Licht aus Schmerzen

Teil 4: Der Krieg ist nie vorbei

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Thaddeus Moykenfield erstellt die Theorie, daß es sich bei dem hetzenden Grauen um eine physische Materialisation von Angstphantasien handelt, auch Cthulhu soll seiner Meinung nach durch die Gedanken seiner Anhänger erschaffen werden. Austen Stickenfeller lehnt die Theorie ab, mahnt aber den Kampf gegen die Kultisten an. Ariane erfährt von Holdens Gehilfen die Namen von Moykenfield und Stickenfeller. Montmatre befiehlt eine heimliche Durchsuchung von Holdens Wohnung. Der Ladengehilfe unterrichtet von Sturmfels über Ariane und Montmatres Interesse an der Cthulhu - Figur. Von Sturmfels liest in der Zeitung, daß die Überreste des hetzenden Grauens von einem Dr. Forndyke untersucht werden sollen. Er veranlaßt daraufhin Philipp Dockenbell, in Forndykes Labor einzubrechen und die Überreste zu verbrennen. Montmatre verbringt den darauffolgenden Tag mit Nachforschungen, und erhält Informationen über einen Ball, der ihn interessieren könnte.

Teil 4: Der Krieg ist nie vorbei

Wie erwartet nahmen die Berichte über die Präsidentschaftswahl den größten Teil der Zeitungsmeldungen ein. Herbert Hoover hatte die Wahl gewonnen, im März des kommenden Jahres sollte er das Amt von Calvin Coolidge übernehmen. Sir Pardot Montmatre wußte, wie nichtig das war... die Politiker waren beliebig austauschbar. Das andere Ereignis, was für Schlagzeilen sorgte, war der verheerende Ausbruch des Etna. Mascali war in einer Blitzaktion vor den heranrückenden Lavamassen evakuiert worden und galt bereits als verloren. Ansonsten war, wie in der letzten Ausgabe, nichts übermäßig Interessantes oder Hilfreiches zu finden. Die Meldung über das beinahe stattgefundene Zugunglück war nur insofern interessant gewesen, da Dr. Forndyke erwähnt wurde. Er hatte den Namen des brillanten Biologens schon gehört; seine Erwähnung in diesem Zusammenhang war kurios. Aber es half ihm bei seiner Suche nach dem Auge des Schläfers nicht mehr weiter als die vergebliche Durchsuchung von Henry Holdens Wohnung. Wie erwartet hatte er von Crankshaig über das Telephon erfahren, daß nichts gefunden wurde. Dafür konnte Crankshaig ihm eine andere interessante Spur anbieten. Auf einem Ball, bei dem das neue Ondes Martenot, ein seltsames elektrophonisches Instrument, vorgestellt werden sollte, würden sich vermutlich zwei Gäste einfinden, an denen er besonderes Interesse hatte. Professor Stickenfeller, den er zumindest von Angesicht kannte, und der Schriftsteller Moykenfield, der ihm noch unbekannt war. Wahrscheinlich würden die beiden ihn aufgrund von Henry Holdens Beschreibung erkennen, und vermutlich wußten sie auch, wonach er suchte. Aber das störte ihn nicht. Sie hatten ihn zu fürchten, nicht umgekehrt. Aber selbstverständlich konnte er davon ausgehen, daß die Form gewahrt bleiben würde. Er hatte Crankshaig angewiesen, diese beiden Herren, genau wie den Antiquitätenhändler, unauffällig überwachen zu lassen.
Es war Zeit, sich Karten für den Zug zu besorgen, die Fahrt nach Westford würde eine Weile dauern. Hoffentlich würde diese Französin ihr Instrument nicht dazu verwenden, Jazz zu spielen... Er haßte Jazz, der das Kunststück fertigbrachte, das nervtötende Geklimper von Ragtime mit dem aufdringlichen Gequietsche von Dixieland auf eine unerträgliche Weise zu kombinieren. Ansonsten könnte der Ball eine durchaus amüsante Angelegenheit werden...

