Licht aus Schmerzen

Teil 13: Im Inneren

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Moykenfield und Stickenfeller überleben den Unfall knapp. Roger Leland birgt das Auge des Schläfers und bringt es Montmatre. Montmatre nimmt Leland auf, der während der Zeremonie Crankshaig opfert. Danach lässt Montmatre die gefälschte Figur bei dem gesunkenen Auto von Leland versenken. Stickenfeller erhält eine Genesungskarte von Dr. Forndyke alias Von Sturmfels und ordnet im Halbschlaf an, Forndyke mitzuteilen, dass die Figur im See versunken sei. Von Sturmfels lässt daraufhin Philipp Dockenbell tauchen, der die gefälschte Figur heraufbringt. Von Sturmfels argwöhnt, dass ihm Stickenfeller auf die Schliche gekommen ist und täuscht die Abreise von Forndyke vor.
Moykenfield lässt sein Auto bergen, und stellt fest dass die Figur verschwunden ist. Er nimmt an, dass sie irgendwo im See versunken und momentan nicht zu bergen ist.
Henry Holden wird von drei Unbekannten überfallen, die ägyptische Masken tragen, die aus seinem eigenen Laden gestohlen wurden. Als ihm die Fremden, die in Besitz der falschen Figur sind, zusetzen, erzählt er ihnen von dem Schliessfach mit der zweiten Figur. Moykenfield, Stickenfeller und Holden vermuten Montmatre hinter dem Überfall. Aber auch Forndykes plötzliche Abreise erscheint ihnen verdächtig. Ebenso rätseln sie darüber, weshalb eine vierte Maske mit dem Aussehen der Göttin Uto gestohlen wurde., und weshalb Crankshaig verschwunden und durch einen seiner Angestellten ersetzt wurde. Holden befürchtet, dass sie alle von den Kultisten ermordet werden, aber Moykenfield versucht seine Bedenken zu zerstreuen.

Teil 13: Im Inneren


Thaddeus Moykenfield hob eine Figur von dem Marmorschachspiel auf, das in der Bibliothek stand.
"Sehen sie, es gibt Figuren und Spieler in jedem Spiel. Was macht den Unterschied zwischen den beiden?"
"Dass die Figuren im Gegensatz zu den Spielern einfach aus dem Spiel genommen werden können?"
"Oh nein. Auch die Spieler selbst unterliegen bestimmten Regeln und können getötet werden, wenn sie Fehler machen. Was den Unterschied ausmacht, ist, dass die Figuren keine Vorstellung darüber haben, dass sie sich in einem Spiel befinden. Wir können uns selbst aussuchen, ob wir Figuren oder Spieler sein wollen. Die einzige Voraussetzung besteht darin, dass wir über den Rand des Spielfeldes hinaus sehen können müssen. Eine Figur, die erkennt, dass sie sich in einem Spiel befindet, und über das Schachfeld hinaus denkt, wird zu einem Spieler. Dagegen wird der Spieler, der nur noch das Schachfeld sieht, zur austauschbaren Figur. Und das ist das Geheimnis; die Austauschbarkeit!"
"Und was bedeutet das in der Praxis?"
"Wenn uns Montmatre und seinesgleichen als Spieler und nicht als Figuren betrachten, haben wir die gute Chance, nicht einfach aus dem Spiel genommen zu werden. Wobei ich allerdings nicht behaupten will, dass wir nicht in Gefahr wären. Wir befinden uns einfach auf einer anderen Sphäre."

