Licht aus Schmerzen

Teil 8: Auslese

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Henry Holden, Thaddeus Moykenfield und Stickenfeller diskutieren im Haus des Professors über den Cthulhu Kult. Über die Herkunft der Figur vermuten sie einen Bezug zu Wales oder Südengland. Stickenfeller stösst nach dem Gehen seiner Freunde auf Informationen über schwarze Elfen, die ihn beunruhigen. Montmatre bemüht sich vergeblich, hinter den Sinn der Zeichen aus Stickenfellers Tresor zu kommen. Aber er ahnt, dass Crankshaig hinter dem Attentat auf die Lokführer stecken könnte, obwohl er auch immer noch Von Sturmfels in Verdacht hat. Er lässt das auf Sturmfels angegebene Postfach überwachen, um an die Adresse von Sturmfels zu kommen. Danach bricht er mit Ariane im Zug auf, ohne Crankshaig zu informieren. Er vermutet Patrick, Holdens Gehilfe, könne noch mehr Wissen.

Teil 8: Auslese


Sihan Napur öffnete das Postfach, um wie üblich die umfangreiche Korrespondenz seines Herren abzuholen. Geschäfte hatten ihn aufgehalten, aber er hatte es gerade noch vor dem Schliessen geschafft. Es war längst dunkel, als er sich auf dem Heimweg befand. Es entging ihm nicht, dass ihnen ein Auto folgte. Er hatte schon auf dem Postamt bemerkt, dass ihn jemand beobachtete. Er gab Igor zu verstehen, einen geringfügigen Vorsprung zu den Verfolgern herauszuholen. Kurz ausserhalb von Middletown waren sie bereits ausserhalb der Sichtweite ihrer Beobachter. Wie befohlen, hielt Igor den schwarzen Minerva an und schaltete das Licht aus. Es dauerte nicht lang, bis der andere Wagen ahnungslos an ihnen vorbeifuhr; in der irrigen Auffassung, die Verfolgten einholen zu müssen. Sihan befahl dem russischen Chauffeur, selber die Verfolgung aufzunehmen. Die Strassen ausserhalb der Stadt waren leer, so dass er problemlos Vollgas geben konnte. Der Chevrolet vor ihnen hatte längst gemerkt, dass der Spiess umgedreht worden war. Sein Tempo war beachtlich, ohne Zweifel hatte ihn ein geschickter Mechaniker entsprechend manipuliert. Aber während der riesige Minerva trotz der hohen Geschwindigkeit ruhig und unerschütterlich durch die Kurven fuhr, schlitterte und wackelte das leichtere Kabriolett waghalsig über die löchrige Strasse.
In einer Kurve passierte es schliesslich; die Seitenräder gerieten in den Graben und der Chevrolet kippte auf die Seite und rutschte funkensprühend vorwärts.
Igor stoppte, blieb aber auf Sihans Befehl im Auto sitzen. Der Inder griff die alte, aber ausgezeichnete Borchardt - Pistole, die immer im Minerva versteckt war. Mit der eindrucksvollen Waffe in der Hand näherte er sich vorsichtig dem umgestürzten Wagen.
Die Vorsicht war überflüssig. Einer der beiden Insassen war aus dem Auto geschleudert worden und gegen einen Baum geprallt. Er starrte in das Leere, den Mund geöffnet; und unter dem zerdrückten Fedora liefen Ströme von Blut hervor. Der Fahrer lag noch in dem Wagen, war aber durch die Windschutzscheibe geschleudert worden. Sihan verstand nun, warum seit einiger Zeit Sicherheitsglas propagiert wurde... Dieses Modell war nicht damit ausgestattet gewesen.
Gerade als er die Taschen der Toten durchsuchen wollte, erblickte er ein Paar Scheinwerfer in der Ferne. Sie konnten das Risiko einer Entdeckung nicht eingehen; auch wenn er gerne Näheres über seine ehemaligen Beschatter gewusst hätte. Er stieg sofort in den Minerva und hiess Igor, weiterzufahren.

