Licht aus Schmerzen

Teil 18: Harte Zeiten

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Moykenfield und Stickenfeller haben eine Halluzination, bei der sie unter anderem die Zerstörung und Überflutung von New York beobachten. Danach erwachen beide in dem Boot, das ausser Sichtweite der Ruine getrieben ist. Stickenfeller widerspricht Moykenfields Gedanken von Nyarlotheps Vision und vermutet, dass sie jemand hypnotisiert hat, während sie noch vom Gas verwirrt waren. Stickenfeller interpretiert Cthulhus Erwachen als Metapher für die Zerstörung der Welt durch die degenerierte Menschheit selber. Am nächsten Tag geht er mit Moykenfield und dem gefundenen Notizbuch schliesslich doch zur Polizei, wobei sie sich wieder durch Verkleidungen von eventuellen Verfolgern schützen. Inspektor Fuller, an den sich Stickenfeller wendet, glaubt ihnen jedoch kein Wort.
Am folgendem Tag hat Montmatre erfahren, dass einer der Kultisten, Randy Pollmer dem Notar Albert Grindel einen Umschlag übergeben hat, der belastendes Material erhält. Randy Pollmer war mit dem Kultisten befreundet, den Montmatre schwerverletzt in das Meer werfen liess, ausserdem war er in Ariane verliebt. Randy Pollmer wies Grindel an, den Umschlag an die Polizei zu übergeben, falls er verschwinde oder plötzlich stürbe, und versteckt sich. Albert Grindel verrät Pollmers Versteck an Montmatre, der ihn in einem elektrischen Stuhl von Ariane töten lässt und nimmt die Papiere an sich. Leland stellt fest, dass Pollmer schon zu der Polizeistation gegangen ist und legt sich mit Komplizen auf die Lauer, bis ein Kastenwagen mit Eskorte die Polizeistation verlässt.

Teil 18: Harte Zeiten


Roger Leland kratzte sich unter dem falschen Bart. Er schätzte das Verkleiden nicht, aber in diesem Fall war es unvermeidbar. Er würde nicht dicht genug an dem Wagen herankommen, um eine Pistole oder etwas ähnliches zu benutzen, ausserdem war der Kastenwagen der Polizei völlig blickdicht. Selbst mit einer Tommygun hätte er wenig Aussichten auf Erfolg, selbst wenn er nahe genug an den kleinen Konvoi herangekommen wäre. Er blickte sich um; ausser einigen Passanten beobachteten seine Komplizen, die als Heilsarmee verkleidet waren, die drei Fahrzeuge, die aus dem Tor der Polizeistation fuhren. Vorneweg ein Motorrad, dann der Kastenwagen und zuletzt ein normales Polizeiauto. Er rollte den Leierkasten ein Stück nach vorne. Montmatre war der Ansicht gewesen, dass ein blinder Leierkastenmann eine perfekte Tarnung war und hatte ihn dieses Manöver, wie viele andere seltsame Einfälle, schon im voraus üben lassen. Damals hielt Leland es für eine verrückte Idee, aber als dieser verräterische Hund Pollmer auftauchte, erwies sich diese verrückte Idee als brauchbare Vorbereitung. Das Fahrzeug kam in die richtige Position. Es wurde Zeit für etwas Musik. Leland fing an, die Leier der Drehorgel zu kurbeln. Passanten flohen in Panik, als der Leierkasten statt Tönen einen Geschosshagel spuckte. Die Heilsarmee auf der gegenüberliegenden Seite gab ihm Feuerschutz, während er das Maschinengewehr auf die Fahrzeuge lenkte. Ein vollautomatisches MG wäre bequemer, aber schwerer zu beschaffen gewesen, ausserdem hätte etwas anderes als das modifizierte Gatling Camel von 1887 kaum in die Verkleidung des Leierkasten gepasst. Bei der enormen Feuerkraft dauerte es nicht lange, bis das Trommelmagazin leergeschossen war. Er zündete die Rauchgranate als Zeichen für den Rückzug und rannte durch den Hinterhof, den er schon vorher als Fluchtweg inspiziert hatte. Einige seiner Leute waren im Gefecht gefallen, aber dafür konnte niemand in der feindlichen Kolonne überlebt haben.
"Auftrag ausgeführt!" rief er sich selbst zu, als er sich von der lästigen Verkleidung befreite und auf sein Motorrad stieg.

