Licht aus Schmerzen

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:


Ein Großfeuer vernichtet daß Hotel Fornell Tower in New York. Der Nachtportier Philipp Dockenbell flüchtet mit einen zuvor abgegebenen Paket, da er zu recht befürchtet, als Brandstifter verdächtigt zu werden. Sir Pardot Montmatre benutzt Ariane Eldar, um das Auge des Schläfers, ein wertvolles magisches Artefakt, während des Brandes mit magischer Energie aufzuladen. Der ahnungslose Philipp Dockenbell hat dieses Artefakt in dem Paket mitgenommen und versteckt sich bei Emil Kupfer. Craikshank, der im Auftrag Montmatres den Brand im Hotel legen ließ und das Artefakt dort deponierte, wird von diesem für den Verlust verantwortlich gemacht. Er versucht das Artefakt über eine Zeitungsannonce wiederzubeschaffen, die von Emil und Philipp gelesen wird. Emil schickt Philipp an eine angeblich sichere Adresse nach Springfield, verrät ihn aber an Craikshank. Jener läßt Emil töten und beginnt, Philipp zu verfolgen. Philipp hat inzwischen aber Verdacht geschöpft und verkauft das Artefakt an einen Antiquitätenhändler, um selbst unterzutauchen. Montmatre bricht selbst mit Ariane auf, um nach dem Artefakt zu suchen.

Teil 2: Ein Spiel für Zwei

Ariane Ariane wußte, was für ein auffälliges Paar sie waren, als die Straße entlang flanierten. Aber sie fiel gerne auf, das Gewöhnliche verachtete sie. Pardot Montmatre war ein wahrer Koloß, keineswegs dick, aber von gewaltiger Größe und athletischem Körperbau. Sein Bart und der schwarze Zopf trugen zu seinem beeindruckenden Wesen bei. Sein schwarzer Samtzylinder und der elegante Mantel ließen keinen Zweifel an seiner sozialen Stellung aufkommen. Ihr kleiner, zerbrechlich wirkender Körper wirkte fast grotesk neben ihm; als ob ein Riese mit einer Fee in der sterblichen Welt spazierenging; eine Vorstellung, die sie gar nicht so abwegig fand. Ihre hüftlangen schwarzen Haare flatterten im Wind. Derartig lange Haare offen zu tragen, war fast anachronistisch in dieser Zeit. Zusammen mit dem langen, sehr engen schwarzen Kleid mit den hängenden Glockenärmeln, erzeugte es fast einen mittelalterlichen Eindruck. Ganz zeitgemäß dagegen war der schwarze Pelzmantel mit dem dazugehörigen Muff und dem Mützchen, ebenso die spitzen Lederstiefelchen mit dem hohen Absatz und die Handtasche. In dieser Stadt waren sie mit Sicherheit schon überall bekannt, nachdem sie seit Tagen alle Antiquitätengeschäfte besucht hatten. Montmatre war mit Crankshaig, nach genauer Rekonstruktion der Zugverbindungen, zu der Ansicht gekommen, daß dieser Mensch mit dem seltsamen Namen, der das Auge des Schläfers gestohlen hatte, in dieser Stadt untergetaucht war. Sie wußte nicht, ob Montmatres Theorie, daß der Dieb die Figur so schnell wie möglich zu Geld gemacht hatte, plausibel war. Aber sie begrüßte es, unter die Leute zu kommen, und Pardot hatte ihr schon das eine oder andere Schmuckstück gekauft. Deshalb war sie fast enttäuscht, als sie tatsächlich das Auge des Schläfers offen in dem Schaufenster eines Ladens stehen sah. Natürlich war Pardot nicht so ein Amateur, direkt danach zu fragen. Sie sahen sich eine Weile in dem großen Laden um, bis er ihr das Zeichen gab, neugierig nach der seltsamen Figur zu fragen. Pardot stellte dann selbst ein paar beiläufige Fragen nach Alter, Wert und Herkunft der Figur.

