Licht aus Schmerzen

Teil 7: Ein zögernder Blick hinter den Vorhang

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Roger Leland wird von einem Obdachlosen als Mörder erkannt, der vor einem Jahr ein Massaker in einem Armenschlafsaal verübte. Leland, der das Verbrechen im Auftrag Crankshaigs begangen hatte, flieht und tötet auf der Flucht zwei weitere Bettler. Er versteckt sich in Eastford vor seinen Verfolgern.
Von Sturmfels hat bei seiner Durchsuchung von Moykenfields Wohnung nichts entdeckt. Er bleibt jedoch weiterhin überzeugt, dass sich das Auge des Schläfers in Moykenfields oder Stickenfellers Besitz befindet. Er weiss, dass Montmatre ebenfalls diesen Verdacht hegt und ihm zuvor kommen will.
Dr. Forndyke untersucht den Überrest des schleichenden Grauens, ohne viel dabei zu erfahren. Er beschliesst, weitere Nachforschungen nach der Herkunft des unbekannten Wesens anzustellen.
Montmatre droht Ariane mit einem Strick, um sie an die Gefährlichkeit ihres Vorgehens zu erinnern. Nachts bricht er mit ihr und Komplizen in Stickenfellers Haus ein, nachdem er dessen Butler mit Gas betäubt hat. Ein Experte öffnet den Tresor des Hauses ohne Beschädigungen zu hinterlassen. Montmatre verlässt das Haus wieder, nachdem er einen rätselhaften Zettel mit einer Geheimschrift in dem Tresor entdeckt hat. Stickenfeller war unterdessen zu Gast bei Moykenfield.

Teil 7: Ein zögernder Blick hinter den Vorhang


Professor Stickenfeller sass angespannt in seiner privaten Bibliothek, als Moykenfield hereinkam. Nach dem denkwürdigen Ball waren sie zunächst zu dem Haus des Schriftstellers gefahren, wo sie den letzten Rest der Nacht diskutiert und schliesslich eingeschlafen waren. Sie waren erst nach der Mittagszeit erwacht, worauf ihn Moykenfield nach Hause fuhr. Vincent, sein Butler, war heute ungewöhnlich schläfrig und angespannt gewesen. Es erschien ihm unwahrscheinlich, dass der zuverlässige Diener, der auch nicht mehr der jüngste war, seine Abwesenheit für eine Feier missbraucht hätte; aber das war im Moment auch nebensächlich. Den ganzen Tag blätterte er sich jetzt schon durch verschiedene Folianten, ohne genau sagen zu können, wonach er eigentlich suchte. Thaddeus legte ein kleines Bändchen vor ihm hin.
"Ich weiss, dass sie Arthur Machen, diesen grossen walisischen Schriftsteller, nicht sonderlich schätzen. Aber wenn sie mal einen Blick in die "Weissen Gestalten" werfen, finden sie vielleicht eher eine Antwort auf ihre Überlegungen als in ihren gelehrten Wälzern."
Stickenfeller schlug das Buch kurz auf.
" Ich denke, dass Sünde schlicht der Versuch ist, auf verbotene Weise in eine andere und höhere Sphäre vorzudringen. Man kann verstehen, weshalb sie so selten ist. Es gibt wahrhaftig nur wenige, die in andere Sphären vorzudringen wünschen, höhere oder tiefere, auf erlaubten oder verbotenem Wege ." Der Professor klappte das Buch wieder zu.
"Sind das etwa die aufschlussreichen Wahrheiten, die ich in diesen Romanen finden soll?"
Das ist doch schon mal etwas. Aber lesen sie ein paar Seiten weiter über den jungen Mann, der auf der Jagd auf eine wunderschöne Frau stösst, als er unerwartet in einem abgelegenen Tal eine Tür in einem Hügel entdeckt. Ich zitiere:
" Und er ging nach Hause und lebte noch eine lange Zeit, aber er wollte nie wieder eine andere Dame küssen, weil er die Königin der Elfen geküsst hatte, und er wollte nie mehr gewöhnlichen Wein trinken, weil er verzauberten Wein getrunken hatte ."
"Aha. Und ich nehme an, sie haben auch etwas zuviel von dem verzauberten Wein ihrer Elfenkönigin getrunken?"
"Sie wissen doch, ich bin Junggeselle. Da wird man eben etwas anfälliger..."