"Nein lieber Austen, das beste Versteck ist das, wo mit Sicherheit niemand nachsieht. Denken sie an die Geschichte von Edgar Allen Poe mit dem gestohlenen Brief. Die besten Polizisten konnten den Brief nicht finden, weil er sich an einer Stelle befand, die so offensichtlich und alltäglich war, daß niemand darauf kommen konnte. "
"Ja! Bestimmt wird kein Einbrecher auf die Idee kommen, in ihrer Küche in den Brotkasten zu gucken! Ein wahrhaft geniales Versteck, ich gratuliere! Aber sie vergessen, daß die Figur aus meinen Besitz gestohlen wurde. Und deshalb werde ich sie in einem Schliessfach in der Bank deponieren."
"Wie sie meinen. Aber dann schlage ich vor, ein zweites Schliessfach zu mieten und darin die meisterhafte Kopie von Henry einzulagern. Wenn jemand von uns erpreßt wird, könnte das einen wertvollen Zeitvorsprung gewähren."

Roger Leland folgte dem auffälligen Paar, wie es sein Auftrag war. Er übernahm ungerne die Aufgabe des Spions; er war schließlich Soldat! Aus diesem Grund würde er nicht die Verantwortungslosigkeit besitzen, einen Befehl zu hinterfragen. Die Beiden stiegen in den vordersten Waggon, selbstverständlich die erste Klasse. Nach seinen Informationen handelte es sich um einen Franzmann und eine Tschechin, der Kerl hatte Geld wie Heu, und das schwarzhaarige Mädchen hatte sicher einen fragwürdigen Lebenswandel... Aber das spielte jetzt keine Rolle. Er hatte den wichtigsten Teil noch einige Stunden vor sich, aber auf ihn war immer Verlaß.
Er wartete einen günstigen Moment ab und stieg unauffällig in einen der Frachtwaggons.

Dr. Forndyke ging wütend den Gang auf und ab, während die Polizei noch vergeblich nach Spuren suchte. Wie konnten solche Idioten auch nur irgendetwas finden! Was ihn am meisten ärgerte, war nicht der Schaden an seinem Labor, das war erseztbar. Aber der Verlust der geheimnisvollen Proben! Er hätte eine Sensation auf den kommenden Ball verkünden können! Wer von seinen eifersüchtigen Kollegen hatte wohl diesen verbrecherischen Anschlag verüben lassen? Nur krankhafter Neid auf seinen Ruhm konnte die Ursache dieser ruchlosen Tat sein. Der Ball war ihm gründlich verleidet, es war ihm geradewegs zuwider, in die Gesichter dieser Heuchler zu blicken, aber er würde trotzdem hingehen. Vielleicht verriet sich sein Feind durch irgendeine Kleinigkeit.

