Licht aus Schmerzen

Teil 12: Blutige Rituale

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

John Leland organisiert einen Banküberfall. Dabei nimmt er den verkleideten Montmatre als Geisel, um ihn die Möglichkeit zu geben, das Schliessfach zu öffnen. Montmatre nimmt die Tasche mit der Figur mit sich.
Moykenfield und Stickenfeller eilen nach dem Überfall zu der Bank. Dabei stellt sich heraus, dass der Professor die Taschen vertauscht hatte, und nun die Fälschung geraubt wurde. Die beiden nehmen die echte Figur an sich und fahren davon. Roger Leland verfolgt sie mit seinem Motorrad. Moykenfield stellt fest, dass die Bremse nicht mehr funktioniert und rast in einen zugefrorenen See.
Acheloos von Sturmfels bringt als Dr. Forndyke eine Farbtafel zu Stickenfellers Haus. Unter dem Vorwand, dass er die abgebildete Kreatur mit der Statue vergleichen wolle, verlangt er eine Antwort von Stickenfeller.
Ariane streift neugierig durch die Ruine des Fornell Tower Hotels und entdeckt eine Zeitung mit dem Photo von Philipp Dockenbell. Sie erinnert sich, diesen Mann kurz auf dem Parkplatz gesehen zu haben, als sie zu dem Ball in Westford ging.

Teil 12: Blutige Rituale


Keuchend lag Moykenfield auf dem gefrorenen Boden. Nachdem er zu Atem kam, wandte er sich an Stickenfeller, der neben ihm lag.
"Was Austen, da sind wir den Kultisten doch knapp entgangen."
"Wer braucht die Kultisten, Sie ...Sie haben mich vorher längst umgebracht!"
Der Professor verlor das Bewusstsein.

