Titel
Balmoral Castle war wirklich ein imposanter Bau. Meine Assistentin Choco und ich waren froh, dass wir unser Reiseziel erreicht hatten und das naßkalte Februarwetter hinter dicken Schlossmauern zurück lassen konnten. Unser Vorgesetzter bei Scotland Yard, seine Hoheit Prinz Charles, hatte uns nach unserem letzten Einsatz in Transsilvanien sofort zu sich nach Schottland gerufen. Wir hatten noch nicht einmal Zeit gehabt, den Knoblauchgeruch vollständig loszuwerden, da kam auch schon der nächste Auftrag. Choco hatte immerhin noch geschafft, die neueste Entwicklung unserer Labors mitzunehmen, den Prototypen des Dämonendetektors. Mit diesem revolutionären Gerät sollte es möglich sein, alle übersinnlichen und anormalen Wesen im Umkreis orten zu können. Nun ja, wir würden sicher Gelegenheit haben, ihn auszuprobieren.

Der Butler, der uns empfing, zeigte uns unsere Zimmer und geleitete uns dann sogleich zu seiner Hoheit, die schon auf uns wartete. Ich trug noch immer die Jacke aus Lederimitat mit abnehmbaren Webpelzkragen, Choco den olivgrünen Microfaser Parka mit abknöpfbarer Kapuze. Auf dem Weg durch die düsteren und verwinkelten Gänge des Schlosses dachte ich darüber nach, welch seltsames Verhältnis wir doch zu dem Prinzen hatten. Charles hatte sein Leben der Bekämpfung cthuloider Umtriebe als Chef einer Spezialabteilung von Scotland Yard namens ABCDEF (Auxiliary Bureau Counter Demonic and Extraterrestrial Fiends) gewidmet. Er war der direkte Vorgesetzte von uns Agenten. Aber niemand durfte von seiner Tätigkeit erfahren. Die Wahrheit wäre zu schrecklich gewesen, denn offiziell gab es keine Geister, Dämonen und cthuloiden Schrecken. Zur Vertuschung dienten die ständig neuen Klatschgeschichten um seine Person. Diesmal hatte die Presse berichtet, der Prinz habe wegen Camilla Parker Bowles Krach mit seiner Mama gehabt und sich beleidigt auf seinen Stammsitz nach Schottland zurückgezogen. Das war natürlich Unsinn. Camilla war nicht nur die älteste, sondern auch die erfolgreichste unserer Agentinnen und stand deshalb dem Prinzen besonders nahe. Auch wenn die Queen seine Ambitionen mit Skepsis verfolgte, so stand sie doch voll hinter ihm. Und Camilla war einfach ein Vorbild für uns alle.

Seine Hoheit empfing uns herzlich in einem stilvoll ausgestattetem Salon mit offenem Kamin, in dem ein helles Feuer prasselte. In seiner Gesellschaft befand sich ein rothaariger, älterer Gentleman in Schottischer Nationaltracht, den er uns als Major Mac Rib von den Royal Moewles vorstellte. Der drahtige Offizier wirkte ein wenig unsicher auf den Beinen und ich versuchte das Whisky Glas in seiner Hand zu ignorieren. Ganz im Gegensatz zu meiner brasilianischen Assistentin, die mit einer Mischung aus Neugierde und Unglauben auf den Kilt des Majors starrte, dessen Koteletten übrigens nur noch von seinem Schnauzbart übertroffen wurden. Ich rempelte Choco leicht an und nahm in einem der weichen Ledersessel Platz.
"Die Royal Moewles sind eine schottische Traditions Truppe" erklärte Prinz Charles und der Major ergänzte leicht lallend "Jawoll und zwar seit den Tagen als wir Königstreuen gegen diesen Hund von William Wallace kämpften! Das waren noch Zeiten.." der Rest ging in unverständlichem Gemurmel unter.
Prinz Charles lächelte "Der Major spricht von Braveheart, das war um 1300".
Er schenkte nach und bot uns ebenfalls von dem schottischen Nationalgetränk an. Wir sagten nicht nein und während der Butler, der die sich ganze Zeit unauffällig im Hintergrund aufhielt, unsere Drinks zubereitete, eröffnete seine Hoheit, weshalb er uns hierher beordert hatte.
"Was wissen Sie über das Monster von Loch Ness?"
Choco kam mir mit ihrer Antwort zuvor "Nessiteras Rhomboptery wie der wissenschaftliche Name lautet, wurde zwischen 1933 und 1992 etwa 3000 mal gesichtet."
Charles war sichtlich beeindruckt; die Physikstudentin hatte in letzter Zeit enorm über unser Fachgebiet dazugelernt.
"Nun, seit 14 Tagen wird Nessie, wie das Ding auch genannt wird, täglich gesichtet. Wir befürchten, dass es demnächst an Land geht" liess er die Katze aus dem Sack. Ich pfiff unhörbar. Das war wirklich ein Hammer.
Charles fuhr fort "Sehen Sie, bisher war Nessie ein Märchen, ein Werbegag, etwas für die saure Gurken Zeit. Am ehesten glaubt man noch, es sein ein prähistorisches Tier, das irgendwie in dem See überlebt hat. Aber die Wahrheit.." und dabei lehnte sich der Prinz nach vorne ".. die Wahrheit ist weitaus schlimmer als sich je jemand gedacht hat." Seine Ohren glühten wie immer, wenn er ganz in seinem Metier war "Ich weiß nicht, wie gut sie das Ctaath Aquadingen kennen. Aber nach dieser Quelle ist das, was wir witzigerweise Nessie nennen, nichts weniger als ein Großer Alter".

