Licht aus Schmerzen

Teil 9: Gefährliche Puzzlestücke

von © Zodiak Overun

Was geschah bisher:

Die beiden Helfer, die Crankshaig in Montmatres Auftrag auf Von Sturmfels Postfach angesetzt hat, beobachten Sihan Napur. Dieser, unterwegs mit Igor Strukanoff, bemerkt dass man sie verfolgt. Er provoziert eine Verfolgungsjagd, bei der Crankshaigs Leute tödlich verunglücken. Er sieht aber von einer Untersuchung ab, da er nicht die Entdeckung durch Moykenfield riskieren will, der an dem Unglücksort vorbei fährt. Jener entdeckt den Unfallwagen und findet ein Notizbuch bei den Toten, das auch seine eigene Adresse enthält. Er steckt es ein und meldet den Unfall der Polizei; das Auto Von Sturmfels hat er aber genauso wenig erkannt wie Sihan seinen Wagen.
Montmatre und Ariane fragen Patrick, Henry Holdens Gehilfen, gründlich aus. Sie erfahren, dass er Von Sturmfels informiert hat, ausserdem verrät er die Kombination von dem Tresor des Ladens. Montmatre tötet ihn und öffnet den Tresor, wobei er es so einrichtet, dass man den verschwundenen Ladengehilfen verdächtigen muss. Neben Geld findet er einen Hinweis auf die Bank, die Stickenfellers Angelegenheiten betreut. Darauf gelingt es ihm, die gefundene Geheimnotiz als Zahlenkombination des Bankfaches zu entziffern.
Dr. Forndyke entdeckt nach längerer suche Überreste des Mageninhaltes auf den Bahngeleisen. Anhand der Proben kann er ungefähr den Ort bestimmen, an dem sich das Hetzende Grauen aufgehalten haben muss. Er beschliesst eine genauere Überprüfung vor Ort.

Teil 9: Gefährliche Puzzlestücke


Dr. Forndyke zog das leichte Paddelboot an Land, mit dem er das Ufer des Conneticuts seit Stunden abgefahren hatte. Er war etwas verärgert, dass er keinen Diener zum Rudern dabei hatte, aber echte Wissenschaftler mussten Opfer bringen. Bei einer derartig wichtigen Forschungsaufgabe durfte man nicht einmal engsten Mitarbeitern trauen. Natürlich ging er ein hohes Risiko ein, denn das Wesen, nach dessen Spuren er suchte, war bestimmt nicht ungefährlich. Aber er hielt es für eher unwahrscheinlich, dass er plötzlich einer zweiten derartigen Kreatur begegnete. Und falls doch, war er weder feige noch wehrlos; in einem Holster unter dem Mantel steckte die Mauser Schnellfeuerpistole aus dem grossen Krieg. Die klobige Waffe unterschied sich optisch nur durch das 15 Schussmagazin von der gewöhnlichen Cone Hammer - Pistole, aber eine Salve von dem 45. Kaliber würde auch einem Riesenskorpion schlecht bekommen.
Er ging auf das zerfallen wirkende Anwesen zu. Eine prächtige alte Holzvilla mit ein paar Nebengebäuden, die weitab von jeder Siedlung lag. Sicher konnte er dort Rast machen und sich an einem Feuer in dem sicher noch vorhandenen Kamin aufwärmen. Als er auf der knarrenden Veranda zu der Haustür gegangen war, hörte er jemand hinter sich. Eine unangenehm aussehende Gestalt kam um die Ecke des Hauses und starrte ihn an. Der stämmige Fremde sah exotisch aus, er trug eine fremdländische Tracht und machte durch seinen struppigen Bart und zottelige Haare einen wilden Eindruck. Trotz des grimmigen Blicks des Fremden rief ihn Dr. Forndyke entschlossen an.
"Ich nahm an, dieses Anwesen sei verlassen. Wer wohnt hier?" Der Fremde antwortete nicht und blieb unbewegt stehen.
"Verzeihen sie Sir, aber Kurgan spricht kein Englisch. Was kann ich für sie tun?"
Der Biologe drehte sich überrascht um, als er die Stimme neben sich hörte. Die Haustür war lautlos geöffnet worden, und ein schlanker, gepflegt wirkender Mann in indischer Kleidung stand vor ihm.
"Ich bin Dr. Forndyke. Ich war auf der Suche nach einem Rastplatz."
"Bitte kommen sie herein, Dr. Forndyke. Herr von Sturmfels wird sie gerne empfangen."
Dr. Forndyke folgte dem indischen Diener in das dekadent eingerichtete Haus. Von Sturmfels... er erinnerte sich an den merkwürdigen Mann, denn er bei irgendeiner Angelegenheit einmal flüchtig kennengelernt hatte.
Er war einer von den Besuchern, die bei einer Führung durch sein neues Labor dabeigewesen waren.