Leland spähte über den Rand des offenen Waggons, und konnte in der hereinbrechenden Dämmerung den Rauch der dröhnenden Lokomotive sehen, den er während der ganzen Fahrt einatmen mußte. Gegen den nieselnden Regen hatte er sich nur schlecht mit seiner Decke schützen können, aber er war noch nie so verweichlicht gewesen, sich von so einer Kleinigkeit von einem Auftrag ablenken zu lassen. Ihm verblieben noch einige Minuten, aber seine Zeitplanung war bisher immer perfekt gewesen. Er zog die dunkle Wollmaske über sein Gesicht. Leland wußte, daß es nicht ungefährlich sein würde, die durch den Regen glitschigen Waggondächer bei dem heulenden Wind zu überqueren, aber er fürchtete keine Gefahr. Er war wieder im Krieg, der nie wirklich aufgehört hatte. Er kauerte in dem feuchten, kalten Schützengraben, und spähte über das Terrain, daß ihn von der feindlichen Linie trennte. Er verließ den Graben und robbte vorsichtig vorwärts... zu dem Heulen des Windes kam das mechanische Hämmern von Maschinengewehren in der Ferne. Er kämpfte sich vorwärts und war stets bereit, sich flach an den Boden zu drücken, sobald das schrille Pfeifen eine Granate ankündigen sollte; hoffend, daß ihn nach dem dumpfen Einschlag nur die Erschütterungen des Bodens trafen, und nicht die todbringenden Splitter... Als er den letzen Hügel erklomm, sah er plötzlich eine riesige dunkle Silhouette vor sich, eine dröhnende, rauchende Maschine, die direkt aus der Hölle zu stammen schien. Es war das erste Mal, daß er einen feindlichen Tank sah. Er hatte keine Ähnlichkeit mit den kleineren, dagegen fast spielzeughaft wirkenden Renault-Tanks oder den skurrilen britischen Panzern mit der umlaufenden Kette, sondern es war einer der furchtbaren deutschen AV - 7. Der größte Panzer, den es gab, ein rundherum völlig verkleideter Stahlklotz, auf dessen keilförmiger Front, die wie ein Schiffsbug vor ihm aufragte, ein weißer Totenkopf gemalt war.
ZugJohn Leland hatte die Lokomotive erreicht. Er konnte über den Tender in das offene Führerhaus sehen. Es wäre jetzt leicht für ihn gewesen, die beiden Maschinisten zu erschiessen, aber das hätte den Plan gefährdet. Wie bei den vorherigen Aufträgen mußte er sich heranpirschen und sie blitzschnell mit seinem Totschläger ausschalten. Lautlos ließ er sich in den Tender gleiten und pirschte sich an das Führerhaus heran. Er zog den Totschläger und schwang sich auf die Plattform. Der Heizer reagierte außergewöhnlich schnell - er wirbelte herum und wehrte den Schlag mit der Kohlenschaufel ab, die scheppernd durch das Führerhaus flog. Von dem unerwarteten Angriff überrascht, stolperte Leland kurz rückwärts, was der hünenhaft wirkende Heizer sofort ausnutzte und sich auf ihn stürzte. Aber Leland war nicht umsonst für diese Art von Auftrag ausgewählt worden - er ließ den Totschläger fallen und schleuderte den Heizer von sich fort. Leland war noch nicht ganz auf den Beinen, als er sah, daß der Lokführer bereits die Kohlenschaufel gegriffen hatte und damit ausholte. Da Leland sich nicht auf den Kampf mit zwei Gegner einlassen konnte, riss er den Revolver heraus und schoß noch liegend ohne zu Zielen. Aber er hatte auf der geringen Entfernung getroffen, der Lokführer brach zusammen. Inzwischen griff ihn bereits der Heizer an, ohne das Leland Zeit hatte nachzuspannen. Er schlug deshalb mit dem Revolver zu und traf den Heizer fest am Jochbein, im nächsten Moment rammte er ihn hart mit dem Kopf in die Magengrube. Der Mann stürzte rückwärts zu Boden und krachte auf den Metallboden. Leland stand auf und zielte auf ihn, aber sein Gegner rührte sich nicht mehr. Die gefalzte Metallkante der Plattform hatte sein Genick gebrochen.
Nie zuvor hatte die Besatzung einer Lokomotive so einen harten Kampf geliefert. Aber es spielte keine Rolle, die Zeit wurde knapp, und er hatte noch zu tun. Seine umfangreichen technischen Kenntnisse waren ein weiterer Grund, weshalb er und kein anderer diesen Auftrag durchführen mußte. An die Passagiere hinter ihm verschwendete er keinen Gedanken, ein Krieg forderte immer Opfer. Er nahm die notwendigen Einstellungen vor und sprang danach von der Lokomotive - der gefährlichste Teil seiner Arbeit. Aber auf dem Zug zu bleiben, hätte den sicheren Tod bedeutet.

Ariane nippte an ihrem heißen Tee und blickte aus dem Abteilfenster. Es wurde endlich dunkel. Sie hatte sich nie richtig an das Leben am Tag gewöhnen können, und bei helleren Sonnenlicht mußte sie sich mit einer Sonnenbrille und einer speziellen Hautcreme schützen, die ihre Vorfahren schon vor langer Zeit entwickelt hatten. Obwohl es im Waggon geheizt war, zog sie ihren viktorianischen Schal um ihre nur dürftig bekleideten Schultern, als sie den Sturm und Regen draussen sah. Es kamen ihr einige Zeilen aus einem Gedicht von Rilke in den Sinn:

"Die Nacht, vom wachsenden Sturme bewegt,
wie wird sie auf einmal weit - ,
als bliebe sie sonst zusammengelegt
in die kleinlichen Falten der Zeit...
In solchen Nächten gehn die Gefängnisse auf.
Und durch die bösen Träume der Wächter
gehn mit leisem Gelächter
die Verächter ihrer Gewalt."