Ein Grosser Alter! Damit war die Bombe geplatzt. Der Major fing zu allem Überfluss auch noch laut zu schnarchen an. Die Grossen Alten waren finstere Wesen des Cthulhu Mythos, die mit ihren Dienern vor Äonen die Erde besessen hatten. Vor über 250 Millionen Jahren. Noch bevor die Saurier herumstampften. Durch eine Katastrophe (uralte Bücher munkelten von einem verlorenen Krieg) wurden sie an entlegene Orte verbannt, wo sie seitdem ein Schattendasein führten. Aber Zeit war fast bedeutungslos für sie. Sie konnten fast ewig warten. Wenn die Sterne richtig stünden und bestimme magische Bedingungen erfüllt würden, würden sie und ihre Kreaturen zurückkehren. Und das würde so ziemlich das Ende der Menschheit bedeuten. Und nun war ein Grosser Alter buchstäblich aufgetaucht. Das konnte ja heiter werden.

"Nun," wandte ich vorsichtig ein "warum beschäftigten wir uns damit und nicht das Loch Ness Investigation Bureau?"
"Weil das LNIB ..überfordert ist" drückte sich Prinz Charles diplomatisch aus, wurde aber dann aber konkreter: "Zwei Agenten des LNIB auf einem Boot sollten das Monster orten und sind auf den See hinausgefahren. Dabei kollidierten sie mit irgend etwas und erlitten Schiffbruch. Sie konnten sich retten und verbrachten die ganze Nacht auf einem Felsen, nur 5 Yards vom Ufer entfernt." Die Verachtung war Charles deutlich anzumerken "Danach machten Sie Jagd auf ein Krokodil. Sie können sich vorstellen, dass das die Lachnummer des Jahres war."
Ich nickte verständnisvoll. Choco war ein wenig forscher "Eure Hoheit, wenn es sich wirklich um einen Grossen Alten handelt, so bezweifle ich, dass das Militär.." dabei warf sie einen Seitenblick auf Major Mac Rib "..von großem Nutzen sein wird".
Der englische Thronfolger überlegte einen Moment sorgfältig und nahm einen Schluck Whisky, bevor er antworte: "Miss Choco, ich kann ihre Skepsis verstehen. Aber bedenken Sie einerseits, dass wenn es wirklich zu Äußersten kommt, ich mir nicht vorwerfen lassen möchte, keine Massnahmen ergriffen zu haben. Vielleicht mögen die Royal Moewles nicht so aussehen, aber sie haben in den letzten 700 Jahren niemals versagt."
Ich konnte meiner Assistentin anmerken, dass sie diese Antwort leicht gekränkt hatte und ergriff schnell die Initiative bevor sie noch etwas sagen konnte "Ich denke, das ist schon okay. Ich gehe davon aus, dass die üblichen Richtlinien gelten. Miss Choco und ich werden morgen so bald wie möglich zum Loch Ness aufbrechen. Es ist schon spät.."

Unser Boss verstand es wie immer königlich, zwischen den Zeilen zu lesen und blickte mich dankbar an "Miss Unclear, Sie haben mein vollstes Vertrauen."
Damit war unsere Besprechung beendet und wir wünschten seiner Hoheit eine gute Nacht, bevor wir uns auf unsere Zimmer zurückzogen. Um am nächsten Morgen noch in der Dämmerung zum Loch Ness aufzubrechen.


Wir hatten und im Craighdarroch House Hotel direkt am Ufer des Sees einquartiert. Das Hotel war klein aber fein und für die Jahreszeit ungewöhnlich gut belegt. Wir sollten schon bald erfahren warum das so war. Choco hatte sich sofort mit dem Wagen aufgemacht, um den Dämonendetektor auszuprobieren. Vielleicht konnte sie irgend etwas orten. Ich war im Hotel geblieben um erst einmal ein paar allgemeine Informationen zu sammeln. Ich hatte mich an einen der Tische gesetzt und war gerade dabei mein Frühstück einzunehmen, als mich mein Tischnachbar ansprach, der schon die ganze Zeit zu mir herübergesehen hatte.
"Entschuldigen Sie Miss, waren Sie schon einmal in Temple Pier?"
Für eine Anmache war das nicht unintelligent. Meines Wissens war dort die Basis der Küstenwache des Loch Ness. Zur Zeit diente sie den Royal Moewles. Der Boy um die 25 war auch nicht unsympathisch mit seinem schulterlangen dunkelblondem Haar und den blauen intelligenten Augen. Obwohl sein Englisch einwandfrei war, verriet ihn sein Akzent als Tourist vom Kontinent. Ich verneinte aber zeigte mich interessiert, mich mit ihm zu unterhalten. Er stellte sich als Mark Heulmann aus Deutschland vor, von Beruf Konzertmanager.
Ein wirklich gutaussehender Junge, mit dem ich gerne ein wenig flirtete. Ich kannte ihn nämlich. Mark Heulmann war ein bekannter Geisterjäger, der seit dem Ghoul-Alarm in Ost-Berlin kein unbeschriebenes Blatt mehr war. Ich konnte mich auch erinnern, dass er bei der Bekämpfung der Wikinger-Zombies von Haitabu in einschlägigen Kreisen für Aufsehen gesorgt hatte. Meines Wissens arbeitete Heulmann auf privater Basis, aber ich würde das überprüfen. Im Moment versuchte ich nur, mich nett zu unterhalten und dabei möglichst viel aus ihm herauszubringen ohne dass er zuviel über mich erfuhr. Vor allem nicht, dass ich hier war um das Monster von Loch Ness zu bekämpfen.
"Kennen Sie die Kellog Family?" fragte er mich.
Ich verneinte. Mark, klärte mich auf: "Die Kellog Family ist Germanys erfolgreichste Pop-Gruppe aller Zeiten. Eine ganze Familie, die zusammen auftritt, vom Baby bis zum Grossvater."
Und ich dachte, das seien die Geschwister Hofmann. Aber genauso gut hätte ich ihn nach dem Namen meiner Lieblings Neo-Traditionellen-Post-Metal Band fragen können. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich auf härtere Musik stand.
"Dann haben Sie sicher auch nichts von dem Konzert der Kellog Family gehört?" nahm mein Gegenüber zu recht an. Die Unterhaltung begann dumm zu werden.
"Nein, meine Freundin und ich sind heute morgen erst angekommen"
"Das wird ein Mega Event heute Abend! Ich bin nämlich der Manager!" verkündete Heulmann, "Die Fans sind aus ganz Europa angereist. Man hat sogar eigens eine Bühne auf dem Urquart Castle aufgebaut!"
Ich war nicht beeindruckt. Dass Männer aber auch immer meinen, angeben zu müssen! Halten sie Frauen für so blöd? Ausserdem war Urquart Castle meines Wissens eine Ruine - "Ein Konzert im Freien Ende Februar?" fragte ich gespielt ungläubig.
Der angebliche Manager warf sich in die Brust "Was ein echter Kellog Fan ist, dem macht Wind und Wetter nichts aus."
Damit war Mark Heulmann für mich abgehakt. Schade eigentlich. Ich entschuldigte mich mit ein paar unverbindlichen Worten. Aber dass der Geisterjäger wirklich ins Musikgeschäft gewechselt war, konnte ich nicht so recht glauben. Okay, ich hatte einen Freund, der nebenbei cthuloide Musik machte; aber das war nur ein Hobby von ihm. Ich musste Heulmann im Auge behalten. Aber jetzt würde ich erst mal zum Temple Pier spazieren und Major Mac Rib's Truppe einen Besuch abstatten.