Diesmal erwies sich der Ladengehilfe als ausgesprochen widerstandsfähig, aber schliesslich erzählte er doch alles, was Montmatre hören wollte. Wie zuvor hatte er ihn von Ariane auf dem Heimweg abfangen lassen und ihr die Befragung überlassen. Sie hatte ihn in ein etwas abgelegeneres Viertel gelockt, und Montmatre hatte sich diesmal in ausreichender Nähe versteckt, um alles genau beobachten und lauschen zu können. Sie musste alle ihre Verführungskünste und eine gewaltige Summe Geld aufbieten, um seine Zunge zu lösen. Endlich gestand er, dass ihn Von Sturmfels bestochen hatte, damit er jenen sofort informiere, falls ein Anderer Interesse an der seltsamen Figur zeige. Er hatte ihn noch an dem selben Abend angerufen, an dem sie das erste mal den Laden betraten. Er kannte zwar nicht die Adresse, aber die Telephonnummer gab er heraus. Henry Holden wusste nichts davon. Der impertinente Lümmel nahm schliesslich Ariane in die Arme und wollte das Gespräch in eine andere Richtung lenken; aber sie gab ihm zu verstehen, dass er sich für diese spärliche Informationen nicht soviel erhoffen könne. Jetzt spielte er seinen letzten Trumpf aus; er verriet, dass er den versteckten Tresor in dem Laden kennen würde und sogar heimlich die Kombination an sich gebracht habe. Nur die Angst vor der Entdeckung habe ihn bisher davon abgehalten, sich daraus zu bedienen. Aber wenn sie mit ihm zusammenarbeitete und sich erkenntlich zeigte...
Mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten sah Montmatre zu, wie sie dieser Widerling zweimal küsste. Aber er hielt sich zurück, bis der Gehilfe auf Arianes Drängen endlich die Kombination verriet.
Nun stürzte Montmatre aus dem Kelleraufgang hervor, der ihm als Versteck gedient hatte. Eher der Bursche gemerkt hatte, wie ihm geschah, hatte er ihn schon gepackt und knallte ihn gegen die Ziegelwand des Lagergebäudes. Danach packte er ihn an dem rechten Arm und um die Schulter, und riss ihn mit einem kräftigen Ruck zurück... Ariane verzog leicht das Gesicht, als sie das hässlich knirschende Geräusch hörte. Montmatre liess den Toten mit gebrochenen Rückgrat auf den Boden rutschen. Ariane sah den unnatürlich gekrümmten Leichnam schweigend an.
"Das habe ich nicht getan, weil er zuviel wusste, sondern weil er dich geküsst hat!"

Autos Für die Beiden kam jede Hilfe zu spät; dass sah Moykenfield sofort. Er hatte einen grossen Wagen verschwinden sehen, ohne etwas genaueres ausmachen zu können. Bevor er die Polizei verständigte, wollte er aber wissen, ob er etwas über die Identität der beiden Männer herausfinden konnte. Er kannte die Toten nicht, aber sie sahen zu durchschnittlich aus, um sicher zu sein, dass er sie noch nie gesehen hatte. Vorsichtig begann er die Mäntel der Verunglückten zu durchsuchen. Er fand zwar keine Papiere, dafür entdeckte er zwei Pistolen. Alkoholschmuggler? Das war zu dieser Zeit nicht unwahrscheinlich. Weit und breit hatte er keinen anderes Auto gesehen, von dem verschwindenden Wagen abgesehen. Sicher bestand kein Risiko darin, einen Blick in den Kofferraum zu werfen.
Aber es war keine einzige Flasche Fusel zu entdecken. Der einzige interessante Fund war ein Notizbuch, dass er im Fussraum fand. Neugierig warf er einen Blick herein. Es enthielt verschiedene Adressen, zu seinem grossen Erstaunen auch seine eigene!
Er entschied, dass dieser Fund für ihn wertvoller als für die Polizei war.

Dr. Forndyke war sehr zufrieden mit seiner Leistung. Natürlich konnte man sich nicht auf die Polizei verlassen. Er selbst hatte ausführlich die Bahngeleise in der Nähe des Unfallorts abgesucht und etwas entdeckt, was diese Tölpel übersehen hatten. Wahrscheinlich hatten sie den Muschelresten und Fischgräten keinerlei Bedeutung geschenkt, oder sie hatten sie nicht einmal bemerkt. Aber er hatte sofort vermutet, dass es sich bei den Überresten von Flusskrebsen, Muscheln, verschiedener Fische und ein paar kleinere Kieselsteine um den Mageninhalt des getöteten Tieres handelte. Seine Untersuchungen bestärkten diesen Verdacht, und jetzt hatte er einen brauchbaren Anhaltspunkt. Es gab zwei Flüsse in der Nähe, den Quinnipiac und den Conneticut. Aber auch hier brauchte er nicht lange zu suchen, denn die Steine die vor ihm auf den Tisch lagen, kamen am Quinnipac nicht vor. Erstaunlich war, das niemand das Tier gesehen hatte, aber es gab viele unbewohnte Gebiete an dem Fluss. Der Bahnübergang lag etwa zwischen Middletown und Durham Center. Angenommen, seine ersten Überlegungen waren falsch; und das Wesen wäre tatsächlich selbst an die Stelle gelaufen. Die Kreatur hätte theoretisch von der Krümmung des Flusses geradeaus nach Westen zwischen diesen Städten hindurchgehen können, ohne unbedingt bemerkt zu werden. Andernfalls wäre ein wesentlich längerer Umweg nötig, um die Siedlungen zu umgehen. Nach seinen Berechnungen konnte die Masse des gesamten Tieres nicht wesentlich kleiner als die eines Wildschweins sein, trotzdem hatte es niemand gesehen. Demnach war die erste Route wahrscheinlicher. Das Gebiet war immer noch gross genug, aber nicht so gross, dass eine Untersuchung unbedingt aussichtslos wäre.