John Vochtel erwachte. Er spürte die starken Schmerzen in der linken Schulter, wo ihn die Kugel getroffen hatte. Es war ihm immer klar gewesen, daß ihn irgendwann jemand umzubringen versuchte, seitdem er sich den Kommunisten angeschlossen hatte. Er hatte es so gut geheimgehalten, wie er konnte, nur sein Kollege Jimmy Brown, der Heizer, hatte es gewußt... Erst jetzt kam ihn wieder völlig in den Sinn, was geschehen war. Der maskierte Angreifer war verschwunden, aber was war mit Jimmy? Mühsam erhob er sich von dem Stahlboden und sah nach seinem Kollegen - er war tot. Die Hitze im Führerhaus war unerträglich, und alles war mit Kohlenstaub bedeckt. Vochtels Blick fiel auf die Kontrollen, und er erfaßte die augenblickliche Gefahr. Der Kessel stand auf höchsten Druck, und die Lok donnerte mit Höchstgeschwindigkeit voran! Jeden Moment konnten sie die Kurve vor der Brücke erreichen, und bei diesem Tempo würde der gesamte Zug in den Fluß rasen! Kaum einer der Passagiere würde den Sturz in die eisigen Fluten überleben. Welcher Wahnsinnige würde eine solche Katastrophe auslösen, um zwei Kommunisten zu töten? John Vochtel griff nach dem Bremsventil. In diesem Moment hörte er ein Krachen und sah eine Stichflamme, im nächsten Moment wurde er durch die Luft geschleudert. Es gelang ihm, sich in den Tender heraufzuziehen. Seine Kleider brannten, aber es gelang ihm, die brennenden Fetzen herunterzureißen. Seine dicke Kleidung hatte das Schlimmste verhindert, aber er hatte trotzdem einige ernste Verbrennungen davongetragen. Was war geschehen? Eine Staubexplosion... der Kohlenstaub mußte sich in dem überhitzten Führerhaus entzündet haben. Er hatte schon von ähnlichen Unfällen gehört. Das Führerhaus brannte lichterloh, aber irgendwie mußte er an die Kontrollen kommen, ansonsten wären die Passagiere verloren. Die Lok bei diesem Tempo auszukuppeln, war unmöglich. Wenn es ihm aber trotz seiner schweren Verletzungen gelingen würde, von außen auf das Trittbrett zu gelangen, konnte er vielleicht das Bremsventil durch das Seitenfenster erreichen. Vorsichtig stieg er auf den Puffer und balancierte sich seitlich an der Verkleidung vorbei, bis er auf dem Trittbrett stehen konnte und klammerte sich mit der linken Hand fest. Er griff mit der rechten Hand durch das Seitenfenster und berührte das inzwischen glühend heiße Bremsventil. Die Hitze verschmorte seine Hand, aber er biß die Zähne zusammen und versuchte es zu öffnen... es rührte sich nicht. Die Schmerzen kosteten ihn fast den Verstand, aber er zwang sich, nachzudenken. Ihm fiel eine letzte Möglichkeit ein, der Lufthahn an der vorderen Pufferbohle! Wenn er ihn öffnen konnte, würde er als Luftdruckbremse den Zug zum Stehen bringen. Aber der Weg dahin war lang und gefährlich, denn er mußte sich Außen an der Lokomotive bis ans vordere Ende hangeln, wobei ihn die ständigen Erschütterungen und der Luftsog, der durch den starken Wind noch heimtückischer wurde, in den Tod reißen konnte. Er dachte an all die Menschen, die völlig ahnungslos in ihren Waggons saßen, und stieg auf das schmalen Trittblech neben dem Kessel, daß von der Nässe gefährlich rutschig war. Zentimeter um Zentimeter kämpfte er sich vorwärts, wobei er sich mit den Händen an dem Kessel abstützen mußte. Selbst die äußere Kesselhülle war inzwischen heiß genug, um ihn zu verbrennen, aber es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich trotz der Qualen vorwärts zu bewegen. Jeden Moment konnte die Brücke kommen, in der Dunkelheit war nicht viel zu erkennen. Endlich erreichte er die Spitze der Lok, und kauerte sich zu dem Lufthahn hinunter. Er biß die Zähne zusammen und zerrte mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte. Er spürte, wie sich der Hahn langsam öffnete, und er hörte das Kreischen der Bremsen. Seine Kräfte ließen nach, aber er merkte wie die Lokomotive langsamer wurde. Der Zug kam zu stehen, und er rutschte von der Lok. Die Lokomotive streifte ihn leicht. Er kroch auf allen Vieren auf dem feuchten Boden zur Seite. Das Zischen wurde leiser. Er lag auf dem Kies des Gleisbettes, und konnte sehen, wie die letzten Drehungen der großen Speichenräder zum Stillstand kamen. Er hob den Kopf mit größter Willensanstrengung, und konnte im Licht der Scheinwerfer den Umriß der Brücke erkennen. Er brach zusammen. Der Kampf von John Vochtel war beendet.


Weiter mit Teil 5: Eröffnungszüge

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