Licht aus Schmerzen

Teil 3: Alte und neue Fassaden

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Sir Pardot Montmatre und Ariane Eldar entdecken in New Haven eine Kopie des Auge des Schläfers in einem Antiquitätenladen. Montmatre belauscht ein Gespräch, aus dem er erfährt, daß der Antiquitätenhändler Henry Holden mit mindestens einer anderen Person geplant hat, die Figur als Lockvogel einzusetzen, und daß eine weitere Person Interesse an dem Artefakt gezeigt hat. Thaddeus Moykenfield und Professor Stikkenfeller, die den Plan ausgearbeitet haben, raten Henry Holden, zu ihnen zu kommen. Ein bisher Unbekannter, der sich von Sturmfels nennt, hat inzwischen Philipp Dockenbell ausfindig gemacht und sucht Crankshaig auf.
Henry Holden wird auf dem Heimweg von einem monströsen Lebewesen verfolgt und entkommt nur knapp; die Kreatur wird von einem Eisenbahnzug überrollt.

Teil 3: Alte und Neue Fassaden


Langsam ließ die Lähmung des Giftes nach, das ihm dieser theatralische Teufel in die Schulter injiziert hatte. Crankshaig ärgerte sich um so mehr, daß er mit einem Trick hereingelegt wurde, den er vor vielen Jahren in irgendeinen albernen französischen Kriminalfilm gesehen hatte. Eine vergiftete Reißzwecke war mit einem Band in der Handfläche befestigt, und stach bei dem Schlag durch den Handschuh und bohrte sich in die Schulter... Der Fremde hatte ihn zuvor ausgiebig über Montmatre, den Kult und das Auge des Schläfers ausgefragt, und er hatte ihm willenlos all diese Antworten gegeben. Und vor dem Gehen hatte er noch die Unverschämtheit besessen, ironisch für die Auskunft zu danken und darauf hinzuweisen, daß er sich seiner Diskretion gewiß sein könnte! Crankshaig wußte natürlich genau, daß er erledigt wäre, wenn Montmatre von der Sache erfuhr. Er mußte diese dämonische Gestalt finden und unschädlich machen, bevor etwas über dieses Verhör herauskam. Aber Crankshaig hatte die ungute Ahnung, daß dieses Unterfangen genauso gefährlich und schwierig sein würde, wie den Tod von Montmatre selbst zu arrangieren.

