Titel
Spät abends in einem Londoner Bürohaus auf der Canary Wharf. Die Angestellten, die tagsüber in den Offices der Alhazred Oriental In- und Export arbeiten, sind schon lange nach Hause gegangen. Nur an einem Schreibtisch brennt noch ein einsames Licht. Einer der Mitarbeiter macht Überstunden. Vor ihm liegt ein aufgeschlagenes Buch, das gestern aus Saudi Arabien ankam. Es handelt sich um eine Antiquität aus brüchigem gelben Papier in einem dicken Ledereinband auf dem der Titel kaum noch entzifferbar ist: "Kitab Al Azif".

Am Ufer der Themse dringen die Lichter der Themse nur schwach durch den Nebel, der sich wie ein Grabtuch über die Straßen und Häuser legt.Ein alter, verfallender Holzsteg aus der guten alten Zeit, als noch Schiffe an der Wharf anlegten. Ein Boot schiebt den Nebel, der hier schier undurchdringlich ist beiseite und gleitet lautlos näher. Vermummte Gestalten, drei an der Zahl, stehen stocksteif darin - beim Näherkommen erkennt man, daß sie Kopftücher tragen.
Das Boot legt an.
An einem der verrottenden, von glitschigem braunen Tang überzogenen Pfosten befestigen Knochenhände ein glitschiges, braunes Seil. Ein alter verrosteter Putzeimer schlägt hohl gegen die Holzbohlen. Der Horror klettert an Land..

Unterbrechung

Ich hatte einmal wieder einen Auftrag, der scheinbar nichts mit meinem Aufgabengebiet zu tun hatte. Irgend so eine Import - Export Firma, die mit altem Zeugs aus dem Orient handelte, hatte mich engagiert, um herauszufinden, warum einige ihrer Angestellten verschwunden waren. Was solls, war meine erste Reaktion gewesen, wahrscheinlich hatten sie einfach nur ihren Job hingeworfen, doch als ich vor dem Glas und Stahlpalast stand, in dem die Firma residierte, kamen mir meine Zweifel. Es war schon eigenartig, daß innerhalb von einer Woche drei Angestellte nicht mehr zur Arbeit erschienen waren, ja geradezu vom Boden verschluckt zu sein schienen, wo es sich doch offensichtlich um eine der ersten Adressen Londons handelte.
Die Leute waren alle nach Büroschluß dageblieben - zumindest wurden sie dort zuletzt gesehen - und dann verschwunden. Zumindest von zweien wusste man, daß sie nicht einmal mehr heimgekehrt waren. Meine Aufgabe als Agentin von New Scotland Yard war es jetzt, herauszufinden, was sich abgespielt hatte.

Ich betrat das Foyer, das im modernen Technodesign gehalten war: blanke Stahlträger und offen verlegte Ventilationsrohre. Sofort sagte mir mein weiblicher Instinkt, der mir schon mehrmals das Leben gerettet hatte, daß hier etwas nicht stimmte. Dies war nur eine moderne Fassade, hinter der eine uralte Macht darauf lauerte loszuschlagen.

Das Böse hatte in diesem Gebäude Einzug gehalten.

Fünf Minuten später saß ich in einem todchicen Büro dem Geschäftsführer Mr. Alhazred gegenüber, einem jungen gutaussehenden Araber, der trotz seiner professionellen Umgangsformen nicht vermeiden konnte, ständig auf meine Beine in ihrem engen Jean -Yves Rock zu starren. Ich wollte den Boy nicht übermäßig in Verlegenheit bringen und steuerte darum direkt auf das Thema zu:
"Drei Ihrer Mitarbeiter werden vermißt?"

"Ja, und zwar seit letztem Dienstag. Das heißt Andara am Dienstag, Craven am Mittwoch und Carter am Donnerstag." Alhazred wirkte unsicher. "Wir haben die Polizei vorher nicht verständigt, da wir ja nichts ahnten.."

Also an drei aufeinanderfolgenden Tagen, das war ungewöhnlich.

"Womit waren die Leute zuletzt beschäftigt?" fragte ich.

"Wie Sie wahrscheinlich wissen handlen wir mit Antiquitäten aus dem Nahem und Mittleren Osten. Die drei Mitarbeiter waren dabei, eine größere Lieferung aus Saudi Arabien aufzunehmen, die in der Woche vorher hereingekommen war."