Der Priester Der fensterlose Raum war düster, und wurde nur durch die drei brennenden Schalen und mehrere Kerzenständer erhellt. Die Ziegelwände der alten Lagerhalle warfen den Schall der eigentümlichen Musik zurück; die in weiten, schwarzen Gewändern vermummten Musiker sassen in Gruppen von je vier Leuten in seitlichen Nischen, die links und rechts von dem Kreuz standen. Die Instrumente waren fremdartig; Kesselpauken, die einen seltsam saugend klingenden, dumpfen und sehr weichen Klang von sich gaben, zwei kleine, hart klingende Metallharfen mit einem lange nachschwingenden Hall, und zwei Saiteninstrumente, die einen langgezogenen, stark variierenden Ton von sich gaben. Darunter war permanent ein dumpfer oszillierender Pfeifton der Flöten zu hören. Die Halle wurde durch eine Reihe von Stützpfeilern getrennt, die gegenüberliegende Wand war komplett von einem Vorhang verdeckt. Montmatre trug wie alle Kultisten das enge schwarze Trikot mit der passenden Maske; allein eine Armbinde mit einem unbekannten roten Symbol wies ihn als Hohepriester aus. Mit verschränkten Armen stand er in krafterfüllter Pose links hinter dem Kreuz, rechts dahinter stand in selben Abstand ein Steinsockel, auf dem sich Das Auge des Schläfers befand. Links und rechts vor dem Kreuz befanden sich zwei dampfende Opferschalen, eine dritte war hinter der ganzen Gruppe mittig angeordnet. Ein betäubend riechender Nebel stieg aus diesen Schalen empor, der ein schwindliges Gefühl im Kopf hinterliess, aber gleichzeitig alle Sinneswahrnehmungen intensivierte.
Montmatre, der den übrigen Kultisten gegenüberstand, machte eine bestimmte Armbewegung und der Takt der Musik veränderte sich. Kurz abgelenkt von Montmatres Geste, war Ariane unbemerkt erschienen. Starr wie eine Statue stand sie mit gespreizten Beinen und ausgestreckten Armen vor dem Vorhang. Ihre Bekleidung bestand aus zwei dünnen Seidentüchern, einigen Metern Netz und einer Ansammlung von Kristall- und Metallschmuck, bei dem Theda Bara vor Neid erblasst und Alphonse Mucha vor Ehrfurcht auf die Knie gefallen wäre. Ihre Frisur war diesmal symmetrisch und wurde durch ein bizarr geformtes Diadem gehalten. Einige Momente stand sie völlig unbewegt und still, bis ihre ausgestreckte rechte Hand langsam im Takt der Musik zu zucken anfing. Sie liess die Bewegung langsam über ihren Körper wandern, bis ihr rechter Fuss die Bewegung der Hand übernommen hatte, und der Rest ihres Körpers wieder völlig still stand. Auf dieselbe Weise übertrug sie die Bewegung auf den linken Fuss, von dort auf die linke Hand wieder zurück auf die rechte Hand. Der Kreislauf begann ein zweitesmal, aber diesmal behielt sie die Bewegung in den einzelnen Gliedmassen bei. Die Schwingungen breiteten sich jetzt auch auf ihre Hüften und dann den restlichen Körper aus, ihr ganzer Leib schien den Rhythmus aufzusaugen und ihn schlangenartigen Bewegungen wiederzugeben. Alleine ihr Kopf stand völlig still, als ob sie daran aufgehängt wäre. Der Takt der Musik wechselte abermals, und sie verfiel in wilde ekstatische Bewegungen. Sie bewegte sich tanzend von ihrem ursprünglichen Ort weg, wobei sie artistische Bewegungen, Sprünge und Verrenkungen ausführte, als ob sie keine Knochen im Leib hätte; sie wälzte sich auf dem Boden und wirbelte mit unglaublicher Geschwindigkeit umher. Plötzlich hielt sie, nachdem sie sich wie eine Schlange um eine Säule gewunden hatte, ein grosses irisierendes Gefäss in den Händen. Nach einer Art Flik Flak landete sie vor dem Andreaskreuz und blieb urplötzlich in einer unnatürlichen Haltung stehen, als wäre sie in der Bewegung eingefroren. Das Gefäss hielt sie über ihren gebogenen Rücken, ihr Kopf war vorne über gebeugt und völlig unter dem schwarzen Vorhang ihrer Haare verschwunden.
Montmatre winkte, und Roger Leland trat aus der Gruppe der Kultisten hervor. Wie es das Ritual erforderte, schritt er langsam auf das schrägstehende Andreaskreuz zu, vor dem Ariane kauerte. Crankshaig war der Einzige hier, der Alltagskleidung trug, obwohl sie äusserst mitgenommen und zerfetzt aussah. Man hatte ihm den Mund verbunden, um die Zeremonie nicht zu stören. Er hing mit dem Kopf nach unten, und starrte Leland flehend an, den er hinter seiner Kapuze nicht erkennen konnte. Roger Leland blickte auf seinen ehemaligen Arbeitgeber herunter. Arianes Kopf ruckte hoch, und ihre Haare fielen zurück. Sie gaben den Blick auf den Dolch frei, den sie zwischen ihren Zähnen hielt; wo sie ihn hergenommen hatte, blieb Leland ein Rätsel. Vorsichtig nahm Leland die kunstvoll verzierte Waffe aus ihren Mund und sah sie prüfend an. Crankshaig zappelte vergeblich in seinen Fesseln, und Leland stiess fest mit dem Dolch zu. Das Blut lief in die transparente schwarze Schale, wobei einige Tropfen in Arianes Gesicht fielen und an ihr herunterliefen. Ihr verzücktes Lächeln und die in Ekstase geschlossenen Augen erschienen Leland in diesem Augenblick völlig normal; alles andere hätte er als Sakrileg empfunden.

Professor Stickenfeller fuhr kurz auf dem Schlaf auf, und blickte unsicher umher. Nach einem kurzen Moment erfasste er, dass er sich wieder in seinem eigenen Haus befand, und dass niemand ausser Vincent, seinem Butler, mit in dem Raum war. Vincent brachte Tee, aber neben dem Service lag eine Karte. Verschlafen griff Stickenfeller danach, und überflog sie kurz.
"Schon wieder eine Genesungskarte... von wem? ... Forndyke!... den hatte ich ja vergessen... überbringen sie ihm meinen Dank und sagen sie, dass die Figur bei dem Unfall versunken ist, und jetzt lassen sie mich wieder schlafen..."
Stickenfeller sank in das Bett zurück und schlief ein, bevor er die Karte wieder aus der Hand gelegt hatte.