"Kein Spinnentier, kein Insekt, weiß der Teufel was das ist. Das Ding gehört eher in ihr Ressort, Thaddeus."
"Ein Manticore? Ein Manticore, ein herkulischer Herrenmensch und eine vampirische Nymphe... das Leben ist phantastischer als meine Romane."
Moykenfields Grinsen wirkte unecht; es gelang ihm nicht seine Angst und Aufregung hinter der üblichen Lässigkeit zu verbergen.
"Lassen sie ihre Späße.. sehen sie denn nicht, daß mich dieses Ding umbringen wollte? Was ist es, und wo kam es her? Einer von euch muß es doch wissen!"
Die Freunde saßen eine Weile betreten schweigend gegenüber. Holden hatte befürchtet, daß Moykenfield vorschlagen würde, noch in der Nacht aufzubrechen, um weitere Überreste des Untiers zu suchen, aber glücklicherweise hatte er dessen Kühnheit überschätzt.
Moykenfield unterbrach als erster die Stille.
"Ich habe die Erklärung. Drei Merkmale prägen unser mysteriöses Ungeheuer. Erstens: Es gehört keiner Art oder Gattung an, die uns bekannt ist, aber es weißt starke Ähnlichkeiten zu völlig unterschiedlichen Tieren auf, die uns vertraut sind. Asseln, Skorpione und Insekten; eine biologisch unmögliche Mischung aus diesen Kreaturen, die bei ihnen Furcht oder Ekel hervorrufen.
Zweitens: Dieses Tier taucht scheinbar plötzlich aus dem Nichts auf, und verfolgt ausgerechnet unseren Freund Henry.
Drittens: Obwohl es so schnell wie ein Auto ist, eine furchtbare Waffe besitzt und ganz und gar als schreckliches Raubtier erscheint, gelingt es ihm nicht - glücklicherweise! - Henry zu töten.
Das läßt nur einen Schluß zu, es handelt sich um eine physische Manifestation seiner Furcht."
"So ein Humbug!"
"Keineswegs, lieber Professor. Es ist bekannt und glaubwürdig überliefert, daß namhafte Spiritisten - ich kenne ihre Meinung dazu, Austen - es ist also bekannt, daß diesen Personen gelungen ist, Gedanken in materieller Form erscheinen zu lassen. Eine höchst ehrenwerte Theosophin erzeugte einmal einen Wolf durch reine psychische Anstrengung, und die wundervolle Geschichte von Gabrielle Menerdeau über die Frau, die unfreiwillig eine Empuse aus purem Haß entstehen ließ, haben sie vermutlich auch gelesen."
"Und wie soll Henry diese Glanzleistung vollbracht haben?"
"Er hat, mit Verlaub, wesentlich mehr magische Gegenstände in seinem Besitz gehabt, als Sie selbst in ihrem wundervollen Museum gesammelt haben. Und die Personen, die er uns im Zusammenhang mit der gestohlenen Figur beschrieb, haben doch offensichtlich starke magische Kräfte, die sie höchstwahrscheinlich im Laden angewendet haben. Und zusammen mit seiner verständlichen, aber übergroßen Furcht kam es zu diesem einzigartigen Phänomen. Sie wissen doch, es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als...."
"Ja, Ja, Ja! Aber sie sollten sich mal besser an diese Schulweisheit halten! Materialisierte Angstphantasie, Pah!"
"Haben sie eine überzeugendere Theorie? Glauben sie etwa das Wesen sei aus einer privaten Menagerie geflohen? Oh, nein, da ist meine Variante wesentlich glaubwürdiger!"

Es war nicht schwierig für Ariane gewesen, den Ladengehilfen auszufragen. Sie hatte mit Montmatre in der Nähe des Ladens gewartet, und den jungen Mann abgefangen, während Montmatre die Abfahrt des Ladenbesitzers beobachtete. Die Freunde, die Henry Holden, der Antiquitätenhändler vermutlich besuchen wollte, waren ein Schriftsteller und ein Professor. Der Name des Professors war ihr nicht unbekannt; aus dessem Privatmuseum stammte das Auge des Schläfers ursprünglich. Auch die Privatadresse von Henry Holden erfuhr sie mühelos. Sie verabschiedete sich freundlich und ging zu Montmatre zurück, der ungeduldig in einem dunklen Hofeingang auf sie gewartet hatte.
"Und?"
"Ich habe, was du wolltest. Die Privatadresse von Henry Holden, und die Namen seiner beiden Freunde."
"Wie hast du ihn zum Reden gebracht?"
"Ganz harmlos. Ich fragte ihn, ob Holden noch im Laden sei; und täuschte vor, daß ich dort einen Ring verloren hätte. Als er verneinte, fragte ich nach Holdens Privatadresse, und er gab sie mir, wobei er erwähnte, daß ich ihn dort wahrscheinlich nicht antreffen würde, da er wohl zu Freunden gefahren sei. Dann fragte ich kurz nach diesen Freunden und habe mich verabschiedet. Das ist wirklich alles."
"Gut." Ariane fühlte sich von Pardots Betonung gekränkt.
"Glaubst du etwa ich schäkere mit irgendeinem dahergelaufenen, mittellosen Ladengehilfen herum?"
"Nein. Denn dann würde dieser Ladengehilfe nicht lebendig nach Hause laufen... Und jetzt zurück zum Hotel. Crankshaigs Spezialisten sollen Holdens Wohnung noch heute Nacht unauffällig durchsuchen."