Montmatre sass seit Stunden über dieser seltsamen Inschrift. Die Zeichen hatte er schnell entziffert gehabt, es waren einfach nur in Spiegelschrift geschriebene germanische Runen, die etwas abgerundet worden waren. Das Wort war genau in der Mitte durch einen Bindestrich getrennt. Aber die Botschaft selbst hatte er noch nicht verstanden.
CBGI-IDEB. Was konnte das bloss bedeuten? Ausserdem konnte er sich nicht richtig konzentrieren, da ihm zuviel andere Dinge durch den Kopf gingen. Eine Menge rätselhafter Dinge waren in den letzten Tagen geschehen; alleine wenn er an den unerklärlichen Überrest des Hetzenden Grauens dachte, den Forndyke in seinem Auto hatte. Er stand auf und ging in den Zimmer umher, dabei fiel sein Blick auf Ariane, die ruhig in einem Buch lass, um ihn nicht zu stören. Beiläufig blickte er über ihre Schulter, um zu sehen, was sie las. Es war Justine von Marquis de Sade; in diesem Kapitel hatte Bressac gerade seine Mutter von seinen Doggen zerfleischen lassen. Er beschuldigte Justine fälschlicherweise des Mordes und erklärte den zerfetzten Zustand der Leiche damit, dass die Tote versehentlich mit einem Hund eingeschlossen wurde.
Warum zerfetzte jemand eine Leiche? Um die Todesursache zu vertuschen! Welchen anderen Zweck konnte das scheinbar sinnlose Attentat mit einer Handgranate verfolgt haben! Die Schaffner hatten von einer Panne geredet, aber aus der Zeitung erfuhr er später, dass bei dieser Panne die Besatzung der Lokomotive getötet wurde. Eine Kohlestaubexplosion, die den gesamten Zug um ein Haar vernichtet hätte. Die Lokführer waren bei allen Zugunglücken getötet worden, die Crankshaig für ihn arrangiert hatte, aber die hohe Gesamtzahl der Toten hatten dies nie als verdächtig erscheinen lassen. Die Körper der Opfer waren bei den Zusammenstössen auch immer zu sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, um konkrete Hinweise zu geben. Crankshaig hatte ihn auf diesen Ball aufmerksam gemacht. Sollte er hinter diesen Attentat stehen? Gut möglich, aber bis jetzt noch nicht bewiesen. Und was war mit dem seltsamen Beinaheunglück, dessen Relikt Forndyke untersuchen sollte? Kurze Zeit später hatte ein unbekannter Brandstifter sein Labor verwüstet, wie jeder in der Zeitung lesen konnte. Aber er selbst hatte den Schwanz des Hetzenden Grauens gesehen, von dem die Presse nichts wusste. Angenommen, das ominöse Relikt, das vom Zug überrollt wurde, wäre das Hetzende Grauen gewesen. Dann konnte die Ermordung der Lokführer auch damit in Zusammenhang stehen.
Aber welche Rolle spielte diese Bestie? Der einzige, der solch eine Kreatur herbeirufen konnte, war Von Sturmfels. Der hätte allerdings einen Grund, ihn zu töten. Auch er konnte hinter den Attentaten stehen. Oder es gab einen dritten Gegner, der noch unbekannt war...

