Licht aus Schmerzen

Teil 10: Treibjagd

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Dr. Forndyke gerät bei der Suche nach dem Hetzenden Grauen zu einem Haus an dem Conneticut, wo Von Sturmfels wohnt. Jener nimmt ihn freundlich auf, lässt dann aber Forndyke von Sihan töten.
Von Sturmfels verkleidet sich als Dr. Forndyke, und sucht in dessen Identität das Privatmuseum von Stickenfeller auf, dass in einem Seitenteil des Hill - Stead Museums untergebracht ist.
Henry Holden hat den Diebstahl bemerkt, und glaubt wie auch die Polizei, dass der verschwundene Gehilfe der Täter ist.
Montmatre ist unschlüssig, wie er in die Bank gelangen soll, ohne Crankshaig zu informieren. Er erklärt Ariane, warum ein Dimensionstor nicht überall anzuwenden ist.
Moykenfield und Stickenfeller untersuchen das Notizbuch. Dabei stossen sie auf Crankshaigs und Montmatres Namen. Nachforschungen ergeben, dass Crankshaig Makler ist und eine Agentur für Musiker, Schauspieler und Artisten betreibt.
Roger Leland ist mit seiner Bezahlung und unklaren Auftragslage unzufrieden und beschliesst diesen Punkt zu klären.

Teil 10: Treibjagd


Die alptraumhafte Stadt ähnelte nicht einmal einer Stadt, sondern sie war eine verwirrendes Gebilde aus verschachtelten Flächen. Sie hatte nicht nur keine Ähnlichkeit mit irgendeiner bekannten Architektur, es fehlten sogar jene Anhaltspunkte und rein zweckmässigen Notwendigkeiten, die zumindestens alle menschlichen Städte unabhängig des Alters und der Kultur verbindet. Selbst die exotischsten Gebäude haben durch das Vorhandensein von Treppen, Türen oder Fenstern irgend etwas Vertrautes. Aber hier machte es der Mangel an erkennbaren praktischen Einrichtungen unmöglich, auch nur die Grössenverhältnisse zu erraten. Das quadratische Loch in der Wand (Oder war es der Boden?) hätte gleichermassen eine winzige Belüftungsöffnung als auch ein Fallschacht sein können, der einen Ozeandampfer aufnehmen könnte. Die grauen Flächen waren in unregelmässigen Vielecken ineinander verschachtelt und erstreckten sich nicht nur unter und um ihn, sondern auch über ihn. Ebensowenig waren überall rechte Winkel eingehalten worden. Er konnte nicht sagen ob er in einem Innen- oder Aussenraum stand, ebensowenig war durch das Fehlen eines Horizontes die Bestimmung der eigenen Lage möglich. Er wusste nicht, ob er auf einer Rampe oder ebenen Boden stand, oder ob er gar an der Decke hing; die Schwerkraft stimmte an diesem Ort genausowenig wie alles andere. Das Licht an diesem trüben Ort schien von überall und nirgendwo her zu kommen.
Die Bewohner des Ortes waren nicht zu sehen, aber demnoch wusste er, welche Stadt dies war. R´Lyeh, ein Alptraum in architektonischer Form.
Crankshaig wachte schweissgebadet auf. Ein Wunder, dass er bei diesen Alpträumen überhaupt noch Schlaf finden konnte. Aber selbst, wenn er die Schrecken seiner Traumwelt verliess, wartete neuer Terror aus der wachen Welt auf ihn. Täglich tauchten neue Probleme auf. Zwei seiner Leute, Rick White und Paul Linder, waren tot in ihrem Auto aufgefunden worden. Montmatre war nicht in Hartford zu erreichen. Roger Leland machte Ärger und forderte mehr Sold. Mehr Sold! Und dazu verlangte er noch ein eigenes Motorrad. Da er keine Alternative zu Leland hatte, musste er seine Forderungen erfüllen. Aber das schrecklichste war am Tag zuvor geschehen. Er erhielt einen wirren Brief von Rick White, den er kurz vor seinem Tod abgeschickt haben musste. Darin faselte er etwas von einem schwarzgeflügelten Wesen mit roten Augen, das ihnen auf der Spur war, von dem aber niemand zu sprechen wagte. War er wahnsinnig gewesen? Er hoffte es, aber leider war er nicht völlig überzeugt davon. Dann war ein Anruf gekommen, in deren Hintergrund nur ein leises Flüstern in einer fremdartigen Sprache und unheimliches Gurgeln zu hören war. Normalerweise hätte er dies als albernen Scherz abgetan, aber zu dieser Zeit war nichts mehr normal. An seinem Auto war ein Kratzer in der Nähe des Türgriffs. Das wäre auch nichts ungewöhnliches, aber vier parallele, unauffällige Kratzer erinnerten ihn an eine Krallenhand, wie sie in seinen Träumen nach ihm griff. Zu all diesem Ärger musste er sich auch um die gewöhnlichen Geschäfte seiner Agentur kümmern. Heute Abend musste er eine kleinere Theatervorstellung von Shakespeares Sommernachtstraum ansehen. Ein Sommernachtstraum mitten im Winter aufzuführen, kam ihm besonders blödsinnig vor, aber das war nicht seine Sache. Er würde sich den Unsinn beiläufig ansehen, die Schauspieler auswählen und wieder gehen.