"Ich habe die Bank, und ich habe die Kombination. Aber es fehlt noch eine Möglichkeit, ungestört an das Schliessfach heranzukommen. Es ist völlig ausgeschlossen, dass ich mich als Stickenfeller verkleiden könnte. Aber wenn ich in die Bank einbreche, müsste ich Crankshaig in das Vertrauen ziehen, und das will ich vermeiden. "
Ariane blickte zu Montmatre herüber, der eher zu sich selbst als zu ihr gesprochen hatte.
"Und warum machst du es nicht so, wie du es im Museum mit dem Götzen gemacht hast?"
"Die Öffnung eines Dimensionstores ist nicht nur sehr anstrengend und gefährlich, sondern auch nur unter bestimmten Bedingungen möglich."
"Für die grossen Magiere meines Volkes war das eine alltägliche Kleinigkeit."
"Ja? Dann solltest du ja auch wissen, dass man nur die Tore erschaffen kann, aber nicht die Korridore. Das ist ein bedeutender Unterschied."
"Was meinst du damit?"
"Ganz einfach. Du weisst, dass wir Wesen sind, die drei Dimensionen erfassen können. Die Welt, die wir sehen, erfühlen, und in der wir uns bewegen können, hat drei Raumkoordinaten. Eine Bewegung, die wir nicht als Links / Rechts, Oben / Unten oder Vorwärts / Rückwärts oder eine Kombination davon definieren können, übersteigt unser Vorstellungsvermögen. Begreifst du das?"
"Natürlich!"
"Gut. Jetzt stell dir Wesen vor, die nur eine zweidimensionale Auffassung haben. Ihre Welt besteht aus einer Fläche. Plastische Formen können sie nicht als solche wahrnehmen, auch wenn sie in ihrer Welt vorhanden sind. Oben und Unten, Tiefen und Höhen sind für sie unbekannt und unsichtbar. Angenommen, jetzt kämen wir als dreidimensionale Wesen in ihre Welt. Wir könnten Tunnel oder Brücken benutzen, oder vielleicht sogar über sie springen. Für die Zweidimensionalen wäre unsere Bewegung rätselhaft und nicht wahrnehmbar. Sie müssten annehmen, dass wir durch Personen und Objekte einfach durchgehen können, oder an einem Punkt spurlos verschwinden, um an einem entfernten Ort spurlos wieder auftauchen könnten. Angenommen, eines dieser Wesen würde per Zufall in einen Tunnel oder auf eine Brücke geraten. Es würde nicht verstehen oder wahrnehmen, was mit ihm passiert. Aber auf für ihn unbegreifliche Art und Weise könnte es urplötzlich an einem anderen Ort erscheinen. Genau dasselbe geschieht, wenn ein Mensch ein Dimensionstor verwendet."
"Das weiss ich doch."
"Gut. Aber wir können Brücken und Tunnel nur verwenden, und nicht einfach erschaffen. Wir öffnen nur die vorhandenen Tore, wir erzeugen sie nicht tatsächlich. Ein gewöhnlicher Mensch kann diese Türen zu den verborgenen Korridoren weder erkennen noch öffnen. Der Magier besitzt dagegen sozusagen die Schlüssel, muss aber das passende Schloss finden. Ist das Tor aber geöffnet, kann es jeder benutzen. Deshalb können Dimensionstore nicht zu jedem beliebigen Ort oder zu jeder beliebigen Zeit führen, obwohl die Zahl der vorhandenen Verbindungen das menschliche Zählvermögen weit übersteigt."