Ariane vermied es geschickt, die feuchten Wände zu berühren, während sie Montmatre in die Kanalisation heruntertrug. Den Toten hatte er schon vorher in den Schacht geworfen, aber er musste ihn noch entsorgen. Diese dunklen, unterirdischen Tunnel erschreckten sie nicht; im Gegenteil, das wirkte ihr durchaus vertraut. Aber der Gestank widerte sie an; und berühren wollte sie hier unten schon garnichts, nicht einmal die eisernen Sprossen der Leiter.
Sie blickte in das verzerrte, stupide Gesicht des Toten. Sie hatte wirklich schon schönere Leichen gesehen. Allerdings war er ja auch zu Lebzeiten kein besonders schöner Mensch gewesen. Aber was machte das schliesslich schon... Montmatre packte den leblosen Körper, um ihn in den dunklen Strom zu werfen. Produzierten die Menschen tatsächlich soviel ... Igitt.
"Warte einen Moment, Pardot!" Beinahe hatte sie etwas vergessen... Man sollte niemals eine Gelegenheit verschwenden. Sie holte eine Spritze aus ihrer Handtasche hervor, und beugte sich herunter.

Es war späte Nacht, als Moykenfield endlich in sein Bett gehen konnte. Die Polizei hatte ihn natürlich ausführlich nach dem Unfall und dem verschwundenen Auto befragt, wie es ihre lästige Angewohnheit war. Morgen früh könnte er seinen Freunden mit dem Notizbuch eine grossartige Neuigkeit überbringen. Zugegeben, an Henrys Mitbringsel kam es nicht heran.
In diesem Moment klingelte das Telephon.
"Wer, um diese Zeit... ach sie sind es, Austen. Gerade habe ich gedacht, ob sie noch wach sind... Ja , bei mir ist alles in Ordnung. Ihre Sorge rührt mich ehrlich. ...Ich habe auch etwas interessantes und aufregendes zu erzählen. Morgen. Ja, genau, ich kann bis Morgen warten. Schlafen sie gut, ich bin hier in Sicherheit."

Ein voller Erfolg war es nicht gewesen, aber immerhin. Montmatre hatte fast erwartet, dass die Geschichte mit dem Tresor erfunden gewesen war; aber soviel Phantasie hätte der leider verschiedene Ladengehilfe wohl nicht aufgebracht. In dem Tresor war einiges an Geld und anderen Wertsachen gewesen, die nun in seinen Besitz übergegangen waren. Da er den Ladenschlüssel und die Kombination verwendet hatte, musste der Verdacht auf den spurlos verschwundenen Gehilfen fallen. Kaltblütig hatte er auch noch das Zimmer von dem Gehilfen aufgesucht, und einige Kleider, Rasierzeug und die wenigen Wertsachen mitgenommen. Der Koffer ruhte nun bei seinem Besitzer...
Aber der beste Fund in dem Tresor des Ladens waren alte Rechnungen, die er zurückgelassen hatte, die ihm aber einen entscheidenen Tipp gaben. Der gute Stickenfeller hatte auch das eine oder andere Stück bei Holden gekauft, und natürlich war in den gewissenhaften Unterlagen auch verzeichnet, bei welcher Bank der Professor Kunde war. Und was sonst sollte die rätselhafte Inschrift aus Stickenfellers eigenen Safe bedeuten, als eine Merkhilfe für eine Zahlenkombination! CBG DEB, alles Buchstaben aus den neun ersten im Alphabet. Und das, was er für ein I angesehen hatte, war in Wirklichkeit eine römische Eins. "I - I" hiess nichts als Eins minus Eins, also Null, eine Zahl, die im Alphabet kein Äquivalent findet.
Er hatte seinen Champagner heute wirklich verdient. Lächelnd blickte er auf Ariane, deren Champagner eine rötliche Färbung hatte. Jeder nach seinem Geschmack... Allerdings fand er es sehr kurios, dass der Champagner in ihrem Glas in der heutigen Zeit schwieriger zu beschaffen war als das Blut, dass sie darunter gemischt hatte.



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