"Und worum handelte es ich dabei?" wollte ich wissen.

Alhazred brauchte nicht lange zu überlegen: "Hauptsächlich um Bücher - sie waren für die British Library bestimmt".

Ich stellte noch ein paar routinemäßige Fragen, ob die Verschwundenen etwas Gemeinsam gehabt hätten, ob sie mit ihrem Job zufrieden gewesen seien, ob ihrem Boss in letzter Zeit etwas aufgefallen sei, etc. Alhazred konnte mir keine weiteren Informationen geben die ich nicht schon aus den Akten des Yard kannte, die ich in meinen Vorermittlungen studiert hatte.

Eines war klar: Ich mußte mir Informationen vor Ort beschaffen und das möglichst unauffällig. Ein Lockvogel wäre vielleicht die beste Strategie.
"Ich hätte gerne, daß Sie mich ihren Angestellen als neue Mitarbeiterin vorstellen und genau auf den Posten setzen, den der letzte der Verschwundenen innehatte. Wenn Sie nichts dagegen haben, werde ich heute abend nach Büroschluß hier bleiben und sehen, ob ich etwas herausfinden kann".

Der Wüstensohn schaute mich etwas ungläubig an und hüstelte "Ächem, Miss Unclear, sind Sie als.."

"Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, weil ich eine Frau bin, Mr. Alhazred" schnitt ich ihm das Wort ab und schenkte ihm mein strahlendstes Lächeln, "Ich bin mir sicher, daß ich diesen Fall mit Ihrer Unterstützung schnell lösen kann".

Alhazred nickte während ich noch darüber nachdachte, was "Ächem" auf Arabisch bedeutete. "Ich werde das Notwendige veranlassen und - nennen Sie mich einfach Abdul".


Unterbrechung


Die drei Männer wussten nicht wo sie waren. Um sie herum war nichts als Finsternis, daß man seine Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Es war kühl und feucht in dem kleinen gemauerten Raum, in dem sie angekettet waren. Der einzige Ausgang war eine massive Eisentüre.
Und die war verschlossen.
Aber die Gefangenen blickten voller Angst auf den Augenblick, wenn sie sich wieder öffnen würde..

Randolph Andara Roderick Craven und Robert Carter waren an allesamt auf die selbe Weise hierhergekommen. Es war drei mal die gleiche Geschichte. Nachdem alle anderen Angestellten von Alhazred Import und Export nach Hause gegangen waren, waren sie als einzige bis spät abends noch dageblieben um eine neu eingetroffene Büchersendung zu sichten. Beim Durchsehen war ihnen ein besonderes Buch aufgefallen, das besonders alt und kostbar schien und sofort ihre Aufmerksamkeit fesselte. Es war abstoßend und schon der alte, fleckige Ledereinband war furchteinflößend. Aber der Inhalt war noch Schlimmer. Die krakeligen arabischen Schriftzeichen waren selbst für Experten wie sie schwer entzifferbar. Dies war jedoch verzeihlich, denn selbst noch in der jüngeren Geschichte wurden in Arabien Zeichen verwendet, die heute völlig unleserlich sind. Von Dämonen war die Rede, magischen Ritualen, wirren mathematischen Betrachtungen, erschütternden Erkenntnissen. Einmal angefangen, konnte man sich nicht mehr davon losreißen. Und so war es später und später geworden.
Und dann war der Horror gekommen.
Zuerst waren es nur Schritte auf dem Gang gewesen. Ein Klappern von Eimern und Besen, das Geräusch auf und zufallender Türen. "Die abendliche Putzkolonne", hatten die Männer gedacht und sich wieder in ihre Lektüre vertieft.

Doch es war etwas Anderes und als sie es gemerkt hatten, war es bereits zu spät gewesen.

Artwork by Sherill Die Bürotüre war aufgeschwungen und die Gestalt einer Putzfrau hereingekommen. In ihrem weiten, gemusterten Rock, ihrer schlampigen Bluse und ihrem Kopftuch hatte sie ganz normal ausgesehen - bis auf das was unter dem Kopftuch hervorgesehen hatte: ein Totenschädel! Die Männer waren völlig überrascht gewesen und hatten keine Gelegenheit gehabt etwas anderes zu tun, als einen Schreckensschrei auszustoßen denn schon war der Stiel eines Schrubbers auf sie herabgesaust und hatte sie brutal außer Gefecht gesetzt.
Dann waren sie halbbetäubt in Müllsäcke gestopft und hierher geschleppt worden.

