Titel
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Ein Horror-Action Abenteuer

„Miss Unclear, wir sollten zweifellos mehr Schießübungen machen!“ Prinz Charles nahm die Schallschützer von seinen Ohren und verglich skeptisch die durchlöcherten Tiefen Wesen, welche die beiden Schießscheiben in zwanzig Metern Entfernung zierten. Mit „Wir“ konnte er nur sich selbst gemeint haben, denn ich hatte ihn bei unserem gemeinsamen Scheibenschießen weit übertroffen. Doch verzieh ich ihm die Ausdrucksweise, denn einerseits war er mein Chef und anderseits mochte ich das Typische an ihm. Ich steckte meine Vector CP1 weg und griff nach meinem schwarzen Blazer, den ich auf den Tisch neben der Barriere gelegt hatte. Dabei lächelte ich ihn an, was seine Ohren noch mehr zum Erglühen brachte als sie ohnehin angesichts der peinlichen Niederlage waren.

Seine Hoheit hatte das Schießen im Keller des Old Scotland Yard vorgeschlagen und es war mir ein Vergnügen gewesen, meine Treffsicherheit mit ihm zu messen, war er doch ein hervorragender Schütze. Doch ich kannte ihn gut genug um zu wissen, dass unsere Verabredung nicht nur zum Vergnügen gewesen sein konnte, sondern dass er mit Sicherheit noch etwas mit mir besprechen wollte.

Mit baumelnden Schallschützern in den Händen verließen wir die Schießbahn und machten uns auf den Weg nach oben, wo sich die Büros befanden. Als Mitte des 20. Jahrhunderts Scotland Yard in den Aluminium und Glasbau am Broadway umzog und sich mit dem Wort „New“ schmückte, wurden die Räume hier am Embankment frei für das Auxiliary Bureau Counter Demonic and Extraterrestrial Fiends and Ghosts, abgekürzt ABCDEFG und damals noch ohne das ‚G' im Namen, das damals gerade gegründet wurde. Und His Royal Highness The Prince of Wales war schon lange vor meiner Zeit zu dessen Leiter ernannt worden und der direkte Vorgesetzte von uns Agenten. Erst vor kurzem hatte er seinen 60. Geburtstag auf Schloss Highgrove gefeiert, und meine Assistentin Choco und ich hatten dabei sein dürfen. Es war uns eine Ehre gewesen, und außerdem hatten wir unter den vielen Gästen auch ein paar Bekannte aus der Szene getroffen, zum Beispiel Tony Ballard, den Dämonenhasser oder auch den guten alten Dr. Morton, den wir in Kapstadt kennengelernt hatten als wir zusammen mit ihm gegen Dr. Zamorra kämpften. Letzterer wurde damals zum Glück in seinem fliegenden Drehrestaurant von der Englischen Marine abgeschossen, bevor er Schlimmeres anrichten konnte (siehe „Chaos in Kapstadt“). Das waren wilde Geschichten. In den letzten Jahren war es ruhiger an der Front geworden und seine Hoheit verbrachte nicht mehr so viel Zeit wie früher mit dem Kampf gegen übernatürlichen Horror, was ihm in seinen reifen Jahren sicher entgegen kam. Aber noch immer durfte niemand von seiner Tätigkeit erfahren, denn die Wahrheit wäre zu schrecklich gewesen. Auch wenn es offiziell keine Geister, Dämonen und cthuloiden Schrecken gab, sie existierten dennoch und es war unsere Aufgabe, das Königreich dagegen zu verteidigen. Zur Vertuschung dienten unter anderem die ständig neuen Klatschgeschichten um seine Person.

Der Prinz öffnete mir die Tür zu seinem Büro und ließ mich in einem der weichen Ledersessel neben dem Kamin Platz nehmen, in dem der Jahreszeit entsprechend, wir hatten Anfang Dezember, ein Feuer knisterte. Ich mochte dieses Büro, denn es war so wunderbar altmodisch und eigentlich mehr ein Wohnzimmer. Die Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt und die Einrichtung alt und gediegen, in den Bücherschränken waren sämtliche Klassiker und modernen Werke der Horrorliteratur und Fachliteratur versammelt, von dem legendären Hexenhammer aus dem Mittelalter bis hin zu einigen Horror-Groschenromanen, die ein Deutscher namens Helmut Rellergert unter dem Pseudonym Jason Dark geschrieben hatte. Davor stand ein massiver Schreibtisch, der von einer guten altmodischen Buchhalterlampe mit grünem Schirm beleuchtet wurde.

Draußen war es bereits dunkel geworden, und als ich durch eines der Gitterfenster des neoklassizistischen Sandsteinbaus blickte, waren die Straßenlaternen nur noch diffuse Lichtkleckse im Nebel, der von der Themse heraufzog.

Mein Chef hantierte an dem großen Globus herum, der sich öffnen ließ und eine Bar enthielt. Wie immer schenkte er uns zwei Gläser Scotch ein und machte es sich in dem Sessel mir gegenüber bequem. Ich wartete eine Weile, bis er das Wort ergriff.

„Es ist ruhig geworden, finden Sie nicht auch, Miss Unclear?“ Ich gab ihm recht, dass meine Hauptarbeit in letzter Zeit in der Beobachtung des Cyberspace bestanden hatte. Wir versuchten herauszufinden, ob es Hinweise gab, dass die Amerikaner im Irakkrieg das Necronomicon erbeutet hatten, oder ob es sich immer noch in den Händen des verrückten Arabers Abdul Al Hazred befand, der es mir vor einigen Jahren abgejagt hatte (siehe „Die Todesputzen von London“). Wir wussten, dass dies der wahre Grund für den Krieg gewesen war. Dass die USA eine Höllenangst vor den Zauberkräften eines okkulten Buches hatten, gaben Sie nicht einmal uns gegenüber zu, ihren engsten Verbündeten.

„Gibt es irgendeine Spur von Al Hazred?“ wollte der Prinz wissen und nahm einen Schluck Scotch, dessen Preislage sicher oberhalb des Budgets einer kleinen Geheimagentin lag.

„Leider nein,“ musste ich zugeben, „Al Hazred ist verschollen, obwohl wir glauben, dass er noch lebt. Genauso wie das Buch.“

Charles sah einen Moment in sein Glas, als ob er die Antwort darin finden könnte, dann blickte er mir in die Augen.

„Internet-Recherche... Ich kann mir vorstellen, dass Sie nicht gerade glücklich über diese Aufgabe sind.“

Ich musste meinem Vorgesetzten Recht geben. „Natürlich wäre mir ein gutes altes Spukhaus mit knarrenden Treppen und windschiefem Dach lieber. Monster jagen, oder ein paar irre Kultisten zur Strecke bringen.“

„Wie in alten Zeiten.“

„Ja, Silberkugeln, Weihwasser und Kruzifixe, das wäre mal wieder was.“ Ich fand den Gedanken amüsant, dass wir immer noch auf diese althergebrachten Waffen angewiesen waren, wenn es gegen übernatürliche Erscheinungen ging.

„Und Cthulhu himself?“ fragte seine Hoheit.

