Licht aus Schmerzen

Teil 14: Auge um Auge

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Moykenfield vermutet, dass seine Freunde und er bessere Chancen haben, wenn sie Montmatre als ebenbürtige Gegner in einem gefährlichen Spiel sieht, und nicht als austauschbare Figuren.
Sihan, als ägyptischer Händler verkleidet, macht Ariane auf einen ägyptischen Kostümball aufmerksam und verkauft ihr die Uto Maske, die er vorher von Holden gestohlen hatte. Wie von Sturmfels geplant, geht Montmatre mit Ariane zu dem Ball und ermöglicht ihm so, Montmatres Penthouse zu durchsuchen. Als Lieferant verkleidet bricht er mit seinen Helfern ein und entdeckt die beiden Dimensionstore, die in das Gebäude mit dem Kultraum führen. Er lässt den furchtsamen Philipp Dockenbell von Kurgan durch das Eingangstor werfen. Dockenbell soll feststellen, ob die gefahrlose Rückkehr durch das zweite Tor möglich ist. Aber Dockenbell entdeckt keinen Ausgang und bleibt verzweifelt im überfluteten Keller hocken.
Auf dem ägyptischen Ball sind auch Stickenfeller, Moykenfield und Holden anwesend. Wie von Sturmfels erhofft, werden sie auf Arianes Uto Maske aufmerksam und vermuten Montmatre hinter dem Überfall. Jener wird aber misstrauisch, als er die drei sieht, und kehrt nach Hause zurück. Er entdeckt die Einbruchsspuren und geht mit Ariane durch das Dimensionstor, um den Eindringling zu stellen. Dockenbell bemerkt die Ebbe im versunkenen Keller und wagt aus Angst vor Entdeckung zu tauchen.

Teil 14: Auge um Auge


"Eine interessante Neuigkeit, Henry. Das Beste erfahren wir doch immer aus der Zeitung: Philipp Dockenbell, der Brandstifter, wird halb ertrunken aus dem New Yorker Hafen gefischt. Er leugnet die Tat, schweigt aber über seinen bisherigen Aufenthaltsort. Ich frage mich, welche Rolle er in diesem Fall spielt. Vielleicht kann uns Thaddeus bald mehr erzählen."
"Aber ich erkenne ihn eindeutig wieder. Er hat mir damals die verfluchte Figur verkauft. Obwohl es ihr Eigentum ist, wünschte ich, er hätte sie behalten... Aber wenn ich mich nicht irre, ist das Thaddeus der in die Einfahrt kommt."
Der Professor blickte ebenfalls aus dem Fenster und erkannte seinen Freund sofort. Die englische Kappe in Verbindung mit dem Pelzmantel war unverkennbar. Etwas später klingelte er an der Tür des Antiquitätenhändlers. Henry Holden hatte darauf bestanden, die Freunde in seinem Privathaus in New Haven aufzunehmen.
"Guten Tag , meine Freunde. In einem Punkt muss ich sie leider enttäuschen: Es war mir unmöglich, die Gefängnisverwaltung zu einem Gespräch mit Dockenbell zu überreden. Aus Angst vor Racheanschlägen werden alle Besucher von ihm ferngehalten, bis es zu dem Prozess kommt. Und das kann dauern, denn die Beweislage gegen ihn steht schlecht. Aber ich konnte in Erfahrung bringen, wo man ihn aus dem Wasser geholt hat. Suchen Sie was warmes zum Anziehen heraus, ich lade sie zu einer Bootsfahrt ein."