Unterbrechung

Die anderen Angestellten hatten alle längst ihren verdienten Feierabend, nur ich alleine befand mich noch in dem Gebäude. Ich hatte es mir in dem Büro, in dem der verschollene Mr. Carter zuletzt arbeitete, bequem gemacht. Alhazred hatte mich als kurzfristig angeheuerte Ersatzkraft vorgestellt, die vorübergehend die Verschwundenen ersetzen sollte. Die Angestellten hatten dies sofort akzeptiert aber ich war trotzdem froh, daß ich nur ein paar Stunden so tun mußte, als würde ich nur ganz normal arbeiten. Mein Hauptanliegen war ja, die Mitarbeiter unauffällig nach Informationen auszuhorchen, was sich aber bei dem grassierenden Klatsch über die Vorkommnisse als ein Kinderspiel herausstellte. Ich brauchte erst gar nicht meine weiblichen Verhörtricks einzusetzen, da meine neuen Kollegen sehr eifrig waren, mir alles zu berichten, was sie wussten, beziehungsweise zu wissen glaubten.
Viel war allerdings nicht dabei herausgekommen.

Ich mußte abwarten. In einer Frauenzeitschrift, die ich mir zur Zerstreuung mitgebracht hatte, las ich einen Klatschbericht über die königliche Familie. Es war schon lächerlich, was die Presse ständig über die Royals berichtete, vor allem wenn man wusste, daß Prinz Charles sein Leben in Wirklichkeit der Bekämpfung Cthuloider Umtriebe gewidmet hatte.

Ich hatte mir die Unterlagen Carters, Andara und Cravens angesehen. Kein besonders aufregender Job, dachte ich mir, als ich die Listen mit Hunderten von Büchern durchging, die irgendein Agent der Firma namens Abd Katif aus Riad geschickt hatte.
Die Listen brachten mich nicht weiter, vor allem weil ich trotz meiner hervorragenden Arabischkenntnisse mit den meisten Titeln nichts anfangen konnte.

Ich legte die Zeitschrift beiseite und schob die Death-Metal CD, die ich mir auf dem Herweg in der Portobello Road gekauft hatte, in das Laufwerk des Computers unter meinem Schreibtisch. Einige Sekunden später röhrte auch schon die kehlkopfkrebszerfressene Stimme meines Lieblingssängers aus den Soundboxen.
Dann stand ich auf und blickte durch das Fenster auf die Themse hinunter, auf der sich schon wieder eine Herbstnebelsuppe zusammenbraute und ging im Kopf noch einmal die Informationen durch, die ich hatte.

Auf dem Gang hörte ich Schritte und das Klappern eines Eimers. Sicher nur das Putzkommando, das seine abendliche Runde machte.

Der Schlüssel zum dem Rätsel MUSSTE bei den Büchern zu finden sein, die sich in mehreren Kartons neben mir stapelten. Meine grauen Zellen arbeiteten auf Hochtouren.
Bingo!
Das "Kitab Al Azif", zu deutsch das "Buch des Geheules der Dämonen", war die Antwort. Unter dem dem Namen "Necronomicon" hatte es jahrhundertelang auf der ganzen Welt für Schrecken und Chaos gesorgt. Ich wühlte in den Kartons - da war es! Ich hielt eines der wahrscheinlich wertvollsten und gleichzeitig verruchtesten Bücher aller Zeiten in den Händen. Mit diesem Buch konnte man nicht nur alle möglichen Dämonen, Grossen Alten, Äußeren Götter und was-weiß-ich-für-Dinge-die-man-besser-nicht-ausspricht beschwören, sondern hatte auch den Schlüssel zur Unsterblichkeit und vielleicht sogar zur Weltherrschaft in den Händen.
Jetzt war alles klar.
Ein solches Buch durfte man nicht einfach in einem Pappkarton in der 10. Etage eines Hochhauses aufbewahren. Das "Kitab" mußte wie ein Leuchtfeuer für das Böse im Umkreis von Meilen gewirkt und es angelockt haben.