Dr. Forndyke sass in dem Savonarola - Stuhl und trank einen heissen Kaffee. Von Sturmfels war ein seltsamer Mensch, aber ein ausgezeichneter Gastgeber und Gesprächspartner.
"Sihan wird ihnen einige Farbtafeln mit Darstellungen von ungewöhnlichen Tieren bringen. Ich bin sicher, sie werden ihr Interesse erwecken."
Der Inder legte einen Stapel von farbigen Kartons auf den Marmortisch, und zog sich leise zurück. Dr. Forndyke betrachtete die Darstellungen fasziniert. Sie zeigten seltsame Fabelwesen, die in einem bemerkenswerten Realismus dargestellt waren. Die Qualität wäre einer Sybille von Merian würdig gewesen. Plötzlich hielt er bei dem Durchblättern inne. Er sah ein hässliches graues Lebewesen, dessen vielgliedriger Stachelschwanz ihm gut bekannt war.
"Wo haben sie die Bilder her? Sagen sie mir, woher stammen sie?"
"Seien sie bitte noch einen Moment geduldig, lieber Doktor, dann werde ich ihnen die Fragen genau beantworten können. Aber sehen sie sich zunächst die folgende Darstellung an."
Dr. Forndyke blätterte weiter. Er sah ein zweifüssiges Wesen, das mit einem Krakenkopf, Schwingen und Krallenhänden äusserst abscheulich wirkte. Die graugrüne Haut hatte eine seltsame Struktur, die weder eindeutig geschuppt, noch eindeutig amphibisch war.
"Haben sie so etwas schon gesehen?"
"Ja, vor ein paar Jahren. Stickenfeller hatte da so eine Figur in seiner Sammlung, die er mir gezeigt hat. Aber sie wurde später gestohlen, wenn ich mich richtig erinnere."
"Und wissen sie, was aus der Figur wurde? Hat man sie je wieder entdeckt, oder hatte Professor Stickenfeller einen konkreten Verdacht über ihren Verbleib?"
"Nein, weiss ich nicht, das hat mich auch nie interessiert. Aber sagen sie mir nun, woher stammt dieses Bild?"
Ungeduldig hob der Biologe die vorangegangene Farbtafel hoch, auf der das asselartige Tier mit dem Stachelschwanz zu sehen war.
"Ach, das ist ganz einfach. Ich habe es selbst gemalt, wie die übrigen Bilder auch."
"Sie?!"
"Allerdings. Brillant, nicht wahr? Dieses spezielle Bild sogar nach einem lebenden Modell."
Dr. Forndyke schnappte nach Luft, aber vergeblich. Unbemerkt war Sihan Napur hinter den Sessel getreten und schlang ein Seidentuch um den Hals des Wissenschaftlers. Von Sturmfels hob seine wundervollen Farbtafeln von dem Boden auf, die der Erstickende hingeworfen hatte.
"Sieh zu, dass kein Blut auf seinen Anzug gerät."