"Mal ganz abgesehen von ihrer abstrusen Hypothese, Thaddeus... Wie paßt die Figur hinein?"
"Ganz einfach. Die Götzenfigur weist ganz ähnliche Merkmale wie unser Monster mit dem Skorpionsschwanz auf. Es hat einen Krakenkopf, Fledermausflügel, einen Krötenleib und Krallen. Eine unmögliche Mischung aus bekannten Lebewesen, die den meisten Menschen unheimlich sind. Es gibt keine Ähnlichkeit zu der tatsächlichen Zoologie, aber das Monstrum bedient sich deren Merkmale. Sie wissen mehr über diesen Cthulhu Kult als ich, aber nach allem ist uns doch klar, daß die Anhänger ihren Gott durch uns nicht näher bekannte Rituale zu Leben erwecken wollen. Die Figur kann nur den Zweck haben, die Phantasie der Kultisten zu prägen, wenn sie in einer kollektiven Anstrengung ihre Gedanken Gestalt werden lassen wollen."
"Großer Gott, die wollen etwa dieses Ding zum Leben erwecken?" Es war das erste Mal, daß sich wieder Henry Holden in das Gespräch mischte.
"Ich denke durchaus. Und eine kollektive Materialisation fanatischer Kultisten könnte ein Wesen erschaffen, das viel mächtiger und schrecklicher ist, als das, was sie verfolgt hat. Was meinen sie nun, Professor? Sind sie nun von meiner Theorie überzeugt?"
"Bah, das Ganze ist mir immer noch viel zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Aber glaube daß diese Kultisten existieren und wirklich gefährlich sind. Wir müssen der Sache nachgehen, die Polizei glaubt uns kein Wort. Den Stachelschwanz bringe ich einem Kollegen von mir, Dr. Forndyke. Ich sehe ihn in übermorgen, bis dahin denke ich mir eine Erklärung aus. Vielleicht existiert irgendwo in Asien oder sonstwo eine sagenhafte Kreatur, die von den Kultisten eingeschleppt wurde.
Und Henry bleibt morgen erst einmal hier, bis sein Auto repariert worden ist."

Den gesamten darauffolgenden Tag sah und hörte Ariane wenig von Montmatre. Ständig war er mit irgend etwas beschäftigt, er führte lange Telephongespräche und traf sich mit irgendwelchen Personen, die wohl zu Crankshaigs Personal gehörten. Es machte ihr wenig aus, denn sie konnte auch eine Zeitlang ganz gut ohne ihn und seine Eifersucht auskommen. Sie liebte die Großstadt; für sie war dieses neue Umfeld wie ein fremdartiger, phantastischer Dschungel. Sie wußte, wie sehr sie unter den Menschen auffiel, aber daß war nach ihrem Geschmack.

"Hast du die Schlagzeile gelesen, Sihan? Mysteriöser Zugunfall. Dienstag Nacht, also Vorgestern, entging der Güterzug von Worcester nach Newhafen nur knapp einem Zusammenstoß mit einem unbekannten Personenwagen. Dabei wurde ein Objekt überrollt, daß von dem unbekannten Auto verloren worden sein muß. Die Polizei machte keine Angaben über die Art des zerstörten Objektes, aber sie soll es zu einer Untersuchung in das Labor des berühmten Dr. Neil Forndyke geschickt haben.
Der alte und immer ängstliche Antiquitätenhändler hat es also geschafft, dem Hetzenden Grauen zu entkommen, bemerkenswert. Das bringt meine ursprüngliche Planung zwar reichlich durcheinander; aber ich will diese Leistung sportlich anerkennen und ein neues Konzept ausarbeiten. Martin Smythen wird durch diese neue Entwicklung vermutlich schon erfahren haben, wohin Holden unterwegs war. Ich meine natürlich Sir Pardot Montmatre, wie er sich im Moment nennt... Ein schöner gesellschaftlicher Aufstieg, den er sich da gezaubert hat. Aber es würde mich doch mehr interessieren, wer das Mädchen ist, über das Holdens Ladenhilfe so ausführlich in seinem Telephonbericht geschwärmt hat. Die Informanten aus den unteren Schichten sind zwar oft die nützlichsten, aber nicht immer die präzisesten."
Sihan Napur wartete höflich, bis von Sturmfels seinen Monolog beendet hatte. "Sir, ist es nicht sehr gefährlich für unsere Unternehmungen, wenn das Hetzende Grauen genauer untersucht wird?"
"Allerdings, besonders wenn der überaus brillante und ehrgeizige Dr. Forndyke die Untersuchung führt. Ich sehe es genau vor mir: Er ließ die Überreste sofort in den heiligsten Teil seines exzellenten Privatlabors bringen, damit auch wirklich niemand mit irgendwelcher Sachkenntnis die Gelegenheit hat, es vor ihm zu erblicken. Nachdem er seine heutigen Vorträge beendet hat, wird er in den abgeschlossenen Raum eilen, um sich der ganzen Nacht dieser außergewöhnlichen biologischen Anomalität zu widmen. Da ich gerade von unteren Schichten sprach... laß Dockenbell kommen. Er soll einmal Gelegenheit haben zu zeigen, was er gelernt hat.