„Lange nichts mehr von ihm gehört,“ lautete meine Antwort, die natürlich ein Witz war, angesichts einer Kreatur, die seit Äonen auf dem Grundes des Pazifiks schlief und gleichzeitig darauf wartete, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Nein, irgendwie war die Luft aus dem ganzen Horrorladen heraus und ein Börsenkrach war heutzutage gefährlicher für die Welt als eine dämonische Bedrohung. Standen wir kurz davor, den Laden dicht zu machen?

Charles lehnte sich in seinem Sessel zurück. Wir sehnten uns beide nach der alten Begeisterung zurück. Das mochte ich an ihm, auch wenn uns vom gesellschaftlichen Stand Welten trennten.

„Miss Unclear, ich glaube, ich hätte da einen kleinen Feldeinsatz für Sie.“ Er stellte sein Glas ab und begab sich an seinen Schreibtisch, wo er seinen Computermonitor umdrehte, so dass ich ihn sehen konnte. Dann gab er ein paar Kommandos ein, und ein Video startete, das offenbar von YouTube kam.

Ich kannte den Song. Es war „Werewolves of London“ von Warren Zevon, ein Rockklassiker aus den 70er Jahren.

„1978 um genau zu sein,“ kommentierte Prinz Charles. Auch wenn in dem Video ein Werwolf auftrat, verstand ich den Zusammenhang nicht. Das Ding war uralt und so weit ich wusste, gab es bei uns keine Werwölfe mehr. Aber mein Chef schien auf irgendeine Eingebung von mir zu warten, so wie er mich erwartungsvoll anschaute. Es musste irgendeinen Zusammenhang zu dem Lied geben, den Charles vor mir herausgefunden hatte. Nun, ich hielt mir zugute, dass ich mich mit Musik ganz gut auskannte, hatte ja sogar vor vielen Jahren selbst in einer Band mitgespielt.

Und auf einmal hatte ich es: die gleiche Hookline hatte ich heute morgen im Autoradio bei einem ganz anderen, brandneuen Song gehört, der momentan in den Hitparaden war. „All Summer Long“ von Kid Rock. Oberflächlich betrachtete ein ziemlich schamloses Plagiat des Klassikers „Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd, das aber wie ich jetzt erkannte, auf raffinierte Weise mit „Werewolves of London“ gekreuzt worden war.

Der Prinz freute sich, dass ich es herausgehört hatte. Er meinte, er hätte ein Königreich darauf wetten können, dass ich es schaffen würde. Nun, das war fast zu viel der Ehre. Nur wusste ich immer noch nicht, was die Bedeutung jenes seltsamen Zusammenhangs war. Viele Musiker kopierten voneinander, teilweise auch im Vertrauen darauf, dass die jungen Leute die alten Klassiker nicht mehr kannten oder die Urheberrechte längst abgelaufen waren.

„Miss Joan, haben Sie sich noch nie gewundert, warum es in London keine Werwölfe gibt?“ Ich gestand, dass ich dies immer dem Einsatz von Scotland Yard und den Freelancern wie eben Ballard und Co. zugeschrieben hatte, zumal ich mir nicht hundertprozentig sicher war, ob nicht doch ein paar jener Kreaturen in der Stadt ihr Unwesen trieben. Werwölfe waren intelligent, und wenn ich an die riesigen Vorstädte dachte, in die wir uns kaum verirrten...

Aber Charles klärte mich auf. „Früher gab es sehr wohl welche. Aber dann machten wir einen Deal.“

„Einen Deal?“ Ich hatte noch nie gehört, dass Scotland Yard einen Deal mit seinen Gegnern gemacht hatte. Ich roch einen handfesten Skandal! Mein Chef musste mir die Empörung ansehen, denn er versuchte sogleich, mich zu beschwichtigen „Wir hatten ein schreckliches Problem mit ihnen, das ABCDEF war erst in der Gründung, zu wenig Leute.. Und meine Mutter wollte Erfolge sehen. Also arrangierten wir uns.“

Ich wollte natürlich nun alles wissen. Was nun folgte, war eine unglaubliche Geschichte. Die Werwölfe der Hauptstadt waren seinerzeit, verglichen mit anderen Monstern, ein kultivierter Haufen gewesen. Wenn sie nicht gerade den Mond anheulten und jungen Mädchen nachstellten, waren sie Intellektuelle, Yuppies und Künstler. Sie waren in einer Art Bruderschaft organisiert und ihre Namen waren auch den offiziellen Stellen bekannt. Insofern gab es auch wenig Übergriffe, und in den speziellen Kreisen wurde Lykantropie eher als Spleen angesehen denn als etwas, wovor man sich fürchten musste. Zumal sich die Brüder hüteten, höheren Kreisen in die Quere zu kommen. So kam es, dass unsere Behörde, statt ein Gemetzel anzurichten, mit den Werwölfen von London eine Vereinbarung traf, nach der sie ins Ausland gehen sollten und als Gegenleistung keiner Verfolgung mehr ausgesetzt wurden. Außerdem versprach sich die Regierung in der Zeit des Kalten Krieges, dass sie jederzeit als Geheimwaffe hinter der Front eingesetzt werden könnten. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, wenn es nicht aus dem Munde des Leiters des ABCDEFG und Thronfolgers persönlich gekommen wäre.

„Wann war das?“ fragte ich.

„In dem Jahr, als Warren Zevon das Lied herausbrachte.“

„War er einer von ihnen?“

„Nein. Zevon war zu seiner Zeit ein Intellektueller gewesen, der vielfältige Kontakte besaß. Durch irgendeine undichte Stelle musste er von der Sache Wind bekommen haben. Der Song ist praktisch eine Anspielung auf das Ganze.“

Ich ließ den Songtext im Geiste Revue passieren:

I saw a werewolf with a Chinese menu in his hand
Walking through the streets of Soho in the rain
He was looking for the place called Lee Ho Fook's
Going to get a big dish of beef chow mein
Werewolves of London

If you hear him howling around your kitchen door
Better not let him in
Little old lady got mutilated late last night
Werewolves of London again
Werewolves of London

He's the hairy handed gent who ran amuck in Kent
Lately he's been overheard in Mayfair
Better stay away from him
He'll rip your lungs out, Jim
I'd like to meet his tailor
Werewolves of London

Well, I saw Lon Chaney walking with the Queen
Doing the werewolves of London
I saw Lon Chaney, Jr. walking with the Queen
Doing the werewolves of London
I saw a werewolf drinking a pina colada at Trader Vic's
His hair was perfect

Ich sah Lon Chaney neben der Queen gehen… Das war wohl eine Anspielung auf den Deal, den sie mit ihr gemacht hatten. Eigentlich war er ja nur derjenige Horrordarsteller gewesen, der als Werwolf in dem Film „The Wolf Man“ berühmt wurde. Das hieß also, dass er auch einer jener etablierten Werwölfe gewesen war. Es passte ganz gut zusammen. Aber das war alles Geschichte. Wo war der Knackpunkt, der in der Gegenwart lag? Und Trader Vic’s-Restaurants gab doch nicht nur in London, sondern überall auf der Welt!

„Wo wurde 1978 ein Trader Vic’s eröffnet?“ wollte ich wissen.

„Erfurt, Deutsche Demokratische Republik. Man versuchte, im Osten Fuß zu fassen.“

„Und nun, was ist der Zusammenhang mit Kid Rock?“ versuchte ich zu kombinieren.

