Titel prangten mir entgegen: Necrolatrie von einem gewissen Ivor Gorstad gebunden in dickes, schwarzes Leder. Von Junzt Unaussprechliche Kulte zerschlissen und ausgebleicht. Graf Kronnenbergs Frühgeschichtliche Kulte, ein vergleichsweise jüngeres Werk, wenngleich auch schon über hundert Jahre alt. Der König in Gelb in einer anonymen Taschenbuchausgabe. Von letzterem hatte ich schon einmal gehört, konnte mich aber nicht mehr genau erinnern. Der Assoziation haftete jedoch etwas Beunruhigendes an. Womit zum Teufel hatte sich mein Bruder in den letzten Jahren beschäftigt? Ich stellte noch ein paar Kerzen auf und setzte mich an den Schreibtisch um die Papiere zu durchforsten, die sich darauf stapelten. Bald war ich in Lesen vertieft.

Ich brauchte eigentlich gar nicht lange um zumindest eine grobe Vorstellung von den Studien meines Bruders zu bekommen. Offenbar hatte er sich hauptsächlich mit Archäologie, Anthropologie und Geschichte beschäftigt, wobei sein Interesse der näheren Umgebung galt und in eine eindeutig okkultistische Richtung ging, die auf mich sehr ausgefallen wirkte. Was mich ein wenig wunderte war, daß seine Nachforschungen sich in eine Ecke bewegt hatten, die sich mit Überresten heidnischen Brauchtums sowie vorchristlicher Religion beschäftigte. Seine Fremdsprachenkenntnisse, die er sich selber beigebracht hatte, waren schon immer erstaunlich gewesen - daß er jedoch Briefwechsel mit Fachleuten auf der ganzen Welt führte hätte ich nicht für möglich gehalten.
Das Hochmoor über dem Haus schien in der Sagenwelt der Einheimischen eine herausragende Rolle zu spielen. So existierten nicht nur die üblichen Geistergeschichten, welche Großmütter an langen Winterabenden am Herdfeuer erzählen, sondern auch handfestes Brauchtum, das damit in Zusammenhang stand. So zum Beispiel in der Neujahrsnacht, wenn die jungen Burschen in Fellen und Masken gehüllt den Berg hinauf zogen um dort oben ein großes Feuer zu entzünden. Diese Bräuche und Überlieferungen ließen sich bis in die Zeit der ersten Siedler jener Gegend zurückverfolgen, welche einer heidnischen Religion keltischen Ursprungs anhingen, bis um das Jahr 1000 die ersten christlichen Missionare sich in diese Gegend wagten. Aus den Aufzeichnungen meines Bruders ging hervor, daß er dort oben archäologische Überreste alter Kultstätten vermutete. Unter den Papieren befand sich auch eine Landkarte großen Maßstabs, auf der handschriftliche Markierungen diejenigen Regionen auswiesen, die mein Bruder für besonders interessant hielt beziehungsweise bereits inspiziert hatte. Je mehr ich in seine Welt eindrang, desto sicherer war ich, daß er hinter irgend etwas her gewesen sein mußte, das in Zusammenhang mit seiner Krankheit stand, und von dem er sich wenn nicht Heilung, so doch Linderung versprach.
So verbrachte ich den Abend indem ich versuchte, hinter den Zweck der Studien meines Bruder zu kommen, nur hin und wieder aufgestört durch den Steinkopf, der mich quer über das Zimmer anstarrte und sich zu amüsieren schien wie eine Spinne, der ein besonders fettes Opfer in ihr Netz gegangen war.

Inzwischen war ein sichelförmiger Mond über den Bäumen aufgegangen, der ab und zu hinter den Wolkenfetzen hervorkam. Ich öffnete eines der Fenster, um etwas frische Luft hereinzulassen. Die Nachtluft war angenehm kühl und man konnte den Wald riechen. Ich horchte in die Dunkelheit und versuchte mir den urwüchsigen, vom Regen durchnäßten Wald vorzustellen, wie er sich von hier aus den Berghang hinauf erstreckte. Die Vorstellung war beruhigend und andererseits schrecklich. Ich schauderte.

