Licht aus Schmerzen

Teil 15: Elfenträume

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Philipp Dockenbell wird halb ertrunken im Hafenbecken gefunden und in ein Gefängnis gebracht, da er immer noch als Brandstifter gesucht wird. Moykenfield, der davon erfahren hat, bekommt keine Erlaubnis mit ihm zu reden, da Dockenbell bis zum Prozess von der Aussenwelt abgeschirmt werden soll. Leland besticht einen Wächter, damit er mit Dockenbell zu einer bestimmten Zeit im Innenhof wartet. Danach feuert er mit einer Granatarmbrust in den Gefängnishof und tötet Dockenbell und in der nähe befindliche Wächter und Gefangene. Montmatre ist damit beschäftigt, alle Spuren im ehemaligen Zeremonialgebäude so gut wie möglich zu tilgen. Moykenfield, Stickenfeller und Holden, die wieder unter heimlicher Beobachtung stehen, besuchen die Stelle, wo Dockenbell gefunden wurde, und werden auf das leerstehende Lagergebäude aufmerksam, verschieben eine Untersuchung aber. Ariane hat einen von Lelands Helfern dazu gewonnen, sie zu informieren und sie heimlich zu Moykenfields unbewachten Haus zu bringen. Da eine seltene Abhandlung über Elfen aus Montmatres Bibliothek verschwunden ist, glaubt sie, diese eventuell bei Moykenfield zu finden. David Morris, der Helfer der sie dort absetzt und später abholen soll, begegnet Von Sturmfels in dessen Auto. Da Leland befohlen hat, auch alle Informationen über diesen zu sammeln, verfolgt David Morris den Minerva. Als er entdeckt wird, kommt es zu einer Schiesserei, bei der Morris und Kurgan getötet werden. Weil Holden es eilig hat, bringt er Moykenfield früher nach Hause zurück als Ariane vermutet hat. Die Beiden überraschen sie und binden sie etwas ratlos an einen Stuhl. Während Holden, nur bedingt beruhigt durch Moykenfield, nach Hause zurückkehrt, beschliesst jener zunächst mit Ariane zu reden, bevor er weitere Schritte unternimmt.

