Licht aus Schmerzen

Teil 19: Das Spiel ist aus

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Roger Leland tötet Pollmer mit einem Gatling - MG, das als Leierkasten getarnt war. Allerdings wusste er genausowenig wie Montmatre, dass Pollmer eine Kopie seines Berichtes an einen zweiten Notar gesendet hatte, der nun die Polizei aufsucht. Inspektor Fuller muss sich bei Moykenfield und Stickenfeller entschuldigen. Montmatre und Ariane sind verschwunden, werden aber von der Polizei gesucht. Holden, Moykenfield und Stickenfeller haben Fullers Erlaubnis, das Penthouse zu durchsuchen, aber das Auge des Schläfers ist nirgends zu finden. Roger Leland wird auf einen neuen geheimen Auftrag geschickt, während Montmatre und Ariane ein Taxi von seinem Versteck in Soho nimmt, um ein Boot in Breezy Point zu erreichen, dass sie beide zu einem sicheren Ort bringen soll.

Teil 19: Das Spiel ist aus


Er hatte sich nicht geirrt. Polizeimotorräder fuhren am gegenüberliegenden Ende der Brücke an den wartenden Autos vorbei, während der Verkehr stockte. Es entstand in kurzer Zeit ein Stau, als die Brücke gesperrt wurde. Es war keine Zeit zu verlieren, Montmatre sprang aus dem Taxi, das etwa auf der Mitte der Brücke in der Schlange stand. Das graue Locomobile, das er bereits vorher in Verdacht hatte, stand etwa ein Dutzend Fahrzeuge hinter ihm, und die vier Insassen stiegen eilig aus und zückten Pistolen - kein Zweifel, es waren G - Men.
"Halt! Stehenbleiben!" brüllte es von beiden Seiten der Brücke. Es gab keinen Fluchtweg mehr nach links oder rechts... aber es blieb noch eine waghalsige Chance. Montmatre rannte auf das Brückengeländer zu und sprang.

Roger Leland trat auf das Gaspedal, aber der geräumige Cunningham gab bereits sein Bestes. Auf seiner Cleveland wäre er schon vor Stunden in New York gewesen, aber ein Motorrad hätte er bei diesem Auftrag nicht verwenden können. Er hoffte, dass er noch rechtzeitig ankommen würde...

Ariane liess sich widerstandslos aus dem Auto ziehen. Teilnahmelos streckte sie die Hände aus und spürte wie sich die Handschellen um ihre Handgelenke schlossen. Die Männer, die zu dem Brückengeländer gerannt waren, hatten nicht einmal mehr Montmatres Aufprall auf die Wasseroberfläche gesehen.

Die Tageszeitung des 22. Dezember war natürlich von der spektakulären Flucht Montmatres dominiert. Moykenfield war der Ansicht, dass es auch sonst keine bemerkenswerten Neuigkeiten gab; Mantere wurde neuer Premier von Finnland, der US Kongress billigte den Bau des grossen Damms in Nevada, in der Nähe von Philadelphia war ein völlig debiler, aber harmloser Geisteskranker namens Archibald Smythen aus einer Pflegeanstalt verschwunden, ein Pelzgeschäft in New York wurde von Einbrechern ausgeräumt, die wirtschaftliche Lage in Deutschland verschlechterte sich erheblich nach der Rücknahme der US - Anleihen, und England erkannte die neue chinesische Regierung unter Tschiang Kaischek an. Den ganzen Tag hatte er auf Neuigkeiten gewartet, aber bis jetzt schien die Situation unverändert. Seine Gedanken kehrten zu Ariane zurück, die sich in Gewahrsam der Polizei befand. Offensichtlich lag nichts gegen sie vor, worüber er erleichtert war. Es war im aufgefallen, dass sein signierter Roman in der Wohnung gefehlt hatte. Es rührte ihn, dass sie sein Werk anscheinend als Lektüre in ihrem sparsamen Gepäck mitgenommen hatte. Man hatte natürlich auch das zurückgelassene Gepäck von Montmatre durchsucht, aber keine Spur vom Auge des Schläfers gefunden. Ariane wusste auch nichts über den Verbleib der Figur. Er hatte sich geirrt, als er dachte, dass jenes Objekt bei dem Unfall im See verschwunden war; denn Pollmers Bericht erwähnte die Figur ausdrücklich. Wenn Montmatre wirklich tot war, würde man die Kultfigur niemals wiederfinden. Es sei denn, die Untersuchung des Gebäudes, die noch voll im Gange war, würde etwas ergeben. In diesem Moment klingelte das Telephon.
"Herr Moykenfield? Hier spricht Inspektor Fuller."
"Hier ist Moykenfield. Ich höre."
"Ich habe eine wichtige Meldung. Wir haben die Leiche von Montmatre gefunden. Der Körper ist übel zugerichtet und er hatte sich den Bart abrasiert und die Haare kurzgeschnitten, aber sein Gesicht und seine Gestalt sind noch gut genug zu erkennen. Ich habe auch Professor Stickenfeller und Henry Holden informiert."
"Weiss Ariane schon davon?"
"Ja, ich habe es ihr schonend beigebracht. Der Arzt meint, dass sie morgen früh in der Lage sein wird, die Identifizierung vorzunehmen. Wir geben uns alle Mühe, aber vermutlich wird die Presse Wind davon kriegen."
"Ich werde versuchen, etwas Beistand zu leisten, wenn Sie mir nicht ihre Hilfe versagen."
"Aber nicht doch, ich habe Sie doch immer gerne unterstützt."