Ariane schlenderte durch die Strassen und betrachtete die Stände. Weihnachten war für sie ein unbekanntes Fest, aber es schien auch ein paar nette Seiten zu haben. Allerdings wich sie den dicken Männern in den roten Kostümen mit den falschen Bärten aus, die ständig "Ho Ho Ho" schrien. Der Ritus hätte ihr nicht soviel ausgemacht, wenn nicht die albernen Figuren, die als Helfer der Weihnachtsmänner agierten, als "Elfen" bezeichnet würden. Sie fand diesen Vergleich äusserst beleidigend. Ein Schmuckstück an einem der Stände fesselte ihre Aufmerksamkeit. Normalerweise hätte sie den Stand wegen dem dunkelhäutigen, verschlagen wirkenden Verkäufer gemieden, aber dieses Armband musste sie kaufen. Es war eine Schlange aus Bronze, die sich kunstvoll um das Handgelenk schlang. Der Preis war akzeptabel und liess noch genügend von ihrem Taschengeld übrig.
"Ah, ich sehe die schöne Dame findet gefallen an dem wertvollen Stück. Schlangen sind bei uns in Ägypten nichts schlechtes, sondern ein Symbol von Klugheit und Eleganz. Wenn die Dame Schlangen mag, habe ich hier etwas ganz besonderes, nur für sie..."
Der grinsende, schlanke Händler zog eine bronzefarbene Maske hervor, die einen Kobrakopf darstellte.
"Ich zeige dieses Stück nur ausgewählten Kunden!"
"Sehr hübsch, aber was soll ich mit einer Maske anfangen?"
"Ah, nehmen sie nicht an dem grossen ägyptischen Ball teil? Hier sehen sie das Plakat!"
"Und ich soll mich auf einem Kostümball als Schlange verkleiden?"
"Nicht als Schlange, als Göttin! So wie es ihnen angemessen ist.. Viele Frauen werden als Nofretete, Kleopatra oder Isis kommen! Aber gewiss wird es nur eine Uto geben!"
"Na gut, packen sie die Maske ein. Und dann erzählen sie noch etwas über diesen Ball.."

"Nun, wir haben vier Anubis und zwei Horusmasken gezählt, aber bisher noch keine Uto und keinen Bes. Aber allgemein muss man sagen, dass ihre Handwerkskunst gut angenommen wurde."
Moykenfield, der sich bescheiden als ägyptischer Schreiber kostümiert hatte, konnte nicht sehen, wie Henry Holden sein Kompliment aufnahm. Der Antiquitätenhändler hatte sich, wohl aus der Angst erkannt zu werden, mit etlichen Metern von Mullbinden als Mumie unkenntlich gemacht. Stickenfeller, der sich zunächst sehr geziert hatte, hatte sich schliesslich durchaus gelungen als Moses verkleidet. Moykenfield hatte den Verdacht, dass der Professor allmählich Gefallen an dem Spiel fand, aber es nicht zugeben konnte.
"Montmatre und seine Dame werden wohl auch kaum mit den gestohlenen Masken hier auftauchen. Wenn sie überhaupt kommen."
Moykenfield fand es ebenfalls nicht wahrscheinlich, dass die Beiden in den gestohlenen Masken auftauchen würden, aber er konnte es sich auch nicht vorstellen, dass sie sich dieses gesellschaftliche Ereignis entgehen liessen. Auf Bälle zu gehen, gehörte nun einmal sozusagen zum Beruf eines Aristokraten. Besonders bei einem falschen Aristokraten.
"Nun sehen sie sich das einmal an! Das nenne ich wirklich unverfroren."
Die kleine, zerbrechliche Gestalt war auch trotz Maske sofort zu erkennen. Der Körper war hauteng in Schlangenleder oder einem täuschend echt wirkenden Material eingehüllt, darüber trug sie eine gewaltige Ansammlung von exotischen Metallschmuck und den Kobrakopf der Uto. Neben ihr lief unverkennbar Montmatre, der als der abtrünnige Gott Seth kostümiert war.

Von Sturmfels musste dass Türschloss von Kurgan aufbrechen lassen, da es allen subtileren Methoden widerstand. Montmatre verwendete immer nur hochwertiges Material. Immerhin hatte seine List, Sihan als ägyptischen Verkäufer auftreten zu lassen, funktioniert. Montmatres Penthouse stand für eine bestimmte Zeit leer, und der Verdacht des nächtlichen Überfalls auf Holden würde sich dank der Utomaske zunächst gegen Montmatre richten. Moykenfield und seine Freunde waren so sehr auf Montmatre fixiert, dass sie seine Aktionen anscheinend völlig vergessen hatten. Mit Lieferantenkleidung waren sie an dem Portier vorbeigekommen, um sich ungestört bei Montmatre umzusehen. Von Sturmfels musste zugeben, dass sein Gegner durchaus Geschmack hatte. Die ganze Wohnung war im französischen Jugendstil eingerichtet, wobei nur das Erlesenste vorhanden war. Ganze Möbelsets von Guimard, ein Schrank von Majorelle, Lalique- und Galléglas, aber auch andere europäische Werke waren vorhanden; z.B. mehrere hervorragende Drucke von Franz von Stuck und Böcklin. Es fehlten aber auch nicht die modernsten technischen Geräte, die zu bekommen waren; er sah ausser dem Grammophon und Telephon eine Remington Schreibmaschine, einen elektrischen Fön und einen Radioapparat. Aber er war nicht gekommen um die Einrichtung zu bewundern.
"Kurgan, du hältst Wache. Philipp, du nimmst dir das Schlafzimmer und das Wohnzimmer vor, aber lass die Finger von dem Schmuck. Sihan und Ich kümmern uns um den Rest."