Teil 15: Elfenträume


Ariane blickte auf die Kaminuhr, während sie unauffällig begann, ihre Fesseln zu lösen. In spätestens zehn Minuten sollte David Morris auftauchen. Sie hatte ihn angewiesen, eine Viertelstunde ausser der Sichtweite des Hauses auf sie zu warten, falls Moykenfield wieder Erwarten zurückgekommen wäre. Danach sollte er notfalls mit Gewalt versuchen, sie zu befreien. Sie hoffte, dass es nicht so weit kommen musste. Sie blickte Moykenfield in die Augen, um seinen Blick von möglichen Bewegungen ihres Körpers abzulenken, die ihre Befreiungsversuche verraten könnte. Solange sie redete, richtete er seine Aufmerksamkeit vielleicht nicht auf ihre übrigen Tätigkeiten.
"Sie haben recht. Ich stamme aus dem Fairy Glen, einer zerklüfteten engen Schlucht mit einem wilden Fluss. Der Nebel und die hohen schroffen Felsen halten die Menschen meist von dieser kargen Gegend ab. Aber die seltenen Besucher werden auch so nie auf die wenigen Vertreter meines Volkes stossen, die versteckt unter der Erde leben."
"Wo stammt ihr Volk her? Und wie alt ist es?"
"Das weiss niemand genau. Wir waren schon lange dort, bevor die ersten rohen Menschen sich dort ausbreiteten, die viel später Stone Henge und die Hünengräber errichteten. Aber es gab schon Wesen vor uns dort, das kleine Volk. Bösartige, hässliche Höhlenbewohner, die Vorbild für Legenden über Kobolde, Zwerge, Gnome oder Goblins bildeten, wie immer man sie nannte."
"Die Kreaturen Arthur Machens... Man weiss inzwischen, dass die Vormenschen zwei Grundtypen ausbildeten. Erstens der eher affenartige P - Typus, der grösser und muskulöser, aber wenig intelligent war. Vermutlich ein reiner Vegetarier. Und dann der nur 1.20 cm grosse A - Typus, der intelligenter und ein Fleischfresser war. Der P- Typus ist auf Britannien inzwischen durch einen Fund belegt. Und die Megalithen Kultur, auf die sie anspielen, liegt heute einige tausend Jahre zurück. Aber wie war ihr zusammentreffen mit diesen Menschen?"
"Es gab verschiedene Stämme des elfischen Volkes. Einige lebten in den dichten Wäldern, andere an den Seen und Auen, und meine Vorfahren in den kargen Felsgebieten. Die kurzlebigeren Menschen breiteten sich viel schneller aus als wir, und drängten die elfischen Völker immer mehr zurück. Die übrigen Stämme waren vermutlich schon fast völlig ausgestorben, als die ersten Kelten auf die Insel kamen. Aber mein Volk zog sich schon früh in die Höhlen zwischen den schroffen Felsen zurück und kam nur Nachts an die Oberfläche. Die Menschen waren uns zahlenmässig weit überlegen, aber sie fürchteten uns. Ganz selten gab es Kontakte, aber darüber existieren wenig Berichte. Aber Sie haben die Schrift ja vermutlich gelesen."
"Welche Schrift meinen Sie?"
"Sie wissen was ich meine. Das Aetas Peritus, das Dockenbell oder ein anderer ihrer Helfer aus Montmatres Bibliothek bei dem Einbruch während dem ägyptischen Ball entwendet hat."
"Jetzt täuschen Sie sich aber. Ich versichere ihnen, dass ich nichts aus Montmatres Besitz entwendet geschweige denn einen Einbruch veranlasst habe. Es ist das erste mal, dass ich davon höre, und mir ist ihre Adresse genauso unbekannt wie das Werk, dass sie erwähnten. Ausserdem hat Dockenbell nie für mich oder meine Freunde gearbeitet. Wir suchen schon lange selbst nach ihm. Seine Verhaftung war eine grosse Überraschung."
Ariane wollte etwas erwidern, aber das Läuten der Türglocke hielt sie davon ab.

Montmatre schätzte, dass sie in knapp einer Stunde fertig waren. Dann würden sie das Gebäude verlassen und er würde das letzte Tor auflösen. Es musste ein neuer Ort gefunden werden.
"Schneller, Leute! Sägt das Kreuz klein, es ist zu sperrig für den Transport. Und wischt die Spuren auf dem Boden gründlicher fort, es sieht ja ein Blinder, dass hier kultische Zeichnungen waren!"
Die Männer huschten eilig um ihn herum. Es war eiskalt in dem verlassenen Lagergebäude, und jeder wollte mit der Arbeit fertig werden.

Moykenfield griff den Revolver und ging vorsichtig in die Nähe der Haustür. Ariane konnte ihn nicht sehen, aber sie konnte einige Fetzen des Gesprächs verstehen.
"Wer ist da?"
"Die Kriminalpolizei. Öffnen sie bitte, wir wollen ein paar Fragen stellen!"
Die Haustür wurde geöffnet, und Schritte waren zu hören.
"Ich bin Inspektor Massey. Ich nehme an sie sind Thaddeus Moykenfield?"
"Ja, worum geht es?"
"Auf einer Nebenstrasse ist nicht weit entfernt ein Mann erschossen aufgefunden worden. Haben Sie irgend etwas gesehen oder gehört?"
"Mein Gott! Ein Freund von mir ist vor wenigen Minuten von hier weggefahren. Ein älterer Herr in einem Essex Super Six Sedan. Ist er...?"
"Wir haben den Toten noch nicht identifiziert. Aber er fuhr einen Dodge und ist kaum dreissig Jahre alt."
"Dann ist er es nicht. Aber ich danke ihnen für ihre Mitteilung. Wenn ich irgend etwas verdächtiges höre oder sehe, werde ich anrufen."
"Einen Moment bitte noch. Seit wann sind Sie hier?"
"Seit etwa einer halben Stunde. Ich wollte gerade etwas zu Essen machen."
"Kann das jemand bezeugen? Wie ist der Name des Freundes, den sie erwähnten?"
"Henry Holden aus New Haven. Ich schreibe ihnen die Adresse auf."
"Wir werden jemand bei ihm vorbei schicken. Bitte halten Sie sich zur weiteren Verfügung, und lassen sie keine Fremden in ihre Wohnung. Wir haben die beiden Schuppen angesehen, aber sie sind abgeschlossen und die Scheiben sind intakt. Aber bei dem geringsten Verdacht rufen Sie uns. Danke für ihre Hilfe."
"Gern geschehen."
Moykenfield kehrte in den Salon zurück. Der Stuhl war leer, und eins der Fenster stand leicht offen. War sie in ihrer dünnen Bekleidung in das eisige Wetter geflohen? Er ging zu dem Fenster und überlegte, wo er den Revolver abgelegt hatte, bevor er der Polizei öffnete. Doch lange musste er nicht überlegen. Als er sich umdrehte, sah er Ariane in der Tür stehen, und der gesuchte Revolver befand sich in ihrer Hand.

