Einige Bemerkungen des Autors

von © Zodiak Overun

Die vorliegende Serie ist der Versuch, die Atmosphäre früher Abenteuergeschichten wie z.B. Fantomas mit den speziellen Elementen des Lovecraftschen Universums zu verbinden. Viele verbinden mit Fantomas jene parodistische Filmserie aus den sechziger Jahren mit Jean Marais und Louis de Fune. Jene Serie hatte trotz De Funes Klamauk auch ein paar Qualitäten, aber sie hatte mit der viel älteren, und völlig ernsthaft gemeinten Vorlage nichts zu tun. Einige kennen sicher auch die Neuverfilmung mit Helmut Berger aus den Achtzigern, die sich mehr an die historische Vorlage hielt, aber nicht mehr die ursprüngliche Atmosphäre einfangen konnte.
Fantomas
Die Fantomasromane von Pierre Souvestre und Marcel Allain erschienen 1911 in 33 Folgen und waren ein großer Erfolg. Bereits 1914 drehte Feuillade fünf Filme nach der Serie, die ich leider nie gesehen habe - ich bin nicht einmal sicher, ob überhaupt noch Kopien existieren. Dagegen ist seine zehnteilige Filmserie "Die Vampire" von 1916 seit einigen Jahren wieder zugänglich, in der alle Elemente, die auch Fantomas auszeichnen, eindeutig vorhanden sind. Es handelt sich nicht um eine Vampirgeschichte, sondern es geht um eine geheimnisvolle Verbrecherbande, deren Machenschaften von einem furchtlosen Journalisten und seinem treuen Helfer aufgedeckt werden. Diese frühen Stummfilme haben ihren besonderen Flair durch ihre Nähe zu den Bühnenstücken des vorangegangenen Jahrhunderts, die hier mit der damals modernsten Technik eine seltsame Verbindung eingehen. Die Welt wird hier zu einer Bühne von schillernden Gestalten, die ihre Untaten wie Theaterstücke inszenieren. Die Bösewichter sind keine vulgären Kriminellen, sondern Genies des Bösen, die Verbrechen nicht als schmutziges Geschäft sondern als hohe Kunst betreiben. Die schöne, böse Irma Vep stiehlt ihren tugendhaften Gegenspielerinnen alle Sympathien, und die männlichen Übeltäter sind keine brüllenden Proleten im Stile eines Tarantino, sondern dämonische Gentlemen.
In einer Verfilmung von Conan Doyles Sherlock Holmes aus den dreißiger Jahren (mit Basil Rathbone) sah ich eine Szene, die mich beeindruckte, da sie perfekt die hohe Lebensart darstellte, die ich in diesen Geschichten so schätze. Professor Moriati, das verbrecherische Genie, hat gerade über Sherlock Holmes in einem Gerichtsprozeß gesiegt. Vor dem Gericht treffen die beiden Todfeinde aufeinander. Es ist nur eine Droschke vorhanden, also beschließen sie tatsächlich, die Kutsche gemeinsam zu besteigen! Gelassen kündigt Moriati während der Fahrt an, daß er Holmes vernichten werde, und dieser nimmt die ernstgemeinte Drohung gelassen entgegen. Doch während der Fahrt kommt es zu keiner Gewalttätigkeit oder groben Beleidigungen, und jeder steigt unversehrt zu Hause aus. Held und Antiheld, beides sind Außenseiter, die sich über das gewöhnliche Volk erheben, von dem sie, unabhängig ihres moralischen Standpunktes, durch einen weiteren geistigen Horizont getrennt sind.