In diesem Moment wurde die Türe aufgestoßen und drei Putzfrauen stürmten herein. Ich kann überhaupt nicht leiden, wenn jemand ohne anzuklopfen hereinkommt, aber dies waren keine freundlichen Raumpflegerinnen, sondern ich sah mich drei Geschöpfen der Hölle gegenüber, aus deren Kopftücher mich Totenschädel anstarrten und aus deren Schürzen Knochenhände herausschauten.
Ich konnte gerade noch durch Ausweichen verhindern, daß ein Besenstiel auf meinem Kopf landete. Dennoch traf mich der Schlag auf die Schulter, so daß ich das Gleichgewicht verlor und schmerzhaft gegen die Schreibtischkante rempelte.
Dabei ließ ich das "Al Azif" fallen, worauf sich sofort eine der Kreaturen des Satans stürzte und es an sich riß, während die anderen beiden schon zum nächsten Schlag ausholten. Ich tastete nach einem Gegenstand und bekam irgendein Buch zu fassen, das ich mit einem blitzschnellen Wurf einem der Putzteufel an die Birne warf. Es mußte sich wohl um ein Exemplar des Korans gehandelt haben, denn das Monster stieß ein hohles Heulen aus und taumelte rückwärts in die Verkabelung der EDV-Anlage, worin es sich hoffnungslos verhedderte, worauf sämtliche angeschlossene Computer, die noch liefen, den Geist aufgaben - da hatte wohl ein Dämon die Domäne gekillt. Leider verstummte auch meine Death - Metal Untermalung, aber die wahre Dämonenkillerin war immer noch ich, und das wollte ich den Schlampen jetzt richtig zeigen.

Ich blockte den Besenstiel der verbleibenden Angreiferin ab, wich etwas zurück und schnappte mir meinen original McNEILL Rucksack (ein robuster Materialmix aus Synthetik und Veloursleder). Mit einem Griff, den ich bei der Spezialausbildung bis zum Umfallen trainiert hatte, zog ich mein Fläschchen mit Weihwasser hervor, das ich immer dabei habe. Dem nächsten Hieb der Putze, die wie ein Beserker um sich schlug, wich ich aus, indem ich mich fallen ließ. Wenn das so weiterging, würde bald die ganze Einrichtung zu Kleinholz verwandelt sein.
Ich landete direkt vor einem der vollen Putzeimer, die die Skelette hereingebracht hatten und kippte das heilige Wasser, das ich mir übrigens eigens aus dem Vatikan zukommen lasse, in die Brühe.
Dann ging ich zu meiner Sumo - Technik über. Ich lenkte den erhobenen Schrubber seitlich ab und mit einem kraftvollen TSUKIOTOSHI warf ich das völlig überraschte Klappergestell in den präparierten Eimer, der sofort wie Säure zu brodeln anfing.
Es war ein schrecklicher Anblick, wie der Dämon von dem Weihwasser zischend aufgelöst wurde. Als Letztes war nur noch der Schädel in dem Kopftuch übrig, der mit einem gräßlichen Blubbern verging.

Dieser Anblick war für den verbliebenen dritten Putzteufel zu viel. Obwohl ich noch versuchte, ihm ein Bein zu stellen raste er mit einem Höllentempo an mir vorbei zur Türe hinaus.
Das "Al Azif" befand sich noch in seinen Klauen!

Ich warf noch einen Blick auf die Tante, die sich in den Kabeln verfangen hatte. Sie war inzwischen bewegungsunfähig - den Rest würde die aufgehende Sonne erledigen. Dann packte ich meinen Rucksack, in dem sich unter anderem meine Schminksachen befanden und nahm die Verfolgung auf.

Ich ließ der Höllendienerin gerade soviel Vorsprung, daß sie mich nicht bemerkte. Sicherlich würde sie mich zu den drei Männern führen. Der Weg führte aus dem Bürogebäude hinaus auf die dunkle Straße. Hier draußen war die Beleuchtung sehr schlecht, was in meiner Situation jedoch eher von Vorteil war, da ich meine Verfolgung ungestört fortsetzen konnte. Die Putze bewegte sich auf das Ufer der Themse zu.
Aha, dort unten war ein alter Holzsteg an dem ein Boot festgemacht war. Ich mußte mich etwas beeilen, wenn ich diesen Trip nicht versäumen wollte.
Während die Kreatur des Bösen die Taue losmachte, hangelte ich mich an dem Steg entlang. Zum Glück war meine Gegnerin mit dem bockigen Außenbordmotor, der nicht gleich anspringen wollte, so stark beschäftigt, daß sie nicht bemerkte, wie ich in den Bug des Bootes kroch, wo ich mich unter einem Stapel alter Putzlappen versteckte.
Mit einem infernalischen Lärm heulte der Außenborder auf. Dann gab das Skelett Gas!