Henry Holden konnte dem Treffen seiner beiden Freunde leider nicht beiwohnen, aber er konnte eine gute Entschuldigung dafür anbieten. Sein treuloser Angestellter hatte den Ladentresor ausgeräumt und sich davongemacht. Die Polizei hatte noch keine brauchbare Spur entdeckt.
Austen Stickenfeller und Thaddeus Moykenfield untersuchten aufmerksam das Notizbuch.
"Also hat man uns beide schon Tagelang überwacht. Aber sie sehen, dass mein Fahrstil doch etwas Gutes hat: Unser Besuch bei der Bank blieb unbemerkt, weil ich die Verfolger abgehängt habe. Zugegeben, ich hatte sie gar nicht bemerkt, aber das spielt keine Rolle."
"Aber das Postfach, dass die Beiden überwachen sollten ist mir rätselhaft. Es gibt keinen Hinweis darauf, wem es gehört. Nur eine vage Notiz, dass ein Ausländer in eine schwarze Limousine steigt."
"Dafür haben wir eine Menge Adressen und Telephonnummern. Die meisten gehören zu billigen Pensionen in Hartford, und die mir unbekannten Namen sind wohl dortige Gäste."
"Zweifellos Komplizen. Aber wir haben hier auch die Nummer eines teuren Hotels, dem Elmwood Castle. Und den Namen dazu kennen wir ganz genau. Sir Pardot Montmatre. Der Verdacht gegen ihn hat sich völlig bestätigt."
"Haben sie etwas anderes erwartet? Aber dieser Name hier hilft uns vielleicht weiter als eine Bestätigung unserer alten Vermutungen: Louis Crankshaig. Die einzige Adresse aus New York. Da sollten wir genauer nachforschen."
"Die Frage ist, ob diese Verdächtigen alle dem Cthulhu - Kult angehören. Aber wie stellen wir das fest? Z.B. dieser Crankshaig. Wir wissen bis jetzt nur, dass er in New York lebt. Wir können ihn kaum anrufen und fragen."
Thaddeus Moykenfields Blick fiel auf die beiden roten Cognac Gläser, die ihn fahrlässiger Missachtung der Gesetze vor ihm auf den Tisch standen.
"Da kommt mir eine wunderbare, ganz und gar absurde Idee."

Es kommt ein Zeitpunkt, an dem soldatische Tugend eine Grenze hat.
Roger Leland hatte diese Grenze erreicht. Kälte und Hunger zu ertragen, bis ein Befehl erfüllt war, störte ihn nicht. Aber ohne einen klaren Befehl zu geben und vor allem ohne einen angemessenen Sold zu zahlen hatte niemand Anspruch auf Treue. Er würde nicht desertieren, aber sein Recht einfordern.

"Also ein Makler. Ausserdem betreibt Crankshaig eine Agentur für Musiker, Artisten und Schauspieler. Besser konnten wir es gar nicht treffen..."
"Ich verstehe nicht, Thaddeus? Warum konnten wir es nicht besser treffen?"
"Aber Austen. Ein Makler, der auch eine Agentur betreibt... wer könnte einem Geheimkult nützlicher sein. Ausserdem kommt es meiner Idee, von der sie sicher begeistert sein werden, äusserst entgegen."

Acheloos von Sturmfels betrat dass Hill - Stead Museum, in dem sich auch die Privatsammlung von Professor Stickenfeller befand. Er wusste, dass dieser Bereich nur zu bestimmten Zeiten oder nach Vereinbarungen zugänglich war, aber das störte ihn nicht. Er ging auf den Studenten zu, der gerade Dienst hatte. Dieser stand hastig hinter dem Tresen auf und begrüsste ihn überrascht.
"Guten Tag, Herr Forndyke... Das ist aber eine Ehre..."
"Ja, schon gut. Ich arbeite an einer Sache mit Austen Stickenfeller. Ich muss etwas in seiner Sammlung nachsehen."
"Nun, dieser Teil des Museums ist zur Zeit geschlossen... Aber bei ihnen ist das selbstverständlich etwas anderes."
Mit der typischen Handbewegung fuhr sich Von Sturmfels über den falschen Bart, und schritt mit dem etwas arroganten Gesichtsausdruck, den jeder von Dr. Forndyke kannte, in den abgesperrten Bereich, der Stickenfellers Privatmuseum beherbergte. Innerlich lächelte er aber...
"Es ist wahr. Kleider machen Leute."


Weiter mit Teil 10: Treibjagd

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