Choco war mit dem Dienstwagen (ein Jaguar, der Prinz liess sich nicht lumpen, wenn es um die Ausrüstung seiner Agenten ging) um den halben See gefahren und hatte ab und zu angehalten um Messungen mit dem Dämonendetektor zu machen. Als angehende Physikerin bewunderte sie die technische Leistung, die in dem kleinen Gerät steckte, und das trotzdem so einfach wie die Fernbedienung eines Fernsehers zu handhaben war. Enttäuschend war nur, dass sie bisher noch keinerlei cthuloide oder dämonische Aktivitäten angezeigt bekam. Hoffentlich funktionierte es überhaupt. Na ja, vielleicht würde sich das ja bei Urquart Castle ändern. Die Ruine lag auf einer kleinen felsigen Landzunge und bestand eigentlich nur noch aus ein paar Mauerresten, zwischen denen sich ein Weg hindurch wand, der zu einem Turm führte, von dem nur noch Stummel übrig war. Wesentlich beeindruckender waren die Umbauten, die das ganze Areal in eine riesige Konzertbühne verwandelt hatten. Davor befanden sich Absperrungen und unübersehbare Plakate, aus denen hervorging, dass hier heute abend ein grosses Konzert einer gewissen Kellog Family stattfinden sollte.
Na ja, wenn's sein muß, seufzte die Südamerikanerin, die zwar nicht einen so extremen Geschmack wie Joan hatte, aber mit dieser Musikrichtung ebenfalls nichts anfangen konnte. Ein paar heiße Samba Klänge wären ihr jedenfalls lieber gewesen, zumal gerade erst Karneval in ihrer Heimat Rio de Janeiro gewesen war. Ohne große Erwartungen aktivierte Choco den Detektor. Hoppla, da war doch ein schwaches Signal.. Es kam aus der Richtung rechts unterhalb des Castles. Die junge Brasilianerin lief eilig um die Felsen herum, Richtung Seeufer. Ein Hausboot, das am Ufer festgemacht war! Die Signale kamen eindeutig von dieser Stelle. "Das werde ich mir mal genauer ansehen" beschloss die Agentin, "aber vorher werde ich Joan Bescheid sagen". Schliesslich war sie keine absolute Anfängerin mehr.


Der Stützpunkt der Küstenwache in Temple Pier war nicht gerade groß. Dafür wimmelte sie wie ein Ameisenhaufen von Soldaten. "Sie können einem leid tun", dachte ich. Ihre Schottenröcke waren für die Jahreszeit viel zu luftig und ihre uralten Karabiner nicht gerade vertrauenserweckend. Urigerweise trugen viele von ihnen statt einer Waffe nur einen Dudelsack. Ein verrosteter Mannschaftstransporter aus dem letzten Weltkrieg parkte neben dem Eingang. Ich zeigte meinen Dienstausweis vor und ließ mich zu Major Mac Rib bringen. Ein junger rothaariger Soldat namens Mac Chicken führte mich ins Hauptquartier. Mac Rib war begrüßte mich leutselig. Er war in besserer Verfassung als gestern Abend, was aber nicht mehr von langer Dauer sein würde, wenn man die fast leere Whisky Flasche bedachte, die auf seinem Schreibtisch stand. Darunter ausgebreitet war eine detaillierte Karte des Loch Ness, die sofort mein Interesse weckte.
"Haben Sie schon eine Spur des Monsters?" war natürlich meine erste Frage an den Major.
"Jawoll Miss, s'wurde gessern Nacht von Sargent Mac Express auf'n See gesehen. Glaubt er summindest." lallte Mac Rib.
"Und wo war das genau?" wollte ich wissen.
"S'kann ich Ihnen jenau sagen" Mac Rib deutete ohne hinzusehen auf eine Stelle mitten im See. Damit konnte ich kaum etwas anfangen.
"Und da is nochwas.." der Offizier zögerte. Ich sah ihn fragend an. "Mittm See stimmt was nich. Letzte Nacht hab ich wieder die Stimmen gehört".
"Was für Stimmen?" wollte ich wissen.
"Na so Stimmen aussem Wasser." Mac Rib war ein wenig verlegen.
"Major, was genau für Stimmen?" drängte ich ihn.
"Irgendwelche gepeinigte Seelen aus der Hölle. Sie haben ständig gesacht 'You're a Bastard' und so'n Zeug".
In meinem Innern kochte langsam die Wut hoch. Offensichtlich derilierte der Major bereits. Ich hätte normalerweise darüber hinweg geblickt, aber jetzt fragte ich ihn doch, wo seine Männer ihre moderne Ausrüstung hatten, auch wenn er sich dadurch auf den Kilt getreten fühlte. Mit veralteten Gewehren, verrosteten Fahrzeugen und schlechter Kleidung konnte man kaum einen Krieg gewinnen. Der Kommandeur kniff die Augen zusammen
"Miss Unclear!" der Major nahm sich zusammen. Dann hielt er mir einen Vortrag: "Die Royal Moewles sinn eine Traditionstruppe, die seit 1250 im Dienste des Englischen Königshauses steht. In unnerer glorreichen Geschichte sinn wir nich nur wegen unserer Tapferkeit berühmt geworden, auch unsere Sparsamkeit is vorbildlich. Warrum soll ich den Männern teuren modernen Schnickschack kaufen, wenn die vorhandene Ausrüssung völlich ausreichend ist? Eine Kugel ist eine Kugel, egal wie neu oder alt die Knarre is, wo se raus kommt. N' Duddelsack issn Duddlsack. Und wissense was unnerm Schottenrock iss?"
Zum Glück klingelte in diesem Moment mein Handy. Genervt nahm ich das Gespräch an.