Das Boot schaukelte fast bis zum Kentern, als die Höllenkreatur wie der Teufel die Themse entlangjagte. Ich konnte nur nicht sehen, wo die Fahrt hinging, da ich unter dem Haufen stinkender, uralter Putzlappen steckte, die wohl noch aus Königin Victorias Zeiten stammten. Zum Glück dauerte die Bootspartie nicht lange, denn der Motor verstummte und das Schaukeln wurde gemächlicher. Offenbar legten wir irgendwo an. Ich wollte noch ein paar Sekunden warten, um der Tussi aus sicherer Entfernung weiter folgen zu können.

Als ich endlich aus den ekeligen Lappen wieder hervorkroch, sah ich sofort, daß wir uns auf den alten Surrey Docks südöstlich des Towers of London befinden mußten. Eine üble, heruntergekommene Gegend, die erst in den letzten Jahren langsam wieder saniert wurde. Kein Ort, an dem sich eine Lady nachts alleine auf der Straße herumtreiben sollte - aber was sollte es, schließlich war es mein Job und ich war weitaus Härteres gewohnt.

Ich war heilfroh, wieder festen Boden unter meinen Füßen zu haben, als ich den üblen Kahn verließ. Wir waren an einem gemauerten Pier gelandet, hinter dem sich ein buckeliges Kopfsteinpflaster erstreckte. Der Nebel war hier weniger dick, was wahrscheinlich an der Nähe der Gebäude lag, die auf der anderen Straßenseite lagen: vergammelte Lagerhäuser, die größtenteils leer standen und wahrscheinlich bald abgerissen würden. Keine Spur von einer Putzfrau.
Es war der ideale Ort für ein Versteck.

Ich zögerte kurz und nutzte den Moment, um meine Partnerin Choco, die schokoladenbraune Brasilianerin mit meinem Iridium Handy zu alarmieren. Mit diesem Gerät konnte ich jeden Ort der Welt anrufen, aber diesmal war es nur ein Ortsgespräch.
"Hallo Choco, Du mußt unbedingt zu den Surrey Docks rauskommen - Dämonen Alarm!".
Wie so oft störte ich sie beim Zusammensein mit einem ihrer unzähligen Freunde. Chocos klang genervt "Wenn's sein muß.."
"Choco, es tut mir echt leid, aber es ist dringend," bat ich "und bring den Dämonenzerstäuber mit!" Choco willigte ein. Ich wusste, daß auf Choco Verlaß war. Sicher würde sie sofort auf ihre Vespa steigen und losbrausen.

Dann ging ich langsam auf die Lagerhäuser zu.

Unterbrechung

Die drei Männer wussten nicht wo sie waren. Um sie herum war nichts als Finsternis, daß man seine Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Es war kühl und feucht in dem kleinen gemauerten Raum, in dem sie angekettet waren. Der einzige Ausgang war eine massive Eisentüre.
Und diese Türe öffnete sich nun.

Ein Mann stand im Türrahmen. In der einen Hand hielt er eine Sturmlaterne, in der anderen ein dickes Buch. Die Gestalt stellte die Laterne auf dem Boden ab. Beim Bücken beleuchtete der gelbliche Schein kurz ihr Gesicht.
In den Augen der drei Gefangenen war deutlich eine Mischung aus Unglauben und Entsetzen zu lesen.

Der Besucher ließ sich auf dem Boden nieder und begann in dem Buch zu blättern. Offensichtlich suchte sie eine bestimmte Stelle. Ohnmächtig mußte die drei Männer zusehen, wie er hin und her blätterte. Dabei hätten sie ihm als Arabisch - Experten bestimmt helfen können. Immer mehr vertiefte ihr Gegnüber sich in das Buch, aber konnte das Gesuchte nicht finden.
Noch nicht.