Moykenfield wusste nicht, an welcher Stelle etwas durchgesickert war, aber die Presse war versammelt. Einen Tag vor Heiligabend schienen die Leser nach Terror und Tränen zu lechzen. Aber Ariane weinte nicht, als sie von der Polizei durch einen Nebeneingang hineingebracht wurde. Er und Stickenfeller erstarrten und warteten bange, als Ariane sie beide erblickte. Henry Holden war nicht mitgekommen, diese Konfrontation hatte er zu sehr gefürchtet. Moykenfield hatte angenommen, dass Ariane auf seine und Austens Anwesenheit mit Hass, Wut oder Verachtung reagieren würde. Aber nichts dergleichen geschah. Sie sah ihn nur mit einem traurigen, verlorenen Blick an, der ihn erschauern liess. Ihre kleine Iris war so dunkel, dass er sie nicht von der Pupille trennen konnte - eine unheimliche Wirkung. Er überwand sich dazu, sie anzusprechen.
"Wir haben Ihnen eine Unterkunft in einem kleinen Hotel besorgt, wo sie zunächst nicht behelligt werden. Ein Taxi wartet draussen auf Sie."
Sie antwortete nicht, aber nickte langsam. Danach folgte sie den Beamten durch die Tür, die zu den Kühlräumen führte.
Stickenfeller sah Moykenfield ernst an.
"Es ist, als ob sie unter Trance wäre. Fuller hatte erwähnt, dass er Medikamente - und Anderes in ihrem Gepäck gefunden hatte."
Es dauerte eine Weile, bis Ariane den Raum wieder verliess. Ihr blasses Gesicht zeigte keine Regung, als sie ihre dunkle Brille aufsetzte und das düstere Gebäude verliess. Moykenfield stand auf und eilte ihr hinterher.

Die Journalisten stürzten sich wie Hyänen auf sie. Das aufgeregte Geschrei übertönte sogar das Knallen der Blitzbeutel der Kameraleute. Der Mob wollte Tränen sehen, um seinen rührseligen Weihnachtskitsch eine weitere sentimentale Anekdote hinzuzufügen. Elfentränen für den Watteschnee. Aber sie würde ihnen diese Freude nicht bereiten. Der schwarze Engel gegen den grauen Pöbel. Die Polizisten mussten ihr gewaltsam einen Weg bahnen. Dankbar stieg sie in die schwarze Limousine, deren Chauffeur ihr die Tür aufhielt.

Moykenfield blieb nach wenigen Metern im tobenden Mob stecken. Die Polizisten schoben ihn zurück wie die Übrigen. Aber er war doch kein Reporter oder Autogrammjäger!
"Warten Sie Ariane! Hören Sie!"
Seine Stimme ging in dem Geschrei unter, aber er brüllte weiter. Sie hörte ihn nicht.
"Hören Sie doch Ariane! Das ist nicht unser Taxi!"

Der Chauffeur schloss die Tür von Aussen. Ariane stutzte einen Moment, als sie jemanden im Fond sitzen sah. Sie erkannte das gewinnende Lächeln und den faszinierenden Blick. Sie verspürte nur für einen kurzen Augenblick Angst, denn sie hatte ihn schon vom ersten Augenblick an als anziehend betrachtet. Als sich die schwere Limousine fast lautlos in Bewegung setzte, liess sich Ariane von der abrupten Beschleunigung einfach neben Aachelos fallen. Sie zitterte nicht vor Angst, sondern die ganze Anspannungen der letzten Tage, die sie nur mit Medikamenten überstanden hatte, mussten endlich weichen. Von Sturmfels legte tröstend einen Arm um sie, während sie sich an seine Schulter lehnte und endlich befreit zu weinen anfing. Sihan, der neben Igor sass, sah dass Signal, das hinter der Trennwand durch einen Drahtzug ausgelöst wurde, und kurbelte das Grammophon an. "Die tanzenden Schneeflocken" von Debussy spielten in dezenter Lautstärke, während der schwarze, elegante Minerva durch die Schneelandschaft rollte.
Von Sturmfels warf einen kurzen Blick durch das kleine Heckfenster und sah weit entfernt eine einsame Gestalt im dichter werdenden Schneegestöber stehen. Thaddeus Moykenfield. Halblaut murmelte er ein Zitat von Oscar Wilde als Abschiedsgruss:
"Wir liegen alle in der Gosse. Aber manche von uns blicken zu den Sternen auf."

Ende

Zodiak Overun, März 2001

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