"Thaddeus, das ist die dämlichste Idee, die sie jemals hatten, und ich bin ein noch grösserer Esel, dass ich mich darauf eingelassen habe!"
"Aber nicht doch, Austen, das Ganze wird ein voller Erfolg. Und die übrige Belegschaft ist genau instruiert. Ich kenne den Regisseur schliesslich."
"Ich bin mir noch nie so albern vorgekommen wie in diesem lächerlichen Kostüm!"
"Jetzt kränken sie mich aber. Ich habe meinen grössten Erfindungsgeist in diese Kreation gesteckt."
"Wenn jemand davon erfährt, ist meine Reputation erledigt."
"Machen sie sich keine Sorgen, niemand erkennt sie in der Verkleidung. Und jetzt auf die Bühne, es ist soweit!"
Seufzend watschelte der Professor zwischen den phantastischen Gestalten hindurch, die um ihn herumtanzten. Wenigstens blieb ihm ein Tanz erspart... Er konnte durch die getönten Gläser mit Mühe den Rand der Bühne erkennen, auf den er unbeholfen zusteuerte.

Ariane hatte Moykenfields Roman etwa zur Hälfte gelesen. Es ging um ein phantasievolles Mädchen, dass sich der Öde ihrer kleinbürgerlichen Familie durch allerlei Traumgeschichten entzog. Als Sonderling wurde sie von allen abgelehnt, bis auf einen weit entfernt lebenden Künstler, der eher zufällig ihr Brieffreund wurde. Etwa zwei Jahre lang profitierten die beiden von dem Austausch, wobei der ältere und erfolglose Künstler immer mehr in den Bann des Mädchen geriet, dass ihn selber auf eine eigene Art liebte. Aber eines Tages riss das Mädchen von zu Hause aus und nach einigen Verirrungen landete sie bei einem wesentlich älteren Mann, den sie nicht liebte, der ihr aber einen kleinen Teil ihres Unterhalts bezahlte. Da er sie überaus schlecht behandelte und sich nur für ihre Jugend und Schönheit interessierte und ihre Phantasiewelt verachtete, sehnte sie sich immer noch nach dem weit entfernt lebenden Künstler. Der ältere Mann versuchte alles, um diese Verbindung zu unterbrechen, obwohl er ganz offen eine weitere Geliebte hatte. An dieser Stelle des Buches sah es so aus, als ob das Mädchen sich und den Künstler in das Verderben stürzen würde, wobei ihr ungehobelter Mitbewohner das Äusserste dazu tat, die Situation unerträglich zu machen.
Ariane fragte sich, was wohl Acheloos von Sturmfels gerade tat. Sie blätterte einige Seiten zurück und las im Vorwort. Moykenfield schrieb dort über Parapsychologie, einer Geschichte von Arthur Machen über ein ähnlich verlorenes Mädchen, dass in Umgang mit Magie und Elfen stand, und über Legenden und Aberglauben in Wales. Wieviel wusste dieser Mensch wirklich? Konnte ihr sein Wissen gefährlich werden? In diesem Moment kam Montmatre herein und nahm ihr das Buch aus der Hand.