Doch nun zu Lovecraft, dem oft geschmähten, aber wohl doch einflußreichsten Horrorschriftsteller überhaupt. Seine tatsächlicher Vorzug, der wahrscheinlich auch seine Popularität begründet, ist nicht sein skurriler Pantheon, sondern seine Idee, daß gängige Konzept der Horrorgeschichte umzudrehen. Vor Lovecraft (und auch noch bei vielen Autoren bis heute), war das Element des Bösen, ob es sich um ein Monster oder einen Superverbrecher handelte, immer ein Außenseiter gewesen, der das System, die geordnete Gesellschaft, bedrohte.
Aber der "böse" Außenseiter konnte durch "gute" Helden besiegt werden; mit dem Tod des Monsters ist die Bedrohung aufgehoben und das Gute triumphiert über das Böse. Selbst wenn einmal das Böse triumphieren sollte, was selten genug geschah, stand es langfristig auf der Verliererseite, weil es als Einzelnes gegen die Mehrheit antreten mußte. Bei Lovecraft, ein Autor der modernen zwanziger und dreißiger Jahre, Zeitgenosse des ersten Weltkrieges, ist die Bedrohung nicht mehr auf ein einzelnes, mächtiges Individuum beschränkt. Trotz seiner populären Götter sind die Gefahren seiner Geschichten anonym und omnipräsent. Ein Kampf gegen sie ist so aussichtslos wie der Versuch, das Meer zu verprügeln, um ein Ansteigen der Flut zu verhindern. Selbst der Tod der schrecklichen Kreaturen ist kein Trost. In der "Lauernden Furcht" wird das schreckliche Wesen zur Überraschung des Helden zweimal getötet, später erfährt er, daß es nicht nur zwei, sondern unzählige dieser Monstren gibt, die nachts aus einem Kellerloch in dem Martens - Haus strömen. Und er erkennt, daß auch eine Vernichtung des Hauses (Anders als in Derleth stereotypen Nachahmungen!) keine Erlösung bringen würde. Ähnliches kann überall auf der Erde existieren oder wiederentstehen, die klassischen Elemente der Gruselgeschichte wie verfallene Häuser, etc. sind nur Fassade für ein umfassenderes Grauen.
Lovecrafts Helden müssen erfahren, daß ihre Tugenden und Vorstellungen von Gut und Böse nichtige Illusionen sind. Nicht das Individuum bedroht die Welt, sondern umgekehrt. Es ist sogar noch schlimmer als die Bedrohung des Menschen durch ein böses Universum das ihn bekämpft, sondern der Mensch ist ganz und gar bedeutungslos, sein Bestehen in kosmischem Zeitrelationen so kurz, daß es quasi zu Nichts zusammenschrumpft. Es ist zwecklos, dagegen anzukämpfen, die einzige Chance des Individuums besteht darin, seine Augen vor dieser Wahrheit zu schließen und in seinem eigenem kurzlebigen Mikrokosmos zu verweilen, bevor es in das Nichts zurückfällt. Selbst Lovecrafts Götter sind nicht vor diesem Schicksal gefeit.
Der eigentliche Schrecken Lovecrafts ist das Erkennen der eigenen Bedeutungslosigkeit, der Blick hinter die Fassade, der, wie in dem "großen Gott Pan" von Arthur Machen, dessen literarische Bedeutung Lovecraft zu Recht würdigte, nur Wahnsinn bringen kann.

Aber die Erkenntnis, daß es kein höheren Sinn, keine Objektiven Werte gibt, zerstört nur den Geist, der in seinen Illusionen gefangen ist; nämlich den überzeugten Gläubigen, den Kleingeistigen und Spießbürger. Mit dem Glauben und dem kleinbürgerlichen Weltbild wird der Geist ausgelöscht, der in diesen Grenzen gefangen ist. Es gibt aber immer wieder Individuen jenseits der Masse, die über die Grenzen hinausdenken und den Blick hinter den Vorhang überstehen, und diese Menschen muß sich der gewöhnliche Alltagsmensch selbst als Bedrohung vorstellen; als dämonische Gestalten, Verbrecher aus Leidenschaft, Narren, oder letztendlich Künstler und alle Nonkonformisten. Es sind diese Nonkonformisten, die als Fantomas oder ähnliche Gestalten auftauchten, um die Bürgerlichkeit zu bedrohen.
Und hier ist letztlich das Missing Link, auf dem ich die Serie "Licht aus Schmerzen" aufbauen will. Die exzentrischen Charaktere haben etwas mit Lovecrafts Göttern gemein; sie sind zu fremdartig, um als etwas anderes als böse angesehen zu werden. Ihre Motive, nämlich ihr eigener morbider Sinn für Ästhetik, ist der Masse genauso unverständlich wie extraterristische Emotionen. Gestalten wie Crankshaig, Dockenbell und Leland bleiben deshalb immer nur Handlanger; sie sind die notwendige Verbindung der "Götter" mit den "Sterblichen". Die Lebensart ihrer Auftraggeber steht weit über ihnen, sie sind in ihrer ordinärer Gemeinheit gefangen und füllen die bewußten oder unbewußten Defizite ihres Geiste mit oberflächlichen Haß, über den ein Acheloos von Sturmfels weit erhaben ist (Genau wie Lovecraft seine Kultisten immer als degenerierte Barbaren darstellte, die genaugenommen nie über irgendein Verständnis für die kosmischen Relationen ihrer Herren hätten verfügen können).
Ariane und Montmatre machen sich nichts mehr aus der Bedeutungslosigkeit der Welt, sie finden ihre eigene Bedeutung und kümmern sich nicht um die Konventionen der gewöhnlichen Menschen. Die Welt wird zu ihrem Spielfeld, auf dem nur der mitspielen darf, der die Voraussetzungen erfüllt.


Ich lade die Leser zu diesem Spiel ein.


Zodiak Overun.
Zodiak Overun

Websites über Fantomas:
The friends of Fantomas
Fantomas Lives

Weiter mit Teil 1: Flammen der Ekstase

Zurück zu Licht aus Schmerzen

Hier Klicken zur Startseite