Charles seufzte „Dieser Musiker hatte ja keine Ahnung, was er anstellte, aber wir hätten uns denken können, dass es früher oder später passieren würde“.

Eine Ahnung kam mir, die der Prinz mit seinen nächsten Worten bestätigte.
„Die Hookline ist das Signal, die Schläfer zu wecken.“

„Aber der Kalte Krieg ist Geschichte, es herrscht doch tiefster Frieden!“ wandte ich ein.

„Das ist genau das Problem.“ bekannte Prinz Charles.

Da lauerten also seit 30 Jahren in Ostdeutschland unsere Werwölfe und warteten auf das Zeichen, Angst und Schrecken zu verbreiten, das nie kam und letztendlich von der Geschichte überholt wurde. Und auf einmal hatte ein durchgeknallter amerikanischer Rockmusiker die Idee, genau dieses Signal in einem Song anzuwenden und auch noch das Glück, einen Hit zu landen. Bestimmt hatte jeder Werwolf von Schottland bis zu den Karpaten diesen Song schon gehört. Nicht auszudenken, was passierte, falls sie wirklich losschlugen. Noch weniger auszudenken, was passierte, wenn herauskam, dass England daran schuld war.

„Aber da ist noch etwas Zweites“ fuhr mein Vorgesetzter mit ernster Mine fort. „Unsere Leute sind verschwunden oder starben in letzter Zeit gewaltsame Tode. Wir glauben nicht an Zufall und würden gerne wissen, was da los ist.“

„Ein Verräter? Gegenspionage?“ vermutete ich.

„Da haben Sie ihre Mission“ sagte Charles knapp und leerte sein Glas.



„Immer schön rechts fahren“ ermahnte ich meine Assistentin. Choco konnte ihr südamerikanisches Temperament wieder einmal nicht zügeln und heizte unseren Geländewagen mit Höchstgeschwindigkeit über die deutschen Autobahnen, zumal sie gehört hatte, dass es hier keine Geschwindigkeitsbegrenzung geben solle. Erstens war ich mir nicht so sicher, ob das generell galt und zweitens hatte sie ihren Führerschein noch nicht so lange, als dass ich volles Vertrauen in ihre Fahrkünste gehabt hätte.

Choco fädelte sich wieder brav rechts ein und meinte: „Ich bin den Linksverkehr nun einmal gewohnt.“

Ich versuchte, mich wieder auf die Liste zu konzentrieren, die man mir mitgegeben hatte. Zweiundzwanzig Personen, die über Nacht verschwunden waren. Dass der Name Lon Chaney darunter war, machte den Auftrag besonders interessant. Er hatte den Werwolf auf der Leinwand gespielt und war damit berühmt geworden. Allerdings hatte er sich immer mehr zum Alkoholiker entwickelt, was seine Karriere schließlich beendete. Ihn würde ich mir als erstes vorknöpfen.

Choco kicherte albern, als sie den Blinker setzte und das Gaspedal durchtrat um einen Lastwagen zu überholten. Wenn mich keine Monster erledigten, dann sicher irgendwann meine Assistentin.


Ein polynesischer Götze starrte mich durch ein Bambusgehölz an. Mit Schnitzereien verzierte Holzsäulen. Bunte Lampen und eine geradezu tropische Wärme. Die Bar des Trader Vic‘s, an der wir auf Plüschhockern mit Rückenlehnen Platz genommen hatten, nahm die ganze Länge des Lokals an und wand sich sogar um die Ecken. Choco fühlte sich hier sichtlich wohl, war es zwar nicht direkt Brasilien, aber exotisch. Der Barmann, ein Schönling mit Dreitagebart und Haargel fragte nach unseren Wünschen. Choco bestellte sich auch gleich einen Copacabana, während ich erst einmal mit einem Ginger Ale vorlieb nahm. Das hatte nichts damit zu tun, dass wir im Dienst waren – dem ABCDEFG waren solche Dinge herzlich egal – sondern damit, wenigstens ich einen klaren Kopf behalten wollte. Wenn sich nichts von selbst ergeben sollte, nahm ich mir vor, den Barmann ein wenig auszufragen, doch die Gefahr war groß, dass er mich sofort für eine Polizistin hielt.

Für die Uhrzeit war es relativ leer, was entweder daran liegen konnte, dass das Geschäft schlecht ging oder dass es unter der Woche war. Ich hatte absichtlich erst zu Abend gegessen und im Hotel gewartet, bis es später am Abend war, denn ich vermutete, dass meine Zielperson eher zu den Nachtschwärmern gehörte.

Außer einem Pärchen, das ziemlich weit entfernt über seinen Drinks saß uns sich offenbar wenig zu sagen hatte, waren wir die einzigen Frauen hier. Die laute Musik, die von einem hinter einem Mischpult verborgenen DJ gemixt wurde, schaffte es auch, jede Unterhaltung im Keim ersticken.

Ich betrachtete unser Bild in dem Spiegel hinter der Bar. Da saß eine Engländerin mit blassem, ovalem Gesicht, die glatten, roten Haare schulterlang geschnitten, in einem schwarzen Blazer mit Nadelstreifen von S.Oliver und einer weißen Satinbluse. Neben ihr war eine schokoladenfarbigen Schönheit mit langen schwarzen Haaren in einer goldfarbigen Jacke und einer sehr engen violetten Bluse mit Glitzereffekt und wartete zusammen mit ihr auf etwas. Ich kam mir blöd vor und verfluchte die Handtaschen, in denen wir unsere Waffen und Ausweise dabei hatten, da uns diese erst recht wie zwei Edelnutten aussehen ließen. Wobei Choco eigentlich gar keine Waffe besaß und ich keine Ahnung hatte, was sie statt dessen ständig mit sich herumschleppte. Bestimmt würden wir bald von irgendeinem Typen angemacht werden.

Warum konnte ich nicht wenn schon keinen Partner so doch wenigstens einen männlichen Assistenten haben? Doch beim Gedanken an einen Mutter-und-Sohn Auftritt musste ich innerlich lachen. Würde man mich jünger oder älter einschätzen als ich war? Solcherart in meinen Betrachtungen versunken bemerkte ich erst mit einiger Verspätung die zusammengesunkene Gestalt, die in einer Ecke gegenüber Platz genommen hatte. Weißes Hemd, schwarze Krawatte, faltiges Gesicht, das schüttere Haar zurückgekämmt. Auch wenn der Mann wesentlich verlebter aussah als auf dem Bild, das auf meiner Liste war, konnte es sich nur um Chaney handeln. Ich hatte also richtig gelegen, dass Trinker ihrem Stammlokal treu blieben. Ich stieß Choco mit dem Ellbogen an und zischte ihr zu, dass sie sich nicht zu auffällig umdrehen sollte. Gleich würden wir einmal jemanden anmachen.

Choco und ich nahmen links und rechts von Chaney Platz, der versuchte, von uns keine Notiz zu nehmen und mit beiden Händen das Whiskyglas vor sich auf dem Tresen umklammerte.

„Keine Chance, Ladies.“ Die Stimme des Werwolfs klang heiser.