"Nun, haben sie ihre Meinung geändert, Inspektor Lestrate, Verzeihung, ich meinte Inspektor Fuller?"
Moykenfield erfüllte es mit einer gewissen Genugtuung, dass sich der engstirnige Polizeibeamte verhältnismässig kleinlaut entschuldigt hatte. Er sass zusammen mit Henry Holden und Austen Stickenfeller in der Bibliothek des Professors.
"Natürlich, jetzt wo mir Fakten vorliegen. Ich wurde gleich hellhörig, als einem Tag nach ihrem Besuch ein gewisser Randy Pollmer bei mir auftauchte."
"Randy, dass war einer der vielen Namen in dem Notizbuch. Wir konnten ihn damals genausowenig ausfindig machen wie die anderen Unbekannten, da nur die Nummer einer billigen Absteige angegeben war, in der niemand etwas wusste oder sagte."
"Lassen sie mich weiter berichten! Also, am 19.12. erscheint also dieser Pollmer und erzählt eine unglaubliche Geschichte, die sich teilweise mit der Ihren deckt. Ausserdem erwähnt er einen Anwalt namens Grindel, bei dem er einen Bericht hinterlegen haben will. Diesen Grindel erreichen wir aber nicht, und er bleibt bis heute verschwunden. Wir sind noch misstrauisch und wollen Pollmer erstmal wegschaffen und schicken ihn am Abend mit dem Gefangenentransporter weg. Was dann passiert ist, konnten Sie ja in der Zeitung lesen."
"Aber in der Zeitung stand nichts darüber, ob nun Montmatre in die Sache verwickelt war oder nicht. Wo befindet er sich?"
"Das wissen wir im Moment nicht. Wenn sie Stillschweigen bewahren, verrate ich Ihnen noch etwas..."
"Sie haben unser volles Vertrauen! Wir würden doch nicht plaudern. Wer sonst könnte mehr Diskretion besitzen als ein angesehener Professor, ein zuverlässiger Geschäftsmann und ein ehrlicher Autor?"
"Hm. Also am 20. sucht uns ein anderer Notar auf, der von Pollmers Tod gelesen hat und legt uns den Bericht vor, von dem Pollmer geredet hat. Seine Mörder wussten wohl nicht, dass er einen zweiten Umschlag an einen anderen Notar geschickt hat!"
"Und verraten Sie auch, was darin stand?"
"Das was Pollmer sagte. Er war Mitglied in einer Art Teufelskult, er hat gesehen wie der verschollene Crankshaig getötet wurde, dann war er Zeuge von einer Schiesserei in dem verlassenen Gebäude, wobei vier andere Kultisten getötet wurden. Er faselt darin etwas über ein Monster, was wohl Unsinn ist, aber eine Schiesserei hat es wohl dort gegeben und ein paar Leute sind in letzter Zeit auch als vermisst gemeldet, darunter drei der als tot genannten. Die Taucher suchen noch nach Leichen. Äusserst schwierig bei diesem Wetter, vom Hafenschlamm ganz abgesehen. Wir haben auch die zerbrochenen Flaschen und die ausgelöste Falle entdeckt, in die Sie beinahe hineingetappt sind."
"Dadurch bestand für Sie ja keine Gefahr mehr. Aber was ist mit Montmatre und Ariane Eldar?"
"Richtig. Also da hat er nur gerüchteweise von einem jetzt toten Zeugen gehört, dass Montmatre der Oberpriester war und er glaubte ihn zu erkennen. Von Miss Eldar schreibt er nur, dass er sie nie an dem Kultplatz gesehen hat und sie seines Wissens nichts mit der Sache zu tun hat. Aber die beiden sind im Moment nicht auffindbar, werden aber überall gesucht. In der Wohnung haben wir jedoch einigen okkulten Kram gefunden, Bücher, sogar einen nagelneuen Luxussarg. Bis jetzt haben wir noch keinen anderen Kultisten erwischt, aber mit dem Notizbuch sollte das früher oder später gelingen. Montmatre und das Mädchen müssten wir bei ihrer Auffälligkeit auch bald kriegen. Nach meiner Meinung scheint sie jedoch nicht sein Mündel gewesen zu sein, wenn Sie verstehen."
Stickenfeller blickte Fuller unschuldig und schockiert an.
"Tatsächlich? Und ich habe ihre Beziehung immer für platonisch gehalten. Aber ich bin eben auch etwas weltfremd. Haben Sie bei den okkulten Gegenständen eigentlich Statuen gefunden? Vielleicht könnte ich etwas darüber sagen, was Ihnen bei der Suche weiterhilft."
"Nun, auf dem Nachtisch stand da so eine recht schlüpfrig wirkende Figur von einer Nackten mit sechs Armen, wohl so eine Art griechische Fruchtbarkeitsgöttin. Und dann war da ein kleiner dicker Mann mit Schlitzaugen und so Zeug, aber ich schlage vor, Sie sehen sich das alles selber an."