Es war meine Assistentin. Der Detektor hatte ein Signal bei einem Hausboot unterhalb von Urquart Castle gegeben. Ich fragte den Major, ob er wisse, wem dieses Boot gehörte.
"Ssicher, das isses Boot von der Kellog Family!" antwortete er prompt.
Wenigstens eine vernünftige Information. Wie konnte Prinz Charles solche Zustände dulden? Aber ich kannte damals die Wahrheit noch nicht. Die Royal Moewles würden nie versagen.


Choco hatte sich dem Hausboot unauffällig genähert. Das Boot war ziemlich groß, aber ziemlich vergammelt. Die Vorhänge der Kabinen waren zwar zugezogen so dass es aussah, als sei das Boot verlassen. Kurz entschlossen betrat sie die Gangway und ging an Bord. Die Türe ins Innere des Kahns war natürlich abgesperrt. Aber das hielt eine angehende Agentin von Scotland Yard nur einen Moment auf. Schnell war das primitive Schloss geknackt und die Tür schwang auf. Ein fauliger Gestank schlug Choco entgegen. Das Boot war nicht nur äusserlich verrottet sondern auch innerlich. Nun galt es doppelt vorsichtig zu sein, denn dies war ein sicheres Indiz für cthuloide Umtriebe.
Im Innern des Hausbootes war es vollkommen dunkel. Alles, was Choco sehen konnte, war eine kurze Treppe, die auf einen engen und niedrigen Gang führte. Widerwillig stieg die Agentin in das Loch hinab.
Von dem Gang gingen links und rechts Kabinentüren ab. Choco aktivierte wieder den Dämonendetektor. Draußen war das Signal noch schwach gewesen, aber jetzt zeigte er 100% an! Die Brasilianerin wurde für einen Moment beinahe von Angst und Übelkeit überwältigt. Mit Mühe gelang es ihr, die aufkeimende Panik zu unterdrücken. Choco konzentrierte sich auf das leise Geräusch der Wellen am Rumpf. Fast unmerklich schwankte der Boden. Ganz sachte drückt sie eine der Klinken nach unten - die Türe ging ohne weiteres auf. Durch die zugezogenen Vorhänge der Kajüte kam ein wenig Licht herein, so dass sie die Einrichtung erkennen konnte. Links in der Wand war eine einzelne Koje und darin lag ein etwas was zuerst wie ein Gewirr von Haaren aussah. Bei genauerem Hinsehen konnte man einen schlafenden Jungen erkennen, der etwa 16 Jahre alt war. Offenbar ein Mitglied der Kellog Family. Dass Musiker am Tage schlafen, wenn sie abends auftreten müssen, ist nicht ungewöhnlich, fand Choco, aber wie konnte es ein Mensch bei einem solchen Gestank aushalten? Die Vorstellung, dass hinter jeder der Gangtüren einer der Kellogs schnarchte war beunruhigend und komisch zugleich.
Joans Assistentin zog die Türe vorsichtig wieder zu und schlich zum Ende des Gangs. Eine weitere Treppe führte wieder nach oben, von wo sogar ein Lichtstrahl herabfiel. Offensichtlich war dort oben die Brücke des Bootes. Choco stieg hinauf und sah sich um. Die Physikerin hatte zwar wenig Ahnung von Seefahrt, aber einige Dinge gehörten nicht hierher. Da war zuerst einmal eine Stereoanlage, die mit einem leistungsstarken Verstärker gekoppelt war. Einige CDs der Kellog Family lagen herum. Okay, es war ja das Boot einer Pop Gruppe. Aber Moment mal, wo waren die Lautsprecher? Da war noch ein Schaltpult. Die Lautsprecher befanden sich unter dem Schiff! Das Hausboot hatte eine Unterwasser Beschallungsanlage. Choco konnte sich keinen Reim darauf machen aber die Agentin hatte genug gesehen. Schnell steckte sie eine der CDs ein und dann machte sie sich daran, das Boot wieder zu verlassen.