Ich schloß das Fenster und zog zusätzlich die dicken Vorhänge zu. Gottseidank mußte ich diese Nacht nicht mehr nach draußen. Als ich mich umdrehte, blickte ich direkt in die Fratze des Steinkopfes, der mich hämisch anblickte. Ich hätte schwören können, und ich tue es noch heute, daß sich der Gesichtsausdruck dieses Dings seit ich es zum ersten Mal sah, verändert hatte. Wen mochte es wohl darstellen? Apollo den Wächter des Logos oder Dionysos den Wächter des Wahnsinns? Entnervt beschloß ich, wenn ich schon in diesem Haus übernachten sollte, nicht auch noch mein Zimmer mit diesem Ding zweifelhafter Herkunft zu teilen.

Ich beschloss es für heute genug sein zu lassen und entfachte ein Feuer im Kamin. Dann sorgte ich dafür, dass der Getränkevorrat meines Herrn Bruders in bequemer Reichweite war, machte es mir in einem der Ledersessel bequem und starrte in die Flammen. Meine Gedanken drehten sich um immer dieselben Fragen: was hatte meinen Bruder bewogen, sich hierher zurückzuziehen? Womit hatte er seine Zeit verbracht? Ich würde die Antworten wohl nie finden. Aber vielleicht war das besser so, denn am Ende würden nur Peinlichkeiten dabei herauskommen. Ich verspürte den tiefen Wunsch, das Bild meines Bruders in meinem Gedächtnis in eine der hintersten Kammern zu verbannen und mich nur noch beiläufig an ihn zu erinnern wie "Ach ja, da war ja auch noch mein Bruder..".

Irgendwann fiel ich in einen leichten Schlaf oder vielmehr Halbschlaf, in dem ich meine Umgebung noch verschwommen wahrnahm. Ich begann seltsame Phantasien zu entwickeln, die sich um den Steinkopf drehten, der ja hinter mir im Zimmer stand. In meiner Vorstellung bekam er einen gnomhaften, buckeligen Körper, der mit einem braunen Pelz behaart war. Dazu stellte ich mir ein paar krumme, kurze aber muskulöse Beine und Arme vor, wie eines Menschenaffen aber mit schmalen Händen, an deren Enden lange und scharfe Fingernägel staken. Der Gnom hüpfte um meinen Sessel herum und kauerte sich dann zu meinen Füssen, gleich einem Hund, der die Nähe seines Herrn sucht. Ich verspürte eigentlich nichts als Abscheu vor dieser Gestalt, war aber in meinem Zustand nicht fähig, mich ihrer Annäherung zu erwehren. Ich hatte den Eindruck, dass er - ja - gestreichelt werden wollte, als ob ich sein Herr sei. So verging eine Weile in der sich mein Gehirn dagegen wehrte, in den Sog des Schlafs gezogen zu werden, vor dem ich ein instinktives Grauen empfand.

Ich kann nicht mehr sagen, wie lange dieser Zustand gedauert hatte und ob ich doch noch vollständig einschlief und wann. Jedenfalls wachte ich ganz früh beim ersten grauen Morgenlicht wieder auf. Vor den Fenstern war ein dichter Nebel und es würde noch Stunden dauern, bis die Sonne sichtbar würde. Das Feuer im Kamin war erloschen und ich spürte den bitteren Geschmack von altem Whisky in meinem Mund. Als ich aus dem Ledersessel aufstand und mich zur Türe wendete, erblickte ich sofort den scheusslichen Steinkopf wieder und schlagartig überkam mich die Erinnerung an die Nacht. Selbstverständlich war alles nur Einbildung gewesen, aber in jenem Moment fühlte und handelte ich anders. Ich wusste, dass ich in diesem Haus nichts mehr verloren hatte - ausser einer Sache. Ich öffnete das Fenster - wohltuend frische Luft kam mir entgegen. Dann ging ich zurück zu dem Steinkopf, hob ihn hoch ohne ihn anzusehen und trug ihn hinüber. Dem Geräusch des Aufpralls nach muss er in tausende Splitter zerbrochen sein.

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