Licht aus Schmerzen

Teil 11: Bewährungsprobe

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Nach einigen Nachforschungen setzt Moykenfield Crankshaig mit fingierten Telephongesprächen und Briefen unter Druck, um zu erfahren, ob er in den Cthulhu Kult verwickelt ist. Schliesslich erschreckt er den ohnehin dicht am Nervenzusammenbruch Stehenden, indem er Stickenfeller während einem Theaterstück in einem Cthulhu Kostüm auf die Bühne schickt. Crankshaig, fast hysterisch, weist Leland an, Montmatre und alle Übrigen, die irgendwie mit dem Kult verwickelt sind, zu töten. Dabei erzählt er Leland über den Kult, und stellt Montmatre als Urheber der Verbrechen heraus. Leland hat aber jeden Respekt vor Crankshaig verloren und entschliesst sich, Montmatre seine Dienste anzubieten.
Von Sturmfels inspiziert das Haus von Dr. Forndyke, dessen Identität er angenommen hat. Dabei entdeckt er auch den Überrest des Hetzenden Grauens.

Teil 11: Bewährungsprobe


John Leland befahl dem Fahrer zu stoppen. Er zog die schwarze Kapuze über und wandte sich an die Anderen.
"Verstanden Männer, niemand schiesst ohne meinen ausdrücklichen Befehl!"
Er wusste, dass viel vom Ausgang dieser Aktion abhing. Montmatre hatte ihm alles Material von Crankshaig zur Verfügung gestellt; er musste nun das Beste daraus machen. Ging die Sache gut aus, würde ihn Montmatre wohlwollend aufnehmen, andernfalls wäre sein eigenes Leben in Gefahr. Ein Handel nach seinem Geschmack. Er stürmte mit seinen sechs Komplizen in die Bank, und feuerte eine Salve aus der Tommygun in die Decke.
"Keiner rührt sich hier! Und jetzt das Geld her, aber hurtig!"
Während seine Komplizen die Banknoten einpackten, sah er sich unter den Kunden in der Halle um. Schliesslich entdeckte er einen staatlichen älteren Herren mit wallenden weissen Haaren und Bart. Er packte ihn und brüllte den nahestehenden Bankangestellten an.
"Öffne die Tür zu den Schliessfächern, oder ich knalle den Alten ab!"
Er zerrte den alten Mann durch die Tür, die ihm rasch geöffnet wurde, und warf sie hinter sich zu. Sobald er seine Geisel losgelassen hatte, machte sich der Alte daran, die Kombination eines Schliessfaches einzustellen. Leland musste zugeben, dass Montmatres Verkleidung perfekt war. Montmatre zog eine Tasche aus dem Fach und blickte kurz hinein.
"In Ordnung, Leland. Wir können verschwinden."
Leland zerrte den verkleideten Montmatre hinter sich her und befahl seinen Leuten den Rückzug. Während er die Umstehenden mit der Maschinenpistole in Schach hielt, zerrten seine Komplizen die angebliche Geisel in das Auto. Noch nie hatte Leland so eine aufsehen erregende Aktion durchgeführt, aber bis jetzt lief alles ausgezeichnet. Er feuerte noch eine Warnsalve ab und sprang in den Wagen.
"Vorwärts, Jungs!"

"Guten Tag, Doktor Forndyke. Herr Stickenfeller ist leider ausser Hause. Wünschen Sie auf ihn zu warten?"
"Nein, Vincent, dazu habe ich keine Zeit. Aber ich habe hier eine Farbtafel, die ich in einem Antiquariat gefunden habe. Ich hatte irgendwann einmal eine Figur bei ihm gesehen, die ich gerne damit vergleichen würde. Ich lasse ihm die Tafel hier, er soll mir später eine Nachricht schicken."
"Ich werde ihn unterrichten, Sir. Auf wiedersehen, Sir."