Philipp Dockenbell fühlte sich trotz allem Luxus um sich herum mehr als Unwohl. Im Schlafzimmer hatte er Handschellen und eine Peitsche entdeckt. Das ganze Apartment war unheimlich. Die morbiden Bilder an der Wand und die merkwürdigen Möbel, die wie versteinerte Urwaldpflanzen aussahen, hätten ihm schon gereicht, aber der Sarg im Salon und der echte Totenkopf auf einem Buffett waren zuviel. Er war froh, als ihn Von Sturmfels in das Arbeitszimmer rief.
Sihan und Sturmfels standen vor zwei herausgeklappten Bücherregalen. Die Rückwände der Regale bestanden aus Stahl, und an der Wand waren zwei pechschwarze Rechtecke in der Grösse von Türen zu erkennen.
"Es wird Zeit, dass du etwas Neues lernst. Du siehst hier zwei Dimensionstore. Du musst wissen, dass es zwei Arten von Dimensionstoren gibt. Die seltenere Variante funktioniert in zwei Richtungen, die gewöhnlichen Tore lassen aber nur Materie und Energie in eine Richtung durch. Je nachdem, auf welcher Seite man steht, spricht man von einem Ein- oder Ausgang. Einem Eingang kann man normalerweise daran erkennen, dass er pechschwarz ist, weil er sämtliches Licht absorbiert. Verständlicherweise kann von dem Ankunftsort Licht genausowenig wie irgend etwas anderes auf die Gegenseite gelangen. Dagegen kann man durch einen Ausgang normalerweise einen Blick auf die Gegenseite werfen, aber nicht herübergelangen. Falls das Tor aber aus einem völlig dunklen Raum kommt, sieht man ebenfalls nichts. Aber auch hier gibt es einen Test zum Unterschied. Das linke Tor ist ein Ausgang, den ich kann diesen Stab nicht durch die schwarze Oberfläche schieben. Bei dem rechten ist dies möglich, aber ich kann ihn nicht mehr zurückziehen. Wenn also jemand mit der Hand in einen Eingang gerät, muss er wohl oder über ganz hindurchgehen, wenn er sich nicht die Hand abhacken lassen will. "
Philipp Dockenbell nickte langsam; das Ganze übertraf seine Vorstellungskraft.
"Es gibt also nur eine Möglichkeit, herauszufinden was hinter diesem Tor ist. Da wir einen Ein- und Ausgang haben, verbinden sie vermutlich die selben Orte in zwei Richtungen. Entweder es liess sich kein Doppeltor öffnen, oder Montmatre hielt getrennte Durchgänge für sicherer. Aber das wirst du bald feststellen."
"Ich? Nein, ich gehe da nicht durch! Das ist... Teufelei! Nein!"
"Aber nicht doch so furchtsam. Du musst nur hindurch und kommst anschliessend sofort wieder durch das zweite Tor zurück, um Bericht zu erstatten. Wir warten zehn Minuten, und wenn du länger brauchst, musst du dich alleine durchschlagen. Kurgan, jetzt!"
Philipp spürte wie ihn Kurgan packte und durch das Tor schleuderte. Er prallte hart auf den Boden auf und blieb einige Momente in der völligen Dunkelheit liegen. Vorsichtig tastete er umher, bis eine Holzplatte, die er berührte, unter seiner Hand wegklappte. Erschreckt hielt er inne. Dicht neben ihn hörte er ein Geräusch, als ob ein Gegenstand hingefallen wäre. Er tastete zögernd in die Richtung und berührte etwas Weiches. Ein Gegenstand, in Stoff eingewickelt! Bald erkannte er, dass es eine der Taschenlampen war, die ihm die Anderen wohl zugeworfen hatten. Er leuchtete in dem Raum umher. Eine verwahrloste, leere Kammer; mit einer Tür hinter ihm und einer Tür vor ihm, durch die er schwach die Umrisse von Sturmfels, Sihan und Kurgan sehen konnte. Er winkte ihnen, aber sie sahen ihn offensichtlich nicht. Wenn er die Taschenlampe ausschaltete , blieb die rechteckige Öffnung in der Wand trotzdem erkennbar. Vor diesem Tor, durch das er geworfen wurde, war eine hölzerne Falltür, die in einen dunklen Schacht führte. Hätte ihn Kurgan nicht darüber hinweg geschleudert, wäre er abgestürzt... eine heimtückische Falle. Er hob ein Stück Mörtel auf und schleuderte es auf das Tor, aber es prallte davon ab. Er musste also einen anderen Ausweg finden. Er ging durch die zweite Tür, die glücklicherweise nicht verschlossen war. Er gelangte in ein riesiges Treppenhaus; offensichtlich handelte es sich um ein verlassenes Industrie- oder Lagergebäude. Es gab mehrere Türen in diesem Stockwerk, aber sie waren alle verschlossen. Die Schmerzen von seiner harten Landung hielten ihn von dem Versuch ab, eine davon aufzubrechen. Wenn es einen Ausgang in diesem Gebäude gab, würde er ihn im Erdgeschoss finden. Er stieg die Treppe hinab. Probehalber probierte er an verschiedenen Türen in dem nächsten Stockwerk, einige waren verschlossen, andere führten in leere Lagerhallen. Er fing schneller an zu laufen, denn Sturmfels wollte nur zehn Minuten warten. Was wäre, wenn er endlich den Ausgang finden und dann allein dem zurückkehrenden Montmatre gegenüber stehen würde? Ausserdem war die Batterie der Taschenlampe, die ohnehin nur wenig Licht brachte, bald verbraucht. Wieviel Stockwerke hatte das verdammte Gebäude?