Unruhig lief Montmatre durch das verlassene Lagergebäude, während er die Tätigkeiten der Kultanhänger inspizierte. Er wusste nicht, wer in das Gebäude eingedrungen war, aber der Eindringling konnte nicht viel entdeckt haben, denn alle wichtigen Räume waren noch verschlossen. Neben dem überfluteten Keller lag eine Taschenlampe; und die Hafenpolizei hatte einen beinah ertrunkenen Mann festgenommen, der vermutlich nicht nur die Figur aus dem brennenden Hotel gestohlen hatte, sondern sich nach Arianes Angaben auch in Westford auf dem Parkplatz herumgetrieben hatte, obwohl ihn die Polizei als Brandstifter suchte. Es gab keinen Zweifel, wer der Eindringling gewesen war. Die Dimensionstore in seinem Penthouse waren bereits zerstört, und das Dimensionstor zu Crankshaigs ehemaligen Bürohaus würde nur lange genug offenbleiben, bis alle Spuren des Kultes verwischt waren. Die Leichen in dem Schacht konnten in der kurzen Zeit nicht weggeschafft werden, aber er hatte den Zugang vermauern und mit Dreck überschmieren lassen. Vorher hatten seine Untergebenen noch sackweise Kalk und Sand in den Schacht gekippt, um die Körper zusätzlich zu überdecken. Er durfte kein überflüssiges Risiko eingehen.

Roger Leland sass trotz der Kälte geduldig in seinem Versteck und beobachtete genau die Uhr. Die Gefängnismauer war gute hundert Meter entfernt und zu hoch, um etwas dahinter zu sehen... Er musste hoffen, dass Brown alles arrangiert hatte.

Martin Brown fingerte nervös an seiner Mütze herum. Philipp Dockenbell, den er entsprechend angewiesen hatte, drehte mit anderen Gefangenen seine Runden im Hof. Er fragte sich, wie die Befreiungsaktion verlaufen sollte, aber man hatte ihn nur über seine Aufgaben informiert und über den restlichen Ablauf im Unklaren gelassen. Die Wächter verdienten alle nicht viel, einige von ihnen waren, wie auch er, einst selbst Kriminelle gewesen. Er hatte hundert von den versprochenen tausend Dollar als Vorschuss erhalten; niemand hätte bei diesem Angebot widerstanden. Er blickte auf die Uhr; es war soweit. Er nahm die Mütze ab und kratzte sich den Kopf, als Dockenbell an ihm vorbeimarschierte. Dieser erkannte das Zeichen und rief, was sie vereinbart hatten:
"Kratz dich nur, du Affe!"
"Komm her Bürschen, das sagst du nicht noch einmal!"
Keiner der übrigen Wächter mischte sich ein, als er Dockenbell grob beiseite führte. Sie standen dicht hinter dem Tor, der Zeitpunkt stimmte. Wie wollten die Befreier an den Wachen vorbei durch das geschlossene Tor kommen; und wie wollten sie fliehen?

Leland hatte die Armbrust rechtzeitig ausgepackt. Es war keinesfalls eine archaische Waffe; dieses Modell war eine spezielle Konstruktion aus dem ersten Weltkrieg. Er feuerte sie ab.

Trotz der Kälte schwitzend wartete Martin Brown, während er Dockenbell, der nicht weniger nervös war, lauthals ausschimpfte. Wenn die anderen Wachen nur keinen Verdacht schöpften... In diesem Moment sah er einen dunklen Gegenstand über das Tor fliegen.

Roger Leland konnte nicht sehen, was sich im Gefängnishof abspielte, aber er hörte das laute Krachen und sah die Staubwolke hinter dem Tor aufsteigen. Einen Augenblick später fiel ein Gegenstand auf die Strasse. Nach einem kurzen Blick erkannte ihn Leland als eine zerfetzte blaue Mütze eines Wächters. Er hatte die grösste Granate gewählt, die für diese Armbrust erhältlich war. Auch wenn Martin Brown mit Dockenbell nicht an der richtigen Stelle gewartet hätte, müsste die Wirkung ausreichen. Nun war es Zeit, wieder unauffällig zu verschwinden.