Minerva Hunger, Verzweiflung und Angst - das war alles, was das Leben für ihn bereithielt. Philipp bemerkte den riesigen schwarzen Minerva erst, als dieser neben ihm angehalten war. Der Motor der gewaltigen Limousine war kaum zu hören gewesen, was aber nicht über die dahinterstehende Kraft hinwegtäuschte. Das Fondfenster wurde heruntergeschoben, und er sah einen eleganten Herren mit langen schwarzen Haaren, der ihn mit einem spöttischen Ausdruck anblickte. Während er ihn mit seinen unheimlichen grünen Augen fixierte, öffnete er die Tür der Limousine. Philipp überwand nur mit Mühe seine lähmende Verwirrung und versuchte zu flüchten, aber er rannte geradewegs in die Arme des gewaltigen Chauffeurs, der bereits unbemerkt hinter ihm ausgestiegen war.

Montmatre fand seinen Verdacht bestätigt. Er hatte recht schnell festgestellt, daß das Auge des Schläfers eine Kopie war. Aber wer immer diese hervorragende Kopie angefertigt hatte, mußte nicht nur über das Original, sondern auch über ein bestimmtes Motiv verfügen. Der Antiquitätenhändler konnte seine Furcht und Aufregung nicht gut genug verbergen, als daß ihn Montmatre nicht durchschaut hätte. Als sich der ältere Mann kurz entschuldigte, ahnte Montmatre sofort, daß jener Kontakt mit jemanden aufnehmen würde, der in der Sache besser Bescheid wußte. Für Ariane war es eine Kleinigkeit, die gesamte Aufmerksamkeit des tumben jungen Ladengehilfens auf sich zu ziehen, so daß Montmatre unbemerkt in die hinteren Räume gelangen konnte. Von seiner Position aus konnte er mühelos dem Telephongespräch lauschen, ohne daß jemand Verdacht schöpfte.
"Ja, ich bin es, Henry Holden. Es hat schon wieder einer nach dem Ding gefragt.
Ja, wieder ein seltsamer Gentleman. Aber diesmal hat er eine unheimliche schöne Dame bei sich. Es ist mir noch mulmiger zumute als beim letzten mal. Ja, ich bin vorsichtig. Ich weiß nicht ob der Verdacht geschöpft hat. Ja, nach Geschäftsschluß fahre ich sofort zu ihnen. Aber jetzt muß ich wieder raus, sonst merkt er doch was. Ja, auf Wiederhören"

"Nun lieber Freund, was meinen Sie? Hat der gute Henry sich geirrt, oder haben wir tatsächlich zwei Kandidaten?"
Thaddeus Moykenfield zündete sich gelassen ein Zigarillo an und lehnte sich in den Korbsessel zurück und legte die Füße auf den Tisch. Sein konservativer erscheinender Gesprächspartner sah geflissentlich über dieses unpassende Benehmen hinweg.
"Nein, Nein, Thaddeus. Henry ist von Natur aus etwas ängstlich, aber hier nicht grundlos. Wir haben wohl mehr als einen Neugierigen. Der Kult ist vielleicht verbreiteter, als wir bisher befürchtet haben."
Thaddeus Moykenfield zwirbelte seinen modischen Schnurrbart.
"Dann ist es um so leichter für uns, etwas über ihn zu erfahren. Unser Plan mit der Kopie ist bis jetzt ein voller Erfolg."
"Hmmpfh. Vielleicht haben wir dem armen Henry zuviel zugemutet. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Der Plan könnte ihn in Gefahr bringen. Ich bin froh wenn er hier ist - vielleicht sollten wir doch die Polizei verständigen. Schließlich ist die Figur aus einem Museum gestohlen!"
"Und alle unsere Chancen auf Aufklärung vergeben? Den jungen Mann, der Henry die Figur verkaufte, konnten wir bis jetzt nicht ausfindig machen. Die Polizei wird nicht viel Interesse an dem Fall haben. Und sagen sie selbst, Professor, sollen wir der Polizei etwa die Geschichte mit dem Kult erzählen? Oh nein, man würde uns nur für verrückt erklären. Ich könnte gut damit leben, sie aber wohl kaum. Ganz abgesehen davon, daß sie selbst Direktor jenes kleinen Museums sind."
"Manchmal glaube ich, Sie halten das Leben für einen Ihrer Romane. Das Ganze ist vielleicht wesentlich mehr als eine alberne Kinderei ein paar okkulter Schwachköpfe."