Unterbrechung

Systematisch inspizierte ich die Zugänge der heruntergekommenen Lagerhäuser. Schon bald wurde ich fündig. Bei einer der Türen war das Schloß aufgebrochen worden - so wie es aussah von INNEN. Hier mußten die Todes - Putzen herausgekommen sein. Ich warf einen Blick auf das verwitterte Firmenschild, das daneben angebracht war: "Whateley Housekeeping & Maintenance Services".

Der Name Whateley war mit nur zu gut bekannt: die Whateleys hatten von Amerika aus die Ganze Welt mit einem Netzwerk des Horrors überzogen. Schon mehr als einmal hatte ich mit ihren finsteren Machenschaften zu tun gehabt. Dies war also ihre Basis in London - getarnt als eine Putzfirma! Auf diese Weise konnten sie sich überall Zugang verschaffen.
Ich würde dieses Nest ausräuchern.

Vorsichtig zog ich die Türe einen Spalt auf und schlüpfte hinein. Hier innen war es noch dunkler als draußen und ich brauchte ein paar Sekunden bis sich meine Augen daran gewöhnt hatten. Mist, daß ich keine Taschenlampe dabei hatte!
Der Raum diente als Bootsgarage. Aha, so waren also die Monster zu ihrem Gefährt gekommen!
Ich wusste Bescheid.

Am anderen Ende des Raums stand eine Türe offen, hinter der eine Treppe ins Nichts hinabführte. Ich hatte keine Wahl. Um einen eventuell notwendig werdenden Rückzug zu decken, nahm ich meinen Schlüsselanhänger ab, den mir ein Freund aus Good Old Germany geschenkt hatte und legte ihn auf die oberste Stufe. Es war kein normaler Anhänger sondern ein Älteres Zeichen, das die Diener der Hölle nicht überschreiten konnten.
Dann begann ich, mich in die Dunkelheit hinabzutasten.

Die Treppe war nicht besonders lang. Ich tastete die Wände ab und schloß, daß ich mich in einem Gang befinden mußte, der zum Glück nur in eine Richtung ging. Vorsichtig tastete ich mich weiter, darauf bedacht, möglichst leise zu sein. Ich strengte meine Ohren an, aber konnte nichts hören, außer einem verdächtigen Huschen - wahrscheinlich Mäuse oder Ratten.
Nun, HIERVOR brauchte ich mich nicht zu fürchten.

Meine Finger stießen auf kalten Stahl - eine weitere Türe! Ich ertastete die Klinke, die sich feucht und schmutzig anfühlte. Sie ließ sich ohne weiteres niederdrücken. Behutsam öffnete ich die Stahltüre einen Spalt breit. Dahinter herrschte ein dämmriges, gelbes Licht, das von einer Sturmlaterne verbreitet wurde, die auf dem Boden stand.

Was ich erblickte, machte mich stutzig.

Ein kleiner Raum lag vor mir, in dem drei Männer an der gegenüberliegenden Wand angekettet waren. Vor ihnen, mit dem Rücken zu mir, saß ein vierter Mann und blätterte suchend in einem Buch hin und her, das nur das "Al Azif" sein konnte. Offensichtlich war er so abgelenkt, daß ich es wagen konnte, mich von hinten anzuschleichen. Ich öffnete die Türe langsam weiter und betete dabei, daß die Männer mich nicht verrieten - bestimmt hatten sie mit allem Anderen als dem Auftreten einer Agentin von Scotland Yard gerechnet.

Ich brauchte nur einen Schritt vorwärts zu machen. Der Absatz meines Pumps donnerte in den Rücken des Sitzenden, daß man die Knochen splittern hörte. Aber er erwies sich als zäher als angenommen, denn er rappelte sich blitzschnell auf und stürzte sich auf mich. Es war niemand anderes als Abdul Alhazred! Mir wurde alles klar.
Die Entführungen, das Zögern, die Polizei einzuschalten und zuletzt der Anschlag auf mich. Er wusste also über das Buch Bescheid - wahrscheinlich hatte einer seiner Vorfahren es geschrieben - und wollte es für sich alleine haben. Und er hatte die Whateleys beauftragt, seine Mitarbeiter zu entführen, um die Macht des "Al Azif" an ihnen auszuprobieren. Zwei Fliegen mit einer Klappe: auf diese Weise hätte er auch gleich alle Personen beseitigt, die von dem Buch wussten. Ein teuflischer Plan, der ihm beinahe geglückt wäre. Aber er hatte nicht mit mir gerechnet.