Von Sturmfels besichtigte ausgiebig sein neues Haus. Stickenfellers Museum war interessant gewesen, enthielt aber keine Überraschung. Vielleicht würde nun Forndykes Haus etwas mehr bieten.
Von Sturmfels hatte zunächst alle Dienstboten des Wissenschaftlers entlassen. Es war zu befürchten, dass trotz seines schauspielerischen Talentes früher oder später jemand gemerkt hätte, dass Dr. Forndyke nicht mehr ganz der Alte war.

Thaddeus beobachtete Crankshaig genau. Er hatte schon vorher alle Informationen über den Makler gesammelt, die er bekommen konnte. Der Regisseur des Stückes, den er mit einer originellen Idee abgespeist hatte, war so freundlich gewesen, ihm den Gesuchten zu zeigen. Crankshaig sah blass und nervös aus, und schenkte dem Geschehen vor ihm keine Bedeutung. Als er aber Moykenfield sah, schien er einen Schock zu erleiden. In dem graugrünen, engen Trikot wurde die Beleibtheit des Professors betont. Stickenfeller lief langsam in Crankshaigs Richtung, wobei er die Krallen, die Moykenfield ebenso wie den Krakenkopf und die Füsse aus Pappmasché geformt hatte, ausstreckte. Mit Sand gefüllten Stoffspitzen wippten als Tentakel vor seinem Gesicht, und die Cognac - Becher dienten als die roten Glubschaugen. Crankshaig sprang auf und rannte hinaus. Moykenfield folgte einen Moment später.

Eine Überraschung barg das Haus zumindest. Interessiert betrachtete Von Sturmfels die konservierte Extremität. Er hatte sich also geirrt, als er glaubte, es seien keine Überreste des Hetzenden Grauens zurückgeblieben. Immerhin hatte der Wissenschaftler seine neue Entdeckung von der Öffentlichkeit lange genug zurückgehalten; nun nahm er sie mit in sein Grab.

Wie ein Idiot hatte er sich benommen... Natürlich konnte ihn kein albernes Kostüm erschrecken, aber der Gedanke, dass man scheinbar überall Bescheid wusste und ihn nun hetzte. Er war sicher, dass ihn ein Mann verfolgte nachdem er das Theater verlassen hatte, aber es gelang ihm, ihn abzuschütteln. Zumindestens hoffte er das... Zunächst rief er im Theater an und entschuldigte seine Abwesenheit mit einer Erkrankung und einer plötzlichen Übelkeit. Aber als er nach dem Schauspieler mit dem grünen Kostüm fragte, wurde ihm gesagt, dass kein solches Kostüm in dem Stück vorgekommen sei. Verlor er wirklich den Verstand? Es musste jetzt aufhören. Montmatre musste sterben. Von Sturmfels musste sterben, und überhaupt jeder in diesem verdammten Kult musste getötet werden. Er rief in Lelands Unterkunft an. Für das ganze Geld musste der Schuft jetzt auch endlich was tun!

Erschöpft blieb Moykenfield stehen. Crankshaig hatte ihn abgehängt; aber das war ein geringer Misserfolg. Die fingierten Briefe und Anrufe, und vor allem der jetzige Coup als gelungene Pointe bewiesen seine Schuld. Was als nächstes zu tun war, würde er mit Stickenfeller und Holden beraten. Wenn sich Crankshaig zu einer Aussage vor der Polizei bewegen liess, könnte man endlich etwas gegen den Kult unternehmen.

