Licht aus Schmerzen

Teil 6: Der Schlächter von Freeport

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Stachel Der Zug wird mit einer Ersatzlokomotive abgeholt, wobei die Reisenden nicht erfahren, wie knapp sie einer Katastrophe entgangen sind. Crankshaig, der Leland zu dem Attentat beauftragte, ist entsetzt über den Fehlschlag. Leland schleudert eine Handgranate in den Raum mit den aufgebahrten Toten, um die Entdeckung der Schussverletzung zu verhindern. Auf dem Ball treffen Montmatre und Ariane mit Von Sturmfels, Forndyke, Stickenfeller und Moykenfield zusammen. Man begrüsst sich gegenseitig höflich und gibt vor, nichts voneinander zu wissen. Stickenfeller erkennt Montmatre als den Mann, der vor zwei Jahren sein Privatmuseum kurz vor dem Diebstahl der Cthulhu - Figur besucht hatte. Stickenfeller übergibt den Überrest von dem Hetzenden Grauen an Dr. Forndyke. Heimlich öffnet Montmatre die Hecktruhe von Forndykes Auto und entdeckt den Stachelschwanz. Er erkennt ihn als das, was er ist, lässt ihn aber zurück. In der Zwischenzeit fährt Von Sturmfels zu Moykenfields unbewachten Haus. Leland bleibt wie angewiesen in Westford und nächtigt unter einer Brücke bei Obdachlosen.

Teil 6: Der Schlächter von Freeport


Es dämmerte bereits, als Montmatre in das Hotel zurückkehrte. Ariane war recht aufgekratzt, aber er würde ihre gute Laune verderben müssen. Und das in ihrem eigenen Interesse... sie war zu unvorsichtig; sie lebte sich zu schnell in die menschliche Gesellschaft ein, ohne die Mechanismen zu verstehen. Während sie im Bad war, legte er alles zurecht, was er für die Lektion brauchen würde.
Sie kam heraus, und trug ihr dünnes, schwarzes Spitzennegligé, dass entgegen ihrer sonstigen Kleidung aussergewöhnlich kurz war. Ihr Lächeln erstarb abrupt, als er ihr in ernsten Ton befahl, zu ihr zu kommen.
"Ariane, du bist leichtsinnig. Weisst du dass Leichtsinn tödlich ist? Das meiste was wir tun, ist gegen das Gesetz. Das Gesetz ist für die Schwachen gemacht, aber es gilt für Alle. Wenn wir es brechen, müssen wir es so tun, dass niemand dahinterkommt."
Ariane stand reglos vor ihm, und blickte aufmerksam zu ihm auf.
"Weisst du, was mit dir geschieht, wenn dich der Pöbel ergreift?"
Ariane antwortete nicht, aber ihr geschminkter Mund zuckte leicht.
"Zunächst wird man dir jede Freiheit nehmen."
Er drehte sie auf der Stelle, und schnürte ihre Hände fest mit einem dünnen Strick zusammen. Anschliessend band er ihr ein schwarzes Tuch vor die Augen.
"Und dann nehmen sie dir dein Leben."
Er legte einen Henkerstrick um ihren Hals und zog ihn nach oben, so dass sich die Schlaufe langsam zusammen zog. Erst als Ariane einen wimmernden Laut von sich gab, liess er ihn los.
Er löste den Schlinge, und sie schnappte erleichtert nach Luft. Montmatre nahm sie, mit noch immer verbundenen Augen und gefesselten Händen, in die Arme und küsste sie.
"Weisst du, ich habe das nicht gerne getan."