„Mr. Chaney?“ sprach ich ihn ohne lange Umschweife an. Sein Blick aus feuchten Alkoholikeraugen musterte mich kurz ohne Widerspruch einzulegen. „Wir haben Sie gesucht.“

“Engländerinnen?“ Zumindest schienen wir sein Interesse geweckt zu haben „Was hat euch denn hierher verschlagen?“ Ich erklärte ihm kurz wer wir waren und weshalb wir ihn gesucht hatten. Chaney hörte mir zu, ohne mich ein einziges Mal zu unterbrechen.

„Sie können sich gar nicht vorstellen, was für ein Hundeleben das hier ist“ war seine ganze Antwort. Dann starrte er weiter auf sein Glas und schien nichts weiter sagen zu wollen. Choco begann unruhig auf ihrem Barhocker hin und her zu rutschen.

„Ihr Auftrag…“ wandte sie sich an ihn.

„Scheiß auf den Auftrag“ knurrte Chaney. Ich winkte dem Barmann und orderte eine Flasche Scotch und zwei Gläser. Chaney blickte gierig auf den Stoff vor seiner Nase.

„Wer von Euch ist noch in dieser Stadt?“ wollte ich wissen. Statt einer Antworte streckte Chaney seine zitternden Finger nach der Flasche aus, doch ich gab ihm einen Klaps auf die Hand. Noch konnte er sich zurückhalten.

„Außer mir niemand“ seine Stimme war nun hasserfüllt und seine Augen mit Blut zu unterlaufen. Choco schaute mich über seine Schulter alarmiert an.

„Haben Sie denn keinen Kontakt untereinander?“ bohrte ich weiter.

“Die Anderen sind weg, und es interessiert mich einen Scheißdreck, wo sie stecken!“ Chaneys Stimme glich plötzlich einem Aufheulen. Sein Ausdruck verzog sich plötzlich zu einer Fratze. Haare begannen auf seinem Gesicht zu wachsen, die nichts mehr mit einem Bart zu tun hatten. Seine Fingernägel verwandelten sich vor meinen Augen zu Krallen, und sein Mund, Nase und Zähne wurden zu einem Raubtiergebiss. Fasziniert schoss mir die Frage durchs Gehirn, ob ihm nun auch noch ein Schwanz wachsen würde. In meiner Handtasche lag die mit Silberkugeln geladene Vector. Sollte ich sie ziehen?

„Sustento agradável meu amigo! É feito de prata!“ Choco war mir zuvor gekommen und hatte sich von hinten um seinen Hals geworfen. Sie hielt ihn umklammert und drückte ihm ihre Nagelfeile unter die Kehle. Auch wenn sie sich oft wie eine Tussi gab konnte meine Assistentin extrem schnell schalten. Ob die Feile wirklich aus Silber war, wie sie behauptete, wagte ich zu bezweifeln, doch Chaney hatte offenbar genug Respekt davor und begann sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Ich blickte mich schnell um; zum Glück schien niemand etwas bemerkt zu haben und Choco verdeckte die Szene geschickt mit ihrem Körper.

Ich öffnete die Flasche und schenkte sein Glas voll um ihn zu besänftigen. Dankbar nahm er es und kippte die Hälfte in sich hinein.
„Tut mit leid wegen gerade“, murmelte er verlegen „manchmal überkommt es mich einfach.“ Choco ließ von ihm ab und setzte sich wieder hin.

"Wir Werwölfe sehen nicht nur aus wie Wölfe, unsere eigenen Gedanken haben Gestalt und Wesen der Wölfe. Und wir benehmen sich genau wie Wölfe in ihrem Kümmern und ihrem Töten. Es gibt zweierlei Arten von Lykantrophen. Die einen finden es erregend, in Tiergestalt wechseln zu können, ihre Triebe hemmungslos ausleben zu können. Die anderen leiden nur darunter. Warum glauben Sie, bin ich zum Alkoholiker geworden?"

„Die Anderen?“ insistierte ich anstatt ihn zu bemitleiden.

„Ich war der Einzige von der zweiten Sorte. Als ich und die anderen hierher kamen, trennten sich unsere Wege sehr schnell.“

„Wen haben Sie zuletzt gesehen?“

Chaney schien nachzudenken. „Hoo Fook. Bin ihm vor einem Jahr oder so mal begegnet. Haust in irgendeinem Provinznest. Hat einen Schnellimbiss aufgemacht. Hat mir so eine Story erzählt, dass die andern Kumpels einer nach dem anderen abgemurkst worden sind.“
I saw a werewolf with a Chinese menu in his hand Walking through the streets of Soho in the rain. He was looking for the place called Lee Ho Fook's ging es mir durch den Kopf. „Abgemurkst von wem?“ hakte ich nach.

„Keine Ahnung. Jedenfalls sind, wie es aussieht, nicht mehr viele von uns übrig. Es war alles Scheißidee! Am besten, Sie fahren heim. Können wir nicht Asyl in der alten Heimat bekommen?“

Ich spürte, dass der Mann nicht nur wegen seiner Sucht völlig mit den Nerven fertig war, sondern auch eine Höllenangst hatte. Vielleicht hatte man Chaney nur deshalb nicht liquidiert, weil er nur noch an Likör interessiert war.

Ich versprach, dass ich bei Prinz Charles ein gutes Wort für ihn einlegen würde und sah zu, dass ich mit Choco aus der Bar kam. Normalerweise killte ich Kreaturen wie Chaney ohne viel Federlesens. Ich wusste noch nicht, dass ich später noch viel mehr bedauern würde, dass mein Auftrag anders lautete.



Zum Glück gab es nicht viele chinesische Schnellimbiss-Restaurants in der Provinz. Ich hatte meine Sekretärin Linda angerufen und gebeten, mit Hilfe des Computers die Adressen herauszusuchen. Linda hatte die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, mir telefonisch einen Vortrag über die Kaffeetradition in Sachsen und Thüringen zu halten, was nur eine Rache für meine Kritik an ihrem eigenen, grauenhaften Kaffee sein konnte, für den sie in ganz Scotland Yard bekannt war und der angeblich sogar als Geheimwaffe in Betracht gezogen wurde. Erst als ich ihr damit drohte, auf eigene Faust im Internet zu recherchieren hatte sie uns doch noch eine Adresse gegeben, der wir nachgehen konnten.



Vielleicht lag es auch nur an dem Regenhimmel, aus dem ein stetiges Nieseln heraustropfte, dass es uns besonders schlimm vorkam, aber der Dorfplatz des ersten Ortes unserer Suche, auf dem wir herausgekommen waren, war einfach nur trist. Herausstehende Steine und Löcher im Pflaster um das sich ein Kreis grauer, mit Schieferplatten verkleideter Häuser schloss, als wollten sie jeden Ankömmling mit ihrem Moder anstecken. Man hätte glauben können, der Ort sei ausgestorben, wenn nicht ein paar alte Autos lieblos am Straßenrand herumgestanden hätten und der China-Imbiss an der gegenüber liegenden Seite gewesen wäre.

Allerdings sah das Restaurant, so man es überhaupt so nennen konnte, nicht gerade einladend aus. Zwar leuchteten die Worte „Lee Hoo Fook‘s“ in roten Neonbuchstaben über der Türe, als wäre es eine extra für Ausländer geschaffene Anlaufstelle, doch ließen dafür die schmutzigen Fenster, die früher wohl zu einem Ladengeschäft gehört hatten, nur andeutungsweise Licht aus dem Inneren herausfallen. Immerhin schien der Laden offen zu sein.