Ariane spazierte trotz der Kälte den Cross County Parkway entlang. Pardot war wegen einer wichtigen Sache unterwegs, und im Moment hatte sie nichts zu tun. Dieser seltsame Motorradfahrer hatte irgendeine Nachricht oder etwas anderes überbracht, das wohl sehr wichtig war. Sie kannte den Mann nicht, aber Pardot hatte ausführlich mit ihm geredet und war heute morgen ohne eine ausführliche Erklärung verschwunden.
Sie hatte keine Lust, den ganzen Tag zu lesen, denn seit sie zurück in ihrem Penthouse in Mount Vernon waren, gab es genügend interessante Umgebung, die sie erkunden konnte. Der Broadway lag nur wenige Kilometer entfernt, und es gab eine Menge schöner Parks, die um Mount Vernon lagen: Der Van Cortland Park, Pelham Bay Park, Bronx Park, Vernon Park und Gunther Park. Sie liebte die Grossstadt, die eine neue, phantastische Welt für sie war. Pardot gefiel es nicht, dass sie alleine in New York unterwegs war, aber er hatte längst erkannt, dass es zwecklos war, ihre Ausflüge zu verbieten. Es gab Dinge die sie hasste, nämlich die stinkenden Bettler und hässlichen alten Leute, aber sie liebte die Wolkenkratzer, die luxuriösen Lokale, die Kaufhäuser, die Kasinos und Kinos. Sie hätte gerne eine der verbotenen Alkoholkneipen oder eine der Opiumhöhlen aufgesucht, aber sie wusste nicht, wo so etwas zu finden war. Pardot besorgte ihr die verschiedenen Drogen, aber er verriet nicht woher. Aber heute hatte sie nicht genügend Taschengeld übrig, ausserdem würden die interessanten Orte erst in einigen Stunden öffnen. Auf dem Heimweg kam sie an der Ruine des Fornell Tower Hotels vorbei.
Die Bergungsarbeiten waren längst abgeschlossen, aber das Hotel war immer noch zu verwüstet, um den Betrieb aufzunehmen. Das Gebäude stand im Moment verlassen, und es war niemand in der Nähe zu sehen. Sollte sie es wagen? Warum nicht. Sie war gelenkig und schlank genug, um sich mühelos Zugang in das abgesperrte Erdgeschoss zu verschaffen. Neugierig streifte sie durch die dunklen Räume und versuchte sich die Szenen vorzustellen, die sich hier abgespielt hatten. Sie kam zu einem russgeschwärzten Korridor, hier führte eine Treppe nach unten zu einem Notausgang durch den Keller. An dieser Stelle hatte man die meisten Toten gefunden. Aufmerksam blickte sie sich um, aber bei den Räumungsarbeiten hatte man nichts zurückgelassen, was als Souvenir tauglich wäre. Es lag nur noch der Müll der Arbeiter herum; Butterbrotpapiere, Zigarettenkippen und alte Zeitungen. Sie hob eine der Zeitungen auf, da sie ein Gesicht darauf erkannte. Sie hatte diesen Mann schon gesehen; damals, bei dem Ball auf dem sie Von Sturmfels; Moykenfield und den Anderen begegnet waren, stand er auf dem Parkplatz herum. Sie erinnerte sich nur deshalb an diese hässliche Visage, weil er ihr so unverschämt in das Gesicht gestarrt hatte. Er war schnell verschwunden, als sie ihn böse angesehen hatte, ansonsten hätte sie ihn von Pardot auseinander nehmen lassen. Und dieser Mann war also der verschwundene Portier, Philipp Dockenbell, den man als Brandstifter verdächtigt hatte! Derselbe Mann, der das Auge des Schläfers gestohlen hatte. Crankshaig hatte seine Spur verloren, aber später war die Figur, bzw., eine Kopie davon, in Henry Holdens Antiquitätenladen wieder aufgetaucht. Und dann war er am selben Ort zur selben Zeit wie Moykenfield und Stickenfeller anwesend... Ein zu grosser Zufall. Philipp Dockenbell, der heimliche Komplize von Holden, Moykenfield und Stickenfeller?

Thaddeus Moykenfield und Austen Stickenfeller standen betreten vor dem leeren Tresorfach. Sobald Moykenfield von dem spektakulären Bankraub gehört hatte, holte er Stickenfeller ab, um mit ihm zu der Bank fahren zu können. Die Polizei hatte alle Besitzer von Schliessfächern angewiesen, den Inhalt zu überprüfen, obwohl keines der Schlösser beschädigt war. Da die Cthulhu - Figur offiziell immer noch als gestohlen gemeldet war, konnten sie nun auch nicht den Verlust melden. Genausowenig konnte Moykenfield der Polizei seinen Verdacht nahelegen, der die Identität der unbekannten Geisel betraf, die spurlos verschwunden war. Für ihn war klar, dass der ganze Bankraub nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war, aber er hatte keinerlei stichhaltige Indizien, geschweige denn Beweise. Montmatre, denn wer sonst sollte der Unbekannte sein, der scheinbar sinn- und erfolglos in den Raum mit den Schliessfächern gezerrt wurde, hatte diesmal gewonnen.
"Woher hatten sie bloss die Kombination von dem Schliessfach, Austen?"
"Ich weiss es nicht! Und sie haben auch sofort das richtige geöffnet! Die Tasche mit der Fälschung haben sie stehen gelassen."
Inzwischen hatte Moykenfield die Tasche aus dem zweiten Fach geöffnet, und betrachtete die Figur.
"Was gibt es denn da zu lachen, Thaddeus!"
"Also wirklich, Herr Professor, ich werden nie wieder über ihre Zerstreutheit spotten! Sie haben die Taschen vertauscht!"
"Sie meinen..."
"Allerdings! Sie haben die Tasche mit der echten Figur in das falsche Fach gestellt, und nun hat jemand die Fälschung geraubt!"