Choco wollte gerade die hintere Treppe wieder hinaufsteigen, als plötzlich eine Gestalt im Türrahmen über ihr stand. Die Agentin reagierte sofort und sprang zurück in das schützende Dunkel des Korridors. Wenn sie schnell genug war konnte sie vielleicht über die Brücke flüchten. Aber der Andere war schneller. Noch auf dem Gang legte sich ein starker Arm von hinten um den Hals des Girls und zerrte sie zurück. Eine männliche Stimme mit deutlichem Akzent sagte dicht an ihrem Ohr "Na, wen haben wir denn da?" während ihr Angreifer sie herumzudrehen versuchte. Choco bedauerte zum x-ten Male, dass sie nicht wie Joan regelmäßig zum Kampfsport Training ging, sondern lieber wissenschaftliche Abhandlungen studierte. In dem dunklen, stickigen Gang konnte sie ihren Gegner kaum erkennen. Er mußte ca. 190 groß sein, war schlank und kräftig. Wenn sie nicht schnell etwas unternahm, hatte sie keine Chance mehr. Sollte sie schreien? Aber dass die Kellogs ihr helfen würden war unwahrscheinlich - eher im Gegenteil.
In ihrer Not fiel ihr nichts besseres ein, als ihr Knie nach oben zu reissen. Der Mann stöhnte gequält in einer Sprache auf, die sich wie Deutsch anhörte und lockerte seinen Griff für einen Moment. Die ältesten Tricks waren halt immer noch die besten. Das genügte Choco, um den Griff um ihren Hals zu sprengen und Richtung Brücke zu rennen. Kaum oben angekommen, hörte sie auch schon ihren Verfolger kommen. Gottseidank hatte der Raum eine Türe nach außen! Ohne lange nachzudenken, ob der Ausgang verschlossen war, trat die Agentin die Türe kurzerhand ein (mit den robusten Winterstiefeletten war das kein Problem). Die Türe flog auf und atemlos stürzte sie hindurch. Dann rannte sie ohne sich umzusehen das Ufer hinauf zur Strasse. Ihr Gegner konnte wohl immer noch nicht so schnell laufen - er blieb hinter ihr zurück. Oder aber er wollte kein Aufsehen erregen, denn auf dem Konzertgelände nebenan waren einige Menschen. Unbeschadet erreichte sie den Wagen, warf sich hinein, ließ den Motor an und jagte davon.


Wir hatten uns im Craighdarroch House Hotel wieder getroffen. Es war bereits später Nachmittag und statt der Teestunde nahmen wir bereits unser Dinner ein. Nach der Aufregung konnte Choco eine Stärkung gebrauchen. Laut ihrer Beschreibung konnte der Mann auf dem Boot eigentlich nur Heulmann gewesen sein. Der Geisterjäger hatte sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Was hatte er dort zu suchen? War er etwa tatsächlich der Konzertmanager der Kellog Family, wie er behauptet hatte? War er auf noch auf unserer Seite oder hatte er sich mit den Mächten der Finsternis verbündet? Und was hatte es mit der Unterwasser - Beschallungsanlage auf sich? Ich besah mir die Musik CD der Kellogs, die ihre Assistentin mitgebracht hatte. Heulmanns Name tauchte bei den Credits nicht auf. Aber das musste nichts heissen. Choco pries gerade die Vorzüge des Dämonendetektors, aber ich hörte nur halb zu. Geistesabwesend entnahm ich der Hülle das Booklet und begann die Songtexte zu lesen
Da waren Titel wie "Key to my heart" oder "Because it's love". Einer namens "Hooks" ging so:

Talk about lovers
They're both young and very pretty
They are in love but he betrays her
He says he's sorry and so she wants
to believe him that is why
He's got her on his hooks

What you do to me I can do to you
Babe set me free then I'll let you be
Come on, come on now don't you
fool around
cause you're hurting me won't you
let me be

Ich gähnte..

Chorus

You got me on your hooks
You're a bastard
You got me on your hooks
You're a bastard

Hoppla! Das also hatte Major Mac Rib nachts gehört! Ironie des Schicksals, dass er den Refrain gleich auf sich bezogen hatte. Dabei war er gar nicht gemeint gewesen.
Ich hatte plötzlich eine schlimme Ahnung. In zwei Stunden begann das Konzert der Kellog Family. Wir sollten vielleicht doch hingehen.


Mittags, als Choco zum letzten mal hier gewesen war, war es bis auf ein paar Roadies noch völlig ruhig gewesen, aber inzwischen glich Urquart Castle dem reinsten Ameisenhaufen. Meine Assistentin hatte Bedenken gehabt, ob wir noch Eintrittskarten bekommen würden. Es war aber kein Problem gewesen, ein Ticket zum doppelten Preis von einem der Schwarzhändler zu bekommen, die jedes größere Pop Konzert wie die Fliegen anzieht. Der Einlass war bereits in vollem Gange und ich hatte es geschafft, meine Vektor durch die Kontrollen durchzubringen. Wer vermutete auch schon eine 9mm Parabellum ganz unten in einem Mini-Rucksack mit dem Aufdruck "Bad Girls"? Den Dämonenzerstäuber hatten wir natürlich nicht mitnehmen können, aber Choco hatte immerhin den Detektor dabei, den die Ordner wahrscheinlich für ein Mobiltelefon gehalten hatten. Ausserdem hatte ich noch mein Weihwasser und meinen Elder Sign Schlüsselanhänger dabei. Ob uns diese Utensilien hier jedoch viel nützen würden, bezweifelte ich. Es sah mir nach etwas Größerem aus.
Überhaupt fielen wir beide ein wenig auf. Nicht nur, dass wir 10 Jahre älter als die meisten Fans waren, auch unser Outfit passte nicht zu ihnen. Viele kamen so schmuddelig daher, als hätten sie ihre Klamotten aus der Altkleidersammlung. Oder aus dem Fundus eines herabgekommenen Theaters. Aber wahrscheinlich wollten sie nur ihre Stars nachahmen, die auf den Plakaten genauso aussahen. Wir stellten uns in die hinterste Reihe um den Überblick zu behalten. Nun hiess es warten...