Schmutz. Das war fast alles, was man über den Laden sagen konnte. Die schummerige Beleuchtung ließ gnädiger weise das Schlimmste im Dunkeln. Es roch nach undefinierbaren Gewürzen und verbranntem Essen. Der Tisch, an dem wir Platz genommen hatten, wackelte und bildete gewissermaßen ein Abbild der Speisekarte. Über uns baumelte ein trüber roter Lampion, der vergeblich versuchte, Helligkeit zu verbreiten. Wir waren die einzigen Gäste obwohl es Mittag war. Ich hatte eigentlich schon Hunger gehabt, doch der war fast wieder verschwunden.

Ein chinesischer Junge, ich schätzte ihn auf 10 Jahre, tauchte aus dem Hintergrund auf und begrüßte uns mit asiatisch zurückhaltender Höflichkeit. Choco fragte nach Beef Chow Mein, das nicht auf der Speisekarte stand. In den Augen des Jungen blitzte Verständnis auf. Cleveres Mädchen. Ich witzelte, dass es ihr hoffentlich schmecken würde. Außerdem bestellte ich eine Kirschsaftschorle – eine spontane Gemeinheit von mir, wusste ich doch, dass Asiaten dieses Wort nicht aussprechen können. Bevor er gehen konnte, hielt ich ihn mit der Frage zurück, ob sein Vater da sei. Der Kleine wirkte erschrocken

„Nicht böse sein, Wei kann nicht zur Schule gehen, da Papa nicht da ist.“

„Keine Angst, ich komme nicht von der Schule, ich möchte nur deinen Papa etwas fragen, er heißt doch Lee Hoo, oder?“

„Ja Name von uns, doch Papa nicht da.“

„Aber jemand muss doch in der Küche sein“, hielt ich dagegen.

„Niemand ist in Küche, Wei macht alles allein.

„Du machst die ganze Arbeit hier alleine?“

„Ja, bis Papa wieder da ist. Keine Angst, Wei kann das schon.“

Der Junge zögerte. Ich lächelte ihn an und machte noch einen Vorstoß „Wir wissen, dass Leute hinter ihm her sind. Hat er sich versteckt? Wir sind extra aus England gekommen um ihm zu helfen.“

Doch der Kleine schüttelte nur den Kopf und verschwand in der Küche. Mir war aufgefallen, dass der Junge nach der Kirschsaftschorle den Buchstaben R beim Reden ganz vermieden hatte und machte eine Bemerkung gegenüber Choco.

Meine Assistentin war irgendwie sauer auf mich, weil ich mit dem Kleinen so umgesprungen war und meinte nur, wenn ich auf Rs wild war, hätte ich ja bloß nach dem Schild fragen sollen, das über dem Eingang zur Küche aufgehängt war. Ich sah es an, konnte jedoch mit       nichts anfangen.

Die Brasilianerin klärte mich auf:„Da steht tóushujìqì, nicht nach Ratte werfen, wenn Geschirr in der Nähe ist.“

Ich hielt mich beim Essen, das besser schmeckte als ich angenommen hatte – das Beef Chow Mein stellte sich als eine Art Nudelsuppe mit Rindfleisch heraus - mit weiteren Fragen und Bemerkungen zurück. Als wir den Imbiss verlassen hatten, sah mich Choco fragend an „Und nun?“

Ich hatte bereits einen Plan. „Joan sich ins Auto setzen und nichts tun. Choco Ausgang Küche im Auge behalten“ versuchte ich die Stimmung ohne Rs wieder zu heben. Das Girl brachte ein Grinsen zustande und setzte sich Richtung Hintereingang in Bewegung.

Ich wartete in dem Geländewagen und betrachtete die trostlose Umgebung. Was hatte den Werwolf dazu gebracht, sich hier niederzulassen? Die endlosen Wälder? Dass es die Polizei nicht interessierte, wenn hier jemand verschwand? Der Ort lag in einem Tal eingezwängt, dessen steile Hänge eng an die Häuser heranrückten und bestimmt nur selten Sonne herein ließen. Als ich nach oben blickte, sah ich ein größeres Gebäude, das wie eine Burgruine wirkte. Verlassen und grau. Ein paar Jugendliche lungerten um eine Bank herum, rauchten und tranken billigen Sekt aus Flaschen, die Mädels in ihren Goth-Klamotten sahen trotz ihrer schätzungsweise Sechzehn bereits verlebt aus. Hatten sie eine Ahnung, dass sich mitten unter ihnen ein echter Werwolf versteckte?

Ich musste keine lange Zeit mit meinen Grübeleien verbringen, da Choco angerannt kam. Wei hatte sich auf den Weg gemacht. Mal sehen, wo der Junge uns hinführen würde.


Über Treppen und Serpentinen ging es an der Talseite nach oben. Auch wenn der Wald uns Deckung gab, mussten vorsichtig sein, dass uns der Junge nicht bemerkte, weshalb wir ihm einen Vorsprung ließen. Die steinernen Stufen waren rutschig, der ganze Wald von kalter, kriechender Feuchtigkeit durchtränkt. Obwohl es erst Nachmittag war, begann es bereits dunkel zu werden und Nebelfetzen hingen zwischen den Bäumen. In ein oder zwei Wochen würde hier wohl Schnee und Eis liegen. Dass der Weg zu der Ruine oberhalb des Ortes führte, war von Anfang an klar gewesen und stellte sich auch als richtig heraus.

Die Burg war seit Jahrhunderten verlassen und im Grunde nur noch ein Steinhaufen, in dem Vögel nisteten und sich das Unkraut breit machte. Von dem einst imposanten Tor waren nur noch die Pfeiler übrig geblieben, und der Hauptbau war teilweise zusammengestürzt. Links und rechts säumten Steinhaufen und Mauerreste den Weg ins Innere. Von dem kleinen Chinesen war nichts zu sehen, was aber in dem unübersichtlichen Gelände nichts hieß. Ich holte meine Vector aus der Handtasche hervor. Die Pistole in der Rechten, die Tasche in der Linken drangen wir vorsichtig weiter vor, ich links und Choco in einigem Abstand hinter mir auf der anderen Seite.

Moos hing an den Wänden und es tat mir leid um meine neuen Hush- Puppies-Stiefel mit Zierspangen und Lederbandoptik, die ich hier gnadenlos einsaute. Ein fensterloser Holzschuppen am anderen Ende der Anlage, der im Schutz einer Mauer errichtet war, erregte mein Interesse. Ich schlich mich an die Vorderseite heran, wo eine große Schiebetür die Vermutung nahelegte, dass hier forstwirtschaftliches Gerät untergestellt war. Leise Stimmen waren dahinter zu hören. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber es hörte sich wie Chinesisch an, und es waren eindeutig ein Kind und ein Erwachsener. Die Schiebetüre war nicht verschlossen, und ich wartete nur noch bis Choco neben mir angekommen war. Ich bedeutete ihr mit Gesten, das Tor zu öffnen und postierte mich sprungbereit daneben.