"Wonach suchen wir eigentlich genau, Thaddeus?"
"Sie fragen mich noch? Sie wissen doch, Philipp Dockenbell wurde halbtot aus dem eiskalten Wasser geborgen. Aus welchen Grund befand er sich im Wasser? Wieso trug er Lieferantenkleidung, und wo hat er sich die ganze Zeit versteckt? Der Fundort war ungefähr hier, und weit ist er bei dieser Kälte nicht gekommen, ganz abgesehen von der untauglichen Kleidung. Sein Versteck kann nicht weit entfernt gewesen sein."
Die drei Freunde betrachteten wortlos das unförmige, völlig verwahrloste Lagergebäude. Das vierstöckige Gemäuer stand direkt im Wasser, ehemalige Verbindungsbrücken waren schon vor vielen Jahren abgerissen worden.
"Ich kann mir denken, was sie meinen. Das alte Bauwerk hat keine Verbindung mehr zu dem Land und ist daher auch uninteressant für Obdachlose. Nur mit einem Boot kann man es trocken erreichen."
Stickenfeller betrachtete die Ruine skeptisch.
"Aber wir haben es bereits zweimal umrundet. Die alten Zugänge wurden bereits vor Jahren vermauert, und Fenster hatte es noch nie. Und ich konnte nirgendwo einen Durchschlupf erkennen. Und dass es einen Zugang zum Land über einen Tunnel gibt, ist wohl völlig ausgeschlossen."
"Das glaube ich auch. Aber es könnte einen Zugang unter der Wasserlinie geben, obwohl ich das für weniger wahrscheinlich halte. Aber sie vergessen das Flachdach, dort könnte es problemlos einen versteckten Eingang geben. Und die Aussenmauer bietet genügend Möglichkeiten, bequem emporzuklettern."
"Denken sie nicht einmal daran!"
"Warum nicht? Aber heute ist es zu spät dazu. Ausserdem will ich etwas Werkzeug besorgen, die Ziegelmauern bieten irgendwo bestimmt eine morsche Stelle, um Einlass zu ermöglichen."
"Ich halte gar nichts von dieser Idee... aber sie hören doch nicht auf mich. Und Austen, sie sind doch auch meiner Meinung?"
"Eine Kletterei halte ich auch für viel zu gewagt. Aber einen Blick in das Gebäude zu werfen, halte ich nicht für ganz verkehrt."
"Sie sind mir eine grosse Unterstützung! In ihrem Alter sollten sie sich nicht mehr für solche tollkühne Eskapaden verführen lassen! Aber was helfen meine Reden... Ich jedenfalls muss morgen in meinen Laden sein, dass Weihnachtsgeschäft lässt mir weniger Zeit als ihnen. Und da ich sie beide vorher noch nach Hartford fahren werde, fordere ich hiermit den sofortigen Aufbruch!"