Major Mac Rib beobachtete die bunten Lichter, die vom Urquart Castle herüber schienen. Sofort nach dem Anruf von Joan Unclear hatte er seine Männer in Bereitschaft versetzt. Die Royal Moewles waren relativ weit entfernt von der Ruine in Stellung gegangen, um kein Aufsehen zu erregen. Zu weit, dachte Mac Rib und nahm einen Zug aus seiner Feldflasche. Sollte wirklich etwas passieren, würden ihre Karabiner nicht weit genug reichen. Und Kanonen besassen sie keine. Wäre auch viel zu teuer gewesen. Aber Geld für bessere Waffen ausgeben? Nein, es mußte auch so gehen. Die Royal Moewles hatten noch nie versagt und Mac Rib würde die Tradition aufrecht erhalten. Hoffentlich ging das Konzert bald los. Es war nämlich erbärmlich kalt. Er schlug seinen Tartan Umhang in den Farben der Mac Ribs enger. Diese dekadenten Festlandbewohner mit ihrer dekadenten Musik! Es ging doch nichts über ein anständiges Schottisches Dudelsacklied. Pah, man musste aufpassen, dass nicht gleich wieder eine Invasion losging. Aber seine größte Sorge war, daß er bald auch nichts mehr zu trinken haben würde.


Auf einmal kam Unruhe unter den Fans auf und sie drängten nach vorne. Die Lichter gingen aus. Alle Augen waren auf die Bühne gerichtet. Spannung. Dann ging ein Spotlight an und darin stand - Mark Heulmann! "Also doch", stöhnte ich innerlich auf.
"Hallo Freunde! Willkommen bei der Kellog Family!" tönte Heulmann aus der Verstärkeranlage. Choco nickte mir kurz zu, dass auch sie ihn wiedererkannte. "Wir werden heute eine Super Party feiern! Und da ich weiss, dass viele von euch von ganz ganz weit her gekommen sind, will ich euch nicht länger auf die Folter spannen." Dramatische Pause. "Hier sind eure Kellogs!".
Der Spot erlosch und Heulmann verschwand im Dunkel. Die Kellogs hatten sich während der Ansage auf die Bühne geschlichen und als nun das Licht wieder ganz anging legten sie sofort voll los.

Die Musik war einfach grässlich. Ihre Instrumente mochten die Kellogs ja noch einigermassen beherrschen, aber dieser Gesang! Er war falsch und die Stimmen viel zu leise. Da half nur, dass die Kellogs mindestens im Duett sangen. Fast noch schlimmer war aber die Bühnenshow. Das tänzerische Talent der Künstler war dermassen peinlich, dass ich meinen Blick abwenden musste. Die weiblichen Kellogs zuckten und verrenkten sich, was wie Tanz aussehen sollte, mich aber eher and die Aufführungen von Kultisten erinnerte, die ein obskures Ritual ausführten (was es im Grunde auch war, aber ich greife vor). Nichtsdestotrotz kreischten und johlten die Fans ekstatisch. Teddybären und kleine Geschenkpäckchen flogen massenweise auf die Bühne. Choco blickte auf die Anzeige des Dämonendetektors und hielt ihn zu mir herüber, damit auch ich ihn ablesen konnte. Ich nahm es als Bestätigung, dass vor uns eine starke dämonische Aktivität herrschte. Aber die Brasilianerin konnte es kaum fassen und war trotz ihrer braunen Haut merklich blass geworden. Das Girl war in ihrer gesamten Jugend mit Samba, Bossa Nova, Mambo und so weiter aufgewachsen. Der Kulturschock musste für sie noch schlimmer sein als für mich.

Und dann war da noch etwas anderes. Als erstes merkte ich, dass ein frischer Wind aufgekommen war, der vom See her wehte. Irgend etwas Cthuloides ging hier vor sich. Da konnten wir uns auf etwas gefasst machen.


Mac Ribs Männer sahen es zuerst. Loch Ness brodelte. Plötzlich schoss eine Fontäne, so hoch wie ein Turm in die Luft. Die Gischt legte sich. Ein langer Hals tauchte langsam aus dem Wasser auf. Das Monster von Loch Ness! Die Verbiegung der Realität, die den Grossen Alten umgab, breitete sie wie eine Druckwelle aus. Uhren spielten verrückt, Ursache und Wirkung war nicht mehr immer klar. Mac Rib betrachtete mit Staunen wie sich seine Whiskyflasche wieder füllte. Die Männer klammerten sich an ihre Gewehre und Dudelsäcke. Das Monster begann sich auf das Ufer zu zu bewegen. Aber nicht in Richtung Royal Moewles, sondern genau auf Urquart Castle, wo sich die riesige Menschenmenge befand.
Der Major gab das Signal zum Angriff.


Als erstes merkte ich, dass an den Rändern etwas nicht stimmte. Diejenigen, die auf den Loch sehen konnten, begannen sich nicht mehr für die Show zu interessieren, sondern blickten aufs Wasser hinaus. Dann begann Bewegung in die Menschen zu kommen. Die Menge wich zurück gleich einer Welle, die sich immer mehr ausbreitete. Panik brach aus. Sekunden später beachtete niemand mehr das Geschehen auf der Bühne. Schliesslich konnte es jedermann sehen: das Monster von Loch Ness, der Grosse Alte war aufgetaucht und kam auf uns zu! Die Kellogs machten jedoch weiter, als sei nichts geschehen! Allerdings wurde der Text nun endgültig bizarr:

It's like a morning cup of coffee
Step in a guy and you thinking good bye
Say you will driving they will you short us

You roll a high you need the dance so lay
The peperoni and brother Toni
And if the mama Magarita will the others good

Touch good maccaroni the stop will lonely
And makes me getting will imagine
Will the cheese good touch

The peperoni is not of only, cause I'm tell
Cause I'm stars today
Cause maccaroni and brother Toni and they
Got mama Magarita will the cheese good touch

Plötzlich war mir alles klar. Die Show war eine cthuloide Beschwörung! Es war die Musik, die das Ungeheuer angelockt hatte.