Choco musste alle Kraft einsetzen, die ihr zur Verfügung stand. Leider zeigte sich einmal wieder, dass das Girl einfach zu viel über ihren Physikbüchern saß als ab und zu Sport zu treiben. Das Innere war düster und wurde nur durch ein paar Lichtstrahlen, die durch Spalten in den Wänden und unter dem Dach hereindrangen, erhellt. Es roch nach Holz und altem Maschinenöl. Ein alter Traktor stand verlassen in der Mitte des Raumes herum.

„Sie können herauskommen, wir sind vom ABCDEFG und wollen mit Ihnen reden!“ rief ich in den Raum hinein. Niemand antwortete, doch von irgendwo oben rieselte etwas Staub herunter. Da war eine Leiter, die zu einem Zwischenboden führte. Ich ließ Choco die Leiter sichern und fing an, sie hochzusteigen, doch hatte ich kaum einen Fuß darauf gesetzt, als irgendetwas krachend durch das Dach oben einschlug und die Hölle losbrach. Fauchen, Schlagen, Trampeln. Der Junge schrie etwas, das ich nicht verstehen konnte.

Ich sah zu, dass ich so schnell wie möglich die Leiter hochklettere, doch ich kam zu spät. Die Luft war voller aufgewirbeltem Staub, der in den Lichtstrahlen tanzte, die durch ein frisch gerissenes Loch im Dach der Scheune fielen. Auf den Brettern lag ein schrecklich zugerichteter Mann. Seine blutdurchtränkte Kleidung war zerrissen. Jemand hatte ihm die Kehle zerfetzt, und sein Kopf hing auf der Seite. Ich sah ihn nur so lange an wie ich brauchte, um mich zu vergewissern, dass es Lee Hoo Fook sein musste. Dann blickte ich zu dem Loch hoch, durch das was auch immer hier eingedrungen war. Selbst wenn ich mich auf die Zehenspitzen stellte konnte ich nicht einmal den Rand mit den Fingerspitzen erreichen. Welche Bestie konnte einfach so ein Dach aufreißen und in ein paar Sekunden solch ein Blutbad anrichten? Ein anderer Werwolf? Auf dem Boden entdeckte ich einen Stofffetzen, der mir interessant vorkam. Ich hob ihn auf hielt ihn ins Licht. Es war ein Aufnäher, der wahrscheinlich von einer Jacke abgerissen worden war. Er zeigte eine Rune, die aus einem symbolisierten Blitz und einem Pfeil bestand. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Chinesen solche Abzeichen trugen. Von dem Jungen war keine Spur zu sehen. Der Angreifer musste ihn mitgenommen haben.


Wir konnten nichts mehr für Fook tun und ließen ihn deshalb zurück. Irgendjemand würde ihn früher oder später finden, aber wir waren inkognito unterwegs, und die Behörden hätten uns nur Ärger bereitet, davon abgesehen, dass sie niemals Geschichten von Werwölfen geglaubt hätten. Wenn die Polizei einigermaßen fähig war, würde sie ohnehin bald auf die Spur unseres Mietwagens kommen und dann war es besser, wenn wir unseren Auftrag vorher abschließen konnten.

Wir sahen also zu, dass wir erst einmal aus dem Ort wegkamen. Während Choco den Wagen steuerte, rief ich mit dem Handy Linda in London an und beschrieb ihr das seltsame Abzeichen, das wir gefunden hatten. Sie versprach, zurückzurufen, sobald sie etwas herausgefunden hatte, verwies aber darauf, dass sie eigentlich Feierabend hätte. Ich musste ihr erst klar machen, dass es um ein Menschenleben ging, damit sie versprach, es auf jeden Fall zu versuchen. Linda war einfach die schlechteste Sekretärin von ganz Scotland Yard.

Währenddessen hatten wir die nächste Ortschaft erreicht. Die Häuser waren finster, und nur wenige Fenster zeigten ein Licht. Eine kleine Tankstelle warf ihr Licht auf die Straße. „Halt mal an, wir tanken“ wies ich Choco an. Vielleicht konnte ich hier etwas in Erfahrung bringen, was das Abzeichen mit dem Blitz betraf.

Die Tankstelle hatte wohl schon bessere Zeiten gesehen. Zwei altmodische weiße Zapfsäulen. Ein Betondach mit zwei Neonröhren. Ein kleines verglastes Büro, in dem eine Funzel die Kasse beleuchtete. Eine schmutzige Garage, neben der sich allerhand Schrott stapelte. Und drei junge Kerle, die daneben standen und Bier aus Büchsen tranken. Als sie mich sahen, kam sofort Bewegung in die Drei von der Tankstelle. Lässig kamen sie herübergeschlendert. Sie hatten schwarze Thor-Steinar-Klamotten an und kamen sich sehr stark vor. Das konnte eventuell heiter werden.

„Oha, exotische Früchte!“ begrüßten sie uns als sie Choco wahrnahmen. Ich sah sie kühl an und schraubte den Tankdeckel vom Verschluss.

„Schon mal hier gewesen?“ „Dürfen wir behilflich sein?“
„Heute schon eine Füllung bekommen?“ „Möchtest du meine Zapfsäule sehen?“ waren die Sprüche, die sie los ließen, als sie sich um mich aufbauten.

Ich fragte mich, ob sie bei Sprüchen bleiben würden und fühlte mich schon ein wenig flau im Magen. Mit zweien wäre ich ohne weiteres fertig geworden, doch sie waren zu dritt, standen ungünstig. Choco war mit der Vector im Wagen, doch konnte ich mich nicht darauf verlassen, dass sie das Richtige tun würde. Einer der Jungs zog mich am Arm. Blitzschnell wandte ich meine Wrestling-Technik an. Ein Single-Leg-Slam, bei dem ich ihn meinerseits an der Schulter packte und ein Bein wegfegte, ließ ihn auf den Betonboden krachen. Seine Bierdose kullerte davon, eine Schaumspur hinter sich lassend. Ich war über ihm und setzte zu einem Flying-Heel-Slam als Finishing-Move an, als die beiden anderen eingriffen und mich rüde zurückrissen. Verdammt, ich hatte geahnt, dass das schief gehen würde! Dabei fiel der Aufnäher mit dem Blitz aus meiner Jackentasche.

Die Jungs wurden blass. „Wo haben Sie das her?“ Ehrfürchtig starrten sie auf den Aufnäher. Ich hatte wohl unverhofft ins Schwarze getroffen. „Aber Sie sind doch Ausländer!“ Eine Mischung von Unglauben, Misstrauen, Angst und Trotz lag in den Worten.

„In gutem Deutsch heißt es Ausländerin“, verbesserte ich ihn, „aber damit ihr es wisst, wir sind von der Londoner Zentrale. Wir haben uns verfahren und müssen dringend ins HQ!“

„Londoner Zentrale?“ stammelte der Wortführer entsetzt, während er sich aufrappelte.

„Natürlich sind wir überall, der Endsieg muss gut vorbereitet sein, oder lebt ihr hier auf dem Mond?“ Dass ich als Kind viele anti-deutsche Kriegsfilme gesehen hatte, machte sich jetzt voll bezahlt „Also, wo geht’s lang, zack, zack!“ machte ich ihm Beine. Das hatte ich so gehört, aber hoffentlich übertrieb ich es nicht.