Von Sturmfels sah zu, während Igor Kurgans Leichnam aus dem Heck des Minervas zerrte. Die Leiche loszuwerden, sollte kein Problem sein. Montmatres Leute waren ihm also noch immer auf der Spur, aber anscheinend kannten sie seinen Aufenthaltsort noch nicht. Von Dockenbells Tod hatte er schon erfahren. Also hatte sein Gegner auch etwas zu verbergen, das Philipp vor seinem Ableben erfahren hatte. Er musst nur die Stelle genau lokalisieren, wo er wieder aufgetaucht war, und er hatte den Endpunkt der Tore. Ohne diesen dummen Zwischenfall wäre er vermutlich schon in New York unterwegs. Da vielleicht schon die Polizei unterwegs war, müsste er einen ziemlichen Umweg fahren. Aber der Bootsführer hatte zu warten.

Moykenfield hob die Hände.
"Sagen Sie nur, meine Liebe, es war ein grosser Fehler, die Polizei fortzuschicken."
"Im Gegenteil, das war sehr klug. Montmatre weiss nicht, dass ich hier bin. Wenn er es erfährt, bin ich in grossen Schwierigkeiten, und Sie wird er wahrscheinlich umbringen. Aber wenn ich rechtzeitig zurückkehre, wird er es nie erfahren. Der einzige Zeuge ausser ihnen, Holden und mir ist tot, wie ich gehört habe."
"Wenn ich Henry Holden anrufe, kann ich ihn auf die Polizei vorbereiten. Ich habe dem Inspektor eine falsche Adresse gegeben, dass gibt uns etwas Zeit."
"Rufen Sie ihn an. Ich mag Sie, und ich will nicht das einem von Ihnen etwas passiert. Können sie mich danach heimfahren?"
"Bedaure, aber der Stutz ist in der Werkstatt. Es war Wasser im Vergaser."

Es war längst dunkel, als sie das Gebäude erreichten.
Von Sturmfels löschte die Laterne des Bootes, denn er hatte gefunden, wonach er gesucht hatte.
"Nun Sihan, wo anders als in diesem Gebäude können wohl die Tore enden? Das Ganze ist doch wie geschaffen für einen Zeremonialraum. Ohne Dimensionstore ist kaum ein Zugang möglich."
"Aber wie sollen wir hineingelangen, Sir?"
"Wir? Überhaupt nicht. Ich gebe zu, dass mir Montmatre die Erschaffung der Dimensionstore voraus hat, aber ich beherrsche ein paar andere Dinge, die er nicht kann."
"Verzeihung Sir, aber was ist ihr Plan?"
"Überlege einmal, Sihan. Montmatre hat einen Zeremonialraum in einem bisher unverdächtigem Gebäude, das nur durch Dimensionstore zugänglich ist. Darin bewahrt er Kultgegenstände auf, möglicherweise sogar die Statue und vielleicht auch ein paar versteckte Leichen. Jemand erfährt von der Lage des Raumes und von den Toren in seiner eigenen Wohnung. Zunächst schliesst Montmatre wohl zumindest das Tor, das in seine Wohnung führt, anschliessend wird er alles Verdächtige fort schaffen."
"Das heisst, Montmatre ist vermutlich noch mit mehrere Personen im Gebäude. Aber dann muss er mindestens ein Dimensionstor zu einem anderen Ort geöffnet halten, wohin er die Sachen bringt. "
"Ganz recht, und da sorgen wir für etwas Amüsement."