Wir mußten sofort eingreifen. Ich gab meiner Assistentin ein Zeichen und wir stürmten Richtung Bühne. Nun erwies es sich als Fehler, dass wir so weit hinten gestanden hatten. Denn die Masse drängte uns genau entgegen. Verdammt, wenn wir es nicht schafften, an den Rand vorzukommen, wo schon fast niemand mehr war, würden wir einfach mitgerissen werden. Wieder einmal kam mir meine Sumo Technik zugute. Ich mußte mir den Weg mir YORIKIRIS wie ein Bulldozer regelrecht frei schaufeln. Mit Mühe und Not gelang es uns, die flüchtenden Konzertbesucher hinter uns zu lassen. Nun hatten wir freien Weg. Im Halbkreis rennend legten wir die letzten Meter zurück und schwangen uns auf das Podium. Ausser Atem zog ich meine Vektor. Als erstes erfüllte ich mir einen Herzenswunsch und erschoß Fatty Kellogs Gitarrenverstärker, von dem nur noch ein qualmender Schrotthaufen zurückblieb. Choco stürzte sich auf die Sängerin namens Maike und versuchte ihr das Mikrofon zu entreissen. Diese wehrte sich aber erbittert und schrie unentwegt weiter in das Gerät. Ich war für einen Moment abgelenkt aber aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung und konnte mich gerade noch drehen, um zu sehen, dass der Bassist mit hoch erhobenen Instrument auf mich losging. Mir blieb keine Wahl als zu feuern. Die Kugel ging mitten durch den Boy durch, ohne Schaden anzurichten! Auch das noch - die Kellogs waren keine Menschen sondern eine cthuloide Lebensform! Wahrscheinlich Shoggoten.
Ich war so überrascht, dass ich nicht reagierte und mich der Schlag voll in die Seite traf. Ich ging zu Boden. Schmerz durchraste meinen Körper und ich versuchte mich wegzurollen. Neben mir zersplitterte der Boden durch einen weiteren Schlag, der mir gegolten hatte. Ich lag auf dem Rücken und blickte zu dem Kellog auf, der mit seiner schwere Bassgitarre ausholte um mir den Rest zu geben.


Mark Heulmann stand auf der äußersten Spitze des Felsens, auf dem Urquart Castle erbaut war. Dies war sein Triumph. ER hatte erkannt, dass man mit Musik andere Dimensionen erreichen konnte. "Ein Lied kann eine Brücke sein", bei dem Gedanken schmunzelte er. ER hatte nur zu diesem Zweck die Kellogs aufgebaut und jahrelang SEIN Komplott geschmiedet. Und die Fans, die im Hintergrund schreiend durcheinanderliefen waren nun das Kompott. Die Grossen Alten verdankten IHM ihre Rückkehr und dafür würde ER für immer in ihrem Schosse sitzen.
Der Grosse Alte erreichte das Ufer. Turmhoch ragte sein langer Hals über ihm auf. Der Jünger Cthulhus breitete die Arme aus, um ihn zu begrüssen "Iä, Iä! Cthulhu ftagnalei!" Der Kopf des Monstrums senkte sich auf die kreischenden Menschenmenge herab..


Ich konnte nichts mehr tun als den tödlichen Schlag erwarten. Das passierte etwas, was den Kellog, der über mir stand, aufblicken und innehalten liess. Vom Himmel senkte sich der Kopf des Grossen Alten herab in die flüchtenden Massen. Es war grauenhaft. Es klang, wie wenn eine Planierraupe in einen Wald fuhr. Ich hörte das Mahlen der Kiefer, das Krachen der Knochen.
Plötzlich wurde mein Gegner beiseite geschleudert. Es war Choco, die mich wieder einmal in letzer Sekunde gerettet hatte indem sie sich mit voller Wucht auf den Bassisten geworfen hatte. "Joan, deixe-nos partir rapidamente d'aqui!" schrie sie mir zu und war auch schon hinter einen der Lautsprechertürme gesprungen. Ich rappelte mich hoch. Unser Angriff hatte die Kellog Family immerhin so aus dem Konzept gebracht, dass nur noch der Schlagzeuger seinen Beat im Leerlauf spielte. Das Monster wütete immer noch unter den Fans, wenngleich es nicht mehr so einfach aus dem Vollen schöpfen konnte, da sich viele bereits ausser Reichweite befanden. Aber das würde nicht mehr lange so sein. Der Boden zitterte bereits unter den Füßen des Ungeheuers, das sich anschickte, aus dem Wasser zu kommen.
Da mischte sich ein neues Geräusch in den Lärm, der geradezu ohrenbetäubend war. Ein Dröhnen, das von Heulen und Pfeifen begleitet war. Dudelsackmusik? Tatsächlich! Die Royal Moewles kamen mit ihren Sackpfeifen vom Ufer her und spielten aus Leibeskräften das Traditional MIDI "The Black Bear" . War Mac Rib endgültig durchgedreht? Im Gegenteil!
Die Wirkung auf den Grossen Alten war ungeheuerlich. Das Monster von Loch Ness bäumte sich auf. Mit schauerlichem Gebrüll warf es sein scheussliches Haupt hin und her. Dann begann es zurückzuweichen. Der Grosse Alte schob sich zurück in den See! Dennoch war es höchste Eisenbahn auch für Choco und mich abzuhauen. Doch dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Die Kellogs zogen sich zurück! Offensichtlich wollten sie dem Grossen Alten folgen...