Diesmal wendete ich meine Wrestling Technik an: mit einem astreinen SALT SUPLEX beförderte ich den Orientalen zur Türe hinaus, daß er an die gegenüberliegene Wand krachte und erst einmal seine Knochen zählen mußte.
An der Wand erblickte ich die Schlüssel für die Gefangenen. Sie waren gemeinerweise immer in ihrem Blickfeld, aber zu weit für ihre Ketten aufgehängt. Ich griff danach und warf sie den Männern zu, damit sie sich losketten konnten. Dann widmete ich meine Aufmerksamkeit wieder meinem Gegner.

Alhazred hatte sich inzwischen wieder etwas erholt und setzte zu einem weiteren Angriff an. Ich packte die offenstehende Stahltüre mit beiden Händen und warf sie in dem Augenblick zu, als er hindurchkam – auf der anderen Seite hörte man ein deutliches Klong als er dagegenrannte. Als ich die Türe wieder aufmachte, lag der Araber davor und rührte sich nicht mehr.

Dafür ertönten jetzt andere Geräusche, die nichts Gutes verhießen. Die Putze, die ich verfolgt hatte, mußte Verstärkung geholt haben!
Offenbar war "Whateley Housekeeping & Maintenance Services" doch größer als drei Mann, denn Verstärkung rückte vom anderen Ende des Flures an. Höchste Zeit einen Abgang zu machen. Ich rief den Männern zu, daß sie sich beeilen sollten und stürmte Richtung Ausgang voran.
Noch vor wenigen Minuten schien das Gebäude völlig verlassen, doch jetzt war so richtig Leben in die Bude gekommen.
Hinter mir hetzte das Grauen her. Sehen konnte ich nichts, aber den Schritten nach zu urteilen, mußte es diesmal eine ganze Putzkolonne sein. Das Klappern ihrer Eimer und Besen war infernalisch und irgendwo vermeinte ich sogar das Heulen eines Staubsaugers zu hören. Ich schalt mich eine Närrin, daß ich unbewaffnet war, aber das war nicht zu ändern.

Vorsicht konnte ich mir nun nicht mehr leisten. Im Dunkeln war es gar nicht so einfach, die Treppe hochzurennen, aber ich konnte mich an dem Lichtschimmer der Kellertüre orientieren.

Ich taumelte in den Raum mit den Booten und erblickte Choco, die hinter dem Dämonenzerstäuber kauerte und auf die Treppe zielte. Choco war in der Zwischenzeit eingetroffen und hatte das Heilige High Tech Gerät in Stellung gebracht. Wie sie mir später sagte, hatte sie das Ältere Zeichen gefunden und ihre Schlüsse gezogen. Der Lauf der Waffe zielte genau auf mich. Mein Pech war, daß sie vor Schreck auch sofort abdrückte.
Ich konnte mich im letzten Moment noch zu Boden werfen, da fauchte auch schon der anti - cthuloide Strahl des Dämonenzerstäubers über mich hinweg.
Gute Choco, das wäre beinahe ins Auge gegangen! Die Dämonenhorde, die hinter mir herwar, wurde sofort zerstäubt und in ihre Zwischendimension zurückgeschickt, von wo nicht einmal ein Dimensionsschlurfer so schnell nicht wieder herauskommen würde.
Nur den drei Boys, die hinter mir die Treppe hochkamen, bekam der hochenergetische Bannstrahl nicht besonders. Aber das sind die Verluste, mit denen man immer zu rechnen hat. Sie wurden nie mehr gesehen.

Während ich mein Älteres Zeichen wieder an meinen Schlüsseln befestigte, klingelte mein Handy in meinem Rucksack. Es war der Seine Königliche Hoheit persönlich:
"Unclear, Sie müssen sofort ins Hauptquartier kommen, wir haben Ärger..", kam Charles sofort zum Thema, "sagt Ihnen der Begriff Borgo Paß etwas?".
Um diese Jahreszeit nach Transsylvanien!
Daß wir soeben erst einen Fall abgeschlossen hatten, zählte offenbar nichts.
Aber das war der Job.

"Choco, wir haben einen neuen Fall", lächelte ich und verstaute das "Al Azif", das ich selbstverständlich mitgenommen hatte, in meinem Rucksack.

© Susan Quark, Das Cthuloide Cabinett

Hier Klicken zur Startseite