Henry Holden hatte sich inzwischen genügend von seinem Schrecken erholt, um seinen beiden Freunden Gesellschaft zu leisten. Austen Stickenfeller hatte seinem Butler freigegeben, so dass niemand ihrer Gespräche belauschen konnte. Der Professor traute seinem langjährigen Angestellten genügend, aber selbst unbeabsichtigtes Wissen konnte zur Gefahr werden. Er begann das Gespräch.
"Wir wissen, dass die Anhänger des sogenannte Cthulhu - Kultes über die ganze Welt verstreut sind. Es gibt wohl Gemeinsamkeiten und lokal bedingte Varianten, aber diese sind für keine bestimmte Kultur so typisch, dass man einen Ausgangspunkt dieser Religion bestimmen könnte."
"Das kann ich über die Figur, die ich für sie anfertigen musste, ebenfalls sagen. Obwohl ich mich gut auskenne, kann ich weder sagen, wann, wo oder auch nur woraus das Ding gemacht wurde. Aber es ist handwerklich so geschickt gefertigt, und so naturalistisch, dass es niemals von Primitiven gemacht worden sein kann."
"Der einzige Hinweis, den wir haben, ist die Herkunftsangabe. Ich kaufte die Figur einer Familie ab, deren Vorfahren bereits im 18. Jahrhundert aus England eingewandert sind. Die Figur selbst wurde von einem viktorianischen Gentleman um 1890 aus England mitgebracht. Der Herr ist inzwischen gestorben, und die einzige vage Information, die mir die Familie geben konnte, ist die, dass das Objekt bei einer römischen Ausgrabung in Südengland entdeckt wurde."
Moykenfield blätterte in einem illustrierten Geschichtsbuch, das fast die gesamte Fläche des Bibliothekstisches einnahm.
"Mal angenommen, Austen, die Information wäre richtig. Wir sind uns doch alle einig, dass dieses Objekt keinerlei Ähnlichkeit mit irgendwelchen altrömischen Funden hat, die wir kennen. Aber wir wissen auch, dass die Römer Schätze aus aller Welt sammelten, um nicht zu sagen, raubten."
"Mit anderen Worten, die Figur mag wesentlich älter sein. Die bewegte Geschichte Grossbritanniens macht die Suche auch nicht einfacher. Vor den Römern, den Angeln, den Sachsen und den Belgern besiedelten schon die Kelten um 500 vor Christus die britischen Inseln."
"Aber die Figur weisst auch keinerlei keltischen Merkmale auf. Und es gab schon längst eine Urbevölkerung, als die Kelten sich zu den neuen Herren erhoben. Bevor die Kelten kamen, kannten schon rund tausend Jahre früher mykenisch - kretische Kaufleute die britischen Inseln. Und bereits zu diesem Zeitpunkt lebten dort schon verschiedene Stämme längere Zeit."
"Nur wissen wir wenig über diese Völker; denn die ersten Menschen sind schon in der Altsteinzeit auf die Inseln gekommen. Selbst Überreste von Frühmenschen hat man dort entdeckt. Was wissen wir über deren Kultur? Was die Kelten nicht zerstört haben, fiel den Römern und Angelsachsen zum Opfer."
"Sind sie so sicher, dass wirklich alles ausgelöscht wurde? Denken sie an die reichhaltigen Legenden.... Es gibt auch sehr abgelegene Gebiete in diesem Land, dass uns von der Fläche vielleicht klein vorkommt, aber eine wesentliche längere Geschichte aufweisen kann. Vielleicht hat manches dort überlebt, gegen das die ältesten indianischen Legenden nichtige Neuheiten sind..."

Dieses mal würde er Crankshaig nicht über seine Reise informieren... Montmatre sass nachdenklich mit Ariane im Abteil der ersten Klasse. Crankshaig und Sturmfels; einer der beiden wollte ihn töten, möglicherweise beide. Es musste doch möglich sein, den Aufenthaltsort von Sturmfels herauszubekommen. Auf der Karte war nur die Anschrift eines Postfachs, dass ihm nicht viel weitergeholfen hatte. Er hatte auf alle Fälle Crankshaig angewiesen, das Postfach überwachen zu lassen. Dieser Tölpel sollte glauben, dass er ihm ahnungslos vertraute. Acheloos von Sturmfels war intelligenter, aber auch er hatte seine Neugierde in Holdens Antiquitäten Geschäft verraten. Von wem sonst könnte in dem belauschten Telephongespräch die Rede gewesen sein. Der naive Ladengehilfe von Henry Holden wusste vielleicht manches mehr, als sein Chef vermutete... Und mit einem ordentlichen Trinkgeld und etwas weiblichen Charme würde er es auch verraten. Aber Henry Holden durfte keinen Verdacht schöpfen.