Ariane erwachte wie üblich sehr spät. Pardot war schon aufgestanden und nirgendwo zu sehen. Wahrscheinlich hatte er schon gefrühstückt und las im Salon die Zeitung. Sie selbst frühstückte höchstens eine Tasse Kaffee und eine Zigarette. Der Aufenthalt in dem luxuriösen Hotel gefiel ihr gut. Sie liebte es, einmal richtig unter Leute zu kommen. Sie war schon mehrmals im Kino gewesen und hatte interessante Filme wie "The Terror", "The Tempest" und "While The City Sleeps" gesehen; sie hatten die Yale Art Gallery besucht und Pardot hatte ihr wundervollen Lalique Schmuck gekauft. Das schönste Stück war aber eine Brosche von Wilhelm Lucas von Cranach aus dem Jahr 1900. Sie zeigte einen stilisierten Kraken, der einen Schmetterling erwürgte. Ariane freute sich am meisten auf den großen Ball in Westford, zu dem sie morgen mit Pardot gehen würde. Eine französische Musikerin wollte ein neues elektrophones Tasteninstrument vorführen, das bisher ungehörte, phantastische Klänge von sich geben sollte, und viele distinguierte Gäste wurden erwartet. Schade daß Alkohol noch immer verboten war...

Nun war er von einem zu Unrecht verfolgten zu einem tatsächlichen Brandstifter geworden... und zu einem Einbrecher obendrein. Aber er konnte nicht undankbar sein; von Sturmfels hatte ihm ein Versteck gegeben, außerdem waren das Essen und die neue Kleidung besser als alles andere, was er vorher gekannt hatte.
Der Einbruch erwies sich einfacher als er gedacht hatte. Das Labor war um diese Zeit verlassen und von Sturmfels und der Inder hatten ihm genaue Anweisungen und einen exakten Plan von der Anlage gegeben. Er braucht nicht lange, um die Zinkwanne zu finden. Sie stand auf einem rollbaren Tisch in der Mitte des Raumes und strömte den starken, unangenehmen Geruch aus, den man ihm beschrieben hatte. Er öffnete den Deckel, und taumelte zurück, als ihm dieser widerwärtige Gestank voll entgegenschlug. Im Inneren der Wanne war eine weißliche Brühe, in der nicht näher erkennbare graue Brocken herumschwammen. Schnell kippte er die Chemikalien herein, deren Namen er vergessen hatte. Sie sollten die Verbrennung beschleunigen und eine größere Hitze als ein normales Feuer erzeugen. Danach kippte er das mitgebrachte Kerosin in und um die Wanne. In gewisser Weise empfand Philipp dies als Rache für das Hotel. Diesmal entzündete er das Feuer wirklich, und niemand würde es wissen.


Weiter mit Teil 4: Der Krieg ist nie vorbei

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