Ein einziger Gegenstand war bei dem Einbruch in das Penthouse verschwunden, aber gerade das beunruhigte Ariane. Pardot hatte den Einbruch natürlich nicht der Polizei gemeldet, und auch verhindert, dass die Boulevardpresse davon erfuhr. Obwohl sie beide noch nicht lange in New York lebten, gehörten sie schon zu der Prominenz der Stadt. Und ein Einbruch hätte sich schnell herumgesprochen und mögliche Nachforschungen ausgelöst, die für sie gefährlich werden könnten. Pardot war zu dieser Zeit völlig damit beschäftigt, die Lagerhalle unbemerkt von allen Spuren des Kultes zu befreien und andere Dinge zu organisieren. Sie wusste auch, dass Moykenfield und seine Freunde wieder unauffällig beschattet wurden. Die drei waren zur Zeit des Einbruches zwar auf dem ägyptischen Ball gewesen, aber allen Anschein nach hatte ja Dockenbell die Tat verübt. Pardot war keineswegs völlig überzeugt davon, dass die drei und nicht vielleicht Von Sturmfels hinter der Sache steckte, aber sie war anderer Ansicht. Das verschwundene Buch aus Pardot´s Arbeitszimmer hatte inzwischen bestimmt Moykenfield in Besitz. Denn warum sollte jemand die seltenen Grimorien zurücklassen und nur eine zugegeben extrem seltene, aber für Magiere wertlose Abhandlung über Elfen in Wales stehlen? Das Fragment aus dem 17. Jahrhundert war eine unvollständige Übersetzung von einer verlorenen lateinischen Abhandlung aus dem 10. Jahrhundert. Im Gegensatz zu den wirren, oft widersprüchlichen und meist völlig unsinnigen Gerüchten, die auf keltischen Legenden beruhten, hatte der anonyme Autor brauchbare Informationen gesammelt. Angeblich existierten mehrere verschiedene Teile dieses einst vollständigen Buches, aber das wusste niemand genau. Vielleicht besass Moykenfield einen anderen dieser Teile? Sie würde es herausfinden, egal was Pardot dazu sagte. Wenn sie sich beeilte, würde er es nicht einmal erfahren, denn er hatte bestimmt bis zum Morgen mit seinen Aktionen zu tun, und bis dahin könnte sie längst wieder in New York sein. Sie hatte sich inzwischen genügend Wissen über Montmatres Aktionen verschafft, um ein paar seiner Handlanger zu kennen. Einer davon, David Morris, verschaffte ihr die notwendigen Informationen, und er hatte sich auch bereit erklärt, sie heimlich zu Moykenfields Haus zu fahren. Moykenfields Haus lag etwas abseits von Hartford, ausser zwei kleineren Nebengebäuden, die als Garage und Werkzeugschuppen dienten, war weit und breit kein anderes Gebäude in Sicht. Aus diesem Grund konnte es nicht rund um die Uhr bewachtet werden, da das Gelände keinerlei Deckung bot, abgesehen davon, dass kein Beobachter bei dieser Kälte lange durchhalten würde. Sie wusste, dass Moykenfield mit Stickenfeller bei Holden war und vermutlich längere Zeit dort verbringen würde. Gut möglich, dass er die Nacht bei einem seiner Freunde verbringen würde und heute gar nicht mehr nach Hause käme. Sie liess sich in der Nähe des Hauses absetzen und befahl Morris, sicherheitshalber in zwei Stunden wieder vorbeizukommen. Hinter dem hohen Zaun um das Hauptgebäude hörte sie das Bellen des Wachhundes, den sich Moykenfield inzwischen zugelegt hatte. Aber sie fürchtete sich nicht, denn sie hatte auch ein paar Dinge in ihrer Ausbildung gelernt.

David Morris sass gemütlich in dem Old Carpenter in Hartford und blickte auf die Uhr. Er hätte jetzt lieber etwas anderes als einen heissen Tee getrunken, aber dafür war hier nicht der richtige Ort. Immerhin lief das Radio. Eine Meldung berichtete gerade von einer Explosion in einem New Yorker Gefängnis, bei der zwölf Häftlinge und drei Wächter ums Leben gekommen waren. Unter den Toten befand sich auch der kürzlich gefasste Philipp Dockenbell, der wegen der Brandstiftung im Fornell Tower gesucht worden war. Langsam war es an der Zeit, das Auto anzulassen, denn er wollte keine Verspätung riskieren. Die Angst war unbegründet, der Dodge sprang ausgezeichnet an. Langsam fuhr er die verschneite Strasse entlang, als ihm der schwarze Minerva auffiel, der ihm entgegenkam. In dem Auto sass ein Mann, auf den alle nach Lelands Anweisungen Ausschau halten sollten, nämlich Acheloos von Sturmfels. Er wartete bis die Limousine aus dem Sichtbereich war, dann wendete er und folgte den Spuren. Er hatte genügend Zeit eingeplant, um wenigstens nachzusehen, welche Strasse der Gesuchte nehmen würde.

"Möchten sie vielleicht noch einen Schluck Tee mit Rum, Henry, bevor sie wieder aufbrechen."
"Gerne, aber ich kann nur ganz kurz bleiben. Austen hat mich schon länger aufgehalten, als eigentlich geplant. "
"Keine Sorge, es wird nur ein paar Minuten dauern, ausserdem ist es noch nicht sehr spät. Wir haben mein Haus gleich erreicht."