Roger Leland hörte den dumpfen Aufprall, als der Körper Crankshaigs aufschlug. Der Schacht war mindestens vier Stockwerke hoch, aber er war nicht mehr leer, denn das Geräusch des Aufschlagens kam zu früh. Er hatte etwas klappern gehört, und vermutete, dass einige der Opfer schon völlig skelettiert waren... aber dafür gab es hier ja genug Ratten. Um jede Geruchsbelästigung zu vermeiden, lag der Zeremonialraum ein Stockwerk tiefer, und die Öffnung in den Schacht wurde mit einer Holzklappe verschlossen. Trotz allem blieb ihm dieser Keller völlig rätselhaft. Der Zugang erfolgte über eine versteckte Tür, die sich in einer abgelegenen und stets verschlossenen Kammer in Crankshaigs Bürogebäude befand. Wozu hatte einst dieser Keller, der mindestens 4 Stockwerke aufwies, gedient? Der unterste Stock war teilweise überflutet, und eine versunkene Treppe führte früher wohl noch tiefer. Die Architektur und die Ziegelmauern sahen nicht viel anders als in typischen Lagerhäusern und Industriegebäuden. Es hätte sich um einen gewöhnlichen verlassenen Kornspeicher im Hafen handeln können. Aber warum unter der Erde? Er wurde aus seinen Überlegungen gerissen, als ihn Montmatre auf die Schulter klopfte.
"Ausgezeichnet, Leland! Eine schnelle Reaktion und zügige Ausführung... Dieser Moykenfield wollte sich also einen Scherz erlauben. Aber er soll nicht denken, dass ich keinen Humor habe. Nehmen sie das, sie wissen ja, was sie damit tun sollen."
Roger Leland griff die Tasche, die ihm Montmatre überreichte. Er würde sich beeilen müssen, aber der Auftrag war geradezu kindisch einfach.

Moykenfield wartete, bis das Knarren der Motorwinde aussetzte. Drei Tage hatte es gedauert, bis er jemanden fand, der das Auto zu einem vertretbaren Preis bergen würde. Er sah sich seinen Wagen an; der Stutz war weniger beschädigt, als er befürchtet hatte. Eine Reparatur würde sich noch lohnen.
Allmählich fing es an zu schneien, der Aufenthalt wurde unangenehm.
Die Tasche mit der Figur war nicht in dem Auto zu finden. Sie konnte irgendwo in dem teilweise zugefrorenen See liegen, aber er konnte bei diesem Wetter niemanden abverlangen, danach zu tauchen.

Aufmerksam besah Von Sturmfels das Metallobjekt, dass vor ihm auf dem Tisch lag.
"Eine ausgezeichnete Fälschung; aber offensichtlich nicht das Original. Das ist dieselbe Figur, die Holden in dem Laden hatte; aber Stickenfeller hätte das wissen müssen."
"Vielleicht hat er in der Aufregung nicht bemerkt, dass es die falsche Figur ist?"
"Nein Sihan, das glaube ich nicht. Dahinter steckt irgendeine Absicht. "
"Vielleicht waren beide Figuren in dem Auto, und Philipp hat bei dem Tauchen nur eine von zwei Taschen entdeckt?"
"Ebenso unwahrscheinlich. Stickenfeller sprach in der Antwort auf meine Genesungskarte von der Figur, die im See versunken sei. Hat er etwa meine Tarnung durchschaut?"

Henry Holden schreckte aus seinen unruhigen Träumen auf. Da war ein Geräusch gewesen. Am Fussende meinte er eine leichte Bewegung zu sehen, und er hielt angsterfüllt die Luft an. Tatsächlich erschien zunächst langsam ein goldener Schimmer, dann erhob sich ein Kopf mit einer langen, schmalen Schnauze und spitzen Ohren über die Bettkante. Holden war zu entsetzt, um zu schreien. Hinter dem Schrank erschien eine weitere, kräftig gebaute Gestalt mit einem goldenen Tierkopf, eine dritte kam aus der Richtung des Fensters. Er erkannte die Masken nur zu gut, aber das brachte keine Beruhigung. Als vor einiger Zeit die ägyptische Mode die orientalische Welle ablöste, und jede Handtasche mit Hieroglyphen bedruckt wurde und jedes Schlafzimmer wie ein Pharaonengrab aussehen musste, hatte er einige Masken nach altägyptischen Vorbild angefertigt. Einige Muster seiner Handwerkskunst hatte er auch nach Abflauen der Mode in seinem Laden aufbewahrt.
Eine der dunklen Gestalten setzte einen kleinen schweren Gegenstand auf das Bett. Es war die verfluchte Cthulhu - Figur!
"Du hast diese Kopie gefertigt! Wo ist das Original?"
Die Angst schnürte Henry Holden die Kehle zu, und er gab nur erstickt klingende Laute von sich.
"Du willst nicht reden? Das kennst du doch, nicht war?"
Der schlanke Fremde mit der Anubis - Maske und dem fremdländischen Akzent zeigte ihm die Daumenschrauben, die er aus seinem Laden gestohlen haben musste. Bedrohlich schritten die beiden anderen auf ihn zu. Der kräftigere der Beiden trug die Fratze von Bes als Maske, der andere den Falkenkopf von Horus.
"Ja, ich rede ja! Stickenfeller und Moykenfield hatten die Figur in der Bank, in einem Schliessfach..."
"Du lügst!"
"Nein! Ich schwöre es! Es gab da noch ein zweites Schliessfach in der Bank, in dem die Fälschung aufbewahrt wurde!"
Lange Zeit lag Henry Holden zitternd in seinem Bett. Die Fremden waren verschwunden, und er konnte nicht fassen, dass sie ihn am Leben gelassen hatten.