Leland wurde wach, als er merkte, dass ihn jemand berührte. Sein erster Gedanke war, dass man ihn bestehlen wollte; aber ein vernarbter Mann war über ihn gelehnt und starrte ihn aufmerksam ins Gesicht.
"Was soll das, haste noch nie 'nen Schlafenden gesehen?"
"Du bist es... Ja! Das isser! Der Schlächter von Freeport!"
"Hau ab, Mann! Du spinnst! Ich kenn´dich nicht!"
Der alte Mann wandte sich an die übrigen Gammler, die inzwischen aufmerksam zusahen.
"Ich hab´s genau gesehen! Ich war hinter der Treppe versteckt und hab genau geguckt! Der da wars! Er war einer von denen die geschossen ham! Er hat alle umgebracht!"
Roger Leland stand auf und brüllte: "Ich weiss nich´wovon du redest! Lass mich in Ruhe, du spinnst!"
Aber Leland wusste, dass es niemanden mehr interessierte, was er sagte. All die Wut und die Demütigungen, die diese verwahrlosten Männer in ihrem elenden Leben eingesteckt hatten, suchte nach einem Ventil, und dafür war jede Gelegenheit recht. Und jetzt richtete sich der unterdrückte Hass gegen ihn, und keine Beteuerung würde sie beruhigen. Es ärgerte ihn, dass er damals einen entkommen lassen hatte, das war schlechte Arbeit. Es war vor einem Jahr in Freeport gewesen; einer der Aufträge, dessen Sinn er nicht verstand. Aber es war nicht seine Aufgabe, denn Sinn der Dinge zu hinterfragen. Er war mit zwei anderen von Crankshaigs Männern nachts in den billigen Schlafsaal eingedrungen, in denen nur Obdachlose lagen. Einer seiner Kollegen stellte die rätselhafte kleine goldene Truhe auf den Boden, die fast immer bei diesen Aufträgen dabei war. Dann hatten er und der andere Mann das Feuer aus den Tommyguns eröffnet. Die schlafenden Gegner starben fast alle, bevor sie überhaupt wussten, was geschah. Sie hatten zweiundzwanzig Leichen zurückgelassen, aber offensichtlich hatten sie einen Zeugen übersehen, und dieser Fehler rächte sich jetzt. Die Obdachlosen umringten ihn schon, und er sah in ihre wutverzerrten Gesichter. Einige hatten bereits herumliegende Steine oder leere Flaschen ergriffen. Der Feind wollte ihn einkesseln. Leland zog seinen Revolver aus den Seesack und drehte sich im Kreis.
"Der erste, der sich bewegt ist tot!"
Er griff seine Habseligkeiten und rannte; niemand wagte ihm direkt zu folgen. Aber sie würden nicht aufgeben.

Von Sturmfels war nicht überrascht davon, dass sie bei der Durchsuchung des Hauses nichts gefunden hatten. Wenn Moykenfield das Auge des Schläfers überhaupt besass, war es bestimmt zu raffiniert versteckt, um es bei solch einer Aktion zu finden. Oder sollte ihm Montmatre wieder zuvorgekommen sein? Nein, das hielt er nach dem gestrigen Treffen für nicht sehr wahrscheinlich.
Vermutlich war das Artefakt noch im Besitz von Moykenfield oder Stickenfeller, denn der ängstliche Antiquitätenhändler würde es bestimmt nicht aufbewahren. Die Verstrickung der beiden in diesen Fall war offensichtlich, und sicherlich hegte Montmatre denselben Verdacht. Moykenfield war mehr als exzentrisch, und Stickenfeller war konservativ. Von Sturmfels hatte direkt einen Moment gemutmasst, Moykenfield wäre auf eine so absurde Idee gekommen, die Figur auf dem Fensterbrett zwischen den Blumen oder in dem Vorratsschrank zu verstecken. Stickenfeller wäre weniger einfallsreich, er würde die Figur in einen Safe stellen. Wäre er wohl so leichtsinnig, dies in seinem eigenen Haus zu tun?