Bis jetzt war Acheloos Von Sturmfels Aufenthaltsort noch völlig unbekannt, und selbst ein Hinweis wäre für Leland wertvoll. Es dauerte nicht lange, und der grosse schwarze Wagen war wieder in Sicht. David Morris verlangsamte das Tempo, um nicht aufzufallen. Nach der nächsten Bergkuppe entdeckte er aus dem Augenwinkel, dass der Minerva abseits der Strasse mit abgeschalteten Scheinwerfern hinter einigen Bäumen stand. Er hatte sich trotz aller Vorsicht verdächtig gemacht! Das schwarze Auto fuhr los und setzte sich vor ihn. Man hatte ihn gewarnt, wie gefährlich Von Sturmfels war... aber für eine Flucht war es zu spät. Der Minerva würde ihn mühelos einholen; eher würde er sich bei einer Verfolgungsfahrt den Hals brechen als entkommen. Er trat auf die Bremse und griff nach seinem 45. Colt und hielt ihn versteckt unter dem Armaturenbrett. Die Limousine hatte ebenfalls gebremst und zwei Türen im Heck öffneten sich. Auf der rechten Seite stieg eine massige Gestalt aus, die auf ihn zukam. Die linke Tür blieb geöffnet, aber der Insasse schien zu warten.

"Ich muss ja sagen, Thaddeus, sie verzeihen, aber ihr Wachhund ist etwas sehr freundlich."
"Seltsam genug. Heute benimmt er sich eher wie ein Schaf, nicht wahr? Aber egal, ich setzte schon mal den Tee auf. Den Rum finden sie im Verschlag unter der Treppe. Ich habe ihn zwischen den Putzmitteln versteckt, man weiss ja heutzutage nie."
Moykenfield blickte erstaunt, als er Henry Holden bleich und auf den Zehenspitzen zurückkehrend sah. Da er die Finger an die Lippen hielt, unterliess er es zu fragen, sondern zog leise den kleinen Revolver aus dem Maul des präparierten Hechtes hervor, wo er ihn üblicherweise verborgen aufbewahrte. Holden flüsterte seinem Freund leise zu.
"Ein Einbrecher! Versteckt im Treppenkasten!"
Henry Holden schlich vorsichtig hinter Moykenfield her, der mit dem Fuss die halboffene Klappe unter der Treppe aufstiess.
"Kommen sie mit erhobenen Händen heraus, dann ersparen sie mir zu schiessen! "
Ariane Eine kleine maskierte Gestalt kroch aus dem niedrigen Kellerkasten heraus, blieb auf den Knien hocken und hob gehorsam die Hände. Das enge schwarze Trikot, die Kapuze und die schwarze Strumpfhose erinnerten Moykenfield an die Figuren aus den berüchtigten Feuillade - Filmen. Er zog die Kapuze herunter, um die Bestätigung für seine Vermutung zu finden.
"Was sagen sie denn da, Henry, unser Einbrecher ist eine Einbrecherin, und eine besonders charmante dazu. Wie komme ich zu der Ehre?"