Austen Stickenfeller brach kalter Schweiss aus. Vor ihm lag ein Stapel Bücher, neben ehrwürdigen alten Werken auch der Roman von Arthur Machen, den er vorher mit Verachtung gestraft hatte. Nachdem seine beiden Freunde gegangen waren, hatte er in den verschiedenen Werken geblättert, um nach einem Zusammenhang zu suchen, der alle diese unglaublichen Ereignisse verband. Die ersten drei Geschichten von Machen beschrieben fürchterliche kleine Wesen, die Nachkömmlinge der Frühmenschen waren, die in prä - keltischer Zeit nach Grossbritannien kamen. Die zwergenhaften Kreaturen hausten unter der Erde und pflegten unaussprechlich brutale und obszöne Riten, die sie aus der Frühzeit bewahrt hatten. In ihrem unterirdischen Reich sammelten sie Schätze, die abscheuliche Monstrositäten zeigten. Seine literarischen Übertreibungen waren nicht sonderlich ernst zu nehmen. Oder doch? Die heutigen Menschenrassen existierten nach Meinung der Wissenschaft noch nicht lange, und über das Aussehen der damaligen Menschen war nichts genaues bekannt. Aber sehr unterschiedliche Rassen wie Neandertaler und Cro Magnon hatten noch lange nebeneinander gelebt; andere Rassen oder Unterrassen waren vermutlich ausgestorben, ohne dass man je von ihnen erfahren hatte. Und wenn sie nicht alle ausgestorben waren? Die keltische Mythologie wimmelte von Monstrositäten. Er dachte an die Fomori, eine schreckliche Bande wilder Gestalten mit einem nichtmenschlichen Anführer. Er dachte an Culduub, einem bösen schwarzhaarigen Elf, der in dem Sid, einem unterirdischen Reich unter einem Hügel gelebt hatte. In den "weissen Gestalten", die Thaddeus zitiert hatte, gab es ein Märchen über die Feenkönigin, die unter einem Hügel lebte. In älteren Bänden hatte er weitere Legenden entdeckt. In einer englischen Chronik aus dem 12. Jahrhundert fand er einen Tatsachenbericht, nach dem Sir Richard Calne ein fremdartiges, grünes Geschwisterpaar aufnahm, dass alle für Elfen hielten. Der Junge starb, aber das Mädchen gewöhnte sich an menschliche Kost und lernte englisch, blieb aber immer zügellos und ausschweifend. Später heirate sie einen Menschen in King´s Lynn bei Norfolk.
Eine Sammlung von Hexenprozessen des 16. Jahrhunderts berichtete über John Walsh, der 1556 unter Eid aussagte. Er behauptete, es gäbe drei Arten von Feen; weisse, grüne und schwarze. Zu bestimmten Zeiten könne man sie auf bestimmten Erdanhöhungen konsultieren. Dabei sollte man sich aber vor den schwarzen Feen in acht nehmen, denn " die schwarzen Feen seien die schlimmsten ."
Es gab eine seltene Stoffwechselkrankheit, die grünliche Haare hervorrufen sollte. Aber grüne Haut? Häufig wurden in der Literatur Haarfarben und Hautfarben durch mangelnde Differenzierung verwechselt. Selbstverständlich war der schwarze Prinz kein Mohr, und der rote Erik kein Indianer.
Austen Stickenfeller hatte sich kurz mit Montmatre unterhalten, als er vor über zwei Jahren sein Museum besucht hatte. Er erzählte beiläufig von seinen Weltreisen in Europa; war er nicht auch in Wales gewesen?
Der Professor liess sich mit Moykenfields Nummer verbinden. Er war nicht Zuhause; sollte er etwa immer noch unterwegs sein? Bei seiner üblichen Fahrweise sollte er längst angekommen sein.



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