Major Mac Rib genoss den Sieg. Niemand hatte ihnen zugetraut, diese Schlacht zu gewinnen. Niemand, ausser Prinz Charles, der die Royal Moewles besser kannte. "Gott schütze die Königin! Blast Männer, was das Zeug hält! Wie damals 1295!" feuerte er seine Männer an. Nach aussen hin wurde das Dudelsackspielen zum Vergnügen gepflegt, aber einmal ehrlich, wer würde schon zum Spass ein solches Instrument spielen wollen? Nein. Der Dudelsack war in Wirklichkeit eine uralte Waffe gegen die Grossen Alten. Seit vielen Jahrhunderten war die Bag Pipe von Generation zu Generation weitergegeben worden für den Ernstfall. Nun war es soweit. Und er, Mac Rib und seine Truppe durften es der Welt beweisen.


Die Kellogs interessierten sich nicht mehr für uns. Wie seelenlose Roboter - und seelenlos waren sie ja tatsächlich - hatten sie das Konzertgelände verlassen und waren zu ihrem Hausboot zurückgekehrt. Choco und ich hatten ihnen problemlos folgen können. Das Monster von Loch Ness war bereits weit in den See hinaus geschwommen. Einer nach dem anderen gingen die Kellog-Shoggoten an Bord. Wir wussten nicht genau was wir jetzt noch tun sollten, aber laufen lassen wollten wir sie auch nicht. Das Gepfeife der Dudelsackmusik wehte zu uns herüber. Die Royal Moewles hatten auf der Klippe des Castles Aufstellung bezogen und bliesen gerade MIDI "Scotland the Brave". Kurz entschlossen enterten auch wir das Hausboot. Das hätten wir besser unterlassen sollen denn es begann ein neues Kapitel des Grauens.

Die Kellogs hatten keinen Grund mehr, ihre menschliche Gestalt aufrecht zu erhalten. Das unheilige Protoplasma, aus dem sie bestanden, ermöglichte ihnen, sich in wahre Kampfmaschinen zu verwandeln. Fatty, Maike, Johann, Babsi, Engelbrecht, Käthe und wie sie alle hiessen wuchsen auf einmal Klauen und Fänge. Es ähnelte der Metamorphose von Menschen in Werwölfe - nur schlimmer. Schon sahen wir uns einer Gruppe wilder Bestien gegenüber, die uns zerreissen wollten.
Es war zu spät um davonzulaufen. Wir mussten uns stellen. Ich zog meinen Schlüsselanhänger mit dem Älteren Zeichen hervor und reichte ihn Choco. Vielleicht würde sie die Höllenbrut damit eine Weile in Schach halten können. Die Kellogs knurrten und zischten zornig, als sie das Bannzeichen wahrnahmen. Langsam rückten sie näher. Choco musste höllisch aufpassen, dass keinem der Bestien gelang, den Schutz zu umgehen. Ich suchte fieberhaft nach einer Idee, wie wir aus dieser Situation entkommen konnten.
Vor mir war nur das Deck des Hausboots, eine Ladeluke, ein Entlüftungsrohr, die Reling, ein Rettungsring, eine Rolle Tau, ein Blumentopf, der Tankstutzen.
Da hatte ich die rettende Idee.

Meine Vektor CP1 spie Feuer. Das Schloss des Tankstutzens war weggefegt. Ich musste Kraft aufwenden um den zerbeulten Deckel ab zu bekommen. In den Taschen meiner Jacke suchte ich nach etwas Brennbaren. Das Konzert Ticket der Kellog Family war genau das Richtige! Ich kramte in meinem Mini Rucksack nach Zündhölzern. Meine Assistentin hatte ziemliche Mühe, gleichzeitig mich und die Monster im Auge zu behalten. Schnell zündete ich das Ticket an und hielt es über die Öffnung des Treibstofftanks. "Okay Freunde, wie wär's zur Abwechslung mit ein bisschen Rock'n Roll?" grinste ich, packte meine Sachen und liess das Ticket in den Tank fallen.
Wie auf Kommando hechteten Choco und ich von Bord.

Die Kälte des Wassers traf mich wie ein Hammer. Über uns explodierte das Hausboot der Kellogs. Als wir wieder auftauchten war es nur noch ein brennendes Wrack. Von der Family war nichts mehr zu sehen. Zum Glück waren es nur wenige Meter bis zum Ufer. Schlotternd machten wir uns sofort auf die Suche nach unserem Wagen. Schliesslich waren wir keine Agenten vom LNIB.


Prinz Charles wusste bereits von unserem Erfolg, als wir ihn anriefen. Mac Rib hatte ihn informiert. Unser Chef dankte uns herzlich für unseren Einsatz. Ich fragte ihn, ob er wisse, was aus Mark Heulmann geworden sei. Heulmann war seit dem Angriff der Royal Moewles nicht wieder gesehen worden. Ich würde mir diesen Namen wohl merken müssen. Was ihn wohl dazu gebracht hatte, eine Pop Gruppe aus Shoggoten zu gründen, nur zu dem Zweck einen Grossen Alten zu beschwören? Verdammte Kultisten. Verstehe einer die Krauts.

ENDE

P.S. Der Autorin ist bekannt, dass Urquart Castle in Wirklichkeit kleiner ist als hier geschildert.

Midi files sequenced by Barry Taylor. Used with permission.

© Susan Quark, Das Cthuloide Cabinett

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