David Morris versuchte ganz ruhig und kaltblütig zu bleiben, während der Fremde sich näherte. Aber dessen Erscheinung machte dieses Vorhaben mehr als schwierig; denn wer behielt einen kühlen Kopf, wenn ein finster blickender Hüne mit struppigen Bart, wilden Haaren, fremdländischen Gesichtszügen und exotischer Kleidung wortlos auf ihn zustapfte? Er erinnerte sich an Rick White und Paul Linder, die ganz in der Nähe bei einem rätselhaften Autounfall getötet wurden, während sie etwas über Von Sturmfels herausfinden sollten. Er riss die schwere Pistole hoch und schoss - der muskulöse Gegner wurde trotz seiner Körpermasse rückwärts geschleudert, als ihn die Kugel mitten in der Brust traf. David Morris wartete nicht, bis er auf den Boden aufschlug, sondern riss die Waffe herum, als er eine Bewegung auf der linken Seite des Autos sah. Er blickte genau in die grünen Augen des Von Sturmfels, als er eine leichte Berührung auf der Stirn wahrnahm, und ein langgezogen, tiefen Knall hörte. Er versuchte den Abzug zu ziehen, aber er rührte sich nicht. Das Gesicht von Sturmfels, das Dach des Autos und die graubraune Strasse kippten nach unten weg, und der bleigraue Himmel schob sich in sein Blickfeld. Er sah die schwarzen, dürren Äste der kahlen Bäume wie graphische Spuren in den Himmel aufragen. Er musste der Perspektive nach auf dem Rücken liegen, aber das kam ihm nicht wichtig vor. Die Ränder der schwarzen Striche oder Äste hatten einen unscharfen orangen Rand, der sich grün verfärbte, und als Schatten daneben stand, während das Muster verschwamm. Der Himmel wurde schwarz und die schwarzen Silhouetten der Äste wurden weiss, wie auf einem Negativ, und verblassten, bis nur noch Schwärze zurückblieb. Von unendlich weiter Ferne hörte er eine fremdländisch klingende Stimme, die unglaublich tief und langsam war, aber er konnte sie trotzdem deutlich verstehen.
"Er ist so tot wie Kurgan, Sir. Die Kugel ging durch seinen Kopf."
Er fragte sich für einen letzten kurzen Moment von wem die Rede war, aber dieser Gedanke ging wie alles andere in das absolute Nichts über.

Es war für Ariane keine neue Erfahrung gefesselt zu werden, und sie wurde auch nicht das erste mal an einen Stuhl gebunden. Aber noch nie zuvor war es auf diese kuriose Art geschehen; Holden schien panische Angst davor zu haben, sie an Stellen zu berühren, die man als unsittlich betrachten konnte, und anscheinend schien sie für ihn fast nur aus solchen Stellen zu bestehen. Und Moykenfield, der nicht ganz so schüchtern war, hatte anscheinend entsprechend viel Angst, ihr auch nur im geringsten weh zu tun. Das Endergebnis war, dass das Seil eher locker um sie und den Stuhl drapiert worden war. Der kleine Revolver lag auf einem Rauchtisch nur knapp ausser ihrer Reichweite. Sie wartete ruhig und wortlos den Disput zwischen den beiden ab. Holden, der offensichtlich Angst vor ihr hatte, wollte sofort die Polizei rufen, oder wenigstens bei Moykenfield bleiben, um ihn zu beschützen. Moykenfield beruhigte ihn und versprach, Stickenfeller anzurufen und mit einem Taxi kommen zu lassen. Ausserdem verwies er auf seinen Revolver und die angeblich gründliche Fesselung. Nur mit Mühe konnte er den Antiquitätenhändler überreden, nach Hause zu fahren. Ariane atmete auf, als er endlich ging. Wenn sie verhaftet werden würde, wäre alles vorbei. Sie hatte Angst, aber sie würde sich anstrengen nicht hysterisch zu werden. Moykenfield setzte sich ihr gegenüber, er wirkte weder unfreundlich noch bedrohlich.
"Was werden sie nun mit mir tun?"
"Das habe ich noch nicht abschliessend entschieden. Aber zunächst möchte ich mich mit ihnen unterhalten."
"Wenn sie etwas über Montmatre und seine Geschäfte wissen wollen, muss ich sie enttäuschen. Darüber weiss ich selber nichts."
"Gut, dann reden wir erst einmal über andere Dinge."
"Über was?"
"Da wäre z.B. ihre Herkunft. Der mir unbekannte Akzent, ihre schwarze Augen und die entzückenden spitzen Ohren, die meistens unter ihrer Haarpracht versteckt sind. Ich schätze, dass sie aus einem kleinen pittoresken Gebiet einer europäischen Inselgruppe kommen. Und ich möchte eine ehrliche Antwort, egal wie phantastisch sie klingt. "



Weiter mit Teil 15: Elfenträume

Zurück zu Licht aus Schmerzen

Hier Klicken zur Startseite