Das Taxi näherte sich Mount Vernon, der bisher unbekannten Wohnung von Montmatre. Die Situation war nicht ungefährlich, aber er hatte sich schliesslich auf das Spiel eingelassen. Dabei hatte Moykenfield im Moment mehr gewonnen als die Gegenseite. Ariane trug seinen Revolver in der Tasche ihres Pelzmantels, der ihr schwarzes Kostüm verdeckte. Aber er fühlte sich nicht mehr bedroht von ihr, und er hatte einiges erfahren. Er glaubte nicht, dass Montmatre von ihr irgend etwas über ihre heutigen Eskapaden erfuhr.
"Sie sind eigentlich eine liebenswerte Person, Ariane. Es tut mir leid, dass Sie in solche unschönen Geschehnisse unserer heutigen Welt geraten sind."
"Ach Thaddeus, sie Armer. Sie glauben das Elfen niedliche Wesen mit Blumen im Haar sind, die den ganzen Tag singend in einem idyllischen Wald herumtänzeln. Der Fairy Glen ist eine finstere Schlucht voller scharfkantiger Felsen, düsteren Höhlen, eisigem Nebel und wildem Gewässer. Mein Volk hat als einziges der Elfenstämme überlebt, weil wir in ständiger Verborgenheit und tiefem Misstrauen gegenüber den Menschen gelebt haben, und trotzdem ist es bald ausgestorben. Und ich allein wollte mehr von dem Leben, und habe mich hinaus in die fremde Welt gewagt. Ich kann nie mehr zurück."
"Und bedauern Sie jetzt ihren Schritt, wenn Sie die moderne Welt sehen?"
"Nein. Ihre Welt ist der neue, phantastische Dschungel für mich. Was die dichten walisischen Wälder, die malerischen Seen und Burgruinen für Sie sind, sind das Flat Iron Building, das Empire State und der Chrysler Turm, den die Menschen gerade bauen, für mich. Der elektrische Strom, das Telephon und das Radio faszinieren mich mehr als alle Magie, die ich kannte. Vielleicht dachten Sie, dass mich die lärmenden Autos, die rauchenden Lokomotiven, die donnernden Flugzeuge und die Stimmen, die aus einer schwarzen Scheibe kommen, erschrecken. Das war vielleicht eine kurze Zeit so, aber jetzt liebe ich das. Ihre Spielkasinos, ihre Kaufhäuser, die Luxusrestaurants und Hotelsuites geben mir das Leben, was ich brauche. Und ich will noch mehr."
"Und, glauben Sie nicht, dass sie auch etwas verloren haben?"
"Aber wir verlieren doch immer, nicht war? And what´s lost, is lost forever . Fahrer halten Sie, den Rest gehe ich zu Fuss."
"Auf Wiedersehen, Ariane. Ich weiss, Sie gehen ihren Weg dicht am Abgrund. Davon kann ich Sie nicht abbringen. Aber lassen Sie sich nicht hineinziehen. Ich möchte nicht, dass wir uns als Feinde wiedersehen."
"Leben Sie wohl, Thaddeus."
Sie stieg aus, und hauchte Moykenfield einen leichten Kuss auf die Wange.
"Und denken Sie daran, alles was ich ihnen über mich und die Elfen allgemein erzählt habe, könnte auch gelogen sein."
Moykenfield hörte ihr helles Lachen, als er die Taxitür schloss, und sah der kleinen, dunklen Gestalt mit den wehenden schwarzen Haaren nach, die im Schneegestöber verschwand.
"Silbern", dachte er.
"Ihr Lachen ist silbern. Und er konnte nie wieder das Lachen einer anderen Frau hören, weil er das Lachen der Elfenkönigin gehört hatte. Verflucht sei Arthur Machen!"



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