Leland wusste, dass Bettler ihre Nachrichten mit einer Geschwindigkeit verbreiteten, der jeden Geheimdienst mit Neid erfüllte. Daher war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis er in einen Hinterhalt des Feindes lief. Aber er hatte es nur mit zwei Gegnern zu tun. Unter einer Eisenbahnbrücke stellten sich ihm zwei zerlumpte Gestalten in den Weg, der vordere hatte einen verrosteten Schürhaken, der etwas grössere Mann im Hintergrund war mit einer zerbrochenen Flasche bewaffnet. Leland rannte auf den ersten zu und rannte ihm sein Messer in den Bauch. Während der Getroffene mit einem schrillen Schrei zusammensackte, entriss er ihm die eiserne Stange und hieb sofort nach dem zweiten Gegner. Obwohl dieser grösser und massiger als Leland war, stürzte er rückwärts zu Boden. Leland gab ihm nicht die Chance, wieder aufzustehen - er schlug dreimal heftig zu und schleuderte dann das blutverschmierte Metallstück in den Fluss. Er drehte sich zu dem ersten Feind um; jener hatte inzwischen das Messer aus der Wunde gezogen und kauerte stöhnend auf dem lehmigen Boden. Ein Tritt gegen die Schultern schleuderte den Schwerverletzten in das schmutzige Wasser. Leland steckte sein Messer wieder ein und rollte den anderen Toten über den gemauerten Rand. Die beiden Leichen trieben reglos davon. Ein Gefecht war gewonnen.

Fasziniert blickte Forndyke auf sein Präparat. Die Bedeutung seiner Entdeckung war sicherlich immens, aber leider konnte er nicht viel über die Natur des unbekannten Lebewesens sagen. Das Material ähnelte von seinen Eigenschaften Chitin, war aber gänzlich anders in seiner Zusammensetzung. Die Ähnlichkeit zu einem Skorpionsschwanz war nur oberflächlich. Der Stachel enthielt kein Gift, und diese Extremität war wesentlich beweglicher. Der Stachel am Ende diente zweifellos als tödliche Stichwaffe. Wie sah der Rest des Lebewesen aus, und vor allem, wo kam es her? Stickenfeller hatte erklärt, er hätte das Objekt an den Bahngleisen gefunden, nicht weit davon entfernt, wo es beinah zu einem Zugunglück gekommen wäre. Das bestätigte seinen eigenen Verdacht; dieses Körperteil gehörte zu den Proben, die in seinem Labor verbrannt worden waren. Aber ein Tier dieser Grösse wäre selbst in dünner besiedelten Gegenden irgend jemand aufgefallen. Er vermutete, dass dieses geheimnisvolle Auto die bereits tote Kreatur auf den Gleisen verloren hatte. Und vermutlich war der Fahrer auch für das Brandattentat verantwortlich. Ein neidischer Wissenschaftler, der seine grossartige Entdeckung durch einen Zufall verloren und nun unter allen Umständen geheimhalten wollte? Sehr wahrscheinlich. Vielleicht Stickenfeller selbst? Eher unwahrscheinlich. Es half nicht viel, dass sich der Brandstifter wenigstens ungefähr im Labor ausgekannt haben musste. Im Lauf der Jahre hatte er zahlreichen Besuchern sein Labor ausführlich gezeigt; er wusste nicht einmal mehr alle Namen. Und als er neue Einrichtung bekam, erschien sogar ein ausführlicher Bericht in der Presse.
Aber eins war sicher, wenn er zu der Polizei oder zu der Presse ging, würde sein unbekannter Gegner wissen, dass sein Brandattentat erfolglos war. Aber so, wenn er mehr über diese geheimnisvolle Kreatur erfahren konnte, und dann mit einer der grössten Entdeckungen der Biologie an die Weltöffentlichkeit treten könnte, wäre seine Rache perfekt.
Dabei kam ihn ein anderer Gedanke, als er an das ebenfalls rätselhafte Handgranatenattentat im Bahnhof dachte. Vielleicht war das Tier gar nicht von dem Auto verloren worden, sondern von der Eisenbahn selbst. Es könnte von einem Waggon auf die Gleisen gestürzt und überrollt worden sein. Und die beiden Lokführer waren als Zeugen ausgeschaltet worden. Der Gedanke war ein paar Nachforschungen wert...