Roger Leland verstand den Sinn des neuen Auftrag nicht, aber er wusste wie dringend und wichtig er für Montmatre war. Er verfügte nicht mehr über viele Leute, aber diese waren die zuverlässigsten. Zumindest fand die Aktion in sichere Entfernung von New York statt. Er musste schnell handeln und auch schnell zurück kommen, um mit Montmatre Kontakt aufzunehmen. Das Versteck war vorläufig sicher, aber die Schlingen zogen sich um New York zu.

Interessiert sah sich Stickenfeller in dem Penthouse um, dass bereits gründlich von der Polizei durchsucht worden war. Geld uns Schmuck waren nicht zu finden gewesen, aber die kostbare Einrichtung war zurückgeblieben. Viel konnten die Beiden bei der Flucht nicht mitgenommen haben. Das Auge des Schläfers war nirgendwo zu finden, aber das hatte er schon fast erwartet. Die übrigen Statuen schienen nur dekorativen Zwecken zu dienen und stammten aus verschiedensten Kulturen.
Er fand eine Kali, einen Shiva, einen Seth, einen Bhudda und verschiedene andere Gestalten der indischen und ägyptischen Mythologie, ausserdem eine kretische Schlangenpriesterin, einen chinesischen Drachen und eine sumerische Sphinx. Die meisten Objekte waren gutgemachte Kopien, obwohl ihm eine Plastik Rätsel aufgab. Ein spindelförmiges Objekt, das an beiden Enden in eine Art Seestern auslief und mit einer Reihe von Vorsprüngen und zwei entfernt flügelartigen Ausläufern versehen war. Er konnte das Kunstwerk aus dunklen Metall überhaupt nicht einordnen, vielleicht war es eine moderne Plastik. Moykenfield war in der Bibliothek beschäftigt und blätterte begeistert in alten Folianten. Henry Holden begutachtete mit Kennerblick die französischen Künstlermöbel. Inspektor Fuller stand abseits und wirkte etwas verloren. Recht verlegen hatte er zugegeben müssen, keine Erklärung für die rätselhaften Stahltüren hinter den beiden grossen Spiegeln in der Bibliothek zu haben. Hinter den Türen befand sich nur die Aussenwand des Penthouses, die zudem völlig unversehrt war.

Ariane war sehr ruhig, aber Montmatre wusste, dass das an den zahlreichen Beruhigungsmitteln lag, die sie in den letzten zwei Tagen zu sich genommen hatte. Glücklicherweise hatte er schon vor längerer Zeit Vorsichtsmassnahmen getroffen, falls er einmal aufliegen sollte. Leland war noch unterwegs, aber er hatte für ein zuverlässiges Informationssystem gesorgt, über das er von verschiedensten Stellen Kontakt aufnehmen könnte. Einige zuverlässige Leute waren verblieben, aber auf längere Sicht würde man vermutlich trotzdem manche enttarnen. Aus diesem Grund verliess er auch die Kellerwohnung in Soho, das Versteck wurde unsicher. Er musste Breezy Point erreichen, das nicht mehr weit entfernt lag. Dort würden sie ein Boot finden, das sie an einen sicheren Ort schmuggeln würde. Leider hatte es an der Zeit und dem notwendigen Material gefehlt, um ein Dimensionstor zu erschaffen, so musste er das Risiko eingehen, ein Taxi zu nehmen. Er hatte zwar seinen Bart abrasiert und die langen Haare unter dem Hut versteckt, aber er fühlte sich trotzdem nicht sicher. Ariane hatte sich mit einem grossen Kopftuch und einem langen Schal getarnt; aber die bernsteinfarben getönte Brille war immer noch auffällig, wenn sie auch ihre noch auffälligeren Augen verdeckte. Er gab ihr einen Umschlag.
"Falls irgend etwas passiert, bewahre ihn gut auf. Er enthält ein Geständnis von mir, dass dich völlig entlastet und als meine Alleinerbin einsetzt."
Ariane steckte den Umschlag eher mechanisch ein, ohne zu antworten. Montmatre war es lieber, dass sie in diesem halb betäubten Zustand blieb, anstatt in Hysterie zu verfallen. Denn er hatte den Verdacht, das ihnen ein Auto folgte, ein unauffällig graues Locomobile mit vier Insassen. War ihnen die Polizei in Soho doch auf die Spur gekommen? Das Taxi erreichte die Brooklyn Bridge. Ein wundervolles, neogotisches Bauwerk... Selbst in diesen Momenten der Gefahr bewahrte er seinen überlegenen Blick für das Schöne.


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