Austen Stickenfeller war genug genesen, um seine Freunde empfangen zu können. Moykenfield wirkte verträumter als sonst, und Henry Holden wirkte für das Geschehene relativ gefasst.
"Und sie haben nicht nur die Masken von Anubis, Bes und Horus gestohlen, sondern es fehlt auch die Maske von Wadjet."
"Wadjet?"
"Ein anderer Name für Uto, die Göttin mit dem Kobrakopf. Das Modell lief nicht so gut, ich habe nur knapp dreissig Stück verkauft."
"Ihre Einbrecher haben ja einen ausgefallenen Geschmack."
"Ist das denn alles, was sie zu sagen haben? Die Einbrecher wissen doch jetzt, dass eine zweite Figur in der Bank gewesen war! Und Montmatre, denn kein anderer kann dahinterstecken, ist zu allen bereit!"
"Nun, wenn er den Teich ausschöpfen will um den Schlamm umzugraben, muss er noch bis zum Frühling warten."
"Und wenn jemand sie nach dem Unfall heraufgeholt hat? Sie vergessen den geheimnisvollen Motorradfahrer. Nachdem sie sich und Austen zu der Strasse geschleppt hatten, hätte er genügend Zeit gehabt, um einen Taucher zu organisieren."
"Dann wäre Niemand später bei ihnen eingebrochen, um nach dem Original zu fragen. Im Moment interessiert mich eher, was aus Crankshaig geworden ist."
"Glauben sie, er ist geflohen?"
"Gut möglich. Im Büro ist er nicht mehr aufgetaucht; anscheinend hat er alle Geschäfte einem gewissen Victor Lebreaux übertragen."
"Haben sie schon von dem Mann gehört?"
"Bisher nicht. Aber ich habe erfahren dass er schon vorher in Crankshaigs Firma als Buchhalter tätig war. Ein gewöhnlicher, unscheinbarer Geschäftsmann."
"So wie Crankshaig auch!"
Austen Stickenfeller blättert unruhig in dem Notizbuch.
"Und was unternehmen wir nun, wo der Hauptbelastungszeuge verschwunden ist? Und Montmatres Hauptwohnsitz kennen wir immer noch nicht."
"Ein paar Spuren bleiben uns ja. Was ist z.B. mit dieser interessanten Farbtafel, die sie von Dr. Forndyke erhalten haben?"
"Das wüsste ich auch gerne. Aber Dr. Forndyke ist zu einer Studienreise nach Europa aufgebrochen, bevor ich ihn aufsuchen konnte, und eine Adresse habe ich nicht von den Dienstboten erhalten."
"Finden sie dass nicht sehr merkwürdig?"
"Allerdings. Er ist vielleicht tiefer in die Sache verstrickt, als wir denken. Er war schon immer sehr machtgierig."
Henry Holden wurde wieder etwas unruhig.
"Und was ist, wenn man uns einfach alle vorher ermordet?"
Moykenfield lächelte, wofür ihn seine Freunde verständnislos ansahen.
"Wenn sie uns einfach ermorden wollten, hätten sie schon genügend Gelegenheiten dazu gehabt. Ich denke einfach, dass wäre nicht Montmatres Stil. Es gibt Regeln in diesem Spiel, und langsam komme ich hinter sie."

Weiter mit Teil 13: Im Inneren

Zurück zu Licht aus Schmerzen

Hier Klicken zur Startseite