Illustration Lautlos bewegte sich Montmatre durch den verwilderten Garten, der Stickenfeller Haus umgab. Der Professor war, wie so oft, zu Gast bei Moykenfield, nur sein Butler war im Haus zurückgeblieben. Wenige Sekunden später erschien Ariane neben ihm. Er hatte sie trotz aller Gefahren mitgenommen, nicht nur deswegen, weil sie durch ihre Neugierde und ausgezeichnete Nachtsicht eine grosse Hilfe bei der Suche war, sondern vor allem deshalb, um sie durch die Beteiligung näher an ihn zu binden. Etwas später kamen zwei weitere Helfer, die die Gasflasche trugen. Ein weiterer Mann wartete am Steuer des geräumigen Cunninghams in der Nähe des Anwesens. Ariane stellte sich wie abgesprochen auf Montmatres Schultern, um das gekippte Fenster im ersten Stock zu erreichen. Vorsichtig schob sie den Schlauch in das Zimmer, wo der Butler schlief. Etwas später gab sie das Zeichen, und einer der Helfer drehte die Ätherflasche auf. Alle vier trugen Gasmasken, was ihnen zusammen mit den schwarzen Trikots ein unheimliches Aussehen verlieh. Ariane hatte zunächst Schwierigkeiten mit ihrem Haar gehabt, das sie schliesslich in einen gewaltigen Zopf geflochten hatte, der nun wie ein pechschwarzes Tau über ihren Rücken hing. Auf ein weiteres Zeichen hin drehte der Mann die Gasflasche wieder zu. Ariane öffnete geschickt das Fenster und kroch hinein. Kurze Zeit später öffnete sie ein Fenster im Erdgeschoss, um die Übrigen hinein zulassen.

Roger Leland kletterte in das notdürftige Lager, dass er sich am Fluss zurechtgemacht hatte. Er war den ganzen Tag unterwegs gewesen, bis er Westford hinter sich gelassen und Eastford erreicht hatte. Der Feind hatte ihn sicher nicht über die ganze Distanz verfolgt, aber er wusste nicht, wieweit sich der Vorfall herumgesprochen hatte. Er blickte in seinen Seesack. Er hatte noch zwanzig Patronen für den Revolver und zwei Handgranaten übrig. Er hatte auch etwas Geld, aber das würde er für Nahrung und das Telephon sparen müssen.

Es dauerte nicht lange, bis sie den Tresor entdeckt hatten. Erwartungsgemäss war die Figur bei der groben Durchsuchung auch hier nicht aufgetaucht, aber der Safe versprach noch Hoffnung. Montmatre hatte sich von Crankshaig den besten Experten kommen lassen, der sich nun mit dem Schloss befasste.
"Wir haben Glück... es ist ein alter Geldschrank aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Mit etwas Glück kann ich ihn öffnen, ohne ihn beschädigen zu müssen."
Angestrengt arbeitete der Einbrecher an dem Geldschrank, bis er ihn nach einer Stunde tatsächlich geöffnet hatte, ohne den Mechanismus zu zerstören. Die Enttäuschung war gross; etwas Geld, ein paar nichtssagende Urkunden und eine historische Taschenuhr. Montmatre verbot ausdrücklich, irgend etwas von den Wertgegenständen zu nehmen. Kurz, bevor er den Tresor verschloss, fiel ihm jedoch ein Zettel auf, der eine rätselhafte Zeichenfolge enthielt. Eine geheime Nachricht? Er zeichnete die mysteriösen Symbole exakt ab, bevor er den Zettel zurücklegte.
"Wir ziehen uns zurück. Vielleicht war das doch ein Treffer."



Weiter mit Teil 7: Ein zögernder Blick hinter den Vorhang

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