Montmatre fand es immer wieder verwirrend und bezaubernd zugleich, dass Ariane selten an einem Ort stillstand oder sass, wenn man sich mit ihr unterhielt. Sie stand auf, lief um einen herum, und setzte sich dann an irgendeinen anderen Ort wieder hin, aber selten auf den Stuhl oder einen anderen zu erwartenden Ort; sie setzte sich auf den Schreibtisch und schob unbekümmert die Papiere beiseite, legte sich mit einem Kissen auf den Teppich, oder schmiegte sich an irgendeine grössere Statue. Es war diese Mischung von hemmungsloser Lebenslust und Melancholie, die jeden sofort faszinierte, der sie kennenlernte. Als er ihr das Buch aus der Hand genommen hatte, um ihre Aufmerksamkeit für eine kleine Zerstreuung zu gewinnen, stand sie auf und fuhr mit ihrem langen Fingernagel über seine Wange, und umkreiste ihn dann. Ihm war leicht schwindelig, während sie um ihn herum tänzelte. Was hatte er eigentlich gewollt? Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie sang, in einer melodiösen Sprache, die er nicht verstand. Er begann sich rhythmisch zu dem Klang zu bewegen, während die Aussenwelt verschwamm.
"Hör auf!" Indem er sie anbrüllte verpasste er ihr einen Stoss, der sie durch das ganze Zimmer schickte. Der Schweiss stand ihm auf der Stirn.
"Was sollte das sein? Eine Machtprobe, meine Kleine? Ich kenne deine Magie, aber ich bin noch stark genug, um sie zu kontrollieren." Ariane kauerte in der Ecke des Raumes, in die er sie gestossen hatte. Sie sah eher schmollend als wütend aus. Eigentlich war auch er nicht mehr wütend auf sie... Er ging auf sie zu und zog sie herauf.

Roger Leland sass gemütlich in dem geheizten Zimmer. Die ärmliche Unterkunft war grösster Luxus für ihn; es ging bergauf. Er besass eine nagelneue Cleveland mit vier Zylindern, die über 160 km/ h lief, und dazu einen braunen Lederkombi mit schwarzen Stiefeln, Handschuhen, einem Helm und eine Schutzbrille. Crankshaig hatte alles bezahlt, was er gefordert hatte; und nun drehte dieser erbärmliche Schwachkopf auch noch durch. Er hatte alle Achtung vor diesem zitternden Feigling verloren. Wer so schwache Nerven hatte, war für einen führenden Posten nicht geeignet. Diese Heulsuse erteilte nun wahnsinnige Befehle, er sollte jede Menge Leute töten, darunter viele seiner Kollegen, die ebenfalls bei Crankshaigs sinnlosen Attentaten beteiligt gewesen waren. Schliesslich erklärte er, dass sein Todfeind, Montmatre, der eigentliche Befehlshaber für all die schrecklichen Verbrechen gewesen sei. Es war kein Verrat und keine Desertion, wenn sich ein Soldat von einem schwachen und geisteskranken Vorgesetzten abwandte. Im Gegenteil. Er würde nur in den Dienst von jemanden eintreten, der seinem Posten würdig war. Aber wer war das? Montmatre selbst?
Warum nicht, schliesslich war er der eigentliche Befehlsgeber gewesen, und Crankshaig war eine Marionette. Eine schwache Marionette. Er gab seine Befehle von der Ferne aus, Montmatre war selbst am Ort des Geschehens. Crankshaig hatte in seiner Hysterie irgend etwas über einen Kult gefaselt, dessen Führer Montmatre war. Eine geheime, verschworene Gemeinschaft, und dieser Verräter hatte ihm gegenüber, den er als Untergebenen betrachtete, davon geplaudert. Wenn ihn eine Organisation von Auserwählten aufnehmen würde, gäbe es keinen Verrat. Er würde nicht reden, auch wenn man ihn bedrängen sollte. Einen tapferen und aufrichtigen Soldaten würde Montmatre schon zu schätzen wissen. Seine theatralische Erscheinung und sein französischer Name konnten nur eine raffinierte Tarnung sein, auf die er vorher selbst hereingefallen war. Und was das Mädchen betraf; ein grosser Feldherr durfte auch eine Gespielin haben.
Montmatre zu finden, dürfte nicht allzu schwierig sein. Crankshaig konnte ihm mit seinem Gewimmer gestohlen bleiben.


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