„Ich kann Ihnen den Weg zeigen, wenn Sie möchten.“ Diese Antwort war endlich die richtige. Ich ließ den Knaben mit den Worten „Na, dann kann er sich mal fürs Vaterland nützlich machen“ in den Fond einsteigen, und bevor seine Kameraden ihre offenstehenden Münder zu bekamen, war Choco, die mindestens genauso entgeistert war, bereits mit quietschenden Reifen los gefahren. Zum Tanken waren wir gar nicht mehr gekommen, aber das fiel zum Glück niemandem auf.


Als ich aus dem Wagen ausstieg hatte ich sofort das Rauschen der Bäume in den Ohren, die vom Wind gebeutelt wurden. Unser Führer, falls dieses Wort angesichts der Umstände gebraucht werden darf, hatte uns über Forstwege hoch hinauf gelotst. Er hatte einen zunehmend unruhigen Eindruck gemacht, je näher wir unserem Ziel gekommen waren. Und dann standen wir vor einem eisernen Gittertor und einer hohen Steinmauer. Der Weg dahinter schien auf den ersten Blick befahrbar, doch wollte ich keinen unnötigen Lärm machen. Ich stellte den Motor ab.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, werde ich im Wagen auf Sie warten. Sie brauchen doch nicht lange?“ fragte der Knilch, der inzwischen völlig handzahm geworden war. Choco sah ihn herablassend an „O idiota melhor, pequeno“. Der Boy nickte, obwohl er kein Wort verstanden hatte.

„Sie warten hier im Wagen“ waren meine barschen Anweisungen nach dem militärischen Führungsleitsatz, Äußerungen von Untergebenen nicht mit Ja oder Nein zu beantworten. „Falls wir nach 30 Minuten nicht zurück sind, können Sie ihn behalten.“

Ich nahm meine Handtasche, Choco stellte den Kragen ihrer Tom Taylor Crinkled Royal Jacke auf, und wir machten uns auf den Weg. Zum Glück war das Gittertor offen, sonst wäre unser Auftritt peinlich geworden..

Es war bitterkalt hier oben, und der Wind pfiff heulend durch die Stämme der Bäume rings um uns. Knirschen von Kies. Mondlicht. Ein ausgefahrener Weg. Dornengestrüpp. Der Garten seit Jahren verwildernd. Ein schwarzes Gebäude. Natürlich hatte der Weg zu einem Haus geführt.

Eine Villa mitten im Wald. Kastenförmig, schmucklos, ein größeres Gebäude und ein kleinerer Anbau. Eine Dachterrasse nahm den Großteil des zweiten Stockwerks ein. Wir waren froh, als wir die Eingangstüre erreichten so dass wir im toten Winkel der Fenster waren. Die Tür war relativ schlicht und der eiserne Türknauf fühlte sich kalt an. Ich drückte nur ein wenig dagegen. Völlig unerwartet war sie nicht verschlossen. Choco und ich sahen uns vielsagend an.

Wir umrundeten das Haus, Choco links herum, ich rechts herum. Es war wie ausgestorben. Die uns abgewandte Seite des Hauses war ebenfalls nicht beleuchtet. Verwitterte Stufen, von Steinkugeln gesäumt, führten zu einer Terrasse hinauf. Dahinter glitzerten große Glastüren im Mondlicht. Die Türen übten eine Verlockung auf mich aus. Ich musste unbedingt einen Blick durch sie hindurch werfen.
Geduckt lief ich die Treppe hoch und schob mich in den Schatten eines großen Efeus, den seit Jahren niemand dabei aufhielt, langsam die Hausfront zu überwuchern. Ich spähte durch die Scheibe ins Innere und versuchte etwas zu erkennen. Da war ein offener Kamin, ein großer Tisch, Bilder an den Wänden. Ein ganz normales Wohnzimmer. Mehr der Vollständigkeit halber, als dass ich erwartet hätte, dass sie nachgeben würde, drückte ich die altmodische Klinke. Sie gab nach und die Tür schwang lautlos nach innen. Ich zog die Vector und winkte Choco, die am Fuß der Treppe gekauert hatte, mir zu folgen. Wenn das hier schon eine Falle war, würden wir zumindest bald unsere Gegner treffen.

Der Raum roch muffig nach alten Teppichen. Oder wie ein nasser Hund, dachte ich bei mir, als ich die Wohnzimmertüre öffnete und in den dahinterliegenden Gang hinausspähte. Steinboden. Unsere Stiefel machten klackende Geräusche. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich so lange keinen Ausseneinsatz mehr gehabt hatte, denn früher hätte ich bestimmt daran gedacht, sie auszuziehen. Eine Treppe nach oben. Türen links und rechts. Eine stand offen. „Kommen Sie herein“ rief eine tiefe Stimme aus dem Dunkeln dahinter.

Der Gestank von Zigarettenqualm kam mir entgegen. Ich war nicht so dumm, über die Schwelle zu treten, solange es dort drinnen stockdunkel war. „Wei?“ fragte ich gedämpft.

„Biànlángshù“ kam leise die Stimme des Jungen zurück.

Ich fummelte mit der linken Hand an dem Lichtschalter herum, und eine unsäglich altmodische Lampe mit gläsernen Blütenkelchen an der Zimmerdecke erhellte das Zimmer. Ich glaubte mich in die fünfziger Jahre versetzt. Karteischrank, Bakelit-Telefon, Tintenfüller, Schreibtischlampe, ja sogar eine Schreibmaschine mit eingespanntem Papier. An der Wand hing eine Landkarte, deren Ländergrenzen selbst auf dem ersten Blick nicht ganz stimmten und die mit den Worten „Von der Maas bis an die Memel und von der Etsch bis an den Belt“ überschrieben war. Wei saß eingeschüchtert auf einer Couch neben dem Kamin. Und hinter dem Schreibtisch, auf einem lächerlich einfachen Bürostuhl saß eine Horrorgestalt in einer schwarzen Fantasieuniform, die eindeutig an die SS angelehnt war. Und an seiner rechten Schulter prangte das Abzeichen, das uns hierher geführt hatte.

Ich atmete tief durch und trat ein. Im gleichen Moment drängelten sich zwei uniformierte Werwolf-Schergen hinter uns in den Raum und schnitten den Rückweg ab. „Willkommen bei der Organisation Werwolf. Gestatten, Hauptsturmführer Miezkowski“ begrüßte uns ihr Chef mit unüberhörbarem Sächseln.


Choco und ich hatten in harten Retro-Sesseln, die mit einem seltsamen grauen und rauen Stoff bespannt waren, Platz nehmen dürfen. Die zwei Bestien, die hinter uns gekommen waren, hatten links und rechts der Tür Aufstellung genommen.

„Sie waren es also, die unsere Leute massakriert haben“, warf ich ihm vor, um ein Gespräch in Gang zu bringen. Erfahrungsgemäß waren Schurken und Wahnsinnige immer eitel genug, ihre Taten und Pläne großartig zu erzählen, was einem dann Zeit gab, einen Ausweg aus der Situation zu finden.