John Leland liebte sein neues Motorrad. Als er in vollem Tempo über die Landstrasse rauschte, erinnerte er sich an seinen Einsatz in der Motorradsturmtruppe.
Die Staubmaske über dem Gesicht, harrten die Motorradfahrer in sicherer Entfernung hinter den Schützengräben, während die Stacheldrahtschneidewagen vorbereitet wurden. Um den Truppen ein weiteres Vorrücken zu ermöglichen, musste der Stacheldrahtwall an mehreren Stellen durchbrochen werden; und die Motorrad - Sturmtruppe musste sofort einrücken, um die feindliche Artillerie auszuschalten. Endlich näherten sich die improvisierten Spezialfahrzeuge, die wie die meisten Militärmaschinen aus ehemaligen Zivilfahrzeugen zusammengebaut waren. Seiner Abteilung wurde ein Oldsmobile von 1911 zugeteilt; ein Kabriolett, was noch vor kurzer Zeit irgendeine bürgerliche Familie zu Picknickausflügen gefahren hatte. Jetzt war ein eiförmiger Metallkäfig um das mattgrau gestrichene Auto geschweisst worden. Die oval gebogenen Stahlprofile waren mit Schneiden versehen, um den tödlichen Stacheldraht zu durchtrennen. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Obwohl er schneller als die meisten Tanks und Panzerwagen war, bot er ein leichtes Ziel für die Scharfschützen. Die Besatzung war in dem offenen, ungepanzerten Fahrzeug völlig wehrlos. Aber diesmal waren sie erfolgreich; das Oldsmobile durchbrach unversehrt die Stacheldraht - Absperrung, dicht gefolgt von den ersten Motorrädern. Leland sah plötzlich eine erdige Fontäne aufspritzen, und ein dumpfes Krachen übertönte kurz den Motorenlärm. Die feindliche Artillerie setzte ein! Ein Motorrad vor ihm wurde zur Seite geschleudert, und der Fahrer blieb reglos liegen, auch der schwere Schneidewagen flog einige Meter durch die Luft, ehe er krachend aufprallte und auf der Seite liegen blieb. Das Vorderrad war abgerissen, das Hinterrad drehte sich noch einen Moment weiter. Es erschien kurz eine Hand über den Rand der Karosserie; einer der Beifahrer versuchte sich aus dem rauchenden Wrack zu ziehen, hatte aber nicht mehr genügend Kraft. Leland nahm all diese Eindrücke in Bruchteilen von Sekunden war, ohne die überlebenswichtige Aufmerksamkeit für seine Umgebung zu verlieren. Es gelang ihm rechtzeitig, vor dem qualmenden Krater anzuhalten.

"Wie oft habe ich schon gesagt, Thaddeus, sie sollen nicht so rasen!"
"Ich rase nicht ohne Grund! Seit einiger Zeit folgt uns ein Motorrad, und der Fahrer ist alles andere als ein Anfänger!"
"Aber jetzt bremsen sie! Ich möchte nicht in der nächsten Kurve im See landen!"
"Was meinen sie, was ich gerade versuche!!"
Vergeblich trat Moykenfield auf das Pedal, aber es erfolgte keine Reaktion. War der Drahtzug gerissen? Wenn sie mit diesem Tempo in die Kurve rasten, überschlug sich der Stutz und sie waren erledigt. Wenn er aber den Abhang hinunter auf den See zufuhr, konnte er das Auto vielleicht im morastigen Ufer festfahren. Die Zeit war zu kurz zum Überlegen. Geistesgegenwärtig würgte er den Motor ab, während das Auto den angefrorenen Hang hinunter schlitterte. Erst jetzt erkannte er zu spät, dass seine Überlegung unsinnig gewesen war; den der Morast bestand zur Zeit aus schierem Eis! Ebenso war der kleine See zugefroren, der wie die unzähligen Seen und Teiche in dieser Gegend nicht sonderlich tief und gross war. Der Wagen schlitterte etliche Meter über die Eisdecke, bis ein heftiger Ruck und ein übles Knirschen die Rutschpartie beendeten. Eiskaltes Wasser flutete in den Innenraum.

Roger Leland beobachtete, wie der Stutz Blackhawk blubbernd versank. Natürlich hatte das Auto die gesamte Eisdecke bei seinem Aufprall zerschmettert.
Nun bestanden gute Chancen, dass er Montmatre einen höchst zufriedenstellenden Bericht liefern könnte.


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