Henry Holden pochte das Herz bis zum Hals. Er war froh, als die beiden Fremden endlich gingen und er den Laden schließen konnte. Der furchterregende Herr hatte vom Kauf der Figur schließlich abgesehen, aber etwas an seinem Blick gefiel ihm nicht. Und das Mädchen... im Laden hatte sie den dünnen Schleier abgenommen, so daß er ihr Gesicht studieren konnte. Sie war unglaublich schön, aber irgend etwas Fremdartiges, Seltsames war in ihrem schmalen, weißen Gesicht. Es lag nicht an der ungewöhnlichen, hexenhaften Schminke. Sie hatte ihm beim herausgehen zugezwinkert, und ihre Augen mit der schwarzen Iris erschienen ihm fast unmenschlich. Patrick, sein Gehilfe, stand nur mit offenen Mund herum und glotzte noch eine ganze Weile stupide die Tür an, durch die sie hinausgegangen war. Der dämliche Bursche hätte ihr wahrscheinlich den gefüllten Geldschrank eingepackt und zum Hotel getragen, wenn sie danach gefragt hätte.
Er hätte sich nie auf die glorreiche Idee seiner Freunde einlassen sollen, die Kopie anzufertigen und auszustellen. Die beiden saßen jetzt vermutlich gemütlich in Moykenfields abgelegenen Landhaus, während er in der Dunkelheit die ausgestorbene Landstraße entlang fahren mußte. Von New Haven aus waren es mindesten 60 km bis zu Moykenfields Haus, und ein Großteil der Landschaft völlig unbewohnt. Sein Essex war im besten Zustand, aber die miserable Straße machte ihm zu schaffen.
Plötzlich sah er etwas, was ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken jagte. Er war nicht sicher was es war, aber zwischen den Bäumen auf den Hügeln hatte sich etwas bewegt, was kein gewöhnliches Tier sein konnte. Es war mindestens zwei Meter lang und vielleicht einen Meter hoch, aber es war so unglaublich schnell, daß er keine Details erkennen konnte. Es raste den Hügel hinab, genau auf ihn zu! Henry gab Vollgas, und das unheimliche Wesen verfolgte ihn. Es bestand kein Zweifel, daß es hinter ihm her war. Er konnte es nicht sehen, aber er hörte es... ein furchterregendes rasselndes Rauschen. Er stellte fest, daß es wenigstens nicht die Höchstgeschwindigkeit des Wagens erreichen konnte, aber die Dunkelheit und der schlechte Weg erlaubten ihm nicht, die ganze Zeit Höchstgeschwindigkeit zu fahren. Es holte in den Kurven immer wieder den Vorsprung auf, den er auf gerader Strecke gewann. Seine einzige Hoffnung war, das es rechtzeitig erschöpfen würde. Sein Herz klopfte, denn er wußte, daß bald eine langgezogene Kurve kam, die über einen Bahnübergang führte. An dieser Stelle mußte er abbremsen, um nicht umzustürzen. Im diesen Moment kam ein anderes Geräusch dazu, ein grollendes, donnerndes Rauschen, danach ein schriller, heulender Ton... Der Zug! Das hatte noch gefehlt! Er sah jetzt die Lichter der Eisenbahn, die er gerade einholte. Wenn es ihm nicht gelang rechtzeitig über die Geleise zu kommen, würde es zu spät sein, um anzuhalten. Er würde mit dem Zug kollidieren... es sei denn er würde jetzt anfangen zu Bremsen. Er nahm etwas Gas weg, da er jetzt die Kurve erreichte. In diesem Moment holte es auf und er sah kurz das Spiegelbild der Kreatur in der Windschutzscheibe und schrie laut auf; ein graues, walzenförmiges Scheusal, ähnlich einem Tausendfüßler, mit einem geschuppten Rücken wie eine riesige Kellerassel; anstelle eines Kopfes saßen die glotzenden, insektenhaften Augen unter einem Wulst an der Frontseite des tonnenförmigen Körpers, direkt darunter ein sabberndes insektoides Maul! In diesem Moment hörte er einen Knall und spürte einen Luftzug, neben sich sah er eine Bewegung. Ein segmentierter, grau glänzender Schwanz, ähnlich dem eines Skorpions, mit einem schrecklichen Stachel, hatte das mit Wachstuch bespannte Dach der Limousine durchschlagen und zuckte dicht neben ihm umher! Mit einem fürchterlichen ratschenden Geräusch zog sich der Schwanz durch die Öffnung des Daches zurück. In Todesangst steuerte Henry den Essex schlitternd durch die Kurve; ein Ruck ging durch das Auto, als das Monstrum kurz mit dem Hinterrad zusammenprallte und ein Stück zurückgeschleudert wurde. Er sah die Lichter des heranbrausenden Zuges und hörte das warnende Pfeifen. Zu spät! Niemals würde er anhalten, auf wenn ihn der Zug zermalmen sollte. Ein zweites mal durchschlug der entsetzliche, gekrümmte Stachel das Dach und bohrte sich diesmal in das Sitzpolster neben ihm. Henry Holden hatte das Ende der Kurve erreicht und donnerte mit Höchstgeschwindigkeit über die Bahngleise, was ihn mit einem harten Knall aus dem Sitz warf und mit dem Kopf gegen die Wagendecke schleuderte. Aus dem Augenwinkel sah er den riesigen Kessel der Lokomotive auf sich zukommen und hörte ein Krachen.