Montmatre hatte Moykenfield und Stickenfeller höflich gegrüsst und ein paar belanglose Worte mit ihnen getauscht. Ihre Anwesenheit kam ihm verdächtig vor. Und die Gestalt im Mumienkostüm, die sich vergeblich unauffällig entfernt hatte, war vermutlich Henry Holden. Entweder man wollte ihn aushorchen, oder, was wahrscheinlicher war, ablenken. Der Ball hatte zwar nicht lange gedauert, aber für ihn war er schon jetzt vorbei.

Verzweifelt hockte Philipp in völliger Finsternis auf dem Boden. Er würde bald erfrieren, aber dann wäre wenigstens die Angst vorbei. Das Treppenhaus hatte im Wasser geendet; offensichtlich war das letzte Stockwerk überflutet. Nirgendwo war ein Ausgang zu finden gewesen; und auch die Taschenlampe war fast völlig am Ende. Wie konnte man ihm so etwas antun?

Er hatte also richtig vermutet! Obwohl Montmatre ihnen soviel nicht zugetraut hätte. Die Wohnungstür war aufgebrochen, aber auf den ersten Blick schien nichts zu fehlen. Die offen stehenden Regaltüren vor den Dimensionstoren zeigten aber nur zu deutlich, dass man es nicht mit gewöhnlichen Einbrechern zu tun hatte. Es war niemand mehr in dem Penthouse zu finden, vermutlich hatte sich einer oder mehrere Personen durch das Tor gewagt. Er musste die Identität der dreisten Eindringlinge erfahren und vor allem sicherstellen, dass der Zeremonialraum nicht entdeckt wurde. Entschlossen holte er die deutsche Maschinenpistole aus ihrem Versteck. Einen Moment überlegte er zögernd, ob er Ariane mitnehmen sollte. Es war gefährlich, aber es wäre noch gefährlicher, sie ohne Schutz zurückzulassen. Ihre Nachtsicht war allerdings auch von grossem Vorteil...
Er befahl ihr, immer hinter ihm zu bleiben und bei der geringsten Gefahr in Deckung zu gehen.

Kein Zweifel, Schritte kamen näher, und es gab keinen Ort, wohin er fliehen konnte. Philipp glaubte nicht, dass es sich um Sturmfels handeln würde, der zu seiner Rettung käme. Er knipste die Taschenlampe an, die nur noch ein letztes schwaches Glühen von sich gab. Dabei fiel ihm auf, dass der Wasserstand in dem überfluteten Treppenhaus stark zurückgegangen war. Was bedeutete das? Die Ebbe! Es war Salzwasser, dass bedeutete einen unterirdischen Ausgang. Er konnte hier auf den näherkommenden Fremden warten oder versuchen zu tauchen. Er war doch immer ein guter Schwimmer gewesen, und was hatte er zu verlieren... Er sprang in das eiskalte Wasser und tauchte unter.



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