„Sehr scharfsinnig. Wie man es von einer englischen Agentin erwarten kann.“ Die Stimme des Werwolfs troff vor Ironie. Bevor er weitersprach, zündete er sich umständlich eine neue Zigarette mit der linken Hand an. „Wir wussten schon lange von ihrer Infiltration und kannten auch den Code, mit denen die Agenten aktiviert werden sollten. Aber sehen Sie, wir sind auch nicht von Gestern.“ Ich verkniff mir einen zweifelnden Kommentar. „Wir von der Organisation Werwolf stehen in der Tradition derjenigen, die schon zu Reichszeiten das Hinterland verteidigten. Genauer gesagt seit 1944.“

Ich kramte in meinen Geschichtskenntnissen. Werwolf – so hieß doch eine Guerillaorganisation die die SS-Reichsführer Heinrich Himmler kurz vor Kriegsende ins Leben gerufen hatte. Offensichtlich existierte sie noch immer und für sie war der Kalte Krieg noch lange nicht vorüber, ja noch nicht einmal der Zweite Weltkrieg. „Wir haben sogar den Sozialismus überlebt“ fügte Miezkowski hinzu, als ob er meinen Gedanken erraten hatte. “Immer getreu dem Vaterlande! Von der Mosel bis zum Balkan, von der Weser bis zur Etsch!“ Interessant, offenbar gab es mehrere Versionen von diesem Spruch. Die Schergen im Hintergrund schwiegen dazu.
„Wie sind sie uns auf die Spur gekommen?“ wollte ich wissen. Ein höhnisches Grinsen war die Antwort und ich konnte deutlich seine Reißzähne sehen. „Engländer sind bekanntlich feige.“

Feige – Angst - Chaney! Verdammt, ich war auf den Schauspieler hereingefallen. Und ich hatte ihn laufen lassen.

Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Wenn diese Irren nicht davor zurückschreckten, Ihresgleichen reihenweise zu massakrieren, würden sie mit uns auch kurzen Prozess machen. Wei hatten sie jedoch verschont. „Wir haben den kleinen Lockvogel am Leben gelassen, da wir nicht sicher waren, ob Sie gleich herfinden“, erklärte mir der Nazi-Werwolf. Es wurde langsam unheimlich, Werwölfe konnten doch keine Gedanken lesen, oder? Nein, konnten sie nicht, wie die Vector in meiner Hand bewies, die sie mir in ihrer Überheblichkeit gelassen hatten, da sie dachten, sie wäre mit normaler Munition geladen. Die Waffe wog schwer in meiner Hand und war mein einziger Trumpf. Doch wusste ich auch, dass ich damit nicht schnell genug sein würde, alle drei Gegner auszuschalten. Und sie wussten es auch, oder glaubten es zumindest. So wie Miezkowski da saß, sah es aus, als würde er eine Waffe unter dem Schreibtisch auf mich gerichtet halten, wofür auch sprach, wie umständlich er mit seiner Zigarette beim Anzünden hantiert hatte. Und ich saß in einem grauen, großen Stoffsessel vor ihm.

Der Sessel!

Ich stieß mich mit den Beinen vom Boden ab ließ den Sessel zusammen mit mir nach hinten umkippen. Der Schuss aus Miezkowskis Pistole fetzte direkt zwischen meinen Beinen hindurch. Ich machte eine Rolle rückwärts, kam in eine kniende Position und eröffnete meinerseits über den Sessel hinweg das Feuer. Die Kugeln rissen tiefe Löcher in sein Fell. Aus ungläubigen Augen starrte mich an, während er sich wieder in einen normalen Menschen zurückverwandelte und langsam von seinem Bürostuhl kippte.

Doch da waren noch die zwei Schergen! Ehe ich mich umdrehen konnte, hatte schon Choco die Initiative ergriffen. Man kann sagen, es staubte! Choco bewarf mit beiden Händen die Uniformierten mit irgendeinem Pulver, das sie in ihren Jackentaschen gehabt hatte. Erst im zweiten Moment, als es sich mit einem Brennen in meiner Nase und den Augen bemerkbar machte begriff ich, dass es eine asiatische Gewürzmischung sein musste. Und im nächsten Moment glaubte ich, meine Schleimhäute würden weggeätzt. Die Werwölfe mit ihren Hundenasen musste es noch hundertmal schlimmer treffen als uns. Aus den Geräuschen konnte ich schließen, dass sie um sich schlagend und winselnd auf dem Boden lagen. Doch auch mir ging es so schlecht, dass ich die Türe kaum erkennen konnte. Stolpernd, niesend und hustend ergriffen wir die Flucht. Gute Choco! Sie hatte sich wohl bei unserem Besuch in Fooks Restaurant heimlich mit Gewürzen eingedeckt, wissend, dass die Werwölfe darauf äußerst empfindlich reagieren würden. Ich musste an unser Abenteuer in Transsilvanien denken (siehe „Terror in Transsilvanien“), wo spanische Mojosoße unsere Leben gerettet hatte. Trotz der Tränen musste ich lachen. Es war wie in alten Zeiten.


An der Haustür stellte sich uns ein Schatten entgegen. Ich versuchte, mit der Vector auf ihn zu zielen, doch Choco war schneller als ich. Mit einem Ding, das wie eine Nagelschere aussah und den Worten „Schnipp Schnapp, jetzt kannst du dich beim Finanzamt bewerben!“ attackierte sie den Werwolf, der seinen Kopf haltend nach hinten kippte. Später würde sie mir erzählen, dass sie es auf seine empfindlichen Schnurrhaare abgesehen gehabt hatte.

Wir rannten um unser Leben! In dem Haus waren immer noch die Schergen Miezkowskis und es würde nicht lange dauern, bis sie sich erholt hatten und Jagd auf uns machen würden. Ich hatte keine Lust, mit dem Jungen und Choco gegen mehrere Werwölfe zu kämpfen. Außerdem konnten wir nicht sicher sein, ob noch mehr von ihnen in der Nähe waren. Wir sahen also zu, dass wir zu dem Wagen zurück kamen. Deutsche Werwölfe fielen nicht ins Aufgabengebiet von Scotland Yard, beruhigte ich mein Gewissen. Von unserem Führer fehlte jede Spur, vermutlich hatte er sich aus dem Staub gemacht, als er die Schüsse gehört hatte. Als wir einstiegen, ertönte wildes Wolfsgeheul wie von einem ganzen Rudel hinter uns, und ich dankte den Göttern, dass der Motor sofort ansprang. Diesmal fuhr ich. Choco schaltete das Autoradio ein. Es spielte „All Summer long“.


Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Wir übergaben Wei den deutschen Behörden, denen wir natürlich nicht die Wahrheit erzählten, sondern nur, dass wir den Morden an ehemaligen britischen Staatsbürgern nachgingen. Dabei vergaßen wir nicht, einen Tipp in Richtung Chaney und einer bestimmten Villa im Wald zu geben. Wenn sich die Polizei nicht allzu dumm anstellte, würde sie selbst hinter die Organisation Werwolf kommen.
Ein paar Wochen später, wir waren schon längst wieder in unseren Routinearbeiten gefangen, erfuhr ich, dass der kleine Chinese noch Verwandte in London hatte und nach England zurückgekehrt sei. Wir würden ihn im Auge behalten, denn möglicherweise trug er das Erbe seines Vaters in sich: vielleicht würde es in London wieder Werwölfe geben.

© 2009 Susan Quark, Das Cthuloide Cabinett