Craikshank war ein reines Nervenbündel. Montmatre war mit seinem verwöhnten Flittchen selbst auf die Suche gegangen, da er ihn für völlig unfähig erklärt hatte. Er mußte einfach das verdammte Artefakt finden, bevor ihm dieser verfluchte Montmatre zuvor kam! Nicht nur aus Genugtuung, denn wenn Montmatre an seinen Fähigkeiten zu zweifeln begann, war sein Leben in Gefahr. Er hatte alle noch verfügbaren Leute nach New Haven geschickt, wo Dockenbell höchstwahrscheinlich den Zug verlassen hatte, da er nie in Springfield ankam, wo ihm dieser dämliche Dilettant Kupfer eine Falle stellen wollte. Nun, dieser Dilettant hatte für seine Dummheit mit dem Leben bezahlt. Er wäre froh, wenn er von Montmatre dasselbe sagen könnte. Und Ariane, die schöne morbide Hexe, würde ohne Montmatres Schutz eine hilflose Beute sein... Wie oft hatte er sich ausgemalt, was er mit ihr anfangen würde, wenn er sie allein in seinem Keller hatte. Doch jetzt mußte er sich um den Fremden kümmern. Ein gewisser von Sturmfels hatte sich bei ihm angekündigt. Er ließ ihn hereinkommen.
Von Sturmfels war ebenso wie Montmatre recht groß, von unbestimmbaren Alter und hatte lange schwarze Haare... ein Tick bei diesen Snobs. Lange Haare trugen heutzutage nur noch alte Männer in abgelegenen Dörfern, alternde Cowboys, eingebildete reiche Spinner, Intellektuelle oder Künstler. Dieser Mann war aber wesentlich schlanker als Montmatre und von seiner Kleidung her etwas exzentrischer. Er trug ein edles schwarzes Samtcape, eine purpurfarbene Weste zu einem teuren schwarzen Anzug, ein Zylinder, ein Ebenholzstock mit einem bizarr geformten Silberknauf, und ein gewaltiger Siegelring an der rechten Hand. Seine merkwürdigen grünen Augen und der überlegene, spöttische Ausdruck in seinen Augen gefielen ihm auch nicht. Vorsichtig langte Crankshaig in die Schreibtischschublade, um für alle Fälle die Pistole bereit zu haben. Ruhig lächelnd beugte sich der Fremde kurz vor und klopfte Crankshaig auf die Schulter. Dieser spürte einen kurzen, stechenden Schmerz.

Schwer keuchend lag Holden in seinem Auto. Er konnte nicht fassen, wie es kam, daß er noch am Leben war. Er stand am Straßenrand, der heftige Stoß, als er über die Bahnschwellen raste, hatte zwei Reifen zerstört und möglicherweise eine Feder gebrochen, aber mit geringen Tempo würde es der zuverlässige Essex noch bis zu dem Haus schaffen. Das entsetzliche Relikt dieses Abenteuers, der Stachelschwanz, steckte noch im Sitzpolster, das hintere zersplitterte Ende hing über die Stoßstange. Eine gelbliche Flüssigkeit triefte aus der Bruchstelle der abgerissenen Extremität.
Diesmal konnte er seinen verwöhnten Freunden eine echte Rarität mitbringen.



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